Sumpf

Vor etwa 5 Wochen schrieb ich auf Twitter, dass ich fror. Ich hatte es zu dem Zeitpunkt schon ein paar Tage zuvor bemerkt und mir gefiel das ganz und gar nicht.
Frieren heißt entweder (körperlich) krank sein und dass Fieber und Schüttelfrost sich ankündigen oder dass meine Depression mich etwas tiefer reißt als ohnehin schon.

Sofort versuchte ich Ursachen, Gründe zu finden für eine depressive Phase, die ich in der Art nicht mehr erlebt hatte, seit ich meine Antidepressiva abgesetzt hatte.
Selbst nach Rücksprache mit meiner Therapeutin fand ich nichts. Es gab durchaus 1-2 Stressoren. Allerdings war ich mir deren bewusst und die allein würden nicht ein derartiges Loch erklären. Mein Bauchgefühl sagte „nein“.

Das sagte es zwar auch zu einer körperlichen Ursache und trotzdem vereinbarte ich einen Termin bei meinem Hausarzt. Auch dort fand man keine Ursache.

Andere Symptome meiner Depressionen ging ich im Kopf natürlich auch durch, teilweise gemeinsam mit meiner Therapeutin. Erst dachte ich, da wäre nichts, aber nach und nach musste ich zugeben: Doch.
Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass auch andere Faktoren für eine Depression sprachen.

Meine Filter für Außenreize waren immer schneller überflutet. Dass ich ein ruhebedürftiger Mensch bin, ist nicht neu. Dass es mich stresst, wenn am Samstag Vormittag Kinder vorm Haus lachend spielen, schon.

So profane Dinge wie Körperhygiene fielen immer schwerer und klappten seltener so, wie ich es mir vorstelle.

Dass generell der Antrieb schwerer fiel, was ich vor allem daran merkte, dass selbst Termine wie die Physio, die ich gerne wahrnahm, ein Kampf wurden. Dieses allgemeine Gefühl von „alles ist schwer“ und ein „Kampf“ wurde immer größer. Ich hatte immer öfter das Gefühl, ich bräuchte jetzt „dringend ganz viel Erholung“, obwohl von außen betrachtet ja gar nichts passierte, was dieses Bedürfnis rechtfertigen würde. Wovon sollte ich mich erholen? Vom Duschen? Meinen Therapieterminen, die ich brauche und mich eigentlich immer darauf „freue“? Von ein paar Minuten Spazieren gehen? Wie soll das denn noch gehen?

Meine Gedanken wurden immer dunkler. Mit ihnen wurden unbemerkt auch die Stimmen in meinem Kopf immer lauter, die mir mit einer unbändigen Freude präsentierten, was ich falsch machte und mich daran erinnerten, wie falsch ich in dieser Welt war – nie gut genug.

An dem Punkt muss ich ehrlich sein: Ich denke eigentlich selten anders über mich. „Nie“ wäre bestimmt auch gelogen, aber bewusst erinnere ich mich nicht daran, einmal nicht so zu empfinden. Den Unterschied macht nur die Intensität, die „Lautstärke“, die Anzahl der Wiederholungen, wenn man so will. Wie viele Stimmen im Kanon überlagern sich?

Wie empfindlich bin ich denn gerade?
Momentan geht es so weit, dass ich Anerkennung, Lob, Komplimente, alles was wirklich ernsthaft positiv mir gegenüber geäußert wird, als Kritik oder Vorwurf verstehe, ad hoc um Entschuldigung bitte oder anfange, mich zu rechtfertigen.

Beispiele gefällig?
Meine Therapeutin nannte meinen Einkaufsversuch (eine Sache, die ich endlich mal wieder angehen wollte) „mutig“. Da war kein Unterton und auch wenn ich durchaus verstanden hätte, dass ich mit diesem „Kompliment“ nicht gut umgehen kann – selbst ich kann mir nicht erklären, warum ich darin einen Vorwurf hörte.
Aber ich hörte ihn und ging sofort in die Rechtfertigung. (Was übrigens die Therapeutin auch kurz irritierte. Die kennt ihre Pappenheimer zwar schon, aber nun ja. Man muss schon sehr verquer denken, um daraus einen Vorwurf zu drehen.)

In einem anderen Fall bekam ich ein anerkennendes „Wow“ als Reaktion auf meinen Kommentar bei Twitter, dass mein Traumberuf etwas mit Jura wäre, z.B. Rechtsanwalt. Ein Job, der aus meiner Perspektive nichts besonderes war. Das „Wow“ verwirrte mich so stark, dass ich sofort überlegte den Kommentar zu löschen und um Entschuldigung bat.

Natürlich sind das Situationen, die meist direkt geklärt werden können, aber was stimmt denn bitte nicht mit mir?

Außerdem bemerkte ich, dass Dinge, die ich sonst gern tat, „plötzlich“ (oder vielleicht auch nicht?) von mir als stressig empfunden wurden und folglich gemieden.

Trotzdem kramte ich in meinem imaginären „Skill- und Self-Care-Koffer“.
Viele meiner Bedürfnisse verstehe ich auch nach Jahren Therapie noch nicht, aber was kümmert es die Bedürfnisse? Wenn ein Gefühl da ist, muss ich wohl oder übel damit klarkommen.
Mit Mühe wurden also die Duftkerzen und Beauty-Masken wieder herausgezerrt, die Taschenuhr, die so schön beruhigend laut tickt in Greifweite gelegt und die Skillbälle entstaubt.

Manches davon war leichter als anderes. Wenn dein Bedürfnis nach Spaß und Routine dir sagt, du solltest abends mit deiner Gilde World of Warcraft spielen, während dein Bedürfnis nach Ruhe dir jetzt schon den Vogel zeigt, weil der Voicechat im TeamSpeak definitiv zu viel Reizüberflutung bereit hält – ja, was macht man denn dann?

Setzt man sich doch endlich mal wieder in Ruhe zum Lesen hin und bekommt man am nächsten Tag mit, was man verpasst hat? Dass man wieder nicht „dabei“ war und nicht Teil der Gruppe, man sich wieder aktiv abgesondert hat und sich dann auch gar nicht wirklich fragen muss, warum man das Gefühl hat „außen vor zu sein“? Ich bin doch selber Schuld!

Oder geht man ins TeamSpeak, loggt sich ins Spiel ein und hofft, dass die Freude dort sich auf einen übertragen kann. Dass jemand eine tolle Idee hat, was man gemeinsam machen könnte, denn an solchen Tagen habe ich sie nie. Dass mich jemand „dabei haben“ will oder wage ich sogar zu glauben, ich könnte irgendwo von Nutzen und hilfreich sein?

Die Gilde spielt nicht nach „wie hilfreich ist jemand“ und ich liebe sie auch dafür. Ich weiß nicht, wie oft die Interaktion dort mir meinen Tag gerettet hat. Dafür bin ich ihr immer dankbar. Trotzdem mag ich dieses seltene Gefühl helfen zu können.

Mit dieser Variante bleibt das Risiko, dass ich zähneknirschend am PC sitze, mich wahlweise daneben benehme und Leute anpatze, die ich nett behandeln will, weil ich überreizt bin oder überhaupt gar nicht traue mich irgendwas zu sagen aus Angst genau davor. Was können sie denn für meine schlechte Laune? Sicher gäbe es manchmal – lange nicht immer – Dinge, die es mir leichter machen würden. Aber wer bin ich, diese zu äußern? Ich bin doch diejenige, die es stört. Die Einzige.

Wie oft habe ich an solchen Tagen entweder sehr lange handlungsunfähig vorm PC gesessen, habe mich berieseln lassen vom Voicechat ohne etwas mitzubekommen, nicht fähig mich zu verabschieden oder habe selbigen überstürzt verlassen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Dann enden die Abende wieder mit Wut auf mich, weil ich es mir anders vorgestellt habe. Weil ich nicht so funktioniert habe, wie ich es wollte.

Ich schäme mich jedes Mal sehr und möchte wieder um Entschuldigung bitten bei der Gilde. Einzig meine Angst, mich dann wieder noch mehr in den Fokus zu drängen, hält mich davon ab.

Aber selbst wenn meine Bemühungen nach „Self-Care“ gut liefen, war das nicht mehr als ein „Löcher stopfen“. Ich fühlte mich mit Glück für den Moment „im Kopf“ gut, weil ich etwas getan hatte, was ich als vernünftig erachtete.

Ich habe mich beobachtet, habe festgestellt, es geht mir schlechter, habe danach gehandelt, was mein Notfallplan hergibt.

