Erden.

Hier nun die erste der Geschichten, die ich auf der Startseite „angekündigt“ habe. Sie wurde schon einmal anonym auf Facebook veröffentlicht. Falls sie jemand daher schon kennt, das ist okay gewesen. Ist also auch schon ein paar Tage älter.

Möchtet ihr sowas hier überhaupt lesen, oder soll ich mich auf „normale“ Beiträge beschränken?

Erden.
Es gibt Tage, bestimmte Vorfälle oder einfach „so Situationen“, wo ich total
orientierungslos bin.
Ja, ich weiß, wo ich bin und ich kenne meinen Namen, mein Alter, meine Adresse…
manchmal sogar Wochentag und Datum.
Aber was heißt das schon? WER bin ich? Was habe ich und wessen kann und darf ich mir sicher sein?
Meine Dämonen sind zurück. Willkommen zu Hause.
Ich&ich – Dämonen

Situationen, in denen ich mich erden muss. Zurückziehen.
Da hilft auch das Telefonat mit Mutti, die E-Mail der Oma, der Kaffee mit der Freundin, der lustige Abend im Restaurant nicht mehr. Nicht mal die Sicherheit der Umarmung meines Helden.
Zurückziehen, erden, das heißt auch „offline sein“.
Kein WhatsApp, kein Facebook, keine E-Mail. Selbst das Telefon bleibt ungehört.
Rosenstolz – Dunkle Wolken

Manchmal ist es eben doch das Bett. Ja, auch stunden-/tagelang.
Keine Termine, kein „Vitamin D tanken“, kein Kontakt zu irgendwem. Wenn ich den
Kontakt zu mir schon verloren habe, geht das nicht. Manchmal reicht das schon. Kraft
tanken. Manchmal füllen sich die Reserven so leicht. Aber manchmal ist auch der Schlaf
nur ein Schutzschild.
La Roux – Bulletproof

Dann heißt es, sich besinnen auf das, was sicher da ist.
Ich sitze hier in meinem Sessel, der nie kaputt gehen darf. Draußen rauschen die Autos,
wie aus einer anderen Welt, am Haus vorbei und wieder schweife ich mit den Gedanken
ab.
Das habe ich gelernt – das Besinnen! Das Abschweifen konnte ich schon vorher.

Schutzschilde. Schöne Sammlung habe ich da.
Aber ich habe ja keinen Druck.
Keinen Druck? Schön wär’s!
Hätte ich keinen Druck, wäre ich nicht hier.
Ich kann schließlich nicht ewig offline sein. Das muss ich jetzt einfach durchziehen – so wie ich es gelernt hab!
Der erste Dämon hebt sich aus der Masse hervor und tobt. Ehrgeiz sein Name. Ungeduld
sein zweiter Vorname. Aus der Familie Gnadenlos.

Kann ich nicht? Warum nicht? Will aber! Flüstert traurig der Zweite. Nein – die Zweite. Ja, dieser Dämon ist weiblich und noch ganz klein.
Ein Kleinkind. Das Mädchen tobt nicht. Ihr Name? Hilflos. Ihren Nachnamen weiß sie noch nicht. Dazu ist sie zu jung. Noch.

Ich setze mich zu diesem kleinen Wesen, das mich total verwirrt und verschüchtert
ansieht.
Ich erschrecke. Hilflos. Der Name ist Programm. Und ich? Ich bin wirklich nicht gut mit
Kindern. Selbst dann, wenn ich es will!

Wie soll ich der armen Kleinen denn erklären, warum es nicht geht?
Mir stockt der Atem. Die Luft bleibt mir weg, das Herz sticht.
Die Tränen, die in Bächen mein Gesicht runterlaufen, bemerke ich erst, als sie direkt vor
mir steht. Sie wischt mit ihrem kleinen, weichen Finger die Tränen fort. Zumindest versucht sie es. Aber es sind zu viele.

Warum versucht dieses Mädchen, das so voll von Angst ist, mich zu trösten, statt
umgekehrt? Und dann, statt der Erklärung, die ich ihr geben wollte, liegen wir uns beide in den Armen und weinen.

Dämon Gnadenlos steht genervt daneben.
Ich zwinge mich, meine Tränen wegzuwischen, löse die Umarmung etwas und sehe das
Mädchen an. Nicht direkt, das schaffe ich nicht.

