Gründonnerstag

CN Trauma/Traumafolgen, Trigger, Jahrestage

Wie hier im Blog mehrmals erwähnt bin ich Christin. Als Christ hat man offiziell diverse Feiertage. Ich muss zugeben, viele davon sind mir nicht so wichtig, zumindest nicht was das Gemeindeleben angeht.

Andere wiederum sind für mich umso wichtiger. Buß- und Bettag zum Beispiel oder auch Gründonnerstag.

Der Gottesdienst am Gründonnerstag war für mich in den letzten Jahren fast wichtiger als Ostern selbst, auch wenn der Familiengottesdienst am Ostermontag in unserer Gemeinde irgendwie immer spaßig war. Dass Gründonnerstag wichtiger ist als Ostern, das ist eher ungewöhnlich unter „uns Christen“.

Für diejenigen, die sich darunter so gar nichts vorstellen können, eine kurze Erklärung: an diesem Abend, sagt man, saßen Jesus und seine Jünger zum „letzten Abendmahl“ zusammen und an jenem Abend wurde er auch verraten. Den Rest kennt man ja wahrscheinlich so grob. Jesus wird ans Kreuz genagelt und steht ein paar Tage später wieder auf. Beides sind sicher tendenziell emotionalere Anlässe als ein „simples Abendessen“.

Dass mir dieser Gottesdienst so viel bedeutet, liegt sicher nicht nur daran, wie liebevoll „meine“ Gemeinde ihn jedes Jahr gestaltet.
Da werden nämlich in der Kirche Tische zu langen „Tafeln“ zusammengestellt, mit Tischtüchern bedeckt und mit Kerzen und „Grünzeug“ geschmückt. Rundherum stehen Stühle für alle, wo keine Kirchenbank ist. Es gibt „gute“ Brote, als Spende der Bäckerei „von gegenüber“, die noch „richtig“ backen, leckeren Käse von der Theke, Weintrauben, Wein und Traubensaft.

Die Gemeinde versammelt sich an diesen Tafeln, statt wie gewöhnlich vereinzelt in den Bänken zu sitzen. Der Gottesdienst ist relativ beliebt und wirkt zumindest auf mich deutlich voller auch dadurch, dass man etwas konzentrierter beieinander sitzt.
Man segnet sich gegenseitig das Abendmahl, statt wie gewöhnlich vorne beim Pastor im Kreis zu stehen und zu warten, bis man dran ist. Nach dem Abendmahlgottesdienst
bleibt, wer mag, noch sitzen, kann nach Lust und Laune weiter essen und sich unterhalten. Für mich als sozial total untauglicher Mensch, introvertiert, sozialphobisch und viel Abstand und Ruhe benötigend klingt das jetzt erst einmal nicht wirklich toll, wenn mehr Menschen als gewöhnlich in der Kirche sind und noch dazu näher an mir dran sitzen. Zu allem Überfluss reden die mit einem und ich muss irgendwie auch was sagen. Für mich kommt da erschwerend hinzu, dass unter dem was ich sagen soll Worte sind, die für mein Gefühl von einem ausgebildeten Geistlichen gesprochen werden sollten. Aber das ist nur für mein persönliches Empfinden so.
Trotzdem war ich da und fand es toll. Ich „brauchte“ das, zumindest bis einschließlich 2019. Der Fokus des Abends liegt in meiner Gemeinde oft darauf, wie gesellig alles ist und das alles noch einmal auszukosten. Es ist noch nicht Karfreitag, Jesus hängt noch nicht am Kreuz. Noch lebt er.

Warum also saß ich (von 2020 mal abgesehen) die letzten Jahre jedes Jahr den Tränen nahe dort? Und vor anderen/fremden Menschen weinen geht einfach mal gar nicht.

Warum blieb ich nicht Zuhause, wenn es doch irgendwie schwierig für mich war mit den Menschen und den Gefühlen? Gefühle sind ja ohnehin ein heikles Thema für mich.
(Was als „Sensibelchen“ übrigens ganz anstrengend ist, wenn man mit Gefühlen nicht gut klar kommt.)

Warum konnte ich mich nicht einfach nur über den Moment freuen? Über das gesellige Beieinander in der Gemeinde, teilweise mit „meinen Menschen“ (sie werden wissen, wer/was gemeint ist) und über das Beieinander von Jesus mit seinen Jüngern?

Nun zu der ersten Frage, warum ich mir das trotz dessen, dass ich immer wieder den Tränen nahe bin, diese Gottesdienste ansehe, kann ich ehrlich gesagt nichts wirklich sagen. Vielleicht, weil es trotz meiner Ängste irgendwie „okay“ war und eine gemütliche und schöne Stimmung. Weil die Kirche über lange Zeit eine Art zweites Wohnzimmer war, eine Art Schutzraum, wie ich ihn teilweise nicht einmal in meiner eigenen Wohnung hatte und ich immer das Gefühl vermittelt bekommen habe, so sein zu dürfen, wie ich bin, auch wenn das nicht nur einmal „unfreundlich“ oder „abweisend“ war und irgendwie so gar nicht gesellig oder auch mal nur „beobachtend“. Manchmal gab es sogar wider Erwarten nette Situationen mit anderen Menschen. Außerdem achtete ich natürlich peinlich genau darauf einen Randplatz zu bekommen, falls ich doch in Panik flüchten müsste. Das hatte den netten Nebeneffekt, dass meist die Küsterin, die ebenfalls Sicherheit gab, entweder direkt neben mir oder zumindest noch in „Fühlweite“* saß.
Zu guter Letzt war es vielleicht auch das gute Essen? Wer mich kennt, der weiß, dass ich leckerem Essen nie abgeneigt bin.
(*“Fühlweite“ ist schwierig zu definieren, wahrscheinlich verstehen andere HSP was ich damit meine. Andere dürfen es gerne mit „Nähe“ übersetzen. Das trifft es für mich nicht ganz, kommt dem aber am Nächsten.)

Für mich spannender ist die zweite „Warum-Frage“.

Was hindert mich daran, so gesellig zu sein, so fröhlich, entspannt und ausgelassen? Ich spiegele meine Umgebung meist recht schnell und übernehme zumindest für den Moment diese Gefühle und mein Verstand „sah“ die Argumente. Sah, wie wichtig es ist, noch einen letzten schönen Abend zu verbringen und die Vorzüge um das Wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Man konnte also bewusst die Chance nutzen, die einem in anderen Situationen verwehrt bleibt. Dann, wenn man eben nicht weiß, dass etwas zum letzten Mal geschah.
Auch wusste ich ja, dass wir uns in die Zeit Jesu versetzten, der noch nicht ahnte, was folgen würde. Außerdem hatte ich ja das Wissen, dass es die Kreuzigung „brauchte“ und in Ostern und der Wiederauferstehung eine Art Happy End fand.

In mir baute sich aber eine Verzweiflung auf, die ich bis zu diesem Jahr nicht näher benennen konnte. Weder, was genau da in mir vorging, noch wo dieses Gefühl herkam. Hier mein Versuch das „Was“ zu beschreiben:
Mir war, als befände ich mich im freien endlosen Fall. Als würde nur ich eine herannahende Katastrophe sehen, während alle anderen Menschen um mich herum blind für diese Gefahr wären. Somit wäre ich die einzige, die das verhindern könnte. Vielleicht vergleichbar mit „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich habe diesen Tag der Katastrophe ja schon erlebt. Letztes Jahr, vorletztes Jahr, vorvorletztes…
Mit dem Wissen, dass ja aber alle um Karfreitag und die Kreuzigung Jesus wissen, konnte ich dieses Gefühl aber in keinen logischen Zusammenhang bringen.
Das war zu viel für mich und ich musste mich nicht nur einmal im Gottesdienst zusammenreißen meine Gefühle komplett zu verbergen. Die Alternative wäre mir sehr peinlich gewesen und auffallen mag ich in der Öffentlichkeit nicht, bzw. nicht mehr als ich es ohnehin tu. Meine Größe, die Behinderung und das Gewicht sind Faktoren, mit denen ich überall auffalle.

Was mir erst dieses Jahr irgendwie bewusst wurde ist, dass Gründonnerstag somit für mich einen Trigger darstellt und ich mich dem jahrelang gestellt habe.
——————————————————————————————————————–
An dieser Stelle sei gesagt:
Als „Trigger“ (englisch für „Auslöser“ oder den Abzug einer Waffe) werden verschiedene Dinge bezeichnet. In der physiologischen Medizin, der Anästhesiologie, der Psychologie/Psychiatrie und im allgemeinen Sprachgebrauch sind völlig unterschiedliche Dinge gemeint.

Ich beziehe mich hier, wie wahrscheinlich klar sein dürfte, auf die Definition der Psychiatrie und Psychologie. Hier bezeichnet der Trigger einen Reiz, der zu einem Flashback an ein traumatisches Erlebnis führen kann.

——————————————————————————————————————–

Dieses Jahr ist mir dann auch bewusst geworden, warum ich mich so fühle. Denn bei meinen Flashbacks ist es manchmal so, dass ich merke „Ah, das Gefühl kenne ich“ (und mag es nicht), aber ich kann es oft keiner Situation in meiner Vergangenheit zuordnen.

2020 fiel für mich Gründonnerstag einfach komplett aus. Präsenzgottesdienste waren vernünftigerweise wie auch in diesem Jahr ausgesetzt und auf Online-Gottesdienste war ich noch nicht so eingestellt.

Mittlerweile hat sich das geändert. Ich nehme regelmäßig an Online-Gottesdiensten und Andachten auf verschiedenen Plattformen von unterschiedlichen Gemeinden und Personen teil, je nachdem, wie es mir gerade passt. Sogar eine Art „Glaubenskurs“ habe ich auf diese Weise schon machen können.
So bin ich Donnerstag auf die Einladung der wunderbaren Ina (auf Instagram unter diesem Link zu finden: https://www.instagram.com/dingens.von.kirchen/ ) gestoßen, die einen Zoom-Gottesdienst abhalten wollte.

Kurz habe ich überlegt, ob mir das nicht zu spät sei, da die letzten Tage doch anstrengend für mich waren und Abendmahl passenderweise abends gefeiert werden sollte. Mit dem Gedanken daran, wie wichtig mir der Abend sonst immer war und dass eine andere Pfarrperson, als jene, die ich gewohnt bin, ja auch andere Schwerpunkte setzen kann, meldete ich mich für den Gottesdienst an.

Genau erinnere ich mich nicht mehr an ihre Worte, die mich sehr berührten, aber woran ich mich erinnere ist, dass ich plötzlich eine Verbindung hatte, zwischen dem Gefühl, dass ich Gründonnerstags „immer“ hatte (ja, leider auch in diesem Jahr) und dem Ursprung dieses Gefühls
Ich weiß jetzt, woher ich diese tiefe Verzweiflung kenne. Da ich dieses Thema hier im Blog eigentlich ausklammern wollte, werde ich im Folgenden nur sehr vage davon berichten. Es ist mir wichtig darüber zu schreiben, aber zum einen sehe ich mich noch nicht so weit, damit „völlig offen“ umzugehen und zum anderen habe ich auch Angst, was das Wissen um diesen Umstand mit denjenigen Lesern unter euch macht, die mich kennen.

An dieser Stelle für „meine“ Menschen zur Beruhigung: Mir geht es gut, trotz Trauma und trotz der Konfrontation mit dem Thema, auch wenn die folgenden Beschreibungen etwas anderes vermuten lassen könnten.
Dass ich eine PTBS habe und somit „irgendwas mit Trauma am Hut“ habe, dürfte sich ja herumgesprochen haben.

Die von der Art her selbe Verzweiflung, nur meist viel stärker, spüre ich auch in Bezug auf ein anderes, wie gesagt traumatisches, Ereignis. Ich habe ähnliche Worte und Bilder, wie ich eben nutzte um meine Gefühle zu beschreiben, etliche Male beispielsweise in der Therapie gebraucht. Deswegen finde ich es jetzt schon fast amüsant, dass ich nicht vorher darauf gekommen bin. Manchmal sehe ich doch das offensichtlichste nicht. Oder wie meine Oma sagen würde „Gut suchen und doch nichts finden.“. Wie Recht Omas manchmal haben.

Die Verzweiflung, das Gefühl des Fallens kenne ich von verschiedenen Tagen, die ich mit diesem Trauma verbinde. Es handelt sich hierbei um einen Todesfall. Es mag sein, dass auch diese spezielle Parallele zu Jesus es verschlimmert.
Die Tage, die ich mit dem Gefühl verbringe, etwas schreckliches verhindern zu müssen, das kein anderer sieht außer mir (was wiederum andere Ängste in mir auslöst**) sind sowohl der Tag, an dem ich die verstorbene Person das letzte Mal gesehen habe, als auch der Tag, an dem ich von dem Tod des Menschen erfahren habe. Seit ich zusätzlich noch weiß, dass dieser Mensch über Ostern verstarb (genaueres weiß ich nicht), dürfte es noch weniger überraschend sein, warum mir einerseits dieses Fest in Gänze (Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern als solches) so wichtig ist und ich andererseits besonders stark diese negativen Gefühle habe und zu Flashbacks und Blackouts neige.
(**Ängste, wieder irgendwie „die Andere/Komische“ zu sein, „Gespenster“ zu sehen auf der einen Seite, auf der anderen Seite „nicht gesehen/ernst genommen zu werden“ nicht „wichtig genug“ zu sein und auf der dritten als „Dramaqueen“ dazustehen, die den anderen den „Spaß verderben“ will. Wenn mein Hirn etwas wirklich gut kann, dann Ängste produzieren.)

Zusätzlich zu diesen Ängsten, der Verzweiflung, dem Gefühl zu fallen und in einer Art Endlosspirale zu stecken kommt die Angst, die Ereignisse, die Flut an Gefühlen und deren Heftigkeit nicht zu überleben. Und wenn ich das schreibe, dann meine ich das so.

Rein rational weiß ich: Ich bin keine theatralische Person, nur weil ich dramatische Worte nutze. Mein Gefühl zu diesem Ereignis, an das ich leider an mehreren Tagen im Jahr „fest“ erinnert werde und zu dem es zusätzlich natürlich noch alle möglichen nicht vorauszusehende Trigger gibt, denn sonst wäre das ja zu langweilig, ist, dass ich das nicht überleben kann. Dass ich unter der Last zusammenbrechen und sterben werde. Dass der Schmerz in meinem Inneren mich wie unter Folter umbringen wird.
Ich bin sehr froh, dass ich ein so rationaler Mensch bin, dass ich diesen Gefühlen nie die Oberhand gebe. Dass ich weiß, dass ich verstehe, dass diese Gefühle vorübergehen und dass ich mich nicht „wirklich“ in Lebensgefahr befinde.

Das und ähnliches meinen Betroffene, wenn sie von einem „Trigger“ sprechen, nicht etwa, dass einen etwas „kurz“ geärgert hat, auch wenn es „sehr doll“ war. Ja, ein Trigger kann durchaus etwas „Kleines“ sein und die Reaktion sicher auch mal etwas schwächer ausfallen, aber prinzipiell geht es vielen Betroffenen so oder ähnlich.

Ein Grund, warum ich mich zunehmend damit beschäftige, wie ich meine Sprache einsetze. Aber das soll Thema eines anderen Beitrags sein. Leser „der ersten Stunde“ haben ihn sich schon 2018 gewünscht und der Entwurf ist immer noch weit entfernt davon fertig zu sein.

An dieser Stelle sollte es nur um meine Beziehung zu Gründonnerstag gehen und mit dem Bericht bin ich jetzt fertig.

Mein Dank geht an dieser Stelle sowohl an meine Gemeinde, die mir trotz der Konfrontation mit diesen Emotionen immer wieder einen geschützten Raum bietet, als auch an Ina und alle anderen Beteiligten an dem diesjährigen Gründonnerstagsgottesdienst für die liebevolle Gestaltung in digitaler Form und dafür, dass ich ein Stück weiter gekommen bin beim Verstehen meiner Gefühle.

Sie kam, sah und versagte (Teil 2/2)

Teil 2: Vom Verdacht zur Diagnose

Ich hatte mir angewöhnt morgens mit meiner Forumsbekanntschaft zu schreiben, die ich in einem Hundeforum kennengelernt hatte. Sie war eine herzliche, starke Frau und morgens noch früher in ihrem Büro, als ich in meinem sein konnte. So hatte ich morgens einerseits jemanden, mit dem ich mich Ablenken konnte und andererseits sprach sie mir immer wieder Mut zu, die Arbeit zu versuchen. Sie war allerdings niemand, der mich „abwertete“, wenn ich mich auf dem letzten Drücker doch für den Gang zum Arzt entschied, zumal sie wusste, dass ich zeitweise sowohl unter starker Migräne litt als auch unter Bauchschmerzen mit (Brech-)Durchfall, deren Ursache trotz div. Untersuchungen nie gefunden werden konnte, die aber auf Grund eben dieser Untersuchungen niemals von einem Arzt angezweifelt wurden, egal wie oft ich darüber klagte.

An einem Tag Ende November 2013 war es dann soweit, dass ich in mein Auto stieg, ermutigt von meiner Bekannten, um zum Dienst zu fahren. Sobald ich den Schlüssel drehen wollte um den Motor zu starten, begann ich zu zittern und zu heulen, sodass mir die Luft wegblieb. Mit Bauchkrämpfen ging ich zurück in meine Wohnung und wusste, dass ich es nicht schaffen würde zu arbeiten. Wieder einmal.
Ich schrieb meiner Bekannten, nicht ohne ein schlechtes Gewissen, dass ich Bauchschmerzen hätte und erwähnte auch meinen Heulkrampf.
Auch sie hatte nun einen Arbeitsauftrag für mich: „Du rufst jetzt bei deiner Ärztin an, machst einen Termin aus und dann erzählst du ihr nicht, dass du einfach Bauschmerzen hast, sondern dass du einfach nicht mehr kannst und dass es dir schlecht geht!“ So in etwa waren ihre Worte. Später fügte sie etwas sanfter hinzu, dass sie der Auffassung sei, dass es so nicht weitergehen könne und mir doch geholfen werden müsse. Schon damit ich den Job retten könne, denn ewig schaut sich das doch kein Arbeitgeber an.
Wie erschlagen saß ich in meinem Wohnzimmer. Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte: Ich wusste, sie hatte Recht.

So saß ich ein paar Stunden später bei meiner damaligen Ärztin, die schon zu spüren schien, dass es nicht mit einem Bauchabtasten und einer erneuten Krankschreibung getan war. Wieder begann ich zu weinen, was sie offensichtlich erschrak. Unter Tränen erklärte ich ihr meine Situation, ohne wirklich was sagen zu können. Mir ging es einfach schlecht, was ich in diesem Moment wenigstens auch einsah, aber ich wusste keinen Grund dafür. So erzählte ich ihr einfach, dass ich „nicht mehr könne“, nannte ein paar Details meinen Alltag betreffend, die nicht mehr funktionierten. Nachdenklich sah sie sich meine Akte an, schaute mich dann an und entschuldigte sich.
Ich verstand erst nicht, was sie meinte. Dann sagte sie, dass wenn sie sich meine Akte anschaue, sie einen enormen Anstieg meiner Krankheitstage sähe und das recht plötzlich. Von Schule zur Ausbildung wurden es mehr und von Ausbildung zur Arbeit noch einmal deutlich mehr. Neben den Infekten waren es fast ausschließlich Bauchschmerzen, Durchfall und Migräne.