An dieser Stelle an meine Mit-Kämpfer: Macht Notfallpläne. Macht sie bestenfalls dann, wenn es euch eigentlich gar nicht so schlecht geht und ihr euch auch eigentlich nicht damit beschäftigen möchtet, dass sich das wieder ändern könnte. Aber letztlich egal wann: Macht sie. Im besten Fall braucht ihr sie nie. Aber wenn ihr sie nicht macht und ihr braucht sie, ist es verdammt hart sie mitten im Tief zu erstellen und kostet dann unnötig wertvolle Ressourcen.

Ich habe einen Plan, ich habe mich dran gehalten. Das System sah vor, dass es mir nun besser ging.

Also wieder ein Blick in den Abgrund. War ich schon höher geklettert? War der Boden jetzt weiter entfernt als vorher? Ist es überhaupt ein Abgrund? Ist es nicht eher ein tiefschwarzer, stinkender Sumpf in den ich immer tiefer einsinke?
Ich war nicht sicher, wertete aber das eine oder andere als positives Signal.

Vermeidung ist ein anderes großes Thema aktuell und so freute es mich spontan, dass ich ein paar Baustellen langsam ins Auge nahm, die ich zu lange aufgeschoben hatte oder die ich im Alltag zu gerne aufschieben würde und ausnahmsweise nicht aufschob.

Dazu gehörte neben dem Versuch wieder alleine einzukaufen auch der erwähnte Hausarzttermin. Normalerweise hätte ich das Frieren gleich wieder klein geredet, 1000 Gründe gefunden, warum das gerade ganz unnötig ist und noch dazu war mein Bauchgefühl ja eh, dass es keine körperliche Ursache für mein Frieren gab.

Damit sollte ich zwar Recht behalten, aber ich sah ein, dass es trotzdem vernünftig war, einen Termin zu vereinbaren.
Der Termin war purer Stress für mich, so nett das gesamte Praxisteam ist und so gut aufgehoben ich mich bei meinem Arzt fühle.
Ich war länger nicht dort gewesen und neben der neuen Baustelle gab es einige ältere, die ich eben erfolgreich aufgeschoben hatte. Trotzdem hatte ich extrem starke Ängste, dass ich deren Zeit „wegen nichts“ verschwendete oder dass man mir einfach sagen würde, dass mein Gewicht die Ursache ist und mir das ja auch klar sein müsse. Das ist es definitiv, aber so war es dann nicht.

Eine meiner „Altbaustellen“ brachte mir gleich eine Überweisung zum Facharzt ein und ich bin noch nicht sicher, wie ich meinen Eifer jetzt finden soll. Natürlich freue ich mich, dass mein Arzt mich nicht angesehen hat und sich dachte „Adipöse Person, da kommt das schon mal vor“ und damit die Suche beendete. Auch dass er dieselben Probleme sah, wie ich, bestätigte im Prinzip, dass es gut war dort zu sein.

Bei der Nachbesprechung zu dem Termin fragte er auch gleich, ob ich schon einen Facharzttermin bekommen hatte. Erwischt!
Das wäre der nächste Punkt, den man gut aufschieben konnte. Schließlich tat ich es speziell in dem Fall schon ein paar Jahre, warum nicht länger.
Was soll schon schief gehen? (Berühmte letzte Worte…)

Dass er explizit nachfragte und noch einmal erklärte, warum der Termin wichtig sei, auch wenn wahrscheinlich nichts „schlimmes“ raus käme, erhöhte den Druck auf mich, genauso wie sein beiläufiger Satz am Ende des Telefonats, dass ich doch bis zum nächsten Termin bei ihm nicht wieder so lange warten möge. Ich sagte ihm artig zu, das nächste Mal „früher“ zu kommen, wenn es sich einrichten ließe.

Wahrscheinlich ist es ihm nicht bewusst, aber mich beruhigte es total, dass er mich „öfter sehen“ wollte.

Ich weiß nicht, was er denkt, was mir so große Angst macht, dass ich möglichst selten zu ihm gehe. Natürlich weiß ich, dass ich manchmal Dinge nicht ärztlich behandeln lasse, die vernünftigerweise besser ein Arzt wenigstens mal beurteilt hätte.
Vielleicht denkt er, ich habe Angst vor einer schlimmen Diagnose, aber das habe ich nicht. Mir macht der Gedanke Angst, dort keinen Parkplatz zu finden oder an der Anmeldung jemand fremdes sitzen zu sehen, sodass ich eventuell kein Wort heraus bekomme und nuschle. Mir macht der Gedanke Angst, etwas falsch zu machen. Beides würde den Betrieb aufhalten.

Ich habe Angst eine Last zu sein, zu stören, jemandem den Platz wegzunehmen. Gleichzeitig ängstigt mich der Gedanke, ich würde mir meine Beschwerden nur einbild und selbst wenn nicht, was wenn der Arzt wirklich nur sagt „Du bist fett, mehr nicht. Nimm halt ab!“ und gar nicht nach einem weiteren Faktor sucht?

Mein Hausarzt hat mich nie schlecht behandelt, aber diese Gedanken bekomme ich trotzdem nicht aus meinem Kopf.

Der Termin beim Facharzt ist die nächste extrem große Baustelle. Ich wusste, ich musste diesen Termin machen, merkte aber sehr schnell, dass mich schon der Anruf in der mir fremden Praxis total überforderte. Dann noch der Gedanke dort hin zu müssen, den Weg nicht genau zu kennen, auch hier wieder die Problematik mit dem Parken und fremden Menschen…

Ich sprach mit einer vertrauten Person darüber und sie bot an mich zu begleiten, sie müsse nur wissen, wann. Ich trug das noch 1-2 Tage mit mir rum, nahm mir immer wieder vor „jetzt, jetzt rufst du an.“ Es ging nicht und weil ich nicht wollte, dass deswegen die Sache wieder Monate aufgeschoben wurde, bat ich oben genannte Person erneut um Hilfe.

Ich weiß, dass mich das in einem Teil zurück wirft. Ich wurde nicht selbst tätig. Ich habe mich dieser Angst nicht gestellt, sie überwunden und war hinterher stolz auf diese Leistung. Nicht, dass ich sonst wirklich dazu neigen würde, „stolz“ auf so eine „Leistung“ zu sein.

Ich sehe das durchaus, aber letztlich ist es meinem Körper leider egal, ob es mir psychisch gut geht oder nicht. Der Termin ist notwendig und wer ihn vereinbart, spielt eine nachgeordnete Rolle. Ich sorge dafür, das muss ich. Ich funktioniere nach Plan und Vernunft.

Genau hier steckt ein anderes Problem: Ich kann hoch funktional agieren, habe das jahrelang getan. Habe maskiert, Löcher gestopft, bin von Baustelle zu Baustelle gehetzt mit einem Lächeln im Gesicht. Das Erledigen von Aufgaben ist nicht immer ein Zeichen für Fortschritt. Nicht bei mir und nicht bei einigen anderen Menschen, bei denen man diesen Fehlschluss ziehen könnte.

Aktuell zurück bleibt also die Frage, ob ich noch knietief im Sumpf stecke oder nicht. Waren meine einzelnen „Erfolge“ ein positives Zeichen, sodass nur noch die Füße im Morast feststeckten oder holt mich mein altes Muster wieder ein und ich stecke schon bis zur Hüfte fest?

Der Umstand, dass mir allein beim Aufschreiben des letztens Absatzes schlecht wurde, mag die Antwort sein.

Ich darf nicht weiter darüber nachdenken, denn ich bin spät dran. Jetzt ist nicht die Zeit weiter im Morast zu versinken.

Immer weiter.

Sonnenblumen

CN Trauer, Tod, Geburtstage

Sonnenblumen. Mein Umfeld, real wie virtuell, verbindet sie mittlerweile größtenteils mit mir. Wann immer sie eine sehen, bekomme ich ein Foto oder sie erzählen mir davon.
Im Internet werde ich oftmals mit dem Sonnenblumen-Emoji verbunden.

Doch sie gehören nicht zu mir. Sie gehören zu dir. Wissen sie das nicht? Ich erzähle es hin und wieder. Oft erscheint es mir unpassend.

Blumen „gehören“ niemandem und warum sollte es jemanden interessieren, warum ich so an ihnen hänge? Viele kennen dich ja gar nicht. Sonst wüssten sie es eventuell auch besser. Darum will ich es hier erzählen.
Ich verbinde diese Pflanzen mit dir. Ich war immer nur der Maßstab dafür, wie groß deine eigenen schon waren. „Größer als ich“ oder eben „kleiner als ich“. Du warst der Gärtner, sie dein Werk. An mir wurden sie bloß gemessen. Oder war es umgekehrt? Hast du insgeheim mich an deinen Blumen gemessen? Gesehen, wie ich im Verhältnis zu den sonnengelben Gewächsen immer größer wurde?