Weil es eben nicht geht!
Die Antwort auf ihre Frage fällt lieblos und schroff aus.
Hilflos erschrickt und entzieht sich mir.

Ich atme tief durch, schließe kurz die Augen.
Als ich sie wieder öffne, nehme ich im Augenwinkel Dämon Gnadenlos mit erhobenem
Zeigefinger wahr.
Doch noch hält er sich schweigend zurück.
Noch einmal durchatmen und ich versuche ein etwas freundlicheres Gesicht zu machen.
Mehr als eine nicht zu deutende Grimasse bekomme ich aber nicht zustande.

Die Welt dreht heut eine Runde ohne mich.
Anett Louisan- Die Trägheit
Aber die Welt dreht sich weiter. Es gibt keinen „Pause-Knopf“ für das Leben.
Das kleine Mädchen wird nachdenklich. Ist sie gerade ein Stück gewachsen? Ganz eindeutig! Man könnte sie fast Jugendliche nennen. Das Alter von Hilflos scheint zu variieren.
Sie sagt kein Wort, wendet nun auch den Blick ab.

Frau Gnadenlos gesellt sich zu uns. Leise, dafür deutlich bissiger als ihr Gatte. Oder ist es
ihr Bruder?
Ihr Vorname ist Perfektion. Spitzname Unfehlbarkeit.
Man sieht ihr jetzt schon an, dass sie gleich das Keifen anfangen wird.

Besorgt sehe ich zu Hilflos, die uns immer noch den Rücken zukehrt.

Das soll also deine Erklärung sein? Mehr bekommst du nicht zustande? Das Keifen geht
los.

Ich sehe sie an. Zucke mit den Schultern. Ja doch, aber sie ist doch noch ein Kind! Wieder
kämpfe ich gegen die Tränen. Erfolgreich.
Was weiß so ein kleines Mädchen schon vom Leben? Von Pflichten und Forderungen?
Und hat sie nicht schon genug durchlitten? Was muss Hilflos widerfahren sein, dass sie so  jung schon so verschüchtert ist? Warum darf sie nicht einfach wie die anderen Kinder sein.
Mit Strahlen in den Augen, das mit dem Glitzern ihrer geweinten Tränen nicht zu
vergleichen ist.

Aber Du bist es nicht! Ehepaar Gnadenlos ist sich laut und keifend einig.
Nein, ich bin kein Kind mehr.
Erwachsen bin ich und ich weiß, dass die Welt sich weiterdreht. Ohne Pause.
Jede Pause, die ich mir nehme, hat ihren Preis. Ich weiß von Forderungen und Pflichten!
Jessie J – Price Tag

Mir ist bewusst, dass ich neben den normalen alltäglichen Pflichten auch noch andere
vernachlässige. Menschen, die den Preis dafür zahlen müssen, dass ich mir das Recht auf
Pausen nehme. Ungefragt.
Die helfen wollen und doch nichts tun können, die sich sorgen und auf Nachricht von mir warten. Oft vergebens.

Was ist denn nun?
Mit dir?
Mit den Dingen, die du geplant hattest?
Mit deinem Leben?
Wolltest du nicht…?

Selbst der leiseste, freundlichste und besorgteste Tonfall, wird in meinem Kopf zu einem
Vorwurfkanon des Dämonen-Chors. Mit neuen Verstärkern. Live und in Farbe. Premiere ist es keine!

Und die To-Do-Liste in meinem Kopf, in der obersten Schublade der hölzernen Kommode, wird immer länger und länger.
Der Boden der Schublade wird unter dem Gewicht der Liste zerbersten, wenn ich nicht
bald anfange abzuarbeiten.
Silbermond – Immer am Limit

Ärgerlich wische ich mir die Tränen, die es gewagt haben aus meinen Augen zu laufen,
aus dem Gesicht und zwinge mich, den Kloß in meinem Hals wegzuatmen.

Hilflos dreht sich noch einmal zu mir um. Keine Tränen sind mehr in ihren Augen. Zu viele hat sie schon vergossen. Glücklicher sieht sie dadurch nicht aus. Im Gegenteil.
Gänsehaut!