Und dann kam die Frage: „Kann es sein, dass Sie Depressionen haben?“

Ein Faustschlag direkt auf die Nase. Heute muss ich über diese Frage manchmal lachen. Ein Arzt fragt seinen Patienten nach einer Diagnose?
Ich erinnerte mich, dass auch ein paar Menschen aus meinem Umfeld diesen Verdacht äußerten und ich sogar Tests im Internet machte, um zu beweisen, dass ich „so eine“ nicht war. Ich hatte absolut keine Ahnung von der Materie und nicht, dass ich andere Erkrankte abgewertet hätte, aber auf mich konnte das doch nicht zutreffen.
Die Tests fielen übrigens sehr unterschiedlich aus, was sicher auch an der unterschiedlichen Qualität lag.
Tests, die den Verdacht nahelegten, dass ich eine depressive Episode haben könnte, tat ich ab mit „Tests im Internet kann man ja eh nicht trauen“, während ich Tests mit einem für mich positiven Ergebnis stolz her zeigte „Da, schau, ich habe keine Depressionen.“ So kann man sich selbst ganz wunderbar verar… ihr wisst schon.

Ich zuckte mit den Schultern, da ich die Antwort wirklich nicht kannte. Sie äußerte den Verdacht, dass meine Symptome der letzten Jahre psychosomatischen Ursprungs sind und entschuldigte sich, dass sie trotz der unglaublichen Häufung daran nicht gedacht habe. Bewundernd stellte sie dann fest, dass ich ja auch immer sehr freundlich und fröhlich gewirkt habe und dass mich diese Fassade bestimmt viel Energie gekostet habe. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, also tat ich, was ich sonst auch tat: Ich lächelte und sagte artig „Danke“.
Da sie selbst keine Expertin auf dem Gebiet war, verwies sie mich an eine psychiatrische Institutsambulanz mit einer entsprechenden Verdachtsdiagnose mit der Bitte um Bestätigung und ggf. Behandlung.
Im selben Zug mit der Überweisung erhielt ich für weitere zwei Wochen eine Krankschreibung, da sie davon ausging, dass ich nicht umgehend einen Termin dort bekäme, womit sie Recht hatte.

Ich rief bei dem Träger an, der in meinem Kreis mehrere Standorte hatte. Der Anruf fiel mir sehr schwer, da auch Telefonate mittlerweile generell Panikattacken auslösten und zudem mir der Grund des Anrufes extrem peinlich war. Die Wartezeit, die man mir dort nannte war aus meiner heutigen Perspektive sicher keine lange, aber aus meiner damaligen Sicht absolut nicht tragbar, im Hinblick auf meinen Arbeitsplatz. Ich sagte dem Termin, der weit nach zwei Wochen hätte stattfinden sollen, zu und klärte mit meiner Hausärztin, dass ich auch für die Zeit krankgeschrieben werden würde. Unzufrieden mit der Wartezeit und der Gesamtsituation forschte ich im Internet nach einer Möglichkeit, schneller eine Diagnose zu bekommen und fand in meiner Nähe eine Beratungsstelle und das sogar mit E-Mailadresse, wie ich erleichtert feststellte.

Der Mann bei der Beratungsstelle war sehr einfühlsam und super freundlich. Er erklärte mir, dass die Wartezeiten durchaus normal seien, da es deutlich mehr Bedarf als Anlaufplätze gab. Meine Notlage sah er jedoch auch, denn meine Vorgesetzte hatte in letzter Zeit immer deutlicher gemacht, dass ein Ende für mich an diesem Standort immer absehbarer würde. Die privaten Probleme blendete ich wiedermal aus. Es ging mir nur um die Arbeit. Was der Verlust eines Arbeitsplatzes während einer Depression noch insbesondere für eine schwerbehinderte Person mit dann entsprechend schlechtem Arbeitszeugnis bedeutete, war dem Herrn wohl klar. Kurzerhand rief er eine Ärztin aus der Ambulanz an, bei der ich bereits den Termin hatte. Er schilderte kurz meine Lage und versuchte zu erfahren, ob ich schneller eine Diagnose bekommen könnte. Einen Therapieplatz oder dergleichen habe ich ja gar nicht gesucht. Aus meiner damaligen Sicht fand ich, dass der Mann hemmungslos übertrieb, aus heutiger Sicht weiß ich, er hat mehr erkannt, als ich ihm hatte zeigen wollen.

Er erreichte, dass ich zwar noch einige Wochen warten musste, aber weitaus weniger als vorher.

So saß ich einige Zeit später der Ärztin gegenüber, die für mich auf Grund meiner Situation eine Ausnahme gemacht und mich vorgezogen hatte. An das Gespräch erinnere ich mich im Detail nicht, nur daran, dass sie mich zunächst bat, meine Sicht der Dinge darzulegen. Als dies nicht richtig funktionieren wollte, begann sie mir Fragen zu stellen, die ich versuchte möglichst genau und wahrheitsgemäß zu beantworten. Ihre Diagnose: Rezidivierende Depression mit gegenwärtiger mittelgradiger Episode und Panikattacken. Die Panikattacken konnte sie noch nicht richtig einordnen, aber ich war erstaunt, wie sie diese Diagnose nach einem kurzen Gespräch stellen konnte.

Zu den Panikattacken sagte sie mir, dass sie in der Kürze der Zeit, denn sie hatte mich ja nur zwischen geschoben, nicht feststellen konnte, ob sie ein Begleitsymptom zu den Depressionen waren oder Teil einer Angststörung, bot mir aber an, dass wir uns später damit befassen würden.

Nachdem die Diagnose gestellt war, erklärte sie mir meine Behandlungsoptionen, von stationär über teilstationär (Tagesklinik) bis hin zur ambulanten Behandlung. Die stationären Alternativen standen für mich nicht zur Debatte, wollte ich doch schnell wieder zur Arbeit. Aber noch sagte ich nichts, da ich ihre Meinung als Expertin hören wollte.

Daraufhin erklärte sie mir kurz, dass Depressionen und Ängste sich gegenseitig befeuern würden, was die Behandlung erschwerte. Ich müsse mich entscheiden, was ich „zuerst“ behandeln wollte, da die Ansätze komplett unterschiedlich wären. Wären für mich die Ängste schlimmer, wäre es am besten, sich direkt wieder „gesund schreiben“ zu lassen und am nächsten Tag zur Arbeit zu fahren. Daher wäre dies nur ambulant effektiv zu behandeln. Was die Depression anging, ging sie von einer Überforderungssituation aus, was egal bei welchem der drei Wege, für eine längere Auszeit vom Dienst sprach.

Welchen Weg ich wählen wollte, sei meine Entscheidung.

Ich war ihr gegenüber so offen, zuzugeben, dass ich die ambulante Therapie vorzöge, aber nicht sicher sei, ob ich das schaffte, denn an mangelnder Motivation lag es ja nicht, dass ich den Weg zur Arbeit seltenst antreten konnte.

Sie sprach mit mir über Medikamente. Ich bin kein Mensch, der gut im Tabletten (oder sonstige Medikamente) schlucken war, weswegen ich diese Möglichkeit nur ungern ins Auge fasste. Allerdings war meine Not so groß, dass ich dem einen Versuch geben wollte.
Die Ärztin erklärte mir, dass die Wirkung eine Weile bräuchte und die Dosis auch sukzessive erhöht werden würde. Solange würde ich noch Zuhause bleiben müssen, falls Nebenwirkungen aufträten.
Ich war ohnehin noch einige Tage krankgeschrieben, da ich ja meinen Termin viel später erwartet hatte. So einigte ich mich mit ihr, dass ich solange warten würde, bis ich bei der vereinbarten Enddosis sei und keine Nebenwirkungen aufträten.

Als es so weit war, dass ich wieder arbeiten gehen sollte, schaffte ich es allerdings nicht und das Gefühl, dass ich schon seit der Verdachtsdiagnose hatte, verstärkte sich um ein Vielfaches:

Sie kam, sah und versagte“

Ich tippte diesen Status bei Facebook wie so viele vorher. Nicht, weil ich Mitleid wollte oder Aufmerksamkeit, sondern weil ich wie ein Kessel, der zu viel Hitze bekam, unter gewaltigem Druck stand, der irgendwo ein Ventil brauchte.

Die Vorwürfe, die ich mir machte und teilweise noch heute mache, kann ich kaum in Worte fassen. Wie konnte (kann) ich es wagen, in meiner Situation, Depressionen zu bekommen? Damit nicht genug, ich hatte nicht nur „einfach Depressionen“, ich war sogar krankgeschrieben und im Begriff meinen Traumjob zu verlieren. Das klingt sicher blöd, aber mit einer hochfunktionalen Depression hätte ich wahrscheinlich leichter leben können. (An dieser Stelle möchte ich mich bei allen mit dieser Diagnose für diese Vermutung entschuldigen. Sie entspricht nur meinem Buchgefühl.)

Die Gründe hierfür konnte ich ehrlich nicht sehen. Heute, viele Jahre später, kann ein Teil von mir sie ansatzweise erfassen. Ein großer Teil in mir aber hadert weiter mit der Diagnose.

Der Zeitraum, den ich in diesem Text beschrieben habe, dauerte übrigens (die Ausbildung mitgerechnet, da dort die ersten hier beschriebenen Probleme begangen) etwa 4 Jahre.

Falls euch interessiert, wie es in der folgenden Zeit für mich weiterging, lasst es mich gerne wissen! Dabei ist es egal, ob ihr in den Kommentaren oder per privater Nachricht schreibt.

Sie kam, sah und versagte (Teil 1/2)

CN Depressionen, Panikattacken, verwahrloste Wohnung, Mobbing

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Funktionsmodus

Teil 2: Vom Verdacht zur Diagnose

Teil 1: Funktionsmodus

Sie kam, sah und versagte“

Das, meine Damen und Herren, liebe Leserschaft, war mein Status bei Facebook Ende November 2013.
Ich hatte schon fast vergessen, dass ich ihn geschrieben habe, aber die Erinnerungsfunktion hat mir diesen Status zuverlässig wie jedes Jahr auch im Jahr 2020 wieder präsentiert.

Ich brauchte etwas Abstand davon, Abstand von der Erinnerung, Abstand von der Zeit, Abstand von dem Schmerz der Erinnerung, aber ich wusste schon im letzten November, dass ich darüber schreiben wollte.
Den gewünschten Abstand habe ich jetzt. Seit Neujahr spüre ich ein kleines „Hoch“, was für mich schon ungewöhnlich ist, denn die bemerke ich gern erst hinterher.
Nachdem ich dieses Hoch ein paar Tage ganz für mich und bei mir genossen habe, fühle ich mich jetzt „gewappnet“ dafür, diese Erinnerung wieder in mir aufkommen zu lassen, ohne dass sie mich in die Tiefe reißt.

Die Worte dieses Status kommen mir jetzt so fern vor, wie wahrscheinlich jedem „psychisch gesunden“ Menschen oder Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl.

Eine Anmerkung: Weite Teile dieses Textes richten sich an die Nicht-Betroffenen, an die Zugehörigen, an Menschen, die mit Menschen mit Depressionen zu tun haben, sei es privat oder beruflich. Er soll der Aufklärung dienen, eine Hilfestellung sein beim Erkennen von Depressionen und vom Umgang mit depressiven Menschen.

Ich spreche hier ausschließlich für mich und von meiner Situation, wie ich sie erlebt habe, rein subjektiv. Ich weiß aus meinen Gesprächen mit anderen Betroffenen, dass ich mit meinen Gedanken zumindest in Teilen nicht alleine bin.

An die Betroffenen: Es tut mir leid, wenn ich es anders erlebe, als du und du mir nicht zustimmst. Vielleicht magst du dann selbst davon erzählen? Und wenn du dich hier doch irgendwo ein Stück wieder findest, dann lass es mich auch gerne wissen. Ich lade euch herzlich ein, diesen Text mit euren Erfahrungen zu ergänzen, ohne mir meine abzusprechen.

An dieser Stelle sei euch gesagt: Meinen Status nicht in letzter Konsequenz nachvollziehen zu können macht euch bei weitem nicht „unempathisch“, sondern zeigt eventuell schlicht eure Gesundheit.

Was ich mit diesem Text zeigen möchte, sind mehrere Dinge:

  1. Eine Depression kann jeden treffen, egal wie „gut“ oder „schön“ sein Leben von außen aussehen mag. Die Frage „Warum gerade ich?“ kann einen Depressiven zusätzlich quälen und runterziehen. Bitte habt dafür Verständnis. Äußerungen wie „Warum denn? Dir geht es doch gut.“ sind nicht hilfreich, sondern im schlimmsten Fall verletzend. Es ist nicht zwingend so, dass wir die positiven Seiten nicht sehen, manchmal spüren wir sie nur nicht. (Manchmal sehen wir sie allerdings auch wirklich nicht.)
  1. Viele Depressive (wie auch andere psychisch kranke Menschen) sind wahre Künstler im Verbergen. Nicht nur vor euch als Umfeld, sondern auch vor uns selbst. Manchmal brauchen wir das, um uns ein Stück „heile Welt“ zu bewahren. So bedeutet es nicht, dass es uns gut geht, nur weil wir nach außen hin „funktionieren“ oder weil wir Witze reißen und scheinbar fröhlich lachen.
    Wir wollen euch auch nicht ausschließen oder anlügen, nur weil wir euch nicht erzählen, dass doch nicht alles so „perfekt“ ist, wie wir es gerne hätten. Entweder wir merken es selbst nicht oder wir möchten euch vielleicht auch schützen.
    Wenn ihr den Verdacht in eurem Umfeld habt und die Person darauf ansprechen möchtet, tut das bitte behutsam und erwartet nicht, dass derjenige eure Meinung teilt. Bietet Hilfe an, aber seid nicht böse, wenn sie nicht angenommen werden kann. Vielleicht kommt der Zeitpunkt später. Und bei allem: Passt auf euch selbst auf!

Ich möchte euch erzählen, in welcher Situation ich war, als diese Worte von mir in die Weiten des Internets geschrieben wurden und euch zeigen, was sich für mich dahinter verbirgt. Dabei kann ich einige Ereignisse zeitlich nicht mehr einordnen, sodass der Bericht nicht streng chronologisch geordnet ist.

Von außen betrachtet sah mein Leben zu dieser Zeit so aus:
Junge Frau, Anfang 20, steht nach abgeschlossener Ausbildung und dem Auszug aus dem behüteten Elternhaus selbstständig auf eigenen Beinen. Die Nähe zur Familie bleibt, aber eine eigene Altbauwohnung von einem sympathischen, motivierten Vermieter wird bezogen, draußen steht das erste eigene Auto in der dazugehörenden Garage.
Diese Frau geht einer angesehenen, sehr gut bezahlten Arbeit nach. Die Stelle hat sie nahtlos an ihre Ausbildung beginnen können und den Haushalt hat sie mit gelegentlicher Unterstützung der Mutter auch im Griff.
Neben Job, Haushalt und der wöchentlichen Physiotherapie bleibt außerdem noch die Zeit für ein paar Hobbys wie Reiten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Kirchgemeinde und regelmäßige Gottesdienstbesuche. Zum Arzt geht sie schon seit der Schulzeit eigentlich nur um Verordnungen für die Physio abzuholen und einmal im Quartal, um ihrer damaligen Hausärztin zu zeigen „Ich lebe noch, alles super“.

Kurz: Das Leben war schon ziemlich perfekt für diese privilegierte Frau. Hier und da sah sie noch Verbesserungspotenzial, aber mit nicht einmal 25 Jahren war dafür auch noch genügend Zeit.

Nichts davon ist unwahr und doch zeigt das nur einen Teil meines damaligen Lebens.

Weil ich mir der Privilegien und des Glückes, das ich hatte (und noch habe), mehr als bewusst bin (und dankbar dafür), beginne ich die andere Seite folglich nicht mit „aber“ oder „in Wahrheit“. Denn das wäre genauso wenig wahr oder unwahr wie der äußere Schein. Also einmal ganz deutlich: Auch, wenn es schon durch die Textmenge so scheinen mag, dass der obere Teil nicht wahr ist oder die positiven Aspekte, die zum Teil auch im nächsten Teil des Textes durchaus zur Sprache kommen, nicht „zählen“, stimmt das nicht. Mein Leben war schön in weiten Teilen und ich bin dankbar für alles, was ich Gutes in meinem Leben hatte oder habe.

Neben all diesen durch und durch wunderbaren Dingen ist außerdem wahr:

Der Haushalt, der anfangs leicht von der Hand ging, wuchs mir über den Kopf.
Im Anschluss an meinen Auszug hatte ich noch Urlaub, putzte quasi täglich das Bad und die Küche, saugte alle zwei Tage, wusch Geschirr und Flächen nach Benutzung sofort ab und räumte alles sorgfältig an seinen Platz, wusch einmal die Woche auch die Wäsche, so meine Mutter das nicht für mich übernahm, ging jeden Samstag um Punkt 8 Uhr für 5-18 Minuten einkaufen und brachte im Anschluss meiner Mutter ihren Teil des Wocheneinkaufs. Das war, sofern ich mich richtig erinnere, Teil eines Deals: Ich kaufte für sie ein, sie half mir bei anderen Dingen wie dem Wäsche waschen, denn das strengt mich körperlich extrem an.
Eine saubere, ordentliche Umgebung war und ist mir neben den Routinen unglaublich wichtig.

Der neue Job, den ich direkt nach der Ausbildung und dem Urlaub mit drei weiteren Berufsstartern antrat, war anspruchsvoller, als ich gedacht hatte und der Konkurrenzdruck unter den Kollegen (Neulinge genauso wie „alten Hasen“) setzte mir zu.
Die einweisende Vorgesetzte verglich unsere Leistungen nicht nur untereinander, was in meiner Position schwierig genug gewesen wäre, sondern auch mit ihren eigenen Erwartungshaltungen, die keiner von uns vieren erfüllen konnte.

Die Regelarbeitszeit überschritt ich daher von Anfang an nahezu täglich. Dass ich durch meine physiotherapeutischen Termine an einem Tag früher in den Feierabend gehen musste, machte meinem Stundenkonto nichts aus, anders als meinen Kollegen und meiner Anleiterin, die nicht müde wurden, mir zu sagen, wie glücklich ich mich schätzen konnte, dass sie mir diese Freiheit erlaubten. Trotz des Umstands, dass ich an diesem Tag ein Minus von schätzungsweise ein bis zwei Stunden hatte, machte ich wöchentlich mindestens drei Überstunden. Oft waren es um die zehn, wobei ein Teil davon nicht erfasst wurde. Zum einen weil ich den Tag früher begann, als die Zeiten erfasst wurden und zum anderen, weil es eher selten vorkam, dass ich die Pausen voll nehmen konnte. Von dem Arbeitszeitkonto wurden die Pausenzeiten trotzdem abgerechnet. Das erwartete Arbeitspensum erfüllte ich trotz alledem nicht, was für zusätzlichen Druck sorgte. Dass ich regelmäßig angehalten wurde, mein Überstundenkonto auszugleichen machte die Situation für mich ebenso wenig leichter, wie der Umstand, dass ich in meinen Urlauben immer öfter krank wurde. In der Ausbildung hatte ich dies bislang ignoriert, bis ein damaliger Kollege mich darauf hinwies, dass der Urlaub zum Erholen da sei, nicht zum Auskurieren und ich nicht nur das Recht hätte mich im Urlaub krankschreiben zu lassen, damit mein Urlaub nicht verfiele, sondern in seinen Augen sogar die Pflicht, damit ich erholt aus dem Urlaub kommen und produktiv arbeiten konnte.
So summierten sich Überstunden und Urlaubstage genauso wie die Aktenstapel auf meinem Schreibtisch.

Neben der Pendelei, der Physiotherapie, den Verpflichtungen in der Kirche, die ich mir ja selbst aufgebürdet hatte, den Einkäufen und den Reitstunden blieb für den Haushalt und meine in der Ausbildung begonnene Ernährungsumstellung nahezu keine Kraft mehr.