Bei der Trauerfeier zu deinen Ehren nannte mich der Pastor deine „besondere Freundin“. Das habe ihm die Familie so gesagt. „Seine kleine besondere Freundin.“ Noch bevor er direkt im Anschluss meinen Namen aussprach, flossen bei mir die Tränen, die ich an diesem Tag bis dahin „tapfer“ zurückgehalten hatte. Es war mir so peinlich, die Blicke der anderen zu spüren. Blicke erfüllt von Trauer, manche auch von Mitgefühl.
Warum ich? Warum Freundin? War ich nicht bloß Familie? Was war denn an mir besonders? Ich mochte Mitleid nicht, nie. Auch hier nicht. Ich fand es so unangebracht, immerhin hatte eine Frau ihren Ehemann verloren und Kinder ihren Vater. Das war doch wohl wichtiger? Mitleid ist etwas, was ich bis heute kaum ertrage und dass „Leid“ sich nicht vergleichen lässt, ist eine Lektion, die ich erst viel später zu lernen begann.
Nach dem Gottesdienst ging ich wie in Trance mit den anderen heraus und bestattete deine Urne. Die Wartezeit, bis ich Erde in das Loch geben durfte fühlte sich unendlich an. Ich wollte auch das „besonders gut“ machen, aber der Moment war so schnell vorbei, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Was ich allerdings erinnere sind zwei Lieder, die ich mit dir, deiner Frau und deinem Tod verbinde und die wie eine Art Filmmusik in dieser Erinnerung abgespeichert sind: „Only Time“ von Enya und „Walzer für dich“ von Pur. Bei letzterem erinnere ich mich besonders an eure Perlenhochzeit und vor meinem inneren Auge tanzt ihr. Ein Foto von diesem Tag hängt hier an meiner Familienfotowand und ich bin sehr froh darüber.

Die Worte des Pastors gingen mir an dem Tag nicht aus dem Kopf und noch heute bewegen sie mich immer wieder. Was hat ihn zu dieser Wortwahl bewogen? Hatte wirklich jemand aus der Familie ihm diese Formulierung gesagt oder lediglich umschrieben? Wer hat mich ihm so beschrieben?

Was mich so „besonders“ für dich gemacht hat, weiß letztlich niemand. Es gibt Vermutungen, die in der Familie immer wieder erzählt werden. Wie gerne hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt. Hätte dich selbst nach deiner Perspektive gefragt, bei allem, was ich nur durch die Augen unserer Familie kenne und vermuten kann.

Alles was ich weiß ist, dass es zwei Versionen von dir gab. Eine vor unserem Zusammentreffen und eine danach. Keine war „besser“ oder „schlechter“. Du warst von Anfang an ein Mann mit Stärken und Schwächen, so wie wir alle. Die Verwandlung zieht deine Zugehörigen trotzdem noch heute, viele Jahre nach deinem Tod, in den Bann.

Warum musste ich ausgerechnet in diesem Augenblick weinen, kurz bevor mein Name fiel und damit auch das „Rampenlicht“ auf mich? Hatte ich nicht trotz des guten Zuspruches unserer engsten Familie, ich dürfte ruhig weinen, versucht, weiter fröhlich oder zumindest unauffällig zu sein? Den Raum für Tränen und Verzweiflung anderen zu geben und sie zu trösten? Das Gute zu sehen? Es ging hier schließlich um dich!

Ja, ich weinte. Es war „normal“ und ich war so traurig dich verloren zu haben. Ganz egoistisch. Dein Tod war der letzte, den ich wohl „gesund“ verarbeiten konnte. Wie groß dieses Geschenk ist, war mir da noch nicht bewusst.

Seit deinem Abschied habe ich oft geträumt, dass du noch da bist. Dass ich zu Besuch bin in den Ferien. Du bist in meinen Träumen genauso wenig gealtert, wie ich.
Das Gute sehen… Ich war und bin bis heute, wie wohl auch andere in der Familie, dankbar dafür, dass du gestorben bist.
Wir sahen das durchaus positiv, auch ich.

Das zu schreiben tut nach fast 20 Jahren immer noch weh. Wer wünscht jemand anderem den Tod? Warst du ein so schlechter Mensch?
Nein, auf gar keinen Fall! Ich sagte es bereits: Du hattest Stärken und Schwächen. Was mich angeht überwogen die Stärken deutlich.

Du bist per Hausgeburt geboren worden, wie es „früher“ üblich war. Das Haus, in dem du geboren wurdest, hast du mit ausgebaut und vergrößert. Wenn ich es richtig erinnere zusammen mit deinem Vater und deinem Bruder.
In diesem Haus treffen wir uns in meinen Träumen. Es ist, als würdest du hin und wieder zu Besuch kommen. Dieses Haus wirst du bis zu deinem Tod dein Zuhause nennen können. Dort hast du mit deiner Frau später die drei Kinder großziehen können. Du hast immer körperlich hart gearbeitet, warst ehrlich und warst ein sehr strenger Vater, sowohl für dein leibliches Kind, als auch für die zwei, die deine Frau mit in die Ehe brachte. Dabei warst du teilweise aufbrausend, aber du warst immer da, wenn man dich brauchte.

Das war etwas, was konstant blieb und was deine Kinder und Enkelkinder dir bis heute danken. Es gab kein „habe ich dir doch gleich gesagt“, wenn etwas schief ging, nicht einmal, wenn man sich über ein Verbot hinwegsetzte. Du hast geholfen. Das nehmen wir alle mit. Auch ich hörte diesen Satz nie von meinen Eltern und sage ihn, wenn überhaupt, nur scherzhaft. (Okay, ich habe auch keine Kinder.)

Deine Regeln hatten im Gegenzug hingenommen zu werden. Auch du warst ein Kind deiner Zeit. Das würde niemand beschönigen.
Deine Frau war dir immer treu zur Seite, dein Gegenpol und wusste dich zu nehmen. Sie konnte bei Bedarf dir den Rücken stärken oder sich schützend vor ihre Kinder und Enkel stellen und für ihre eigenen Bedürfnisse einstehen, wenn sie es für richtig erachtete. Sie hält deine Familie bis heute zusammen und passt gut auf sie auf.

Viele Jahre später kam ich zur Welt – überraschenderweise für alle schwerbehindert. Damit mussten alle erst einmal „klarkommen“ und sich darauf einstellen. Jeder tat dies auf seine ganz eigene Art und Weise.
Du, der du immer körperlich gearbeitet hattest, rau warst und kräftig, hattest plötzlich Berührungsängste. Wie konntest du mir nahe sein, ohne mir zu schaden? Dazu kommt noch – das kann ich nur mutmaßen – dein Bild von „Behinderung“, ein Schreckgespenst alter Zeiten. So ging es eine Weile, aber so sollte es nicht bleiben.
Deine Frau und deine Tochter hatten eine Idee, die letztlich auch funktionieren sollte.

Nach dem, was da genau geschah, hätte ich dich so gerne gefragt, denn außer dir kann es mir keiner beantworten. Wir waren allein.
Meine Mutter hatte mich versorgt und zum Schlafen gelegt. Ich war kein kompliziertes Baby, sondern ein ruhiges, fröhliches. Mein Lachen war wohl schon früh sehr einnehmend. Zumindest wenn ich der Familie glauben darf. Meine Mutter ging mit deiner Frau, meiner Oma. Nicht weit weg, aber zumindest so weit, dass du dich kümmern musstest, wenn etwas sein sollte.

Laut Familienanekdote warst du seit diesem Tag ein anderer Mensch und wir zwei ein Herz und eine Seele.
Ich war – wie beschrieben – bei dir, als du deine Sonnenblumen bewundert hast.
Das Pfeifen hast du versucht mir beizubringen, leider ohne Erfolg. Niemand konnte es wie du und es kommt mir albern vor, wie traurig ich darüber bin, dass ich es nicht von dir lernen konnte. Selbst, wenn ich es heute lernen könnte als solches, es wäre nicht dein Pfeifen. Daher bleibt es dabei: deine Enkelin kann nicht pfeifen.