Eine ganze Playlist von Subway to Sally spielt in meinem Kopf. Jeder einzelne Titel
gleichzeitig – versteht sich von selbst.
Knochenschiff
Kleid aus Rosen
Kleine Schwester
Narben
Henkersbraut
Geist des Kriegers
Umbra

Lieder, dunkel und gruselig für die meisten.
Eine Playlist, die die Besorgten nicht beruhigt. Aber mich. Mein Ventil.

Erden. Ich bin noch da. Hier, in meinem Sessel. Ganz bei mir.

Und noch einmal spricht Hilflos zu mir. Aber ihre Stimme hat sich verändert, klingt viel
ernster.
Wo ist das fröhliche Mädchen geblieben, das voller Stolz „Da Bauch!“ sagt?

Ich muss lachen. Ganz kurz nur, dann werde ich wieder ernst und will ihr antworten.
Aber sie erwartet keine Antwort von mir, dreht sich ohne zu zögern um und geht.
Lässt mich alleine, mit all den Dämonen, die genau wissen, was aus „Da Bauch!“ wurde.

Der Bauch ist noch da – keine Frage. Nicht zu übersehen, ständig wachsend.
„Was machen eigentlich deine Pläne?“ hallt es in mir.

Ach ja, da war was. Dunkel erinnere ich mich wieder an die alte Kommode aus Holz mit
der nun wirklich kaputten Schublade..
Das Möbelstück hat wahrlich schon bessere Zeiten erlebt.

Hallo, schlechtes Gewissen. Du auch mal wieder hier, wie nett!
Es lächelt süffisant, den sarkastisch resignierten Tonfall zur Kenntnis nehmend.

Aus dem stolzen „Da Bauch“ ist ein „Da Kopf!“ geworden. Ohne jeglichen Stolz. Dafür mit
Nachdruck und Ausrufezeichen.
Denn beim Orientieren ist er immer da. Er ist der Raum, in dem sich meine Dämonen
eingenistet haben.
Sind es zu viele, mietet man sich eben im Bauch ein. Platz ist dort genug! Wird auch
ständig erweitert.

„Atme!“ Danke mein Held, dass ich deine Stimme auch jetzt noch hören, deine liebevolle
Umarmung spüren darf. Ich schließe abermals die Augen und atme. Wieder nur ein paar
Sekunden, aber so wohltuend und wichtig für mich!
Ich schmunzel. „Aber“… ein böses Wort. Getoppt nur von „eigentlich“.
Das Lächeln verschwindet wieder.

Wo bin ich?
Erden – seit Stunden schon. Immer noch hier in meinem Sessel.
Und?
Hilft es?
Bist du schon weiter?
Weißt du jetzt, was bei dir kaputt ist?
Was ist los mit dir?
Weißt du, was du jetzt tun musst?
Was sagt dein Notfallplan?
Weißt du endlich wieder, wer du bist?
Kann es dann jetzt endlich weiter gehen?
Clueso – Gewinner

Ohje Ehepaar Gnadenlos ist definitiv ein Ehepaar. Mit Zuwachs. Der kleine Neugier
Gnadenlos ist da und tut das, was kleine Jungen nunmal tun. Nerven. Ich kann nicht gut
mit Kindern.
Silbermond – Wissen was wird

„Endlich“ hallt es in meinem Kopf nach… der Kleine macht seiner Familie alle Ehre!
„Halt doch die Klappe“ denke ich kraftlos.
Ich will es flehen, schreien, befehlen.
Three Days Grace – Animal I have become

Erden ist mehr. Mehr als Offline. Mehr als Nichtstun. Mehr als Grübeln.
Erden ist so unglaublich kräftezehrend, und das, wo man sich doch nur dann zurück zieht, wenn man davon eh keine Reserven mehr hat.
Erden hat ein Ziel!

Das Ziel ist?

Orientierung.

Nicht einfach nur Energie tanken, dickes Fell und Schutzschilde aus dem Schrank holen.
Das wäre zu einfach.

Wer bin ich?
Warum bin ich hier?
Was hat dazu geführt, dass ich mich erden muss?
Was kann ich tun, um weiter zu kommen?
Wie kann ich weiter machen, ohne mich sofort wieder verkriechen zu müssen?
Was sagt mein Notfallplan?
Was sind jetzt die wichtigsten Schritte?