Die Einkäufe erledigte ich nur noch zitternd, schweißgebadet und wie in Trance. Heute weiß ich, dass ich Panikattacken hatte und Dissoziationen. Damals kannte ich davon noch nichts und dachte, es ginge allen so
„Ich kauf halt nicht so gern ein und viel geschwitzt habe ich schon immer.“
Dinge wie Abwaschen, Müll herausbringen (überhaupt Dinge wie abgelaufene Lebensmittel entsorgen), Staubsaugen, Aufräumen fielen mir immer schwerer. Selbst das Schlafen wollte mir nicht mehr so recht gelingen. Selbst am Wochenende schlief ich kaum einmal bis um drei/vier Uhr.
Zwar war und bin ich Frühaufsteher, aber das war zu früh. Insbesondere, weil ich selten vor 22 Uhr ins Bett ging und mich ewig hin und her wälzte.
Brauchte ich anfangs etwa 30 Minuten, um mich morgens fertig zu machen (12 Minuten fürs Bad und zum Anziehen, 10-15 Minuten um das Essen vorzubereiten und Sachen zu packen), brauchte ich schnell eine Stunde, dann 1,5 Stunden, am Ende waren es drei. Es war, als würde etwas in mir die Handbremse anziehen und ich kam nur schleifend voran. Wenn der Wecker klingelte brauchte ich schon bald 30 Minuten bis zum Badezimmer. Duschen und Zähneputzen fühlten sich an, als wäre es Hanteltraining mit zu schweren Hanteln, die an meinen Händen festgewachsen waren. Hinterher hätte ich nicht einmal sagen können, ob ich Shampoo benutzt habe oder Zahncreme. Ich plante immer mehr Zeit ein, um mich mental auf die Arbeit vorzubereiten und im Kopf jedes denkbare Szenario durchzuspielen.

Randnotiz: Meinen Schlafrhythmus so weit umzuschieben, dass ich etwa von 22 bis 6 Uhr wirklich schlafen konnte, hat mich Jahre gekostet und noch heute ist es in stressigen Zeiten so, dass zwischen 3 und 4 Uhr morgens aufwache und nicht mehr zur Ruhe komme, egal, wann ich am Vorabend ins Bett gegangen bin.

Dass ich mir schon am Freitag kurz vor Feierabend Gedanken machte, dass „bald wieder Montag“ sei, fiel mir selbst erst viel später auf.

Parallel wurde ich aber nicht müde, zu betonen, wie gut es mir ginge. Egal, ob mein Gegenüber meine Familie war, meine Ärztin, die ich schleichend immer öfter aufsuchte oder mein eigentlicher Vorgesetzter, der durchaus eine Veränderung in meinem Verhalten während der Arbeit bemerkte. Er erzählte mir, dass er mich nicht mehr lachen sähe und fragte besorgt, ob etwas passiert sei privat oder auch mit den Kollegen. Als er betonte, dass ich mit solchen Problemen immer sofort zu ihm kommen solle, setzte ich ein breites Lächeln auf, dankte ihm und widersprach seiner Sorge, noch bevor ich darüber nachdenken konnte. Es war wie ein Reflex, den ich nicht steuern konnte.

Konnte ich die Sorgen meiner Mitmenschen einmal nicht überzeugend „weglächeln“, redete ich mit Phrasen wie „Ist gerade eine stressige Phase, aber wer hat die denn nicht mal? Alles halb so wild!“ oder „Ach, gestern zu lange ferngesehen, ich hab wohl zu wenig Schlaf bekommen.“ oder ähnlichem raus.
Ich weiß heute nicht mehr, wer mich alles auf mein Verhalten ansprach, wer mir ehrlich mein Lächeln oder die Ausflüchte glaubte oder mich zwar durchschaute, aber nicht aufdringlich sein wollte. Einige wenige erinnere ich natürlich.

Auch meine Anleiterin bemerkte eine Veränderung bei mir, allerdings nicht wie unser gemeinsamer Chef darin, dass ich weniger fröhlich wirkte. Nachdem ein Mitglied aus unserer Gruppe von vier „Neulingen“ die Stelle wieder verließ, war plötzlich ich auf dem letzten Platz des Leistungshorizontes. Ambitionen auf Platz 1 zu stehen gab ich nach wenigen Tagen auf, denn zwei der vier waren unglaublich leistungsstark. Ich wollte nur nicht auf dem letzten Platz sein, was schwer genug gewesen war, als wir noch zu viert waren. Einzig, dass man mir anmerkte, dass ich motiviert war mich zu verbessern, brachte mir den dritten Platz in dem fiktiven Wettkampf in meinem Kopf ein. Leistungstechnisch bewegten „Platz vier“ und ich uns auf ähnlichem Niveau.

Die Zeit in der Kirche war anfangs ein Gegengewicht gewesen zu der Arbeit. Eine Zeit nur für mich ganz alleine zum Ruhe und Kraft tanken. Je regelmäßiger ich den Gottesdienst besuchte, wo ich schon auf Grund meines Alters auffiel, desto mehr kam ich in Kontakt mit anderen aktiven Gemeindemitgliedern und fand für mich mehrere Ehrenämter. So half ich in dem Kinder- und Jugendchor, in dem ich selbst einige Jahre gesungen hatte, bei Auftritten, den Küstern und Pastoren bei der Gottesdienstvor- und Nachbereitung und übernahm die Aufsicht in der Kirche zu den Öffnungszeiten. Was als zufällige Handlungen und Ausnahmen begann, wurde zur Routine für mich. Wir erinnern uns: Ich mag und ich brauche Routinen. Doch wurden meine Routinen Erwartungen, sowohl meinerseits als auch seitens der Gemeinde. Damit stieg auch der Qualitätsanspruch an mich. Bald war ich auch hier im „Funktionsmodus“, genauso wie auf der Arbeit und ebenso wie dort, lächelte ich auch hier reflexartig freundlich jeden an. (Na ja, fast jeden…)

Anfang 2013 wurde in meinem Alltag abrupt auf die „Pause“-Taste gedrückt, als ich mich einem chirurgischen Eingriff unterzog. Meine Behinderung beinhaltet auch eine Fußfehlstellung, einen sogenannten Klumpfuß. (Googlet es besser nicht, wenn ihr empfindlich seid.)
Diese Fehlstellung wurde erstmals im Kindesalter korrigiert. Eine weitere Korrektur war schon damals für das Erwachsenenalter geplant, wenn die Knochen ausgewachsen und ausgehärtet wären.

Da ich nach der Schule fast nahtlos in die Ausbildung und nach dieser direkt auf meine neue Stelle ging, war das bislang liegen geblieben. Mit der scheinbar sicheren Stellung im Rücken und wachsenden Beschwerden im Fuß, begab ich mich im Januar 2013 in die Hand eines Fußchirurgen um diese zweite Korrektur vorzunehmen. Die Genesungszeiten sind bei solchen Eingriffen oft schwer einzuschätzen und trotzdem wurde ich auf der Arbeit gebeten, eine Schätzung abzugeben, wie lange ich fehlen würde. Inzwischen war ich die einzige, die die Einarbeitungsphase noch nicht erfolgreich abgeschlossen hatte, da ich in der jüngsten Vergangenheit immer öfter krank war und mich immer schlechter konzentrieren konnte.

Sowohl Qualität als auch Quantität meiner Leistung waren nicht zufriedenstellend. Weder für mich, noch für die Kollegin, noch für meine „Chefin“.

Erste vorsichtige Schätzungen meines Arztes gingen von 10-12 Wochen aus, bis ich stundenweise wieder leichte Bürotätigkeiten am PC verrichten dürfte. Ich hoffte zu diesem Zeitpunkt inständig auf zehn statt zwölf Wochen, um den Anschluss nicht zu sehr zu verlieren. Gleichzeitig merkte ich, wie meine Anspannung wuchs, je näher ich an diese zehn-Wochen-Grenze kam.

Der Eingriff selbst verlief reibungslos und auch der Genesungsprozess stellte meinen Arzt zufrieden. Die Wunde verheilte zwar recht langsam, aber davon abgesehen gab es keine Komplikationen. Ich weiß heute nicht mehr ganz genau, wann die Wunde so weit verheilt war, dass ich theoretisch wieder hätte arbeiten können.
Irgendwann (nicht nach zehn Wochen) kamen wir an den Punkt, dass mein Arzt es mir erlaubte und mich fragte, wie ich die Wiedereingliederung gestalten wollte. Ich beschrieb ihm die Möglichkeiten, die ich zuvor mit meinem Arbeitgeber auch abgesprochen hatte und merkte, dass er stockte.
Worüber er bei seiner Schätzung nicht nachgedacht hatte, war, dass ich nicht von Zuhause aus arbeitete und ich auch nicht wie in einer Science-Fiction Serie zur Arbeit „beamen“ konnte, sondern selbstständig mit dem Auto hinfahren musste. ÖPNV war keine Alternative und hätte auch die Belastung nicht minimiert.
Diese Belastung wollte er meinem Fuß noch nicht zumuten und verlängerte die Zeit Zuhause für mich um einige weitere Wochen.
Ich war gleichzeitig beängstigt und erleichtert.
Ich hatte Angst davor, die Situation meinem Arbeitgeber erklären zu müssen und davor, zu viel von dem noch neu Erlernten zu vergessen, war aber auch froh, noch einige Zeit zu haben, um Kraft zu sammeln und nicht dem Druck ausgesetzt zu sein.

Unterm Strich blieb ich der Arbeit etwa fünf Monate lang fern. Meine Eingliederung war recht kurz, da ich zum einen guten Willen zeigen wollte, auch als Entschuldigung dafür, dass ich viel länger als geplant gefehlt hatte, aber auch, weil ich es nicht einsah länger im Auto zu sitzen als am Schreibtisch an meinem Arbeitsplatz.
Körperlich unterstützten mich meine Kollegen sehr, da ich mich noch nicht viel bewegen konnte und durfte. So wurden mir Arbeitsmaterialien gebracht und wieder weggeräumt, wenn ich sie nicht mehr brauchte und ich bekam die Möglichkeit meinen Fuß hoch zu lagern, der immer noch schmerzte, wenn er zu lange auf dem Boden stand.

Allerdings war mein Chef versetzt worden, sodass meine Anleiterin vorübergehend wirklich meine „Chefin“ wurde. Was mir vorher nicht so bewusst war, wurde jetzt deutlich: Mein Chef hatte ein wenig als Puffer gewirkt zwischen uns beiden.
Noch während meiner Eingliederung bekam ich starke Rückenprobleme. Probleme, wie ich sie trotz meiner Behinderung vorher nicht gekannt habe. Mir tat absolut alles weh. Ich konnte mich kaum bewegen, sitzen ging absolut gar nicht, liegen nur in einer bestimmten Position. Positionen halten (egal ob im Stehen, Sitzen oder im Liegen) war jedoch die Hölle. Erst dachte ich, ich hätte mich einfach massiv verlegen, ließ mich von meiner Hausärztin einen Tag lang krank schreiben (inzwischen brauchte ich für jeden Tag, den ich fehlte einen „gelben Schein“) und fragte am selben Tag meinen Physiotherapeuten um Rat. Fix hatte er eine Vermutung, wo das Problem lag, konnte aber wenig Abhilfe schaffen und riet mir zum Arzt zu gehen.
Nachdem ich also für den folgenden Tag wieder einen Termin bei meiner Ärztin gemacht habe, wurde ich von ihr an einen anderen Arzt überwiesen. Aufgrund meiner Behinderung und der Umstände war aus ihrer Sicht auch eine Wirbelsäulen- oder Rückenmarksverletzung nicht auszuschließen. Davon hatte mein Physio nicht gesprochen, aber er betont auch immer, dass er keine Diagnosen stellen kann und darf und dass das auch gut so ist. Außerdem konnte er mich so gut wie nicht anfassen, da mir jede Berührung weh tat.
Der Arzt, zu dem ich noch am selben Tag gehen konnte, schickte mich also als erstes zum Röntgen, wunderte sich aber über die Dringlichkeit, die meine Hausärztin deutlich gemacht hatte. Denn ja, ich habe eine Vorerkrankung, aber die lächelnde junge Frau, die ihm gegenüber saß wirkte doch relativ fit, wenn man die Spina Bifida bedenkt und trotz massiver Adipositas. Aber er schien wohl darauf zu vertrauen, dass meine Ärztin mich besser kannte als er und vielleicht auch auf meine Aussage, dass ich ähnliche Rückenschmerzen höchstens „post-OP“ (also direkt im Anschluss an einen operativen Eingriff) kannte.
Nach außen hin war ich freundlich, gelassen und lächelte, aber innerlich hatte ich Panik. Nicht davor, verletzt zu sein, sondern davor wieder im Dienst auszufallen. Was eine solche Verletzung für mich an Konsequenzen gehabt hätte, war mir nicht bewusst, aber es kümmerte mich auch herzlich wenig.
Ich hatte mit meiner langen Abwesenheit durch die Fußoperation und durch meinen Krankheitsstatus vor der OP schon genug Ärger auf der Arbeit gehabt.
Das Röntgenbild war glücklicherweise ohne Befund und so ging die Untersuchung weiter. Die von ihm gestellte Diagnose war absolut nicht schlimm, was es für mich weitaus peinlicher machte: ISG-Blockaden* beidseitig. Das bestätigte den Verdacht meines KG (Krankengymnasten) und ich war erleichert

(*ISG steht für „Iliosakralgelenk“ Wer wissen möchte, was eine ISG-Blockade genau ist, wie es dazu kommt etc. bitte ich an dieser Stelle einfach es selbst zu recherchieren. Ich könnte es nicht gut erklären.)

Aus meiner Sicht also „bloß verspannt“. Ernüchternd einerseits, weil ich nun schon zwei Tage deswegen wieder gefehlt hatte, aber es klang andererseits nicht nach einer längeren Krankheitszeit.

Der Arzt verschrieb mir spezielle Krankengymnastik und spritzte mir ein starkes Schmerzmittel mit einem Muskelrelaxans. Die Spritze sollte dazu führen, dass ich meine Muskeln wieder entspannen konnten und das Gelenk wieder in seine natürliche Position kam und sich dort frei bewegen konnte. Drei Tage sollte die Wirkung halten, danach sollte sich, bei ausreichender Schonung während dieser Tage, das Problem erledigt haben.
Mit weiteren drei Tagen konnte ich leben, zumal ein Teil davon am Wochenende lag. Sollte nach drei Tagen keine deutliche Besserung zu spüren sein, sollte ich wiederkommen. Ja, auch am Wochenende.
Ich sollte während der drei Tage die Übungen machen, die mir mein Physio schon gesagt hatte, falls sich sein Verdacht bestätigte, es aber nicht „übertreiben“, denn auch wenn ich ein Schmerzmittel erhalten hatte, waren die Probleme noch vorhanden, die sie ausgelöst hatten. Der Schmerz war lediglich betäubt.
An diese Anweisung hielt ich mich strikt, denn ich wollte keine weitere Krankschreibung riskieren.
Drei Tage hatte der Mediziner gesagt, aber die schmerzlindernde Wirkung hielt kaum drei Stunden an. Ich hoffte, dass, wenn ich mich an alle Anweisungen diszipliniert hielt, trotzdem die Muskeln so weit entspannen konnten, dass sich alles wieder an Ort und Stelle schob. Vergebens. Nach drei Tagen war nichts besser geworden. Ging ich zum Arzt? Nein, es war Wochenende und ich hoffte auf ein Wunder bis Montag.
Es geschah keins. Am Montag saß ich dem verwunderten Arzt wieder gegenüber, der wohl glaubte, ich wolle nur nicht wieder zur Arbeit und mich daher wieder untersuchte, dieses Mal etwas unsensibler. Meine Reaktion darauf hätte nicht gespielt sein können. Und so kam es, dass er beschloss, mich länger krank zu schreiben und mir riet, mir nach Möglichkeit mehr Physio-Termine in der Woche zu holen. Er bereitete mich darauf vor, dass in meinem Fall die Therapie Wochen in Anspruch nehmen würde, bis ich wieder arbeitsfähig wäre.
Ich erinnere mich heute nicht mehr, wie lange ich brauchte, aber seit dieser Zeit sind meine Iliosakralgelenke eine Art „Sollbruchstelle“.

Warum mir das passiert ist, kann keiner sagen. Meine persönliche Theorie ist, dass meine Psyche keinen anderen Weg fand. Mit psychosomatischen Erkrankungen habe ich schon seit meiner Kindheit zu tun, wenngleich seltener. Im Laufe der Jahre gesellten sich neue Symptome und Krankheiten hinzu, die in stressigen Zeiten besonders oft auftreten.
Es begann vermutlich in der Grundschule mit Migräne, die erst spät als solche erkannt wurde, da man damals noch davon ausging, dass Kinder keine Migräne bekämen. Dass sie trotzdem erkannt wurde, ist meiner Mutter zu verdanken, die ebenfalls darunter leidet.
Dazu kamen dann verschiedene Entzündungen des Halses, der Ohren, des Unterhautfettgewebes, Bauchschmerzen (Reizdarm) und dergleichen. Auch ganz normale Infekte, die ich als Kind höchstens ein- oder zweimal im Jahr hatte, bekam ich immer öfter. Davon abgesehen wurden auch Panikattacken mein ständiger Begleiter, die ich damals nicht als solche erkannte und ich dissoziierte immer öfter und heftiger, ohne zu wissen, was das war.

So kam es, dass ich auch nachdem meine ISG wieder ihren Dienst aufnahmen, immer öfter krankgeschrieben war. Der Druck, der daraus entstand, stresste mich so sehr, dass ich immer öfter krank wurde. Ein Teufelskreis aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab. Neben immer weniger Schlaf, einer völlig unordentlichen und dreckigen Wohnung, in die ich bald niemanden mehr hineinließ, einem völlig überfüllten Briefkasten, den ich nur öffnete, wenn der Postbote mir mitteilte, dass er anders nicht mehr zustellen könnte, dessen Inhalt ich aber aus eigenem Antrieb nicht öffnen konnte, war also meine körperliche Verfassung immer schlechter, was zu mehr Stress auf der Arbeit führte.

Die einzigen Personen, die ich zumindest ansatzweise an mich ran ließ waren zu dem Zeitpunkt mein Physiotherapeut, meine Mutter, eine Bekannte aus einem Forum und meine beste Freundin Sarah. Letztere ließ ich sogar in meine Wohnung, wo sie mir unter die Arme griff, um das Chaos zumindest etwas zu beseitigen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden sie das mit einer Engelsgeduld getan hat, nebenbei mit mir freundlich redete, mich verstand und dafür sorgte, dass ich etwas ordentliches aß und vor allen Dingen auch trank.

Das war zu der Zeit nämlich ein weiteres Problem: Ich spürte zwar Hunger und Durst, aber fand keine Überwindung Nahrung zu mir zu nehmen. Manchmal fand ich so viel Kraft, mir eine Flasche mit Leitungswasser, das ich durchaus gerne trinke, hinzustellen, aber trotz Durst konnte ich einfach nicht trinken. Sarah ließ das aber nicht durchgehen. Da wurden ein Glas und eine Flasche hingestellt und eine Frist gesetzt. Okay, ein Auftrag also, damit konnte ich arbeiten. Ich trank und aß für sie, weil es von ihr erwartet wurde und weil sie diese „Regel“ aufstellte. An Regeln halten kann ich mich gut, schon immer. Um mich selbst kümmern ist schwieriger.
Lieber als zu trinken hätte ich ihr geholfen, meinen Saustall wieder in Ordnung zu bringen, denn mir war die Situation sehr peinlich, auch wenn ich sie selbst herbeigeführt hatte. Ich bereute zum Teil, sie um Hilfe gebeten zu haben. Nicht, weil sie blöd zu mir war, sondern weil ich mich schämte, dass ich es so weit hatte kommen lassen und dass ich es aus eigener Kraft auch nicht hatte verhindern können. Dass ich ganz offenbar nicht in der Lage war, einen einfachen Haushalt zu führen, während meine Freundin nicht nur ihren führte und selbst arbeitete, sondern sich nun auch meinen Haushalt zur Brust nahm. Wie viele Stunden wir so zubrachten, kann ich heute nicht mehr sagen.