Du hast mir gezeigt, wie ich mit deinem Hund umgehen konnte, hast mich ins (Rettungshunde-) Training eingespannt. Der DSH-Rüde sollte eigentlich nicht dein Partner werden, aber er wurde es. Ich lernte die Körpersprache von Hunden besser zu lesen, was mir gegen meine Ängste half. Du warst immer dabei, hast immer einen sicheren Rahmen geschaffen und meine Grenzen immer respektiert. Ein so stürmischer und später ja auch großer Rüde machte mir zum Teil große Angst. Du wusstest aber immer, was du ihm und mir zutrauen konntest, zeigtest mir, nach welchen Regeln dein Hund spielte. Denn auch ihn erzogst du klar und zu einem guten Gehorsam. (Hundemenschen werden mich für diese Formulierungen wahrscheinlich steinigen, aber es sind lediglich Kindheitserinnerungen – seht es mir nach. Mein Opa war nicht gewalttätig.)

Deine Begeisterung für Technik hast du mir auch nahelegen wollen, hast mich dir beim Funken zuhören lassen und bei dir durfte ich sogar mal an den Computer und in diesem ominösen Internet Hühner erschießen – wenn du dabei warst, nie allein. Klare Regeln. Keine Überraschungen dabei. Du warst nicht „unberechenbar“ dabei, höchstens manchmal in der Ausprägung deines Unmutes, wenn ich kleiner Sturkopf doch mal wieder schummeln wollte.

Außerdem hast du dir als Rentner noch deinen Traum von einem eigenen Motorrad erfüllen können. Auch da kollidierte dein Wunsch mich einzubeziehen mit meinen Ängsten, mehr noch als beim Hund, bei dem du es immer geschafft hast, mir einen sicheren Raum zu ermöglichen. Das Motorrad hat mich fasziniert, weil du so viel Freude daran hattest. Ich hatte sehr wohl die Vorstellung davon, wie wir zu zweit darauf fuhren. Manchmal, wenn ich richtig mutig träumte, sogar mit „richtig in die Kurve legen“, auch wenn du das wohl vernünftigerweise nie getan hättest.
So gern wolltest du mich auch mal daraufsetzen, aber diese Hürde war zu groß für mich.

Wo ich mich allerdings irgendwann sitzen fand, war auf dem Fahrersitz deines Autos. Nicht auf der Straße, sondern in der Garage. Ich hatte das Steuer in der Hand und die Pedale unter den Füßen. Ich weiß nicht mehr warum, aber der Motor lief und du erklärtest mir gerade, was ich tun sollte, was ich aber irgendwie nicht richtig umsetzte. Theoretisch hatte ich, glaube ich, nur mal den Motor aufheulen lassen sollen, aus Spaß. Wer von uns hat sich wohl mehr erschreckt, als dein Auto sich ein paar Zentimeter weiter ins Innere der Garage bewegte? Ein Glück, dass das Auto noch nicht ganz vorne dran stand und ich vor Schreck meine Füße von den Pedalen zog und damit den Wagen abwürgte.

Ich schämte mich und hatte Angst. Ich glaube, du auch. Ungläubig fragtest du mich, warum ich nicht auf die Bremse getreten war. Nachdem unser beider Schrecken verflogen war, lachtest du, nahmst mich in den Arm und ich wusste: Du bist nicht böse mit mir. Konsequenzen hatte es trotzdem, es war meine letzte „Fahrt“ mit deinem Auto.
Ich verstand später nicht, warum sowohl meine Oma als auch deine Töchter so ungläubig reagierten, als ich ihnen davon erzählte, wie spannend es war, Opas Auto „gefahren“ zu haben. Mit dem Wissen, dass ich heute über dich habe, kann ich es besser einordnen. Es war Teil deiner Veränderung.

So traurig ich heute darüber bin, dass ich den Mut nie gefasst habe, mich auch mal aufs Motorrad zu trauen und dir dadurch deinen Wunsch nicht erfüllen konnte, so dankbar bin ich dir, dass du mich hast „sein lassen“. Du hast es mir nicht krummgenommen und mich nie gedrängt, nur liebevoll ermutigt. Meine Entscheidung hast du immer akzeptiert.

Ich hatte mehr von dir, als es viele Enkel von ihren Großeltern sagen könnten und von deinen Enkeln war ich sicher diejenige, die am meisten Zeit mit dir verbringen durfte. Sicher standen wir uns auch deswegen so nahe.

Trotzdem sind da noch so viele Fragen, die ich jetzt als erwachsene Person so gerne von dir beantwortet bekommen hätte.
Was ist passiert an diesem einen Tag, als deine Frau und deine älteste Tochter uns allein ließen?
War ich aufgewacht und habe geweint? Hatte ich Hunger oder brauchte ich Nähe? Hast du mich dann auf den Arm genommen und getröstet?
Oder habe ich gelacht und dich damit angesteckt?
Ganz zu schweigen von Dingen, die deine Vergangenheit betrafen. Dinge aus deiner Kindheit beispielsweise. Warum warst du so, wie du warst?

Was auch immer an diesem einen Tag passiert ist, es schien für dich einschneidend. Deine Veränderung blieb nicht famillienintern.
Du warst ein Mann, der sein Leben lang auf dem Bau gearbeitet hatte, Zuhause gewohnt war, dass alles nach seinen Regeln spielte. Du hattest eine klare Vorstellung, einen Plan, wie Dinge zu laufen hatten und so lief es auch, wenn Kinder oder Ehefrau dir nicht „Kontra“ gaben.
Ein behindertes Familienmitglied wäre sicher keiner der Pläne gewesen. Du hättest es wem auch immer sicher am liebsten verboten, dass ich das erdulden muss. Aber Familie stand sowieso zusammen. Auf Familie kann man sich immer verlassen, egal was vorher war. Für Familie ist man immer da. Da warst du kompromisslos.
Der Kontakt mit mir schien dich irgendwie – in Ermangelung passenderer Worte – weicher zu machen und zu inspirieren. Du fingst an für eine Hilfsorganisation zu arbeiten, für die du die Behinderten befördert hast.
So sehr ich die Veränderung in deinem Verhalten mir gegenüber und innerhalb der Familie respektiere und schon ohne die Version von dir vor meiner Geburt zu kennen, erstaunlich finde, das war doch kaum vergleichbar, oder?

Ein Mensch, der seine eigene Enkelin anfangs nicht einmal auf dem Arm halten mochte, die aber immerhin Familie war, fuhr völlig fremde Menschen mit Behinderung zu ihrer Werkstatt und wieder nach Hause? Das ist doch fast undenkbar, zumal du von mir abgesehen gar keine „Erfahrungen“ mit behinderten Menschen hattest.
Diese neue Offenheit, bei der wohl Oma auf dich abgefärbt hat, gepaart mit der fehlenden Erfahrung brachte dir ein paar weitere Anekdoten ein, die in der Familie immer noch gerne geteilt werden.

Hier jedoch würden sie meiner Meinung nach aber zu weit führen. Einiges bleibt doch besser privat, nicht wahr.

Das alles warst du, Opa – für mich lange selbstverständlich. Für deine Frau und deine Kinder oft eine Verwandlung und neu. Vieles davon erfuhr ich erst nach deinem Tod.

Deine teilweise cholerische Seite verlorst du jedoch nie und aus heutiger Sicht weiß ich, dass auch hier Oma das abgeschwächt hat, indem sie mich unauffällig aus Situationen herauszog.
Reibungen gab es zwischen uns nüchtern betrachtet erstaunlich selten, wenn man bedenkt, wie stur wir beide sein konnten. Opa, wir sind nicht blutsverwandt, aber ich weiß genau, den Sturkopf – den habe ich von dir!

Dass es zwischen uns so harmonisch lief, lag sicher nicht nur daran, dass Oma da war als Vermittlerin. Es war ja nicht so, dass du ein unkontrollierbarer Tyrann warst. Du warst mir gegenüber zum allergrößten Teil liebevoll. Du hast Grenzen und Regeln immer klar kommuniziert und Überraschung: Damit kann ich bis heute gut umgehen.
Nicht nur, dass ich Regeln liebe und klare Kommunikation mir als sozial phobischem Menschen, der andere Menschen oft nicht versteht, hilft. Deine Regeln hatten immer „Hand und Fuß“, wurden nicht nach Tagesform verändert und was meine heutige, erwachsene Ansicht angeht, waren es auch keine großen Sachen. Es gab Dinge, die dir wichtig waren. Muss man nicht verstehen, nur befolgen. Auch darin sind wir uns verdammt ähnlich, Opa, und vieles, worauf du wert legtest, ist mir heute auch wichtig. Warum du damit eventuell mal woanders angeeckt bist, ist ein anderes Thema.

Ich weiß auch durch dich, dass es mal knallen kann, laut wird und dass man sich trotzdem liebt. Dass danach wieder „alles gut“ wird, das hast du mich gelehrt. So sehr du schimpfen konntest, du konntest danach auch anerkennen, dass Dinge geklärt waren und verzeihen. Du hast nie mit deiner Zuneigung zu mir hinter dem Berg gehalten und damit mir viel wertvolles geschenkt.
Ich bin so harmoniebedürftig und konfliktscheu, dass ich für diese Lektion unglaublich dankbar bin. Für beide Seiten – den Streit und die Versöhnung, die oft sehr unspektakulär ablief.

Warum ist man denn dann dankbar für den Tod eines so nahestehenden, liebevollen, prägenden Menschen?

Die Antwort ist einfach: Dir ging es am Ende nicht mehr gut. „Krebs ist ein Arschloch“ sagt man bei Twitter häufiger und Opa, dir hätte es gefallen, wie das Internet sich entwickelt hat. So viele technische Spielzeuge, so viele Kommunikationswege!

Ja, der Krebs hat auch dich erwischt und da liegt es nahe, den Tod als Erlösung zu sehen. Noch mehr hätte ich für dich um Heilung gebetet, wenn da nicht ein anderes Detail gewesen wäre: Dein Haus. Das Haus, in dem deine Mutter dir das Leben geschenkt hat. Das Haus, in dem du deine Kinder groß gezogen hast, deine Enkel eingeladen hast. Das Haus, das du nie verlassen solltest. Das Haus, in dem wir uns in meinen Träumen immer wieder sehen. Das Haus, dessen Geruch ich noch in mir trage, den Blick aus dem Küchenfenster, den ich abgespeichert habe, genauso wie ich die raue Mauer zur Straße hin noch unter meinen Fingern spüre.
Du wusstest, dass es nicht mehr lange so hätte sein können und ich bin auch deswegen dankbar, dass du diesen Schritt nie tun musstest. Das zusätzlich zum Kampf gegen den Krebs?

Ich weiß nicht, ob ich einfach unglaublich kitschig bin und deinen Tod romantisiere, schon weil der nächste Trauerfall in meinem Leben für mich bis heute großer Horror ist. Ob ich meine Angst vor Veränderungen auf dich projiziere, aber das Wissen, dass du im Haus deiner Geburt auch sterben durftest, weder im Krankenhaus, noch in einer neuen Wohnumgebung, tröstet mich. Ich danke Gott dafür.

Jetzt sitze ich hier, am Herbstanfang, deinem Geburtstag und einem der wenigen, die ich mir schon als Kind merken konnte und schwelge in Erinnerungen.
Ich denke an Sonnenblumen, Motorräder, Oma und dich. Denke an dein Haus, an deinen Rüden, daran wie viel Spaß wir auf dem Hundeplatz und im Garten hatten. Ich stelle mir vor, wie du oben im Himmel bist, so wie es mein Glaube ist, auf deiner Wolke uns beobachtest und immer wieder in meine Träume funkst.
Im Hintergrund läuft Pur und anderes melancholisches Zeug und ich merke, wie mein Blick verschwimmt, dabei will ich nur eines sagen:

Alles Liebe zum Geburtstag und danke, Opa.

Die Wunde (Teil 3/3)

Teil 3: Loch

„Ich bin ein Loch.“

Wenn du mich fragen würdest, wie es mir jetzt, am Freitag den 14. Mai um 14.30 Uhr, geht, wäre das meine Antwort.

Säßest du mir ein paar Stunden später gegenüber, du würdest einen angespannten Menschen sehen. Jemand, der immer wieder mit den Fingern an irgendetwas rumspielt, auf seiner Lippe kaut, der ab und zu zittert und dessen Blick von Zeit zu Zeit unruhig im Raum hin und her geht. Nicht, weil ich deinem ausweichen wollte, sondern weil ich nicht anders kann. Vielleicht knirsche ich sogar etwas mit den Zähnen.

Wenn du mich darauf ansprichst, dann werde ich das alles zugeben. Keine deiner Beobachtungen wäre mir neu. Ich spüre, wie die Muskeln in meinen Beinen krampfen, wie ich größtenteils sehr flach atme und auch die Kälte in meinen Fingern. Überhaupt ist mir kalt, innerlich wie äußerlich, auch nach mehreren Tassen heißem Tee. Kälte ist sehr ungewöhnlich für mich und mir ein sehr unangenehmes Gefühl.

Rein rational weiß ich, was du dann auch glauben würdest: Ich bin bis zum Bersten angespannt.

Aber ehrlich gesagt, bin ich das nicht. Ich bin ein Loch, aber das ist okay. Ich bin nicht sonderlich angespannt oder wüsste zumindest dutzende Situationen, in denen ich deutlich angespannter war. Wahrscheinlich würden diese Äußerlichkeiten sogar bei deren Erwähnung prompt zurück gehen, wenngleich nur kurz. Nicht, weil ich dir meine Anspannung vorenthalten will oder weil diese Dinge gespielt wären. Sie kommen und gehen in Wellen.

Es ist der 22.12.2021, 18.05 Uhr. Seit Monaten sehe ich immer wieder auf diesen Text, den ich doch eigentlich „zeitnah“ hochladen wollte. Es klemmt genau an dieser Stelle. Daran, dass ich euch so gerne das „Lochgefühl“ begreifbar machen möchte und doch keine Worte dafür finde. Die einzige „Erklärung“, die ich gefunden habe für meine Wortlosigkeit, ist der Verdacht, dass dieses Gefühl aus einer Zeit stammt, in der ich keine Worte hatte. Eine Zeit, in der ich noch so jung war, dass es keine Worte gab, nur Gefühle. Dazu würden meine intuitiven Lösungsstrategien (Wärme, Nähe, Essen) passen. Das bringt mich aber bei der Erklärung des Loches nicht weiter.

Bei näherer Betrachtung merke ich aber, dass es zwei Zustände gibt, die ich als „Loch“ bezeichne:

Das eine ist ein dunkles Loch, in das ich falle oder mich verkrieche, wenn es mir nicht gut geht. Es fällt schwer, mich wieder ein Stück näher an die Oberfläche zu kämpfen. Mal ist es dort ungemütlich und kalt, mal vertraut und warm. Dieses Loch ist nicht per se etwas schlechtes, schon durch seine Zuverlässigkeit. Es ist vor allem „äußerlich“. Ich würde immer die Formulierung wählen „Ich stecke in einem Loch“ o.ä.

Das zweite Loch ist anders, es ist ein „Nichts“, das in mir den Drang auslöst, es zu stopfen und auszufüllen. Aber alles, was ich versuche, löst sich auf und wird zum Zustand dieses Loches, als das ich mich dann vollständig identifiziere. Daher meine Ausdrucksweise „Ich bin ein Loch.“.

Was ich euch hier allerdings noch in Kürze berichten kann, ist, dass mir dieser Besuch auf dem Friedhof noch lange „nachhing“ und es auch weitere Aufenthalte da gab.

Da ich fürchte, ich werde nichts besseres mehr zustande bringen, schließe ich den Beitrag an dieser Stelle. Sollte mir noch mehr zu dem Loch einfallen oder sollten euch „Friedhofs-Updates“ interessieren, werde ich das in einem gesonderten Beitrag behandeln.

Die Wunde (Teil 2/3)

Teil 2: Is‘ okay
So fuhr ich im Anschluss mit den genannten Dingen und einem Vorrat Taschentüchern im Gepäck wie geplant mit meiner Freundin zum Friedhof mit einem Abstecher zum Blumenladen vorweg.

Noch im Laden kämpfte ich mit den Tränen, aber ich wusste sehr genau, was ich wollte, fand das Ersehnte und wurde sehr freundlich bedient. Eventuell kam mir auch zu Gute, dass ich komplett schwarz gekleidet war und möglicherweise auch von der Therapie leicht verheult aussah. Aber das sind Spekulationen, denn vielleicht ist die Verkäuferin einfach nur ein sehr freundlicher Mensch.

Als meine Freundin und ich die Straße zum Friedhof hin überquerten, merkte ich allerdings schon kurz eine Veränderung in meinem Fühlen, das ich aber beiseite schob. Kurz flammte in mir auch der Gedanke „Ja, ich glaube, so machen das Erwachsene“ auf. Solche Art Gedanken kenne ich von mir aus anderen Situationen schon. Trotzdem erkannte ich erst im Nachhinein, dass ich hier schon dissoziierte.
Zu diesem Gedanken gesellte sich ein gewisses Unverständnis dafür, dass ich hier überhaupt war und warum mir das schwer fallen sollte. Auch das ist für mich ein deutlicher Hinweis dafür, dass ich nicht ganz bei mir war, sondern spätestens jetzt schon in einem dissoziativen Zustand. Das stellte ich allerdings erst fest, als ich anfing diesen Blogbeitrag zu schreiben.