Der Stress auf der Arbeit, die Angst davor die Stelle wieder zu verlieren und die Unfähigkeit trotz Krankheit arbeiten zu gehen, führten dazu, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, was schlimmer war: Krank melden oder arbeiten. In diesem Dilemma gefangen, schaffte ich es tatsächlich nicht, mich bis zum Dienstbeginn für eine der beiden Optionen „zu entscheiden“. Meine Chefin rief daraufhin verständlicherweise erbost an und ich traute mich nicht, ihr zu sagen, dass ich nicht arbeitsfähig war. Ich flüchtete mich in Ausreden, warum ich nicht angerufen hatte, dass ich später kommen würde. Ab jetzt war „krank melden“ keine Option mehr. Zumal ich wieder einmal „einfach nur Bauchweh“ hatte. Ich verstand mich ja selber nicht.
Mit Hilfe meiner Mutter, denn ich war so vernünftig sie um Hilfe zu bitten, kam ich dann deutlich zu spät bei der Arbeit an, wo mir meine Chefin deutlich machte, was sie von der Situation hielt. Von meinen Kollegen hörte ich im Anschluss, dass sie auch bei ihnen für schlechte Stimmung gesorgt hatte, durch ihre Wut auf mich. Wie das konkret aussah, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass ich diesen Tag nur überstand, weil er ohnehin kürzer war, auch weil meine Mutter mich relativ früh abholen musste und meine Kollegen an dem Tag sehr sehr nett zu mir waren und mir viel halfen. Trotzdem ging ich in den Feierabend mit beginnender Migräne inklusive Aura.
Konkrete Erinnerungen habe ich übrigens nicht an den Tag. Weder von der Standpauke meiner Chefin, noch von dem Tag an sich oder davon, dass meine Mutter mich abgeholt hat.

Nicht einmal kann ich sagen, wann dieser Tag überhaupt war. Ich weiß, dass es kalt war und ich meine mich zu erinnern, dass Schnee lag. Es war also ganz sicher nicht im Sommer nach meiner Fuß-OP. Daraus schließe ich, dass es vor der OP gewesen sein muss.

Nach der Eingliederung wurde es aber nicht besser bei mir. Wie bereits oben beschrieben wurde es schleichend immer schlimmer, ganz allgemein. Irgendwie schaffte ich es in den November 2013. Davon, was im November passierte, erfahrt ihr etwas im zweiten Teil.

Landschaft – Eine Assoziation

Eine Anmerkung vorweg: Dieser Text entstand im Sommer 2019 während meines Aufenthaltes in einer psychiatrischen Tagesklinik. Aufgabe war es, eine Assoziation zum Begriff „Landschaft“ zu beschreiben und sich selbst darin zu integrieren.

——————————————————————————————–

Es ist ein leicht kühler Herbstnachmittag. Die Sonne ist hinter der hellgrauen Wolkendecke kaum zu erahnen und spendet dennoch angenehmes Licht.

Der Wind weht stürmisch durch die Baumwipfel des kleinen Knicks in dem ich stehe.
Die Blätter an den Bäumen beginnen gerade erst sich zu verfärben.

Links und rechts von mir sind Felder mit unterschiedlichen Herbstblumen, deren Namen ich nicht kenne.
Sie wachsen bunt durcheinander in rot, lila, weiß und blau.

Andere fänden diesen Ort wohl trostlos, das Wetter ungemütlich, kalt und trübe.

Für mich ist es lebendig und ruhig zugleich.
Dieser Knick vor dieser Kulisse, geschützt vor den Blicken derer, die ohnehin bei diesem Wetter in ihren Stuben sitzen. Die Situation hat etwas zeitloses, magisches, vielleicht schon verwunschenes.

Ich spüre den Wind auf meiner Haut, der mich belebt, mich mit sich ziehen will und Erinnerungen wach ruft. Bittersüße Erinnerungen.

Und trotz des starken Windes, der Bewegung und des Lebens, das er bringt, fühle ich mich so ruhig und geborgen wie lange nicht mehr. Ich bin ganz bei mir und genieße den Moment, bevor mich die Realität wieder einholt und ich einsehe, wie albern der Wunsch in mir ist, die Zeit anzuhalten oder besser noch mich hier und jetzt aufzulösen und eins zu werden mit dem Wind in den Bäumen, um mit den Blättern und Blumen zu tanzen.

„Siebenmal Meer“ – Eine etwas andere Rezension

Liebe Leser,

ich habe mich jetzt wieder einige Zeit nicht mehr gemeldet, tut mir leid! Zwar habe ich in letzter Zeit weiter geschrieben, aber eher im privaten Bereich oder lediglich Entwürfe, bei denen ich nicht weiterkomme.

Heute aber möchte ich euch über ein Buch berichten, das ich vor kurzem las.

An dieser Stelle ein herzliches Willkommen an einige neue Leser, die wahrscheinlich nur aus diesem Anlass hier gelandet sind. Ich hoffe, euch gefällt, was ihr hier lest. Wer mag, ist herzlich eingeladen, Leser des Blogs zu bleiben, alte Beiträge zu lesen und gerne auch zu kommentieren, wo er möchte.

Ich freue mich über jeden einzelnen von euch, ob „alter Hase“ oder neu dazu gestoßen, ganz gleich, ob es ein einmaliger Ausflug hierher ist oder ihr mir erhalten bleibt.

Zurück zum Beitragsthema:

Es wird keine klassische Rezension, weil es in diesem Blog ja um mich und meine Gesundheit gehen soll. Die „alten Hasen“ wissen das. Außerdem enthält so eine Kritik oft mehr oder minder Spoiler und die finde ich schwierig und werde versuchen, sie ein Stück weit zu vermeiden.

Ich möchte mich nicht zu sehr vom eigentlichen Grund des Blogs entfernen und ich denke auch, dass sich beides gut vereinen lässt.

Lasst mich also, bevor ich zu dem Buch komme, um das es hier heute gehen soll, ein wenig darüber sagen, warum ich etwas darüber schreiben möchte und was das mit meiner Gesundheit zu tun hat.

Für die Neuen: Ich leide u.a. an Depressionen und einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung. Des Weiteren dissoziiere ich recht häufig, wenngleich nicht immer gänzlich. All dies führt neben anderen Dingen auch dazu, dass ich mich sehr schlecht konzentrieren kann. Und wenn ich sehr schlecht sage, meine ich sehr schlecht. Bei der letzten Testung, die an einem eher guten Tag stattfand, lag ich bei etwa 30% vom Normwert. Außerdem habe ich Gedächtnislücken, mal mehr mal weniger stark ausgeprägt. Leider wirkt sich das bei mir auch meist auf das Lesen aus.

Vor ein paar Jahren war ich noch eine totale Leseratte. Ich las sehr unterschiedliche Bücher, verschlang sie geradezu und träumte mich in fremde Welten. Ich war eine von diesen nervigen Personen, die nach einer Buchverfilmung sagen „Aber das Buch war besser, Detail ABC war im Film nicht zu finden und das ist wichtig, weil, …“

Davon bin ich heute weit weg. Offen gesagt, ich weiß nicht, wann ich – vor dem Werk, von dem ich heute berichten möchte – das letzte Mal ein Buch vollständig gelesen habe.

Nicht, dass es keine Versuche gegeben hätte, denn ich habe mannigfaltige versucht zu lesen. Ich weiß, dass ich das wieder neu trainieren muss, weil ich es so lange nicht mehr getan habe. Die Konzentration und die Fähigkeit die Wörter zu lesen, zu verstehen und zu behalten wird nicht von alleine wieder in der Form zurückkommen, wie ich sie einmal mir zu eigen machen konnte.

Von Sachbüchern über Komödien, Krimis, (Psycho-)Thrillern, Liebesromanen, Pferdebüchern zu den Lieblingsbüchern vergangener Tage, selbst die Bibel war ein Versuch, wieder in die Welt des Lesens einzutauchen.

Egal wie interessant das Buch war, wie gespannt ich auf neue Welten war, wie sehr mich das Thema interessierte oder der Klappentext fesselte oder wie sehr ich emotional daran hing oder wie positiv es in meinem Kopf verknüpft war, keines konnte ich (vollständig) lesen.

Ob dick, ob dünn, ob komisch oder ernst, es war nicht ein einziges dabei, das ich geschafft hätte durchzulesen. Bei den meisten kam ich nicht über die ersten 10 Seiten.

Hier stapeln sich also Bücher, in die ich mich so gern wieder verkriechen wollen würde und starren mich gefühlt vorwurfsvoll an, während ich mich nach diesem Ventil sehne.

Folglich überlege ich mir jedes Buch, welches ich mir neu kaufe oder auch von anderen wünsche, doppelt und dreifach. Bücher, das wissen alle, die viel lesen, kosten einfach auch zurecht einiges an Geld und ich will keines verschwenden.

„Siebenmal Meer“ von Alia O. Feyh habe ich mir trotz alledem gekauft.

Die Autorin, das sei an dieser Stelle aber nur am Rande erwähnt, ist für mich der Grund gewesen, mich auf Twitter anzumelden. Sie ist für mich also eine Art „Promi“.

Seit ich von der Veröffentlichung des Buches wusste, war es auf meinem Wunschzettel fest gespeichert, aber so richtig konnte ich mich zu dem Zeitpunkt nicht überwinden es auch zu bestellen. Zu groß war die Angst, dass auch dieses Werk auf dem Stapel der nicht gelesenen Bücher landete.

Nun hat sie allerdings schon das nächste Werk angekündigt und auch das interessiert mich sehr. Also wagte ich es und bestellte mir das Buch.

So saß ich am 13. November nachmittags in meinem Lieblingssessel (Ja, es ist immer noch derselbe Sessel, der auch in „Erden“ eine Rolle spielt) und packte das Buch aus dem Päckchen aus, das ich wenige Minuten vorher überreicht bekommen hatte.

Leicht gewellt war das Buch. Das ist für mich tatsächlich eher unangenehm. Ich habe als Schülerin einige Jahre in der Lehrmittelbücherei gearbeitet. Dort habe ich einiges über Bücher gelernt und einiges an Schäden gesehen und repariert.

Ich bin bei Büchern wirklich sehr eigen. Während viele sich freuen, dass ein Buch „Spuren“ bekommt, weil man dann sieht, dass es auch wirklich „geliebt“/“benutzt“ wurde, möchte ich lieber ein Buch dreißig Mal lesen können und es sieht noch exakt aus wie vorher. Abnutzung ist also möglichst zu vermeiden.

Leihe ich dir also mal ein Buch aus, weißt du damit zwei Dinge:

  1. Ich mag dich und vertraue dir sehr. Ich verleihe Bücher extrem selten.
  2. Du solltest mit dem Buch extrem vorsichtig umgehen, auch wenn es dir pedantisch erscheint.

Ich sah mir das Buch näher an und war beruhigt. Es schien kein wirklich ernsthafter Wasserschaden zu sein. Meine Vermutung ist eher, dass die Feuchtigkeit beim Transport das Problem war.

Also begann ich zu lesen: „Siebenmal Meer“ von Alia O. Feyh (2020).

Ich wusste im Vorfeld über das Buch, dass es sich um sieben Kurzgeschichten handelt, die irgendwie miteinander und mit dem Meer zusammenhängen.

„Meer“ finde ich als Küstenkind schon ziemlich gut und ich dachte, dass Kurzgeschichten vielleicht wirklich leichter für mich zum „Lese-Start“ sein könnten.

Ich gebe zu, ich hatte ein bisschen das Gefühl wie in der ersten Klasse, wenn man die ersten Geschichten selber gelesen hatte und dann sein erstes eigenes „Leselöwen“-Buch bekam.

Zugegebenermaßen kam dieses Gefühl auch auf, weil das Buch, das dann vor mir lag, eben auch dünn und klein war und die gedruckten Seiten gefühlt wenig Text enthielten. Die Zeilen waren angenehm weit auseinander und die Nummerierung der Geschichten bzw. Kapitel übersichtlich. Allerdings gibt es hier eine doppelte Nummerierung, die mich anfangs verwirrte. Ich gebe zu, wirklich verstanden habe ich sie erst nachdem ich das komplette Buch gelesen habe. Zumindest denke ich, dass ich es jetzt verstanden habe. Vor dieser Erkenntnis allerdings hat mich die teilweise unterschiedliche („falsche“) Nummerierung ein kleines bisschen in den Wahnsinn getrieben.

Das alles (wenig Text, kleines Buch, tolle Autorin, Inhalt klang interessant) führte dazu, dass ich gern begann zu lesen.

Aber so weit war ich schon bei anderen Büchern gekommen. Die Angst schwang auf den ersten Seiten noch sehr mit, dass es mit diesem Buch genauso enden würde, wie mit vielen anderen vor ihm.

Aber schon im ersten Kapitel war ich vollständig abgetaucht in die Atmosphäre, die die Autorin mit wenigen gezielten Worten schafft. Dabei zaubert sie nicht nur die verschiedenen Stimmungen, die in diesen sehr unterschiedlichen Kapiteln jeweils vorherrschen, sondern erschafft Figuren, die alle mehrschichtig zu sein scheinen.

Zusammenfassend kann ich sagen: Es gibt nur eine einzige Figur, die aus meiner Sicht in allen sieben Geschichten nicht sowohl positive als auch negative Elemente vereint. Sicher, ich sehe und verstehe die Gründe, aber eine Figur ist für mich von A bis Z unsympathisch. Aber das ist bestimmt auch nur meiner persönlichen Meinung geschuldet.

Wie gesagt, ich mag keine Spoiler, auch nicht andeutungsweise, aber sie gehören zu einer Rezension dazu und ich möchte doch auch etwas zu den einzelnen Kapiteln und Figuren sagen. Auf die Handlung selbst werde ich dennoch versuchen weniger eingehen. Vielmehr möchte ich darstellen, wie die Charaktere auf mich in den einzelnen Kapiteln gewirkt haben und wie die Kapitel miteinander zusammenhängen. Wer absolut gar keinen Ausblick haben möchte, dem sei an dieser Stelle gesagt: Absolute Leseempfehlung, viel Spaß damit!

———————————————————————————————————–

Für alle anderen:

Im ersten Kapitel kommen im Wesentlichen zwei Personen vor, wovon nur eine, Joris, Protagonist im weiteren Buch ist. Er trifft auf ein namenloses Mädchen, als er eigentlich alleine sein möchte und gerät in Streit mit ihr.

Ich gestehe, dass ich beide Figuren nicht mochte, so sehr ich es auch versuchte. Beide nervten mich, trotz einer gewissen Parallele zwischen mir und Joris. Wir haben beide dieselbe „Macke“, aber anders ausgeprägt. Absolutes Konfliktpotenzial. Ich wusste, würden Joris und ich uns im realen Raum begegnen, hätten wir ein großes Problem miteinander, trotz allem Verständnis für den anderen. Hier zeigt sich für mich die Vielschichtigkeit, mit der die Schriftstellerin die Figuren erschafft.

Daran, wie sehr mich die beiden Figuren nervten, merkte ich, wie ich in das Buch eintauchte, Zuschauer dieser total seltsamen Situation wurde und sich die beiden Figuren auch im Laufe des Kapitels veränderten. So schätzte ich beide anfangs als deutlich älter ein, als sie dann später benannt wurden.

Schnell flüchtete ich mich in das zweite Kapitel, in der Hoffnung, dort eine Figur zu finden, die mir sympathischer war. Ich war dankbar, dass es sich um mehrere Kurzgeschichten handeln sollte und nicht um eine lineare Geschichte. Ich hatte Erfolg.

In diesem Kapitel gibt es im Grunde genommen nur eine einzige handelnde Person. Wobei „Handlung“ hat dieser Abschnitt eher wenig zu bieten, da die hier vorkommende Figur eher ihren Gedanken nachhängt. Hier begegnet dem Leser eine Ärztin, die das Meer aufsucht, um die Erlebnisse mit einer Patientin Revue passieren zu lassen. Obwohl sie in einer ganz anderen Situation ist als ich und ihr auch ein anderer Charakter geschaffen wurde, konnte ich mich sofort in ihre Lage versetzen und darüber nachdenken, wie ich mich fühlen würde, würde ich in ihrer Haut stecken.

Beruhigt durch das zweite Kapitel sprang ich in die dritte und für mich schwierigste Geschichte des Buches. Bis hierhin hatte ich in einem Rutsch durchgelesen und sogar mein Handy ignoriert, das sich mehrmals in der Zeit bemerkbar gemacht hatte. (Ja, ich gehöre für gewöhnlich zu denjenigen, die ihr Handy eigentlich bewusst ausschalten müssen, um nicht ständig abgelenkt zu werden.)

Hier aber ging es richtig zur Sache oder um es ganz deutlich zu sagen: Der Leser wird hier Zeuge eines schaurigen Verbrechens.

Schon um mich selbst etwas abzulenken, fragte ich mich, wie diese Geschichten wohl zusammenhängen sollten, denn das war jetzt die dritte von sieben und noch sah ich keinen Zusammenhang. Ich bin aber auch manchmal schwer von Begriff.

Ich schwankte zwischen dem Wunsch, das Kapitel nicht weiter lesen zu „müssen“, weil für mich sehr schnell absehbar war, was passieren würde, und dem Drang, es schnell hinter mich zu bringen, damit ich im vierten Teil des Buches hoffentlich wieder Ruhe finden würde. Es war ein Wechselbad der Gefühle und ein wirklicher innerer Kampf für mich.

Erst während ich noch das vierte Kapitel las, meinte ich die erste Verbindung zu entdecken zwischen Kapitel zwei und drei. Der erste Abschnitt des Buches lag für mich am Anfang des vierten Kapitels weiterhin irgendwie gesondert da.

Hier traf ich mit Leonie auf eine Protagonistin, mit der ich wieder eine Gemeinsamkeit hatte: die Angststörung.

Ich gestehe, Leute (real wie fiktiv), mit denen ich solche Gemeinsamkeiten habe, haben bei mir erst einmal ein Stein im Brett, also mochte ich Leonie anfangs uneingeschränkt. Das würde sich erst an anderer Stelle ändern.
Durch ihre eigene Störung ist Leonie vielleicht sensibler, als Menschen ohne psychische Vorerkrankung und somit ist ihr Verständnis für ihren Gesprächspartner recht weit gefasst.

Am Ende des Kapitels war klar: Die Ähnlichkeit von Leonies Gegenüber zu Joris vom Anfang des Buches ist kein Zufall: Es ist Joris.

Allerdings versöhnte mich diese Begegnung etwas mit ihm, wenngleich ich bei dem Schluss bleibe, dass wir uns im echten Leben nicht gut verstünden.

Die Situation zwischen Joris und Leonie ist eine gänzlich andere als die im ersten Kapitel beschriebene Begegnung und eine deutlich harmonischere. Mit dem Nachgeschmack des vorherigen Kapitels kann ich einen gewissen negativen Schauder an ein oder zwei Stellen im Kapitel nicht leugnen.

Auch im fünften Kapitel begegnet der Leser wieder den beiden. Wieder ist es ein Kapitel, in dem eher wenig äußere Handlung passiert. Trotzdem lernt man beide Charaktere etwas näher kennen und kann bei beiden eine Persönlichkeitsentwicklung beobachten.

Leonie, die ich bei ihrem ersten Auftritt durchweg positiv wahrgenommen habe, bekommt für mich die ersten „Makel“, während Joris mir weiterhin eher sympathisch erscheint. Der Leser spürt die Dynamik zwischen den beiden, durch die exzellente Wortwahl der Schriftstellerin, ohne dass dafür große Aktivitäten von Nöten wären.

Das sechste Kapitel erschloss sich mir nicht gleich. Ich konnte weder erkennen, welche Funktion es für die Handlungsstränge haben könnte, noch wie es sich zeitlich einfügen sollte. Denn das hatte ich nun schon erkannt, die Zeitlinie ging nicht linear durch die Kapitel. Sie waren nicht chronologisch geordnet. Der Zusammenhang wurde mir erst klar, als auch hier Joris wieder auftauchte.

Nach dem dritten Kapitel war dieses für mich emotional das schwierigste.
Prinzipiell ist total klar, dass die in diesem Kapitel neu eingeführte Person des René (bzw. Hans) aus moralischer Sicht nicht fair handelt, auf verschiedenen Ebenen. Ich bin allerdings jemand, der nach Motiven fragt und die Handlungsweisen von Personen verstehen will, gerade in so eindeutig wirkenden Fällen. So ist beispielsweise die Verbindung zwischen Joris und Leonie nicht unbedingt moralisch einwandfrei, für mich jedoch unproblematisch.

Die Autorin versteht es auch hier subtil Hinweise zu geben, die das Verhalten von René begründen und damit entschärfen könnten. Ich bin in solchen Situationen schätzungsweise jemand, der viel Verständnis für die Situation eines Menschen aufbringen kann. Bisweilen wird mir nachgesagt, dass ich schon eher zu viel Verständnis für die Fehltritte meiner Mitmenschen zeige.

So wollte ich auch hier mit Verständnis an die Figur des René herantreten, zumal ich nicht beschwören könnte, nicht eine ähnliche Art an den Tag zu legen. Trotz dieser Hinweise und dem Umstand, dass ich René vielleicht ähnlicher bin, als mir lieb ist, bleibe ich bei dem Schluss, dass diese eine Figur für mich einfach falsch gehandelt hat und dass auch die gegebenen entschärfenden Gründe nichts daran verändern können. Für mich tritt keine „Schuldminderung“ ein.

Das letzte Kapitel las ich von Anfang an mit großer Trauer, denn nicht nur hatte man im sechsten Kapitel einige schwerwiegende Details über Joris Vergangenheit erfahren und die Erkenntnis gewonnen, dass man einiges davon schon im dritten Kapitel „wusste“ ohne es zu merken (oder ich war da eine Ausnahme?). Mir war auch klar, dass es das letzte Kapitel sein würde. Danach wäre das Buch schon zu Ende. Ich hatte es dann wirklich in einem Rutsch durchgelesen.

Das siebte Kapitel ist wieder für Leonie und Joris reserviert. Es rundet die Rahmenhandlung ab, mehr „Funktion“ ist hier nicht zu finden. Joris versucht, die neuen Erkenntnisse über sein Leben, die er von René bekommen hat, zu verarbeiten. Sein Verhalten jedoch schmälert meine Zuneigung für ihn wieder dezent.

Das ist nicht weiter von Belang, denn Leonie stört ihn ohnehin dabei, ohne es zu merken. Und auch wenn diese Störung eine durchaus positive Konsequenz hat, werden die Risse in meiner Sympathie für ihre Figur in dem Kapitel etwas tiefer. Es fällt mir schwer zu ertragen, dass sie die Zusammenhänge nicht in dem Maße sieht, wie ich glaube, dass ich sie an ihrer Stelle sehen würde.

So endet das Buch im Prinzip mit einem nicht kitschigen „Happy Ending“ und lässt mich trotzdem nicht mit einem uneingeschränkt positiven Gefühl zurück.

Im Gegenteil ist es eine Flut an Gefühlen gewesen, die mich nach dem Lesen des Buches übermannt hat.

Neben der Freude für Joris und seine Gefährtin, neben der Bewunderung für diese Autorin die es schafft ihre Worte gezielt einzusetzen und von deren Talent mit Worten zu spielen ich mir gerne eine Scheibe abschneiden würde, sind da noch andere Aspekte in mir.

Nicht nur, dass die Stimmungslagen in den Kapiteln sehr unterschiedlich waren, und der Leser von einem Gefühl ins nächste getrieben wird. Auch die Vielfältigkeit der einzelnen Charaktere macht es schwer, mit einem eindeutigen Gefühl aus dem Buch zurück in die Wirklichkeit zu treten. Das allerdings macht in meinen Augen „Siebenmal Meer“ nur noch genialer und lesenswerter.

Auch wenn Alia O. Feyh es geschafft hat, in erstaunlich wenigen Worten Charaktere zu schaffen, die weder „schwarz“ noch „weiß“ sind, sind es hier eben doch „nur Kurzgeschichten“, sodass ich als Leser mit einem gewissen Hunger nach mehr zurückgelassen wurde. Gern wäre ich noch tiefer in die Hintergründe einiger Charaktere getaucht. Hätte gerne erfahren, warum Joris seine „Macke“ entwickelt hat oder was zu Leonies Angststörung geführt hat. Auch Joris Mutter oder René hätte ich gerne kennengelernt.

Aber dann wäre aus der Sammlung von Kurzgeschichten ganz schnell ein dicker Roman geworden. Auch wenn ich nicht glaube, dass dieser unter der Feder von speziell dieser Schriftstellerin ein langatmiger geworden wäre, hätte es meine Fähigkeit, das Buch komplett zu lesen mindern können.

Denn auch das nehme ich aus diesem Buch mit: Ich kann es noch, dieses „lesen und in fremde Welten eintauchen“. Ich habe seit Jahren erstmalig ein vollständiges Buch gelesen. Ja, ein kurzes, aber es ist ein Anfang. Ein Erfolg, den ich in den letzten Jahren nicht verbuchen konnte. Wie am Anfang des Buches habe ich auch nach Beendigung des Lesens meinen „Leselöwen-Moment“. Ein wenig ist es, als hätte ich das erste Mal ein Buch ganz alleine gelesen.

Daher ist das wichtigste von allen Gefühlen, die das Buch bei mir hinterlassen hat, dieses: ehrlich empfundene Dankbarkeit.

Danke Alia O. Feyh für dieses wunderbare Buch und dafür, mit wie viel Hingabe hier mit Inhalt und Form gearbeitet wurde. Danke für dieses Erfolgserlebnis, das sich wie ein Meilenstein anfühlt.

Mein Fazit:

Das Buch ist eine absolute Pflichtlektüre und somit bekräftige ich hier meine unbedingte und absolute Leseempfehlung für jeden, der das Meer, ein wenig schräge Charaktere und Kurzgeschichten mag, die sich dann doch miteinander verweben.

Ein Tag – Zwei Perspektiven (Teil 2/2)

Teil 2: The other side – Die Lichtblicke

So lag ich dort in meinem Bett, ging den gesamten Tag noch einmal im Kopf durch und weinte.

Sicherlich nun auch, weil der Tag mich mehr Kraft gekostet hatte, als ich kalkuliert hatte. Denn wäre ich wenigstens darauf vorbereitet gewesen, dass heute ein anstrengender Tag werden würde, es hätte mich wohl nicht so sehr geschlaucht, wie es nun der Fall war.

Allerdings war der größte Teil der Tränen meiner Dankbarkeit geschuldet und wieder ging ich im Kopf all die Menschen durch, denen ich an diesem Tag begegnet war und die gut zu mir gewesen waren.


Da war die Dankbarkeit für Michaela, die immer so flexibel und hilfsbereit für mich da ist und inzwischen nicht nur meine Assistenzkraft, sondern eine gute Freundin ist. Die morgens umsonst früher aufgestanden ist und durch mich einen deutlich längeren Tag als erwartet hatte.

Diejenige, die mir an diesem Tag, wie schon viele andere Tage zuvor, viel emotionale und praktische Hilfe war und die mich, obwohl auch ihr Tag anstrengend war, mich so sehr unterstützt hatte. Die ohne zu jammern oder sich zu beschweren für mich einkaufte und mich auch in meiner Wohnung nicht spüren ließ, dass ich wohl keine große Hilfe war.

Für meine Psychiaterin, die sich nicht nur für ihre Notfälle immer genügend Zeit und Ruhe nahm, denn das wusste ich auch schon aus eigener Erfahrung, sondern auch mich zusätzlich noch in Kenntnis gesetzt hatte, warum sich der Termin so verzögerte und mich sogar fragte, ob das für mich in Ordnung sei.
Jetzt am Abend, hier in meinem Bett, konnte ich auch dankbar dafür sein, dass ich nicht der Notfall gewesen war an diesem Tag.
Auch die Dankbarkeit dafür, dass sie meine Gesundheit in einem Rundumblick behält und immer wieder auf andere Notwendigkeiten hinweist, wie an diesem Freitag den Besuch eines weiteren Arztes. Wohl wissend, dass ich von dieser Idee nicht begeistert wäre und es sicher der leichtere Weg für sie gewesen wäre, es zu „vergessen“ nachzufragen oder einfach zu akzeptieren, dass die Patientin „unwillig“ ist.

Dankbarkeit für meine Freundin Angela, die mir das Wasser gebracht hatte und eine tolle Stunde mit mir im Auto saß und nicht böse war, dass ich zu spät zu unserer Verabredung kam oder dass ich nicht wirklich eine aufmerksame Zuhörerin war.

Für Herrn M., der scheinbar immer gute Laune hat, mir zum wiederholten Male mit meinem Auto half und das so mühelos aussehen ließ.

Dankbarkeit für die Leitung der Tagesklinik, für den Tipp und die lieben Worte des Mifühlens.

Für meine Mutter, die sofort angeboten hatte, zur Hilfe zu kommen, obwohl sie bei der Arbeit war und es sie unnötig Zeit gekostet hätte und obwohl sie wusste, dass ich eben auch andere Menschen fragen konnte. Für das Verständnis, dass die Möglichkeit bestand, dass ich es an diesem Tag einfach nicht schaffen konnte und dafür, dass sie mir trotzdem Mut machte, dies zu tun.

(Und dafür, dass ich wusste, ich konnte sie spontan mit Michaela zusammen „überfallen“, um kurz auf die Toilette gehen zu können.)

Dankbarkeit für meine Autowerkstatt, die sofort eine Antwort für mich hatte, obwohl ich dort völlig ungeplant aufkreuzte und es so aussah, als hätten sie mehr als genug zu tun.

Für meinen Partner, der sich nach seinem langen Arbeitstag am Telefon erzählen ließ, wie schlimm mein Tag war, wo ich doch zu dem Zeitpunkt noch kein Licht sah.

Dankbarkeit für meine Nachbarn, die mir schnell geholfen hatten, obwohl es schon spät war und das Problem nun kein besonders wichtiges war. Die nicht einfach nur schnell den Fuß wieder in das dazugehörige Loch unter dem Sessel schoben, sondern sich Gedanken machten, wie das auch für eine Weile gut halten könnte und ein wenig Zeit für ein Pläuschchen hatten.

Ich lag also in meinem Bett und heulte vor Dankbarkeit. Plötzlich sah ich nicht nur das, was schwer gewesen war, sondern die hellen Momente, die Menschen, die mir halfen und da waren, die Lichtblicke.

Einen kurzen Moment lang, konnte ich mit geschlossenen Augen daliegen und einfach nur dankbar sein. Ende gut, alles gut?

Weit gefehlt, denn nach diesem Moment der Dankbarkeit „für Gott und die Welt“, kommen andere Gedanken, abermals dunklere.

Gedanken daran, was alles hätte schief gehen können, wären bestimmte Personen nicht so hilfreich und auch verfügbar gewesen. Oder wenn Dinge nicht geklappt hätten, selbst wenn man sie versucht hätte. Gedanken daran, welche Konsequenzen es gehabt hätte, hätte ich beispielsweise mein Auto nicht starten können oder das Auto neben mir beim Ausparken beschädigt.

Dieses „Gedankenkarussell der Katastrophen, die mir hätten passieren können, aber nicht passiert sind“ kenne ich schon. Ich schaue keine Horrorfilme, aber so ein Karussel stelle ich mir doch mit der richtigen Beleuchtung und einer schaurigen Hintergrundmusik durchaus gruselig vor.

Relativ schnell schaffe ich es, die Gedankenschleife darum zu verlassen, denn darin habe ich inzwischen Übung. Allerdings in diesem Fall nur, um in die nächste Falle zu tappen.

Dankbarkeit alleine, die sich freut über welche Umstände auch immer, ist etwas, was mir mittlerweile fremd und nicht möglich geworden ist. Sie ist ein zweischneidiges Schwert.

Die Freude ist die eine Seite, die andere ist ein Gefühl von „Schuld“, eine Art schlechtes Gewissen.

Wie viele Menschen hatte ich an diesem Freitag „gebraucht“, die eigentlich andere Pläne hatten? Die besseres vor hatten und keinerlei Schuld an meiner Situation trugen und trotzdem dadurch Unannehmlichkeiten ertragen mussten? Es waren viele gewesen, zu viele.

Wie konnte ich das denn je wieder gut machen? Wie meine Dankbarkeit zeigen, denn das war mir sicher über den Tag hinweg nicht gut genug gelungen, wie meine Schuld begleichen?

So geht es mir nahezu jedes Mal, wenn jemand gut zu mir ist oder etwas für mich tut.

Ich ging die einzelnen Personen durch, die mich an diesem Tag unterstützt hatten und versuchte Ideen zu entwickeln, wie ich zumindest einen Teil meiner Schuld tilgen und meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen konnte.

Eingeschlafen bin ich dann mit dem Gedanken, dass ich wahrscheinlich keine Lösung für mein Problem fände und es nicht schaffen würde, meine Schuld zurück zu zahlen.

Das ist die zweite Seite der Dankbarkeit. Die Seite, die sich auch nicht gehört zu zeigen, denn sie ist vielen Menschen wohl vollkommen unverständlich. Was wären also dann die Folgen für mich und die Beziehungen zu den Menschen um mich herum? Würde man sich von mir abwenden? Würde man meine Gefühle belächeln? Mich für verrückt erklären? Hatten das nicht eh alle schon längst getan?
Würde man vehement jede Anstrengung vermeiden, aus Angst, ich könnte ein schlechtes Gewissen haben? Das hatte ich doch aber ohnehin, ohne dass irgendwer irgendetwas dagegen tun könnte. Diese dominantere Seite der Dankbarkeit endet zwangsläufig in Selbstvorwürfen. Warum konnte ich nicht „einfach“ dankbar sein und mich freuen, so wie andere Menschen es auch taten. Warum war ich nicht einmal normal?


Diese Seite der Dankbarkeit fühlt sich nicht gut, freundlich, warm und harmonisch an. Sie macht mir Angst, sie hemmt mich und hindert mich oft, um Hilfe zu fragen. Sie setzt mich unter Druck, stellt mich unter Zugzwang, ist kalt und einschüchternd.
In meinem Kopf entsteht dann eine Art „T-Konto“, indem ich alles gegeneinander aufwiege, was andere Menschen für mich getan haben, im Gegensatz zu dem, was ich getan habe. Die Bewertung sieht am Ende der Abrechnung allerdings für mich nie wirklich gut aus.
Es mündet in einer Art inneren „Konkurrenzkampf“, den ich scheinbar gegen die Helfer führe, ohne eine Chance zu gewinnen. Dieser Kampf ist einseitig geführt. Das bedeutet, dass ich andere Hilfeleistungen nicht in dem Sinne als „Konkurrenz“ wahrnehme, dass ich denke, diese werden nur aus Berechnung erbracht und es ist bei weitem nicht so, dass ich Dinge aus Berechnung tue.

Dieser Teil meiner Gefühle ist unglaublich schwer für mich in Worte zu fassen und ich hoffe, man kann irgendwie verstehen, was ich meine.

Vielleicht hilft ein Beispiel:

Du und ich, wir sind Freunde und verabredet. Wir haben die selbe Lieblingssüßigkeit, sagen wir einen Schokoriegel.

Ich bin einkaufen und sehe diesen Schokoriegel im Regal. Weil wir verabredet sind, denke ich dabei an dich und nehme ihn dir als Geschenk mit, eventuell kaufe ich sogar zwei, für jeden von uns einen. Du freust dich sichtbar und bedankst dich. Eventuell angebotenes Geld für den Riegel lehne ich selbstverständlich ab, er ist ein Geschenk.

Bei unserer nächsten Verabredung hast du ebenfalls für uns je einen Riegel gekauft. Genauso wie ich vor einiger Zeit lehnst du jetzt ab, von mir Geld zu bekommen.

Mein inneres Konto könnte jetzt wohl ausgeglichen sein. Wäre dieses Bild in meinem Inneren mit einer gesunden Psyche verknüpft, wäre es das wohl. Zumindest stelle ich es mir so vor „gesund“ zu sein.

In meinem Kopf ist die Waage aber nicht ausgeglichen. Die „Schuld“ liegt bei mir und das sogar mehrfach:

  1. Die Ursprungsaktion – mein Kauf der Riegel – kommt in meiner Kontoführung gar nicht vor.

  2. Du hast mir den Riegel mitgebracht und in meinem Kopf hattest du dadurch „Umstände“, egal ob du wie ich ohnehin einkaufen warst, oder ob du wirklich extra dafür losgegangen wärst.

  3. Du hättest dich eventuell durch mein gut gemeintes Geschenk dazu gedrängt fühlen können, die Aktion auszugleichen. Ich hätte also die Schuld daran, dich dazu genötigt zu haben.

  4. a.) Dadurch, dass du mein Geld nicht annehmen wolltest, schulde ich dir auch rein finanziell etwas.
    b.) Fallvariante: Du nimmst das Geld nun doch an, nachdem ich es dir vielleicht zwei oder dreimal angeboten habe. Auch hier trage ich die Schuld, dass du dich genötigt gefühlt haben könntest, das Geld anzunehmen, weil ich unfähig war, das Geschenk einfach anzunehmen und das obwohl ich ehrlich dankbar war.


Das Konto steht also mindestens 4:0 zu meinen Lasten und das schon bei einem Beispiel, bei dem es auf den ersten Blick ausgeglichen aussieht.

Wäre der Fall andersherum geschehen, sprich wärst du der erste gewesen, der den Riegel zu einer Verabredung mitgebracht hätte, hätte es wie folgt ausgesehen:

  1. Du hättest den ersten Pluspunkt bekommen, für die Idee. Indes hätte ich einen Minuspunkt gesammelt („Was bin ich für eine schlechte Freundin, dass ich darauf nicht gekommen bin?“ << Ein Punkt, den ich dir niemals ankreiden würde!)

  2. Ein zweiter Pluspunkt besteht in der Umsetzung und dem Aufwand, den du dafür betrieben hast.

  3. Dann habe ich natürlich die finanziellen Schulden bei dir. Diese wäre durch einen späteren Kauf meinerseits nicht ausgeglichen in meinem Kopf, denn wie in dem ersten Beispiel, erscheint es nicht in meiner Rechnung.

  4. Meine Revanche mit dem Riegel könnte auf dich wirken, als wenn ich dich „nachmachen“ wollte oder zumindest, als würde ich mich gedrängt fühlen, auch wenn das nicht der Fall ist. Aber selbst für diesen Eindruck gebe ich mir die Schuld, auch wenn ich dir/uns die Schokolade gerne gekauft habe.

Die Sache mit dem Geld kürze ich hier mal ab. Ich hoffe, das Prinzip ist klar geworden? Und jetzt stellen wir uns mal vor, diese „Gleichung“ wäre nicht so ausgeglichen auf den ersten Blick, denn das ist sie oft nicht.

Der Arzt behandelt seinen Patienten – und der Patient? Was kann der für den Arzt tun? Nur um mal ein Beispiel zu nennen.

Natürlich ist mir irgendwo klar, dass ich da nicht ganz „richtig im Kopf“ bin, aber das ändert nichts daran, dass genau das meine ehrlichen Gefühle und Gedanken bei dem Thema sind.

So bleibt mein Fazit zu besagtem Freitag: Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mir, aber vor allem vielen netten Menschen einiges erspart, wäre ich morgens einfach gleich wieder ins Bett gegangen.

Auch dann hätte ich zwar Schuld auf mich geladen, nämlich die, Verabredungen nicht eingehalten zu haben, aber im Vergleich wäre das eventuell ein kleinerer Preis gewesen.