Wir fanden die Stelle nicht sofort und da es regnete und meine Kondition nicht gut ist, setzte ich mich kurz auf eine überdachte Bank, während meine Freundin versuchte Klarheit zu schaffen, indem sie erst weiter den Friedhof „durchsuchte“ und dann sogar versuchte die Friedhofsverwaltung telefonisch zu erreichen. Während ich da saß und wartete, wurde der Fluchtreflex wieder sehr laut. Der Drang zu Fliehen oder mich tot zu stellen ist bei mir mittlerweile sehr ausgeprägt, was es mir oft schwierig macht mich meinen Ängsten zu stellen.

In mir kamen Gedanken wie „Ohje, jetzt ruft die da an, wie peinlich.“ „Ach, so wichtig ist das ja gar nicht, lass uns mal lieber schnell verschwinden.“ und „Jetzt hat sie sich extra Zeit genommen und jetzt regnet das auch noch. Besser, wir verschieben das und gehen jetzt.“

Meine Freunde kennen mich aber gut genug um das zu wissen, selbst wenn ich nichts sagte. Das Einzige, was mir raus rutschte war „Du willst da jetzt ernsthaft anrufen?“ in einem „Ich geh mich mal kurz vergraben – am richtigen Ort dafür bin ich ja schon mal.“-Tonfall. Dass „wir“ niemanden erreichten, erleichterte mich offen gestanden. Trotzdem wurden wir fündig und ich konnte meine Blume abstellen. Auch machte ich bei der Gelegenheit wenige Fotos. Meine Freundin ließ mir Raum für mich und so setzte ich mich im Regen auf meinen Rollator und wartete. Wartete darauf, dass irgendetwas passierte, sich irgendwas in mir regte. Sei es eine Erleichterung oder ein Zusammenbruch, denn selbst für den wäre ich ja jetzt gewappnet. Ich war sicher, irgendetwas müsste doch jetzt passieren.

Nichts.

Ein inneres Schulterzucken, ein Haken an den Punkt „Grab besuchen“ auf der inneren To-Do-Liste, aber keine Gefühle. Ich machte ein letztes Foto und suchte meine Freundin. Ihren fragenden Blick beantwortete ich lapidar mit „Is‘ okay.“ und hatte spontan den Song „It’s okay“ von Atomic Kitten im Ohr, obwohl der wirklich nicht zu der Situation passte.

Sie nickte verstehend und merkte an, dass wir ja beide wüssten, was das sei.

Jap, (Gefühle) verdrängen kann ich. Dissoziieren ist unglaublich anstrengend, kann aber schön sein. (An dieser Stelle noch eine kurze Anmerkung: Nein, Verdrängung und Dissoziationen sind nicht gleichzusetzen, haben bei mir aber Überschneidungen, sodass ich das eine oft nicht gut vom anderen unterscheiden kann.)

Die Wunde (Teil 1/3)

CN PTBS, Trauma(folgen), Recovery, Dissoziationen, Essstörung, selbstverletzendes Verhalten, Tod

Generelle Anmerkung zu den Content Notes: Diese beziehen sich immer auf den gesamten Beitrag (jeden Teil), so nicht anders vermerkt

Anmerkungen zum Text im Vorwege:

  1. Ich „spreche“ hier im Blog gern meine LeserInnen an, meist im Plural. In diesem Text werde ich zum Teil den Singular wählen, weil mir dies leichter fällt. Der Text fällt mir unfassbar schwer, aber die Vorstellung, mit einer einzigen vertrauten Person im Gespräch zu sein, macht es etwas leichter. Ich hoffe, ihr verzeiht mir diesen Stilbruch.
  2. Ich zensiere potenziell triggernde Worte hier nicht zwangsläufig. Die Content Notes sollten hier als Warnung deutlich genug sein. Solltest du dich nicht wohl damit fühlen, lies den Text bitte nicht. Achte gut auf dich!
  3. Diesen Text zu schreiben hat mich deutlich mehr Zeit gekostet als vermutet. Ich schreibe hin und wieder ein Datum oder auch eine Uhrzeit. Der Text ist dann jeweils aus der Perspektive dieses Zeitpunktes zu verstehen. Es tut mir leid, dass ich es nicht geschafft habe, ihn zusammenhängend zu schreiben.So wurde daraus ein „Jahrestagbeitrag“.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Vorbereitung ist die halbe Miete

Teil 2: Is‘ okay

Teil 3: Loch

Teil 1: Vorbereitung ist die halbe Miete

In meinen letzten Beiträgen hier auf meinem Blog habe ich euch einen Faktor meiner PTBS offenbart. Ein Todesfall, der für mich derart traumatisch war, dass ich ihn bis heute nicht verarbeiten konnte.

Ein wenig mehr gebe ich euch heute preis.

Der Tod dieses Menschen liegt nun schon viele Jahre zurück.

Ich bin seit einigen Jahren wegen verschiedener Dinge in Therapie, u.a. um diesen Tod zu verarbeiten und habe dort in winzigen Schritten immer wieder daran gearbeitet. Aus meiner Perspektive stehen die Anstrengungen bzw. meine Erschöpfung durch diese nicht in Relation zu den erreichten Zielen, aber meine TherapeutInnen würden das eventuell anders beurteilen.

Es gibt sicher Gründe, warum der Vorfall für mich nicht zu verdauen war, als er geschah. Hier möchte ich aber gerade viel mehr darauf eingehen, warum es auch mit vielen Jahren Abstand nicht besser wurde, zumindest in einem Punkt.

Ich habe damals nicht an der Beisetzung teilnehmen können und hatte so keinen „klassischen Abschied“, wie man ihn sich eventuell wünschen würde. Leider habe ich als Konsequenz auch nicht gewusst wo genau die Grabstelle war. Lediglich den Friedhof wusste ich. Da der Platz an sich mir aber unbekannt war und ich auch niemanden fragen mochte, konnte ich somit auch für mich keine „Trauerfeier nachholen“ oder zu dem Ort hingehen, an dem ich wusste „Hier ist er.“.

Tatsächlich habe ich mir auch nie große Gedanken darum gemacht, denn schließlich kann man ja überall traurig oder verzweifelt sein. Da meine übrigen Versuche diesen speziellen Tod zu betrauern allerdings ins Leere liefen, und ich zum Teil wirklich „überall traurig oder verzweifelt“ war, kamen wir in der Therapie immer wieder auf das Thema.
In mir kämpften so viele Gefühle miteinander, dass ich sie gar nicht einzeln benennen kann. Ich suchte und fand diverse Ausreden (vor mir selbst, nicht vor meiner Therapeutin), warum das jetzt gerade nicht ginge, warum ein anderer (viel späterer) Zeitpunkt der viel klügere sei oder gar warum es überhaupt total unnötig sei.

Ich bin sehr dankbar, dass meine Therapeutin sich davon nicht abschrecken ließ, spürte, dass es mir irgendwie doch wichtig war diesen Schritt zu gehen und immer wieder mit Engelsgeduld das Thema mit mir durchsprach. Natürlich gab es nie eine Garantie, dass den Ort zu kennen und zu besuchen helfen würde und schon gar nicht erwartete ich eine Art „Wunderheilung“, aber es war eine logische Idee, dass mir dieser Schritt helfen könnte.

Etwa Anfang Mai 2021 erwähnte ich das Thema einer engen Freundin gegenüber und halbherzig in einem Nebensatz, dass ich überlegte, dort irgendwann einmal hinzufahren um zu gucken, ob ich die Stelle fände. Sie war begeistert von der Idee und bot sofort ihre Begleitung an. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich über Begleitung noch gar nicht nachgedacht. Ich wollte sowieso nicht viel darüber nachdenken, das tat ja weh. Ganz spontan erleichterte mich aber der Gedanke, mich dem nicht ganz alleine stellen zu müssen, auch weil ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren würde. Die Bandbreite ist in Stresssituationen nämlich wirklich weit gefächert. Wie weit gefächert, das zeigt dieser Beitrag nur zu einem kleinen Teil.

Also sagte ich ihr zu, was ich keine 10 Sekunden später bereute:

„Prima, dann also nächsten Freitag?“

Mist, die verlor keine Zeit. Von „vielleicht irgendwann“ bzw. „ja, wäre schon gut, das noch in diesem Jahr zu schaffen, eventuell. Halt eventuell vor dem nächsten Jahrestag, vielleicht?“ zu „nächsten Freitag“. Das ging einerseits jetzt echt schnell.