Und auch wenn der zweite Teil meines Textes wahrscheinlich auf viele sehr negativ wirkt, er ist definitiv der positive Blickwinkel auf diesen Tag und ich bin wirklich und ehrlich dankbar, für all die guten Begegnungen und Begebenheiten, die an diesem Tag gut gegangen sind. Ich bin so dankbar und freue mich darüber so sehr, dass ich es nicht in Worte fassen kann.

Also bleibe ich bei: Vielen herzlichen Dank!

Danke Michaela!

Danke Angela!

Danke Frau Doktor!

Danke Herr M.!

Danke Mama!

Danke an meinen Partner!

Danke an meine KfZ-Werkstatt!

Danke an meine Nachbarn!

Und vielen Dank, an alle Leser, die ich jetzt nicht verschreckt habe. Ihr seid alle toll, vergesst das bitte nicht!

Ein Tag – Zwei Perspektiven (Teil 1/2)

Teil 1: Der Tag für die Tonne – Warum bin ich nicht im Bett geblieben?

Kennt ihr das, wenn ihr morgens mit einem diffusen unguten Gefühl aufwacht, obwohl es keinen erkennbaren Grund dafür gibt und ihr am liebsten wieder ins Bett steigen würdet?

Vielleicht war es nur eine laut zuknallende Autotür, die euch geweckt hat, statt eures Lieblingssongs, den ihr im Wecker eingestellt habt. Oder ihr habt den Wecker gar nicht gehört und seid nur ein paar Minuten später aufgewacht als geplant. Oder ihr habt Bauchweh und verbringt etwas länger als geplant auf der Toilette?

Eben nichts „schlimmes“, aber nicht „perfekt“?

Kennt ihr das, wenn ihr diesem Drang dann aber nicht nachgebt und irgendwie durch den Tag hetzt und euch abends fragt, ob das jetzt wirklich nötig war und warum ihr diesem Drang nicht nachgegeben habt?

Solche Tage kennen wir bestimmt alle, oder?

Ich hatte dies letzten Freitag. In letzter Zeit schlafe ich ohnehin nicht sehr gut und eher wenig, weswegen mich gar nicht mehr wundert, dass ich nicht gut aus dem Bett komme und für die morgendlichen Vorbereitungen auch deutlich mehr Zeit brauche als üblich.

Daher stelle ich mir meinen Wecker mittlerweile auch etwas früher, als ich es „früher“ getan hätte.

Nun wachte ich Freitag auf mit Bauch- und Kopfweh. So weit, so normal. Im Moment besteht mein Frühstück aus 500mg ASS und Bauchschmerzen sind jetzt auch keine große Überraschung. Und trotzdem haben mich schon diese eher moderaten Schmerzen an diesem Tag aus dem Gleichgewicht gebracht.

Das „Mehr“ an Zeit, dass ich als Konsequenz auf der Toilette verbrachte, war nun leider auch länger, als ich eingeplant hatte und so stimmte mein Tagesplan gleich am Morgen nicht mehr. Kaum etwas stresst mich morgens mehr, als wenn Pläne nicht funktionieren.

Der Morgenspaziergang musste also etwas verschoben werden und für die morgendliche Hygiene musste ich mich etwas ranhalten.

An Freitagen mag ich das besonders wenig, da ich freitags morgens meine Therapiesitzungen habe. Wahrscheinlich ist das der Ort, an dem man mit am meisten Verständnis dafür hätte. Verständnis für „Tut mir leid, ich bin heute früh nicht aus dem Bett gekommen und daher etwas später dran.“ oder für „Duschen ging heute wirklich nicht.“

Aber diese Regeln gelten nicht für mich. Freitag ist morgens zu duschen oder mindestens am Donnerstag Abend und es werden saubere, ordentliche Klamotten angezogen.

Zu spät kommen ist für mich ohnehin ein spezielles Thema, das geht nicht. Nie, nirgendwo.

Glaubt mir, es wurde „trainiert“. Heißt, ich hatte nicht nur die Erlaubnis zu spät zu kommen, sondern sogar die Order dies zu tun. Mission impossible.

Was inzwischen manchmal geht, ist, zu privaten Verabredungen ein paar Minuten „zu spät“ zu kommen, wenn ich weiß, dass ohnehin nur eine grobe Uhrzeit angepeilt war. Selbst dann gibt es von mir meist vorab eine Nachricht, dass es sein könnte, dass ich zu spät komme.

(Fun Fact: es kam schon vor, dass ich nach einer solchen Nachricht 30 Minuten zu früh am Treffpunkt war.)

Also fuhr ich nach einer Katzenwäsche zu meiner Psychiaterin. Dadurch, dass ich etwas früher hinfuhr, um wenigstens dort noch ein paar Schritte zu laufen, bekam ich zumindest einen guten Parkplatz. Dass ich meine Wasserflasche vergessen hatte aufzufüllen, merkte ich aber leider zu spät.

Aber ich hatte immer noch Schmerzen und fühlte mich dreckig und ungepflegt, obwohl mir noch mehrere liebe Menschen an dem Tag das Gegenteil versicherten.

Wegen der aktuellen Hygienemaßnahmen warte ich aktuell vor der Praxis darauf, von meiner Ärztin rein geholt zu werden und gleich in ihr Zimmer zu können. Zwar gibt es dort auch ein Wartezimmer, aber natürlich herrscht in diesem Maskenpflicht und ich komme damit nicht gut klar, wenn es sich nicht gerade nur um ein paar Minuten handelt.

Auf die Gründe gehe ich eventuell in einem anderen Beitrag ein.

Nun stand ich etwa 20 Minuten vor der Praxis und wartete vergebens auf meine Ärztin. Innerlich wägte ich also ab, was zu tun war. Meine Beine schmerzten vom langen Stehen extrem. Lange konnte ich so nicht mehr stehen. Im Grunde genommen wunderte es mich, dass ich länger als 10 Minuten durchgehalten hatte. Was also tun? Auf die Bank um die Ecke setzen und riskieren, dass sie mich nicht sieht? Oder trotz der Wärme und meiner Probleme mit MNS ins Wartezimmer setzen?

Ich entschied mich für letzteres. Ein paar Minuten später kam dann auch die Ärztin zu mir und fragte mich, ob ich eventuell etwas Zeit mitgebracht hätte, da sie gerne einen Notfall vorziehen wollen würde. Ehrensache! Notfälle gehen vor, auch in der PIA (Psychiatrische Institutsambulanz). Wäre ich dieser Notfall, würde ich mich wahrscheinlich freuen, nicht noch lange im Wartebereich sitzen zu müssen.

Zwar hatte ich eine Verabredung, aber die war privater Natur, ich hätte sie ohnehin nicht mehr pünktlich einhalten können und es war eine andere Patientin, die sicher Verständnis hätte (und so war es auch).

So kam ich fast eine Stunde später als geplant in das Zimmer meiner Ärztin und konnte endlich dieses Stück Stoff vom Gesicht nehmen.

Die Stunde bei ihr verlief dann trotzdem eher zäh, ohne, dass ich erklären könnte, warum. Sie endete aber im Prinzip damit, dass ich mich noch rechtfertigte, warum ich trotz einer Verabredung dem Notfall Vorrang gegeben hatte.

In meinem Kopf ergänzte ich die Liste der Gründe, warum ich hätte Zuhause bleiben sollen um einen weiteren Punkt. Mein „Lichtblick“ war die erwähnte Verabredung mit meiner Freundin Angela.

Die verlief auch sehr angenehm, wenngleich viel kürzer als geplant, und Wasser brachte sie mir auch noch mit. Von dem Gespräch, das wir gemütlich in meinem Auto sitzend führten, bekam ich nicht so viel mit, weil ich in Gedanken schon bei meinem nächsten Problem war: Der Parkplatz.

Falls ihr jemals dumme Klischeewitze über Frauen und Parken gehört habt: Ich bin Schuld und zwar an jedem einzelnen davon. Ich kann nicht gut ein- oder ausparken. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich mit üben zugebracht habe (und noch zubringe), aber wirklich besser wurde es bislang nicht. Der Parkplatz vor der Praxis der PIA (mit benachbarter Tagesklinik) ist zudem eher eng, hat eine Schräglage und es gibt keine Markierungen, sodass die Menschen bisweilen sehr kreativ dort parken.

Der Versuch meiner Freundin, mich aus der Parklücke zu winken, scheiterte. Nun setzte wieder mein „Was würden andere Erwachsene jetzt tun“-Gedankengang ein. Ich kam zu dem Schluss, dass andere eventuell versuchen würden, jemanden nach Hilfe zu fragen. Das war für mich nicht wirklich eine Option.

Viel zu peinlich, zumal der einzige, den ich mich getraut hätte, zu fragen, mein Auto aus so einer Lage zu befreien, auch derjenige gewesen wäre, der das schon einige Male getan hatte. Peinlich hoch zehn sozusagen.

Herr M. sitzt in der PIA an der Anmeldung und ich bin überzeugt, dieser Mann kennt keine schlechte Laune. Immer freundlich, immer irgendwie lustig und positiv drauf, ohne dabei mit seiner guten Laune aufdringlich zu sein. Herr M. strahlt Sicherheit und Ruhe aus.

Ich mag ihn dafür sehr.

Ich erinnerte mich wieder daran, warum ich diesen Parkplatz eigentlich meide. Nächste Woche würde ich wieder weiter weg und dafür „sicher“ auf dem Parkstreifen der Nebenstraße parken, nahm ich mir vor.

Also Plan B: Warten, bis die betreffenden Fahrzeuge nicht mehr da waren und hoffen, dass es keine Tagesklinikpatienten waren. Ich verfluchte mich innerlich abwechselnd dafür, dass ich zu dumm war zum Parken, dafür, dass ich dort überhaupt geparkt hatte, wissend, dass das Ausparken ein Risiko war und dafür, dass ich nicht „einfach“ um Hilfe fragen konnte.

Meine Freundin musste mich dann irgendwann alleine lassen, dafür meldete sich meine Assistenzkraft Michaela bei mir.

Sie hatte morgens in dem Teil des Dorfes zu tun gehabt, in dem auch ich war und ich hatte ihr am Vortag zugesichert, dass ich sie von dort aus abholen würde. Busverbindungen auf dem Dorf sind ja eher suboptimal und wir wollten außerdem noch gemeinsam einkaufen und bei mir im Haushalt einige Dinge erledigen.

So teilte ich ihr mit, dass ich sie ja furchtbar gern abholen würde, aber irgendwie feststeckte.

„Hallo, schlechtes Gewissen, hallo Selbstvorwürfe, lange nicht gesehen.“ Manchmal macht so etwas mürbe und müde.

Inzwischen ging auch mein Handyakku langsam aber sicher runter. Aber wenigstens das konnte ich im Auto erledigen: das Ladegerät war immer dabei.

Als Michaela bei meinem Auto angekommen war, wollten wir einen weiteren Versuch starten auszuparken, da ich nun wirklich keine Lust hatte, bis um 16.00 Uhr dort zu stehen und sie war optimistisch, dass wir das zusammen hinkriegen würden. Auch sie winkt mich regelmäßig irgendwo heraus und herein.

In dem Moment, als ich den Motor starten wollte, gab allerdings die Autobatterie den Geist auf. So komplett. Mein Auto sagte keinen Ton mehr und das Handy war auch bei weitem noch nicht aufgeladen. Ein kaputtes Auto ist für mich ungefähr der „Super-GAU“ und das letzte Mal, dass ich mein Auto in die Werkstatt bringen und dort lassen musste, ist auch gar nicht so lange her.

Michaela schaffte es irgendwie meine Panikattacke wieder in den Griff zu bekommen und mir gut zuzureden. Nach einem kurzen Telefonat mit meiner Mutter, bestätigte sich mein Verdacht bezüglich der Batterie.

Durch die Pandemie hatte ich fast ausschließlich Dorffahrten unternommen, aber mein Handy regelmäßig aufgeladen. Mein Auto hat also seit Anfang März kaum Möglichkeiten bekommen, „Saft“ aufzuladen, war aber immer wieder gefordert welchen herzugeben. Dass das auf Dauer nicht gut gehen würde, war mir im Nachhinein klar. Ja, hinterher ist man irgendwie immer schlauer.

Wie praktisch, dass ich immer ein Fremdstartkabel im Kofferraum habe, seit ich mit meinem ersten Auto einmal eins gebraucht hätte, aber nicht dabei hatte. Wie unpraktisch aber, dass sich auch mein Kofferraum nicht überreden ließ, sich zu öffnen.

Jetzt musste ich also doch jemanden ansprechen, um Hilfe zu bekommen und diese Person musste nicht nur Willens sein mir zu helfen, sie musste auch ein Starthilfekabel verfügbar haben. Ich vernahm die Stimme der Tagesklinikleitung. Diese hatte ich im letzten Jahr kennen und sehr schätzen gelernt. Also ein guter Start für meinen „Hilferuf“. Leider vergebens. Er verwies mich aber an Herrn M. aus der Ambulanz.

Welch Überraschung. Wahrscheinlich hätte ich mir ein bis zwei Stunden Hintern plattsitzen im Auto und eine leere Batterie sparen können, wenn ich ihn schon früher angesprochen hätte.

An dieser Stelle würde ich gerne sagen, dass mir dies sicher eine Lehre für das nächste Mal (auf das ich verzichten kann) wäre, aber das wäre gelogen.

Und auch wenn ich Herrn M. mag und von einer weiteren Person bestätigt wurde, dass man ihn durchaus fragen kann, kostete es mich durchaus Mut ihn zu fragen.

Direkt zu fragen, ob er mir helfen könne, traute ich mich erst gar nicht. Ich fragte lediglich, ob er jemanden wisse, der über ein Starthilfekabel verfüge und mir damit Starthilfe geben könne.

Herr M. war ganz Herr M. Er schmunzelte und nickte „Ja, da kenne ich jemanden.“

So stand ich etwas hilflos vor ihm und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Etwas unsicher fragte ich nach, an wen er dabei dächte und hatte schon Angst, eine weitere, mir eventuell fremde Person, nach Hilfe fragen zu müssen.

Aber nein, ich hatte durchaus Glück. Herr M. hatte von sich selbst gesprochen und versprach, gleich sein Auto zu holen und zu helfen.

Erleichtert, dass zumindest das Problem mit der Batterie vorerst gelöst war, ging ich also zurück zu meinem Auto. Nun dachte ich noch daran, wie ich mein Auto selbst, wenn es wieder laufen sollte, je von diesem Parkplatz runterbekommen sollte. Denn auch das war klar: Ich musste fahren, sobald es gestartet war. Der Motor musste eine gewisse Zeit laufen und bestenfalls auch hochtourig fahren.

Zusätzlich dachte ich daran, dass ich auch noch einen Arzttermin vereinbaren musste. Das hatten meine Psychiaterin und ich abgesprochen, aber Begeisterung hatte diese „Idee“ nicht ausgelöst, zumal es ein fremder Arzt war in einer mir relativ fremden Stadt. Ich hielt diesen Termin für eher unnötig, vertraute aber meiner Ärztin, die ihn als zwingend notwendig erachtet. Ihr zuliebe hatte ich zugestimmt.

Wieder sehnte ich mich nach meinem Bett. Warum war ich gleich nochmal aus dem Haus gegangen statt mich unter meiner Decke zu verkriechen? Ach ja, weil es „vernünftig“ war. Ich bin, auch wenn ich lerne immer öfter auch auf mein Bauchgefühl zu hören, trotz allem ein sehr vernunftsorientierter Mensch. „Das ist vernünftig so.“ ist ein valides Argument in meiner Welt.

Herr M. riss mich mit seiner Hilfe aus den unerfreulichen Gedanken und mein Auto ließ sich ganz artig fremdstarten. Wie gut, dass ich morgens zumindest rückwärts eingeparkt hatte.

Nun traute ich mich, jetzt, wo er schonmal da war, sogar noch, ihn zu bitten, mir beim Ausparken zu helfen. Denn, auch wenn Michaela sicher war, mich dort rauswinken zu können und ich ihr das durchaus zutraute, traute ich mir nicht mehr zu, es aus der Parklücke zu schaffen und das Auto, welches neben mir parkte, sah neu und teuer aus. Mal ganz abgesehen davon, dass ich auch meines nicht beschädigen wollte.

Wahrscheinlich verstand Herr M. nicht wirklich, warum ich ein Problem damit hatte, übernahm aber freundlicherweise das Ausparken und wünschte uns beiden fröhlich ein schönes Wochenende.

Nun konnte ich also mein Auto wieder fahren und musste das auch eine Weile tun. Mein Angebot, Michaela einfach nach Hause zu bringen (immerhin hatte sie auch schon eine ganze Weile mit mir gemeinsam gewartet), lehnte sie dankend ab.

So fuhren wir gemeinsam noch eine ganze Weile über die Landstraßen und ich zeigte ihr bei der Gelegenheit ein paar Orte, an denen ich aufgewachsen war. Das bot sich an, weil in einem dieser Dörfer meine Autowerkstatt ansässig ist, bei der ich noch bezüglich einer neuen Autobatterie nachfragen wollte. Hier nannte man mir die groben Kosten einer neuen Batterie und den Zeitumfang, den es brauchen würde, um zu testen, ob diese nötig wäre. Allerdings gab es auch schon eine grobe Einschätzung, dass es wohl auf eine neue Batterie hinaus laufen würde.

In einem anderen Dorf unserer kleinen „Tour“ wohnte meine Mutter, bei der ich zumindest schnell noch etwas trinken und auf die Toilette gehen konnte.

Trotz dessen, dass das Ganze uns nun einige Stunden Zeit gekostet hatte und Michaela somit nicht früher, sondern deutlich später Zuhause sein würde, wollte sie an unserem Plan festhalten, den Haushalt und die Einkäufe hinter uns zu bringen. Ich hatte mich innerlich schon darauf eingestellt, dass das nicht klappen würde, wofür ich vollstes Verständnis gehabt hätte. Dieses Mal war ich allerdings so ausgelaugt vom Tag, dass ich ihr keine große Hilfe war und sie sogar den Einkauf ohne mich erledigen musste.

Als ich in meinem Auto auf dem Parkplatz saß und auf Michaela mit meinen Einkäufen wartete, war der erste Moment an diesem Tag, an dem ich wirklich allein zur Ruhe kam. In der Folge passierte das, was mir so oft passierte: Ich weinte. Nicht etwa, weil der Tag so anstrengend war, sondern aus Dankbarkeit. Plötzlich schossen mir all die guten Momente des Tages, die vielen hilfreichen Menschen in den Kopf. Neben der Freude über diese positiven Begegnungen über den Tag hinweg, hat Dankbarkeit in mir auch immer einen dunkleren Teil, aber dazu mehr im zweiten Teil meines Textes.

Es war also erst abends, als ich wieder Zuhause ankam und „Feierabend“ hatte.
Wieder bei mir angekommen, war der Plan: Essen kochen, gemütlich vorm Fernseher essen und danach direkt ins Bett gehen, denn ich war sehr müde.

Das Kochen war gut vorbereitet und daher kein großes Problem, obwohl ich wirklich ein Kochmuffel bin. Nebenbei telefonierte ich mit meinem Freund, der sich mein Gejammere über diesen Tag geduldig anhörte.

Als ich mich allerdings mit dem fertigen Essen in den Sessel setzen wollte, bemerkte ich, dass einer der Füße wieder einmal abgefallen war. Ich versuchte es müde, hungrig und entsprechend schlecht gelaunt selbst zu reparieren, ohne Erfolg.

An diesem Punkt hätte ich am liebsten geschrien und geheult. Stattdessen fragte ich eine liebe Nachbarin, ob sie mir helfen könne. Sie kam auch sofort mit ihrem Mann und platzierte provisorisch den Fuß wieder dort, wo er hingehörte.

Jetzt konnte ich endlich etwas essen, auch wenn es inzwischen etwas kalt geworden war.

Anschließend legte ich mich in mein Bett, dass ich an diesem Tag so oft vermisst hatte. Endlich! Endlich den Tag hinter mir lassen und mich dabei unter meiner Decke verkriechen.

Ich ließ den Tag noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren und ging jeden einzelnen Punkt durch, der schief gelaufen war.

Die Schmerzen und der Durchfall vom Morgen, das Verschieben müssen vom verabredeten Spaziergang, das Gefühl total ungepflegt zu sein, das sich bis zum Abend hin durchzog, weil die Zeit zum Duschen morgens fehlte.

Die Vorwürfe deswegen, dass ich nicht noch mehr Zeit eingeplant hatte. Schließlich hätte ich ahnen müssen, dass mir das passiert.
Dann das Vergessen meiner Wasserflasche, der viel kurz ausgefallene Spaziergang alleine, das Warten vor der Praxis und die damit verbundenen Schmerzen.

Das Verschieben müssen der Verabredung mit Angela, verbunden mit dem schlechten Gewissen, dass mich das etwas ärgerte, denn es war ja ein Notfall. Der Druck, dafür noch dankbar sein zu müssen, dass ich nicht der Notfall war und es in dem Moment einfach nicht sein konnte.

Die Vorwürfe mein Auto und die Parkplatzsituation betreffend und die Gedanken an die ungeplanten Kosten für die neue Autobatterie. Die Angst, dass mein Auto noch vor der neuen Batterie einmal wieder nicht anspringen könnte und Herr M. eventuell nicht zur Stelle wäre um zu helfen.

Mein Versagen, meine Assistenzkraft beim Einkauf zu begleiten, wissend, dass ihr Tag sogar noch länger und anstrengender war als meiner.

Der kaputte Sessel, dessen Reparatur ich viel zu lange schon aufschob, nicht nur aus Kostengründen und für den ich den gemütlichen Abend meiner Nachbarn noch gestört hatte.

Der Umstand, dass ich gefühlt den ganzen Tag Menschen um Hilfe anbetteln musste, obwohl ich es so schlimm fand, um Hilfe zu bitten und diese Menschen doch besseres zu tun hatten.

Wieder begann ich zu weinen.

Das ist doch behindernd! Teil 3/3

Zurück zu meinem konkreten Fall:

Wie erwähnt erfülle ich schon durch die Punkte „ständige Nutzung von Hilfsmitteln“ und „Schmerzen als Ausdruck der großen Anstrengung“ die Voraussetzungen für das „aG“ mehr als zu Genüge.

Dass die Voraussetzung durch den GdB gegeben ist, war nie fraglich.

Aber es gibt einen weiteren Punkt und hier möchte ich nochmals sowohl die Mediziner als auch die Verwaltungsangestellten und -beamten sensibilisieren:

Eine meiner gesicherten und von der Behörde anerkannten Diagnosen ist: „unvollständige Querschnittslähmung“.

Das bedeutet, dass zwar eine Rückenmarksschädigung vorliegt, diese aber nicht so gravierend ist, dass der Betroffene dauerhaft derart starke Lähmungen hat, dass er ständig auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. Ich spreche hier als medizinischer Laie (mehr noch als im juristischen Bereich). Diese Darstellung ist daher stark vereinfacht, andere Symptome der Querschnittslähmung ignoriere ich einfach mal völlig, da es für das hier genannte Beispiel nicht von Bedeutung ist.

Im Grunde genommen sagt es aus: Ich kann laufen, was in den allermeisten Situationen ein großes Glück ist. „Unvollständig“ sagt nichts darüber aus, wie weit ich laufen kann, wie leicht es mir fällt, wie schnell ich mich bewege oder ob ich Schmerzen habe.

In meinem Fall bedeutet diese Lähmung auch: Teile meiner Beine, meines Bauchs und Rückens sind komplett oder teilweise taub.

Wenn du mir also auf den Fuß treten und mich damit ärgern willst: Nimm den Rechten. Sieht lustig aus, wenn ich das nicht merke und dann beim Versuch einen Schritt zu machen auf die Schnauze falle. (Für euch getestet, danke Jule!)

Willst du mir aber wehtun: Nimm den Linken.

Durch die Taubheit sind meine Muskeln und somit meine Bewegungsmöglichkeiten teilweise eingeschränkt. Das ist auch etwas unterschiedlich von Tag zu Tag, aber die Tendenz bleibt und das ist nicht reversibel. Das hat unter anderem Konsequenzen für nahezu jede Bewegung, die ich mache. Der Kraft- und Konzentrationsaufwand ist vermutlich ein anderer, als bei einem Menschen ohne diese Einschränkung.

Warum „vermutlich“? Weil ich es nicht beurteilen kann. Ich war nie „nicht teilweise querschnittsgelähmt“. Aber rein logisch betrachtet ergibt diese Vermutung für mich Sinn.

Neben der inkompletten Lähmung habe ich natürlich noch andere Diagnosen. Warum ich diese aufführe, hat folgenden Grund:

Es steht in keiner Vorschrift (zumindest habe ich keine gefunden), dass der anzuerkennende Personenkreis eine vollständige Querschnittslähmung vorweisen muss, es ist lediglich die Rede von einer „Querschnittslähmung“.

Ich gestehe, dass ich laut lachen musste, zu lesen, dass man mir die Lähmung „abkauft“ um mir dann ein paar Sätze später zu begründen, ich sei ja nicht „querschnittsgelähmt“. Doch, meine Damen und Herren, ich bin querschnittsgelähmt und somit gehöre ich dem Personenkreis an!

Dass dies nicht der einzige Grund ist, aus dem einem das anerkannt wird und auf mich mehrere Gründe zutreffen, macht den jahrelangen Streit darum nur trauriger.

Falls Sie aus einer gesunden Skepsis heraus dies nicht glauben können, behelfen Sie sich doch bitte mit einem anderen Ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeug, der versorgungsärztlichen Untersuchung, als einfach abzulehnen.

In meinem Fall kann ich es sogar verstehen: Ich war schon über 20, als ich den ersten Antrag stellte und ich wollte aus Ihrer Sicht wahrscheinlich gleich „das volle Programm“. Ja, das kann einem am Schreibtisch sitzend „spanisch“ vorkommen. Zurecht!

Ich kann für mich sagen: Ich wollte zum einen nicht wahrhaben, wie immobil ich bin und zum anderen wie eingangs beschrieben, habe ich gewisse Hemmungen, angebotene Hilfen und zustehende Rechte „auszunutzen“.

Das können Sie von Ihrem Schreibtisch nicht sehen und ich erwarte hier ganz ausdrücklich kein Verständnis. An der Situation bin ich „selber Schuld“.

Also was macht man, wenn ein Antrag abgelehnt wurde, die Gründe dafür aber selbst für einen nahezu Laien fast schon amüsant sind?

Richtig, wieder Widerspruch einlegen. Wieder zu Untersuchungen, den Ärzten erklären, dass einem schon klar ist, dass man schon einmal da war und ihnen zustimmen, dass es eher unverständlich ist, dass der Antrag abgelehnt wurde.

(An dieser Stelle: Danke für das Verständnis meiner Ärzte. Ich weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist.)

Nebenbei versuchte ich meine innere Stimme zu knebeln, die mir wieder und wieder zuflüsterte, dass ich der Behörde schon vertrauen müsse, dass ich ja eventuell doch kein Recht darauf habe. Dass ich die Hilfe nicht verdiene und überhaupt geht es anderen ja viel schlechter. „Stell dich nicht so an und reiß dich mal zusammen!“

Das alles kostet Kraft. Kraft, die ich zeitweise einfach woanders hätte gebrauchen können.

Aber mit all der Hilfe, von Ärzten, Betreuern, Therapeuten, Freunden und Familie, unterdrückte ich den Drang es einfach „gut sein zu lassen“.

Wenn Sie, verehrter Behördenmitarbeiter, jedoch auf einen abgelehnten Antrag einen Widerspruch erhalten, könnten Sie doch auf die Idee kommen, ein Gutachten eines „unabhängigen“ Arztes zu fordern, denn dafür sind sie schließlich da. Das Gesetz gibt Ihnen die Möglichkeit eine versorgunsärztliche Untersuchung zu fordern, so Sie denn Zweifel haben.

Vielleicht mögen Sie beim nächsten Fall einmal darüber nachdenken? Ich lade Sie herzlich dazu ein. Nicht alle von „uns Behinderten“ wollen irgendwelche Boni abgreifen.

An die Behinderten: Ja, so eine Untersuchung ist wieder zusätzlicher Aufwand, gerade wenn die Erreichbarkeit oder die Terminfindung problematisch ist. Bitte habt Verständnis, auch wenn ich weiß, dass es viel verlangt ist. Es ist eine weitere Chance für euch/uns.

Aber in meinem Fall wurde auch der Widerspruch abgelehnt. Die Begründung blieb in etwa die selbe.

Was folgte war dann ein weiterer Antrag. Ein weiteres Mal sehr genau kontrollieren, was die Ärzte schrieben, überlegen, welche Details noch wichtig sein könnten. Beobachten, was „gesunde“ Menschen können, ich aber nicht, obwohl es für mich einfach Normalität ist das nicht zu können.

Dies ist übrigens eine Schwierigkeit, die ich in vielen medizinischen Situationen schon festgestellt habe: Ein Arzt kann manchmal Dinge nicht feststellen, wenn er sie nicht konkret untersucht oder danach fragt. Er wird aber nicht danach fragen, wenn er nicht die Idee bekommt, dass es was zu fragen gibt. Der Patient setzt sich – in Ermangelung eines anderen Vergleichswertes – aber nur mit sich in Vergleich und empfindet nahezu alles, spätestens nach einer gewissen Weile, als nomal. So habe ich auch einige meiner Diagnosen eher durch Zufall bekommen.

Auch hier ist wieder Kommunikation das Werkzeug der Wahl.

Hinzu kommt das Hinterfragen, warum ich bestimmte Dinge nicht kann. Ist es nur mein Gewicht, denn das sah mal besser aus. Und falls ja: Wird es besser, wenn ich sagen wir mal 5 kg abnehme? Oder ist der Schaden jetzt einfach angerichtet? Auch hier spielt Scham eine große Rolle. Aber ich versuche zu lernen, dass das wichtig ist. Dass die Beurteilung meiner Gesundheit keine Beurteilung meines „Wertes“ ist, sondern mir helfen soll. Auch, wenn es sich oft anders anfühlt.

Bei diesem Antrag war mir klar: geht dieser Antrag ins Leere, wird es wieder einen Widerspruch geben und dieser dann bestimmt abgelehnt.


Dann bliebe nur noch die Klage. Ein weiteres neues Verfahren anzustrengen, würde keinen Sinn machen.

Dass die hiesigen Gerichte vollkommen überlastet sind und die Eröffnung des Verfahrens Jahre dauern würde, war mir schmerzlich bewusst.

Dies war die Phase, in der ich anfing zu resignieren.

Auch, wenn meine innere Stimme sich nur bestätigt fühlte, dass ich doch kein Recht auf dieses Merkzeichen und somit auf eine Chance hatte, Behindertenparkplätze legal nutzen zu dürfen, wusste mein Kopf irgendwo in einem versteckten Teil, der noch logisch denken konnte, dass das falsch war.

Aktiv machen konnte ich ohnehin nichts mehr, es hieß abwarten.

Soweit zum Weg, jetzt wieder ein Sprung in die Gegenwart:

Ich schrieb anfangs „Heute hatte ich viel Post im Briefkasten“. Inzwischen war dies „gestern“.

Gestern öffnete ich den Brief meines Betreuers, der einen Behindertenausweis enthielt, der auf meinen Namen ausgestellt war.

Ich war zunächst verwundert, war mein alter Ausweis doch unbefristet und ich hatte ihn auch nicht verloren.

Erst auf den zweiten Blick, fiel mir das „aG“ neben dem „G“ auf und ich musste mich erstmal setzen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so da saß und auf den Brief meines Betreuers und die Rückseite des Ausweises starrte. Ich hatte einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen.

(Korrigiere: Ich „habe“ einen Kloß im Hals.)

Nach etwa vier Jahren (genauer könnte mein Betreuer es sagen) ist diese Schlacht geschlagen, dieser Kampf gewonnen.

Noch darf ich nicht auf Behindertenparkplätzen parken. Dazu braucht es einen speziellen Parkausweis, nämlich den blauen. Diesen kann ich jetzt aber durch das „aG“ beantragen. Wenn dieser Antrag dann (hoffentlich schneller) genehmigt ist, dann fällt ein Teil meiner Behinderung weg.

Denn diese Kommunikation mit Behören und die fehlende Möglichkeit solche Parkplätze zu nutzen, das sind Dinge, an die „wir Behinderten“ manchmal denken, wenn wir sagen: Nicht die Behinderung „behindert“ uns, sondern die Politik und die Gesellschaft!

Ich möchte an dieser Stelle alle Behinderten ermuntern: Gebt nicht auf, kämpft für eure Rechte!

Ich weiß, wie schwer es sein kann, ich weiß von euren Zweifeln und dass eure Energie woanders gebraucht wird. Aber ihr müsst es auch nicht alleine durchstehen. Holt euch Hilfe, es lohnt sich! Auch wenn es schwer fällt und hoffnungslos scheint, auch wenn eventuell eure direktes oder indirektes Umfeld mit Unverständnis reagiert: Habt Mut!

Natürlich ist es völlig okay, wenn ihr euch angesichts dieser oder eurer eigener Erfahrungen dagegen entscheidet. Dies hier ist nichts weiter als eine gut gemeinte Einladung, keine Aufforderung.

Es ist mir selbst immer noch unangenehm, dass ich diese Rechte einfordere für mich.

Ich höre immer noch die Kritiker, die „Hater“, wie man sie heutzutage nennt, aber ich habe mir Hilfe gesucht und tolle Menschen gefunden, ohne die ich das niemals erreicht hätte.

Zu guter Letzt möchte ich allen Beteiligten danken:

Danke für die Geduld, fürs Mut zusprechen, für wieder und wieder ausgestellte Bescheinigungen, für offene Worte, für ständige Wiederholungen, für Umarmungen, für tatkräftige Hilfe, für einfach alles, was dazu geführt hat, dass ich jetzt den nächsten Schritt gehen kann – mit euch! Zu einem weiteren Teil Unabhängigkeit.

Ihr seid großartig und ohne jeden einzelnen von euch wäre der Weg ein ungleich schwierigerer gewesen.

Das ist doch behindernd! Teil 2/3

Zurück zu meinem Antrag:

In einem Antrag gibt man an, welche gesundheitlichen Probleme man hat und bei welchen Ärzten man in Behandlung ist.

Diese werden dann gebeten, dazu Stellung zu beziehen. Manche Ärzte entscheiden dann nach Aktenlage, wenn sie ihren Patienten und die dafür relevante Problematik sehr gut kennen. Andere werden eventuell euch noch einmal untersuchen wollen, weil es auf Details ankommt, die während eurer üblichen Behandlung nicht relevant sind. Ich verstehe, dass das für den einen oder anderen eine Belastung ist, die sich „unnötig“ oder „unangenehm“ anfühlt. Wer lässt schon gerne Untersuchungen über sich ergehen? Arztbesuche sind für die wenigsten ein Hobby.

Aber: nutzt diese Chance! Erklärt ganz genau, warum ihr welches Ziel erreichen wollt und bestenfalls auch, was dazu nötig ist.

Bei Ärzten, die euch nicht zu einer Untersuchung bestellen, fragt trotzdem nach: Ist das Schreiben der Behörde angekommen? Ist es schon beantwortet? Gibt es Fragen, die noch geklärt werden müssen?

Es ist anstrengend, ich weiß, aber werdet aktiv!

Eine Bitte an die Ärzte (liest hier überhaupt ein Arzt mit?): einige von euch haben eventuell wenig Erfahrung mit der jeweiligen Behinderung oder dem Umgang mit Behörden. Auch euch sei ans Herz gelegt: Fragt nach, was wichtig ist.

Ich habe anfangs gedacht, es sei nicht „rechtens“, wenn ich als Patientin sage, was ich in der Stellungnahme genannt haben möchte. Es fühlte sich an, als würde ich meine Ärzte beeinflussen und mir dadurch die Hilfen letztlich nur erschleichen.

Falls du diese Gedanken von dir kennst: Beruhige dich. Ärzte und Behörden kommunizieren unterschiedlich und keiner ist so sehr Experte für deine Situation wie du!

Du zwingst die Ärzte zu nichts, wenn du ihnen beispielsweise sagst „Ich kann nur eine Strecke von x Metern gehen, könnten Sie das erwähnen?“

Es ist eine Nachfrage, mehr nicht. Die Entscheidung trifft dann letztlich der Arzt. Vielleicht hat dieser sich auch gedacht, es würde reichen „minimale Strecken“ zu schreiben. (Nein, liebe Ärzte, reicht nicht.) Vielleicht hat er überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass das wichtig sein könnte, wie weit du gehen kannst oder er ist sich nicht bewusst gewesen, wie die Strecken aussehen, die du bewältigen kannst. Er sieht dich nur in seiner Praxis laufen.

Auch Verweise auf Schmerzen können hilfreich sein. Dir ist sicher klar, dass du Schmerzen hast, aber den Ärzten in dem Moment eventuell nicht.

Das Stichwort hier ist: Kommunikation! Weder müssen sich Ärzte dafür „schämen“, nach Details zu fragen, noch ihre Patienten dafür, erfahren zu wollen, wie Dinge aufgeschrieben werden.

Wird euer Antrag abgelehnt, lohnt es sich daher auch manchmal bei der Behörde nachzufragen. Die in der Ablehnung gelieferte Begründung ist meiner Erfahrung nach oft recht oberflächlich, teilweise widerspricht sie sich sogar inhaltlich. (Was dann besonders amüsant ist, wenn man Juristen im Bekanntenkreis hat und diesen das dann erzählen kann.)

Manchmal stellt sich dann heraus, dass lediglich die Formulierung eines der Ärzte so gewählt war, dass es Spielraum ließ („kurze Strecken“). Daran ist dann wirklich kein Beteiligter „Schuld“. Auch wenn es ärgerlich ist, es ist lediglich unglücklich gelaufen. Neuer Versuch!

In der Ablehnung des Antrages werden zunächst alle gesicherten und von der Behörde anerkannten Diagnosen aufgezählt.

Diese sollte man auch immer einmal durchlesen, ob eventuell aus welchen Gründen auch immer eine Diagnose unter den Tisch gefallen ist. Wenn einem auffällt, dass eine fehlt, man sich aber nicht sicher ist, inwiefern diese „relevant“ ist für den Entscheidungsprozess, lohnt es sich, bei dem entsprechenden Sachbearbeiter nachzufragen. In aller Regel ist dies keine Absicht!

Auch wenn es manchmal im Umgang mit den Behörden so scheint: Man will uns/euch nicht ärgern.

———————————————————————————————–

Kleiner Exkurs

(wen die Details zum Erhalt des Merkzeichens „aG“ nicht interessieren, kann hier direkt zu Teil 3 springen)

Wem steht das Merkzeichen „aG“ denn überhaupt zu?

Hierzu gibt es, wie für fast alles in Deutschland, gesetzliche Regelungen. Diese sind mal mehr, mal minder konkret.

In diesem Fall hilft ein Blick ins Neunte Sozialgesetzbuch (nachfolgend „SGB IX“).

Aber vorher möchte ich betonen: Auch wenn ich in meiner Ausbildung den Umgang mit Gesetzestexten gelernt habe, bin ich keine Juristin und alles was hier oder an anderer Stelle in meinem Blog steht, stellt keine Rechtsberatung dar! Ich stelle hier nur meine Gedanken vor.