Auf der anderen Seite: Warum eigentlich nicht? Ein Teil meines Hirns suchte verzweifelt nach Gründen, warum genau an diesem speziellen Freitag das ja mal überhaupt gar nicht ginge. Vergeblich. Sicherlich auch, weil ein anderer Teil meines Hirns nicht sehr hilfreich bei der Suche war. Zum einen, weil ich die Chance wirklich nutzen wollte, nicht alleine zum Friedhof zu müssen und zum anderen weil ich es endlich hinter mir haben wollte. Außerdem war mir natürlich bewusst, dass es nicht besser werden würde, wenn ich diesen Gang aufschob. Mal ganz zu schweigen davon, dass ich schlichtweg Zeit hatte und somit auch kein Termin vorgeschoben werden konnte, weil es dann zu stressig werden würde.

Mittwoch Abend und vor allem am Donnerstag vor besagtem Tag war ich mir dann aber ziemlich sicher, dass die Pläne am Freitag nicht in die Tat umzusetzen wären. Ich habe ja an manch anderer Stelle schon erwähnt, dass ich auf Stress teilweise psychosomatisch reagiere. Kreislaufprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen sind dieses Mal an der Reihe gewesen, um nur mal die appetitlicheren zu nennen. Von Migräne blieb ich dieses Mal wenigstens verschont. Dafür hatte ich aber immer wieder Panikattacken und Angstzustände.

Mit Schwindel und ähnlichem Auto zu fahren ist natürlich nicht sicher, denn ich wollte andere Menschen nicht durch solch grob fahrlässiges Verhalten in Gefahr bringen.
Gott sei Dank hatte ich am Freitag Morgen dann morgens noch mein Therapiegespräch. Dort konnte ich offen über meine Pläne und meine Ängste sprechen, diese nicht durchführen zu können. Gemeinsam konnten wir mich dann so weit stabilisieren, dass ich mich fit genug fühlte.

Zur Einordnung: Die Therapie fand am Morgen des 14. Mais 2021 statt.

Aufgrund der derzeitigen Lage findet die Therapie bei mir momentan per Videochat statt. Das ist für Traumatherapie, was die „Therapieart“ ist, die ich in diesem Bereich brauche, nicht ideal, lässt sich aber eben nicht ändern und kommt dem Gespräch von Angesicht zu Angesicht am nächsten.

Die Anfänge dieser Gespräche sind tatsächlich etwas, was mir immer noch mit am schwersten fällt. Egal wie viele Gedanken ich mir vorher darüber gemacht habe, was genau ich an dem jeweiligen Tag bearbeiten möchte und wie ich das ganze einleiten möchte, es kommt irgendwie immer anders und oft ein wenig stockend für mein Empfinden.

Dieses Mal stellte ich mir vorher die Frage, ob ich meiner Therapeutin ehrlich darlegen wollte, dass meine Freundin mit ihrer Idee auf mich zugekommen ist, ich ihr sagen wollte, dass die Idee auf „meinem Mist“ gewachsen ist oder es irgendwie neutral ausdrücken könnte, dass sie dächte, ich hätte die Initiative ergriffen, ich aber nicht lügen müsste. Ich sollte hier eventuell betonen, dass ich nicht gerne lüge.

Ich hatte mich lediglich darüber mit meiner Freundin nicht ganz ernsthaft unterhalten, nachdem sie mir das Angebot gemacht hatte, mich zu begleiten.

Scherzhaft sagte ich ihr, dass ja rein therapeutisch gesehen, die Initiative wohl von mir hätte ausgegangen sein müssen und nicht von meiner Freundin. Wir „spulten“ also spaßeshalber nochmal zurück und ich setzte neu an und fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, mich zu begleiten. Technisch gesehen habe ich sie also wirklich gefragt, wenngleich zu einem Zeitpunkt, als ich mir ihrer Zustimmung sicher sein konnte. Allerdings fiel mir das trotzdem noch so schwer, dass es mich ehrlich überraschte und der scherzhaft geäußerte Gedanke, dass es „therapeutisch sinnvoll“ gewesen wäre, ich hätte gefragt, mir ganz ernsthaft schien. Offenbar macht es doch etwas mit mir, ob ich nach Hilfe frage oder ob sie mir angeboten wird. Rein allgemein weiß ich, dass es mir schwer fällt um Hilfe zu bitten, aber in diesem Punkt noch mit dem Wissen diese Hilfe zu bekommen, war es doch eine Überraschung.

Die Option meine Therapeutin komplett anzulügen gefiel mir nicht und offen gestanden habe ich das nie ernsthaft in Betracht gezogen. Sympathischer war mir der Gedanke, es unauffällig neutral zu formulieren, aber obwohl ich die Frage ja zumindest im Nachhinein formuliert hatte, fühlte sich das immer mehr wie lügen an. Auf der anderen Seite war ich unsicher, ob ich den Mut fände ehrlich zu sein und stellte mir die Frage, was das für das Gespräch für einen Unterschied machen würde. Zumindest nahm ich mir das trotzdem vor, weil ich mich mit den Alternativen nicht wohlfühlte.

Das allerdings waren Gedanken, bevor meine körperlichen Symptome so stark waren, dass ich daran zweifelte, Freitag zum Friedhof zu fahren und so kam es in der Therapie dann ganz anders. Ich erinnere mich nicht einmal, ob wir darüber sprachen, wie es zu diesem Plan kam.

Wir starteten nämlich nicht damit ins Gespräch, sondern damit, dass ich benannte, dass es mir nicht gut ginge und benannte auch meine Symptome und den Verdacht, dass diese psychosomatischer Natur seien und mit den Plänen zusammenhingen, den Friedhof aufzusuchen.

Wir gingen im Detail durch, welche Gefühle hinter diesen Symptomen standen und wie wir Symptome und Gefühle so weit „lindern“ konnten, dass ich mich sicher ins Auto setzen und zum Friedhof fahren konnte.

An Gefühlen war neben lähmender Angst auch eine größere Portion Wut.

Wut ist ein sehr schweres Gefühl für mich, das ich mir trotz Fortschritten in der Therapie kaum erlaube. Die einzigen Bereiche, in denen ich mir Wut in Maßen erlaube, sind das Auto (potenzielle Beifahrer sollten jetzt gewarnt sein, ich fluche wie ein Rohrspatz) und gegen mich selbst gerichtete Wut und Vorwürfe, was in selbstverletzendem Verhalten (im Folgenden „SVV“) enden kann.

Nur höchst selten erwächst aus ihr etwas Produktives bei mir, weswegen auch dieses Gefühl mir wiederum Angst macht. Zu lange hatte ich das SVV unter Kontrolle gehabt, von gelegentlichem Frustfressen abgesehen, aber die Essstörung ist eben auch wieder ein sehr spezieller Bereich, den ich an dieser Stelle einmal ausklammern möchte.

SVV war für mich insbesondere in Verbindung mit diesem Erlebnis lange ein Thema und wahrscheinlich werde ich nicht mehr an den Punkt kommen, dass ich garantieren kann, keinen Rückfall zu erleiden. Auch ist der Drang trotz der langen Zeit „Abstinenz“ oft noch sehr hoch. Aber ich habe viel gelernt in den vergangenen Jahren und dadurch kann ich in der Regel gut reagieren und den Druck senken.

Der Gefahr bleibe ich mir aber bewusst, was ein Grund dafür ist, dass ich Wut sehr stark zurückhalte.

Angst hingegen, sie klang schon im Wut-Absatz an, ist quasi ein „ständiger Begleiter“. (Warum ich jetzt wohl „Hello Darkness, my old friend“ im Ohr habe?)

Das wundert bei der Diagnose „generalisierte Angststörung“ jetzt wahrscheinlich auch niemanden. Problematisch bei eben dieser Angststörung ist, dass ich oft nicht zuordnen kann, was mir Angst macht. Sie ist eine Art immer anwesendes „Hintergrundrauschen“ in unterschiedlicher Lautstärke.

Eine Art emotionaler Tinnitus. Das heißt nicht, dass zusätzlich nicht noch erklärbare bzw. auffindbare Ängste dazu kommen können.

In diesem Fall zum Beispiel die Angst, dass meine Krankheitssymptome die Abfahrt gänzlich verhinderten oder die Angst, den Platz gar nicht zu finden. Diesen Friedhof habe ich bewusst nie betreten und hatte keine Vorstellung davon, wie groß er wäre.