Im SGB IX, § 229 Absatz 3 steht:

„(3) Schwerbehinderte Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung sind Personen mit einer erheblichen mobilitätsbezogenen Teilhabebeeinträchtigung, die einem Grad der Behinderung von mindestens 80 entspricht. Eine erhebliche mobilitätsbezogene Teilhabebeeinträchtigung liegt vor, wenn sich die schwerbehinderten Menschen wegen der Schwere ihrer Beeinträchtigung dauernd nur mit fremder Hilfe oder mit großer Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahrzeuges bewegen können. Hierzu zählen insbesondere schwerbehinderte Menschen, die auf Grund der Beeinträchtigung der Gehfähigkeit und Fortbewegung – dauerhaft auch für sehr kurze Entfernungen – aus medizinischer Notwendigkeit auf die Verwendung eines Rollstuhls angewiesen sind. Verschiedenste Gesundheitsstörungen (insbesondere Störungen bewegungsbezogener, neuromuskulärer oder mentaler Funktionen, Störungen des kardiovaskulären oder Atmungssystems) können die Gehfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Diese sind als außergewöhnliche Gehbehinderung anzusehen, wenn nach versorgungsärztlicher Feststellung die Auswirkung der Gesundheitsstörungen sowie deren Kombination auf die Gehfähigkeit dauerhaft so schwer ist, dass sie der unter Satz 1 genannten Beeinträchtigung gleich kommt. „

Was für ein Text – puh!

Aber was steht da konkret drin? Ich habe versucht die für mich wichtigen Stellen fett darzustellen.

Voraussetzungen für ein „aG“ sind nach diesem Gesetz:

  • GdB von mindestens 80
  • „nur mit fremder Hilfe“ (hierzu zählen auch Hilfsmittel wie Rollator) „oder unter großer Anstrengung“ bei der Bewegung außerhalb des Autos

Nun ist dieses „große Anstrengung“ ein doch sehr schwammiger Begriff.

Ich habe gelernt, dass „Schmerzen haben“ offensichtlich als „große Anstrengung“ gilt.

Danke an dieser Stelle für die Menschen, die mir das „beigebracht“ haben.

Auf diese Idee wäre ich von selbst tatsächlich nicht gekommen. Insofern kann ich für mich hier sowohl bei „nur mit fremder Hilfe“ einen „Haken“ setzen, denn alles was außerhalb meiner Wohnung ist, gehe ich nur mit Gehhilfen, als auch bei der „großen Anstrengung“, denn ein Schritt ohne Schmerzen ist nahezu utopisch. Und wehe ich muss hier mal mehrmals durch meine Wohnung „rennen“. Hui, da erzählt mir mein Körper was! Zur Erinnerung: In der Rechtsvorschrift steht „oder“!

Ein Tipp an andere Betroffene: viele können sich unter „es tut weh“ nichts konkretes vorstellen. Das hat sicher auch mit individuellen Empfindungen zu tun. Ich empfehle hier das Nutzen einer „Schmerzskala“ von 1 (schmerzfrei) bis 10 (der schlimmste Schmerz, den du dir vorstellen kannst). Das kann deinem Gegenüber helfen, deine Schmerzen einzuordnen.

Natürlich hat sich aber auch der Gesetzesgeber Gedanken gemacht, welchen Personenkreis er mit dem oben stehenden Gesetzestext beschreibt.

Einer steht ganz deutlich direkt in dem zitierten Paragraphen: „dauerhaft (…) auf die Verwendung eines Rollstuhls angewiesen sind“. Damit sind Menschen gemeint, bei denen eine dauerhafte vollständige Querschnittslähmung vorliegt.

Daneben gibt es in der Rechtsprechung und in den Verwaltungsvorschriften eine gewisse Absprache, welche Personen man diesen Personen „gleichsetzt“ und ihnen somit das „aG“ zugesteht.

Denn: Wer die Herausforderung des §229 SGB IX erfüllt, dem steht nach §3 Abs. 1 Nr. 1 SchwbAwV (Schwerbehindertenausweisverordnung) das Merkzeichen „aG“ zwingend zu. Die Behörde hat hier keinerlei Spielraum!

Welche Personen werden also denjenigen gleichgestellt, die eine vollständige Querschnittslähmung haben?

„Dazu zählen u.a. folgende Personen:

  • die kein Kunstbein oder nur eine Beckenkorbprothese tragen können:
  • Querschnittgelähmte
  • Doppeloberschenkelamputierte
  • Doppelunterschenkelamputierte
  • Hüftexartikulierte
  • einseitig Oberschenkelamputierte
  • mit Herzschäden mit schweren Dekompensationserscheinungen oder Ruheinsuffizienz
  • mit Erkrankungen der Atmungsorgane mit schwerer Einschränkung der Lungenfunktion“

(Quelle: https://www.schwerbehindertenausweis.de/behinderung/ausweis/die-merkzeichen#ag-%e2%80%94-aussergewoehnliche-gehbehinderung)

Die Querschnittsgelähmten habe ich hier in der Aufzählung stehen lassen, da man u.a. in „komplett querschnittsgelähmt“ und „inkomplett querschnittsgelähmt“ unterteilt, der Personenkreis also größer wird.

Das ist doch behindernd! Teil 1/3

Das ist doch behindernd!

Liebe Leser,

dieser Beitrag richtet sich vor allem an diejenigen Menschen mit Behinderungen jeglicher Art und alle Interessierten/Angehörigen. Er berichtet von einem Meilenstein, den ich nun erreicht habe und von dem Weg dorthin.

Besonders freuen würde mich natürlich, wenn auch Behördenmitarbeiter diese, meine sehr persönliche, Sicht lesen und ggf. ihre Handlungsweise anpassen.

Wie immer freue ich mich über Kommentare. Teilt auch gern eure eigene Geschichte zu dem Thema unter diesem Beitrag. Wir sind nicht allein!

Ich hoffe, dass er Mut machen kann, allen, die gerade zweifeln, Angst haben, resignieren.

Zweifeln daran, ob es „okay“ ist, sich selbst Hilfe einzufordern „einfach so“.

Angst haben, vor den Reaktionen der – neudeutsch ausgedrückt – „Hater“ und den Stimmen im eigenen Kopf, man habe es doch gar nicht verdient.

Resignieren im Kampf um die eigenen Rechte, weil man doch so viele Schlachten verloren hat.

Einige von euch werden eventuell schon einmal über die Aussage gestolpert sein, dass nicht die Behinderung „behindert“, sondern die Gesellschaft/Politik. Auch wenn ich diese nicht vollumfänglich unterschreibe (denn meine Behinderung behindert mich durchaus ebenso), geht es in diesem Beitrag auch darum, was mit dieser Aussage gemeint ist.

Heute hatte ich viel Post im Briefkasten. Das Öffnen des Briefkastens ist für mich mittlerweile Routine, aber eine hart erkämpfte. Noch vor wenigen Jahren war ich dazu nur unter zwei Bedingungen in der Lage:

  • Der Postbote wies mich darauf hin, dass mein Briefkasten völlig überfüllt sei und nichts mehr rein ginge. Dann war der Leidensdruck groß genug, dass ich „funktionierte“.
  • Mit Begleitung (damals meines Partners), dann war die „Gefahr“ nicht so groß.

Es setzte mich enorm unter Druck, die Gründe sind hier nicht von Belang.

Ich „trainierte“ förmlich mit meinem damaligen Partner unter Zittern, Schweißanfällen, Herzrasen, Kopf- und Bauchweh, Erstarren, Luftnot, die Klappe des Kastens zu öffnen, die Post zu entnehmen und in meiner Wohnung auf den Tisch zu legen. Streng genommen war dies sogar erst der zweite Schritt, denn im ersten Schritt öffnete mein Partner in meiner Anwesenheit meinen Briefkasten und brachte mich und die Post zurück in meine Wohnung, da ich wie erstarrt war und dazu nicht alleine in der Lage gewesen wäre. Ihr könnt euch eventuell die Scham vorstellen, die ich dabei empfunden habe.

Die Betroffenen werden es herauslesen: Dissoziieren und Panikattacken sind die Schlagwörter.

Allen anderen: Seid froh, ganz ehrlich! Das ist nicht schön.

Das Ganze wurde nicht nur durch das Wiederholen besser, sondern insbesondere weil ich einen gesetzlichen Betreuer zur Seite gestellt bekam, der ein wahres Goldstück ist. (Wenn Interesse besteht, schreibe ich dazu gerne gesondert etwas.)

Es brauchte eine Weile, aber irgendwann „begriff“ mein Körper, dass vom Briefkasten keine „Gefahr“ mehr ausging. Die Post, die ich öffnen wollte, konnte ich jederzeit öffnen und bearbeiten. Alles Weitere würde deswegen aber nicht zu „brennen“ anfangen, weil ich es nicht abarbeiten konnte, denn die weitere Post kam seitdem ungeöffnet zu meinem Betreuer.


Noch heute ist es trotzdem für meine Routinen wichtig, dass ich den Briefkasten öffne, die Absender durchsehe und die Post wenn nötig weiterleite. Daher öffne ich den Briefkasten jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse und wenn ich wieder zurück komme. Denn so verhindere ich „Brände“ in meinem Briefkasten, die ich immer noch fürchte und dass die gewonnene Routine wieder zerfällt.

Doch die Pandemie hatte auch auf diese Routine ihre Auswirkungen. Ich verließ in der ersten Zeit meine Wohnung kaum noch und so wurde auch mein Briefkasten nicht mehr zweimal täglich kontrolliert.

Auch wenn ich nun schon eine Weile wieder nahezu täglich die Wohnung verlasse und damit auch meine „Briefkasten-Routine“ festige, ist mein Stresspegel noch höher als vor „Corona“.

Heute war dann wie bereits erwähnt auch noch viel Post drin, was für mich ein zusätzlicher Stressfaktor ist, denn wenn da so viel drin ist, dann muss davon doch etwas „böse sein“, oder?

Aber ich versuchte mich zu beruhigen: Du musst die Post nicht öffnen, nur zu deinem Betreuer bringen. Das schaffst du und die Bewegung an der frischen Luft tut dir gut.

(„Positive Selbstverbalisation“ schimpft sich das. Ein wichtiges Werkzeug, das ich in einer meiner Therapien gelernt habe.)

Also durchatmen, Post durchsehen. Dabei stellte ich fest, dass auch von meinem Betreuer ein Umschlag dabei ist.

Da er über die Problematik Bescheid weiß, kündigt er Post eigentlich immer an, damit ich nicht erschrecke beim Blick in den Briefkasten.

Dieses Mal hat er es entweder vergessen, oder ich habe mal wieder einen Blackout davon. (Übrigens sind Blackouts ein wirklich nerviges Symptom und sehr unpraktisch.)

Der Brief meines Betreuers war aber keineswegs „böse“, im Gegenteil: Er enthielt den „Siegesbeweis“ eines jahrelangen Kampfes, welchen wir gemeinsam durchgestanden haben. Nur der Sieg einer Schlacht, aber hart erkämpft, ein weiterer Meilenstein.

Die Siegesbeute: Mein neuer Schwerbehindertenausweis.

Doch von vorne:

Wie an anderer Stelle erwähnt, habe ich diverse Diagnosen, durch die ich in Deutschland als „behindert“, sogar als „schwerbehindert“ gelte. Allein die Spina Bifida und die einhergehenden Begleiterkrankungen brachten mir früh schon einen „GdB“ von 80 ein und das Merkzeichen „G“*.


(*“GdB“ steht für „Grad der Behinderung“. Dieser kann von 20 bis 100 variieren und soll angeben, wie stark die Beeinträchtigung durch die Behinderung ist. Ab einem GdB von 50 spricht man von „schwerbehindert“. Das Merkzeichen „G“ steht für „Gehbehinderung“. Je nach Merkzeichen und GdB stehen dem (Schwer-)behinderten verschiedene Rechte zu.)

Vor vier bis fünf Jahren (genau weiß ich es beim besten Willen nicht mehr), setzte ich mich mit meinem Betreuer und meinem damaligen Partner zusammen. Beide waren davon überzeugt, dass neben den festgestellten Dingen (GdB 80 und G), mir weitere Sachen zustehen müssten. So waren meine psychiatrischen Diagnosen und andere „kleinere“ Baustellen bislang gar nicht berücksichtigt worden.

Beide ermutigten mich, zusammen mit meinem Betreuer, einen sog. „Verschlimmerungsantrag“ zu stellen.

Diesen stellt man, wenn die gesundheitliche Situation nicht mit dem übereinstimmt, was der Schwerbehindertenausweis abbildet.

In der Regel passiert dies, wenn eine Behinderung sich verschlimmert oder die ausstellende Behörde aus Sicht des Antragsstellers „falsch“ entschieden hat.

In meinem Fall sollten sowohl neue Diagnosen berücksichtigt werden, als auch die alten Diagnosen bzw. deren Konsequenzen für meinen Alltag neu bewertet werden.

Lasst mich an dieser Stelle ganz ehrlich sein: Ich war von der Idee dieser beiden Männer, die nur das Beste für mich wollten, nicht begeistert. Denn „irgendwie ging es ja bislang auch ohne“ und überhaupt war ich ja so schon eine Belastung für den Steuerzahler/den Staat. Da wollte ich nicht noch mehr „abgreifen“ und meinem Betreuer auch keine zusätzliche Arbeit bereiten.

Denn auch diese Hilfe nahm (nehme) ich nur mit einem schlechten Gewissen in Anspruch. In meinem Kopf waren und sind das alles „Extrawürste“ und die mag ich aus diversen Gründen überhaupt nicht. Ich muss(te) lernen, dass ich das „darf“, denn diese Hilfen und Gesetze gibt es aus guten Gründen! (Lasst es bitte auch euch gesagt sein, wenn ihr diese Gedanken habt. Ihr habt ein Recht darauf!)

Aber gut, ich ließ mich trotz der Stimmen in meinem Kopf und den Zweifeln „breitschlagen“ und nun ging der Kampf los, der Antrag war gestellt.
Ziel war es, den GdB von 80 auf 100 zu erhöhen , und die Merkzeichen „B“ und „aG“ zu erhalten.**

(**“B“ steht für „Begleitung“ und gibt an, dass ich auf eine Begleitperson angewiesen bin. Das umfasst je nach Rechtsprechung ggf. auch einen Assistenzhund. „aG“ bedeutet „außergewöhnliche Gehbehinderung“, ist also eine Steigerung des Merkzeichen „G“ und wird nur wenigen Menschen gewährt. Das „aG“ ist eine mögliche Voraussetzung um auf den Behindertenparkplätzen parken zu dürfen. Ein einfaches „G“ reicht dort nicht.)

Die Anpassung des GdB war ein Selbstgänger, da ich so viele relevante Diagnosen nachweisen konnte, dass ich deutlich mehr hätte bekommen können, wenn die Skala über 100 ginge. Der Rest wurde abgelehnt. Das war ernüchternd.

Wir hatten tatsächlich nicht erwartet, dass alle Punkte beim ersten Antrag genehmigt werden würden. Dass allerdings das einzige erreichte Ziel das war, was absolut indiskutabel war, überraschte dann doch.

Das Merkzeichen „B“ für die Begleitung war für mich wichtig, da ich zu diesem Zeitpunkt viele Dinge nur mit einer Begleitperson erledigen konnte, wie zum Beispiel den Wocheneinkauf oder Arzttermine. Letztere nahm ich selbst mit Begleitung zeitweise nur mit großen Überredungskünsten wahr. Von Dingen wie spazieren gehen, ein Besuch im Kino oder ähnlichen „Spaßveranstaltungen“ konnte ich zu diesem Zeitpunkt nur träumen. Ein Tag, an dem ich dieses mit Begleitung schaffte, war ein guter!
Außerdem plan(t)e ich schon seit 2012, dass hier ein Assistenzhund einziehen soll, wenn die Rahmenbedingungen für diesen auch stimmen.

Unter diesen Umständen war es für alle Beteiligten völlig unverständlich, dass die Notwendigkeit der Begleitung nicht hinreichend nachgewiesen worden war aus Sicht der Behörde.

Das „B“ kam dann, wenn ich mich recht erinnere im zweiten Widerspruchsverfahren. Sprich: Ich*** legte gegen die erste Entscheidung Widerspruch ein, dieser wurde voll abgelehnt. Ich stellte einen neuen Antrag, der wieder abgelehnt wurde und legte abermals mein Veto ein. Inzwischen war mir sogar der Pflegegrad II genehmigt worden, mir wurden ein Rollator und ein neuer Rollstuhl mit adaptivem Antrieb zur Seite gestellt. (Ein weiterer Kampf, der viel Kraft kostete und den ich alleine nicht durchgestanden hätte.)

Aber wieder gab es eine negative Entscheidung in Sachen „aG“.

(***Wenn ich hier von „ich“ schreibe, meine ich streng genommen, dass mein Betreuer dies in meinem Auftrag tat.)

Die Begründung blieb dieselbe: Ich war zu gut zu Fuß. Dass ich das nur unter zum Teil großen Schmerzen und großem Kraftaufwand schaffte und für kleinste Strecken Gehhilfen brauchte, schien niemanden zu interessieren.

Um euch einen Einblick zu geben, was ich damit meine:

100m ohne Hilfe? Guter Witz! Alles darüber ging ohnehin nur mit Rollstuhl, aber selbst bei 50 m brauchte ich an guten Tagen mindestens meine Wanderstöcke, an schlechten den Rollator (oder ich bleibe einfach im Bett, Schmerzen machen müde).

Es ist völlig korrekt, dass einem das „aG“ nicht „hinterher geworfen“ wird, keine Frage! Dieses Merkzeichen ist ein Faktor, wenn es um den Antrag des blauen Parkausweises geht. Dieser berechtigt den Inhaber u.a. auf Behindertenparkplätzen zu parken. Das braucht nicht jeder Mensch mit einer (Geh-)Behinderung.
(Dazu gibt es ohnehin auch zu wenig dieser Plätze, aber das ist ein anderes Problem.)

Ich kann daher durchaus verstehen, dass die Sachbearbeiter und die mit ihm arbeitenden medizinisch geschulten Mitarbeiter angehalten sind, nicht per se jeden Antrag „durchzuwinken“, sondern erst einmal auf die Alternativen zu verweisen:

Wer diesen blauen Ausweis respektive das „aG“ Merkzeichen nicht hat, aber in seiner Mobilität eingeschränkt ist, kann unter Umständen auch andere Parkerleichterungen bekommen.

In einigen Bundesländern gibt es z.B. einen gelben Parkausweis. Im gesamten deutschen Bundesgebiet auch einen orangenen.

Letzterer wurde mir genehmigt. Dies bringt schon eine enorme Erleichterung für mich mit sich.

Dies auch ganz deutlich als Hinweis, für diejenigen mit z.B. Merkzeichen „G“: Wer hier liest und ehrlich sagen kann, er bräuchte eigentlich Erleichterung, kann sich aber auf kürzeren Strecken einigermaßen bewegen, dem sei die Recherche zum „Orangenen Parkausweis“ ans Herz gelegt. Man findet da auch Details, was einem damit erlaubt wäre und für welchen Personenkreis dieser Ausweis in Frage kommt.

Was man damit immer noch nicht darf: Auf Behindertenparkplätzen parken.

Dafür andere Dinge, die sowohl finanziell als auch mobilitätstechnisch interessant sein könnten.

Für mich war dieser orangene Ausweis schon in mehreren Fällen entscheidend.

Sollte hier wirklich jemand mitlesen, der in irgendeiner Form an diesem Prozess mitwirken kann: Informiert die Behinderten bitte besser! Ich habe überhaupt erst von der Existenz dieser Alternativen erfahren, nachdem mein Antrag erstmalig abgelehnt wurde. Das darf nicht sein! Es darf nicht sein, dass „wir Behinderten“ nicht nur versuchen müssen, ein möglichst „normales“ Leben zu führen und das unter durch die Behinderung erschwerten Bedingungen, sondern zusätzlich keine Kenntnis bekommen von den Hilfen, die uns zustünden, es sei denn, wir werden unbequem.

Dass Sie als Bedienste des Staates uns diese Hilfen nicht „schenken“, dass wir die Hilfen noch selbst beantragen (lassen) müssen, ist ein völlig anderes Paar Schuhe. Aber wir müssen die Kenntnis besitzen, dass es diese Hilfe gibt.