Nun gibt es zur Regulierung von bestimmten Gefühlen und auch zur Unterbrechung von zu starken Dissoziationen gewisse „Werkzeuge“, die man in Therapien lernen kann, sogenannte „Skills“. Viele Patienten haben irgendwann einen bunten „Werkzeugkoffer“, um bei dem Bild zu bleiben, abhängig von verschiedenen Faktoren. Ich habe diverse Skills und werde hier definitiv nicht alle benennen können, denn diese Skills können ganz unterschiedlich sein und viele habe ich in der Situation, die ich hier schildere, gar nicht gebraucht.

Ganz allgemein lässt sich sagen: Manche Skills brauchen ein physisches Hilfsmittel, andere sind nur bestimmte Gedankenübungen. Wenn ich hier oder auch woanders von meinen Skills erzähle, dann gelten alle Angaben nur für mich. Wer für sich eine Anregung finden will, darf dies gern tun. Allerdings ersetzen meine Schilderungen keine Therapie oder die eigene Suche nach passenden Skills. Viele Skills muss man auch regelmäßig trainieren, insbesondere wenn man sie nicht so oft braucht. Wer darüber hinaus Anregungen wünscht, sollte sich bestenfalls an seine/n Therapeuten/-in wenden. Eine Warnung: Was für den einen ein Skill ist, ist für den nächsten unter Umständen ein Trigger!

Die Skills, die in dieser Stunde zur Sprache kamen, waren:

  • Brausebonbons zur Unterbrechung von Panik oder Dissoziationen
  • Musik
  • „Geistige“ Begleitung neben natürlich meiner Freundin als „echter“ Begleitung (das heißt glaube ich anders, aber mir fällt keine passendere Bezeichnung für dieses Gedankenspiel ein)
  • gute Vorbereitung

Zum Letzten ist zu sagen, dass es wahrscheinlich nicht wirklich in eine „Skillliste“ gehört, aber mich beruhigt es, zu wissen, dass ich gut vorbereitet bin und Pläne habe. Je genauer die Pläne und je mehr Ausweichpläne ich habe, desto besser. Ja, dabei verrenne ich mich gerne in scheinbar unwichtigen Details.

So besprach ich beispielsweise genau, welche Kleidung ich tragen würde, dass ich meine Kreuzkette anlegen würde, was ich in meine Taschen packen müsste, auch wenn ich einiges davon eventuell nicht bräuchte und dass ich im Vorwege eine Blume kaufen würde.

Letzteres hatte ich schon mit meiner Freundin gemeinsam geplant und der Gedanke, nicht mit leeren Hände auf dem Friedhof aufzutauchen, gefiel mir.

Murmeltiertag

CN Trauer, Tod, Jahres-/Geburtstage

Jeder von euch kennt wahrscheinlich den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Selbst wenn ihr ihn nicht geguckt habt, wisst ihr wahrscheinlich, dass es darum geht, einen bestimmten Tag immer und immer wieder aufs Neue zu erleben, exakt gleich. Die Welt dreht sich nicht weiter. Man selbst ist hierbei die einzige Person, die sich dessen bewusst ist.

Manche von uns kennen das auch auf bestimmte Situationen bezogen, unabhängig davon, ob diese auch einen zeitlichen Bezug haben oder nicht. Tage, respektive Situationen, in denen man sich vorkommt, als sei man eine kaputte Schallplatte.

Der Kollege, dem man das vierte Mal erklärt, warum auch er Papier im Gemeinschaftsdrucker nachfüllen kann. Die Oma, die nach zwei Jahren immer noch nicht versteht, dass „Käsestulle“ wirklich nicht vegan ist und ja, man macht das jetzt wirklich so, auch wenn man als Kind anders gegessen hatte.
Dazu gehören für manche Menschen auch bestimmte Jahrestage. Tage, die einem ähnlichen Schema jedes Jahr folgen (sollen) oder die durch bestimmte andere Erinnerungen mit etwas stark verknüpft sind.
Die Tante, die am selben Tag ihr drittes Kind bekam, an dem du deinen Führerschein gemacht hast. Das Kind wird dich wahrscheinlich zukünftig an deinen „Lappen“ erinnern.

Mancher dieser Verbindungen sind wir uns stets bewusst. Das kann insbesondere bei negativen Verknüpfungen helfen, uns vorzubereiten
Besuch bei Oma? Es wird Käsestulle geben, einfach weil du sie als Kind geliebt hast und sie dir etwas Gutes tun möchte.
Geburtstagsessen bei der Tante? Sie wird wieder zum Besten halten, dass ihr Zögling sicher dein Führerscheinglücksbringer war, weil sie stolz ist auf ihr Kind und auf dich. Ob du es nun ähnlich sehen möchtest oder es dich und das Geburtstagskind einfach nur noch langweilt, spielt dafür keine Rolle. Aber du weißt es und du kannst dich mental darauf vorbereiten und dir im Voraus überlegen, wie du damit umgehen möchtest.

Was aber ist mit Mustern, die wir nicht erkennen und das jedes Mal wieder?

Ich gestehe, dass ich einige dieser Situationen und Tage habe. Auf manche bin ich vorbereitet und andere Schemata kenne ich in der Theorie, aber wenn es dazu kommt, überfallen sie mich jedes Mal wieder. Sobald ich dann dahinter steige, frage ich mich, wie ich das wieder vergessen konnte und das mit einer unglaublichen Konsequenz. (Ach ja, Verdrängung ist doch ein spannendes Thema.)

Dieser Text entsteht nach einem Gespräch mit einem sehr wertgeschätzten Menschen, das mich dazu bewogen hat, mir einen meiner Murmeltiertage nochmal näher anzuschauen um näher zu beleuchten, was eigentlich für Gefühle dahinter stecken und ob ich einen Grund finde, die Muster, die eigentlich mehr als deutlich sind, jedes Mal wieder nicht zu erkennen.

In dem Gespräch ging es um ihren Geburtstag, hier soll es um meinen gehen.

Geburtstage waren für mich, wie wohl für die meisten kleineren Kinder, absolute Jahreshighlights. Zudem war ich ein ziemlich extrovertiertes Kind. Ich wollte es immer „schöner, größer, toller“ haben. Eine Überraschungsparty geplant bekommen, von der ich nichts wusste, aber auf der alles genauso war, wie ich es wollte. Ich wollte große, überragende Geschenke, viele Freunde und natürlich meine Familie, das hübscheste Wesen auf der Feier sein, leckeres Essen und ganz viel Spaß. Einfach rundum glücklich sein.
Kurzum: Ich war ein Geburtstagsjunkie.

Mein Problem?
Nicht nur, dass diese Vorstellung einer Geburtstagsfeier ohnehin völlig überzogen war. Ich war zudem noch dick, sehr unbeliebt in der Schule und konnte mich auch nie für irgendetwas entscheiden. Außerdem kam nie jemand dazu, eine „Überraschungsparty“ zu schmeißen, denn ich hatte ja vorher schon ganz genau überlegt, wie alles ablaufen musste und wer eingeladen wurde. Davon ganz zu schweigen, dass eine Wunschliste nun mal eine Wunschliste ist und keine Bestellung. Ich bekam also nicht jedes erdenkliche Geschenk auf diesem Zettel, der meistens lang war und dazu noch ganz viele tolle Überraschungen, die ich mir im Traum nicht hatte ausmalen können.
Die hübschesten Outfits gab es außerdem ja für die dünnen Mädchen, von der ich eine (blond, beliebt, intelligent, sehr hübsch) lange Zeit als enge Freundin ansah.
Aus dieser Perspektive konnte mein Geburtstag also nur eine geplante Katastrophe werden.

Da wundert es auch kaum, dass eine gewisse Unzufriedenheit jedes Jahr blieb, auch wenn es noch die andere Seite gab:
Gewisse Gewohnheiten – und ich liebe Gewohnheiten – blieben aus unterschiedlichen Gründen. Die Gästeliste blieb übersichtlich. Neben Familie und Freunden der Familie, sprich den „Erwachsenen“, kam besagte blonde Freundin, manchmal noch eine oder zwei Kinder aus der Klasse oder der Nachbarschaft. Später andere Schulfreunde, denn auf der weiterführenden Schule verlor sich der Kontakt zu meiner Kindergartenfreundin sehr schnell. Die Anzahl blieb aber ähnlich bei einer bis etwa vier Kontakten neben den Zugehörigen.
Wenn du nicht beliebt bist, reißt sich keiner um deine Geburtstagsfeier. Wenn du dazu noch kein Mega-Event schmeißt, wovon ich schon damals kein Freund war, kommen aber auch wenigstens nur diejenigen, die wirklich wegen dir kommen und nicht, weil die Feier so toll ist.
Das Essen blieb auch relativ gleich, aber es war eben auch Lieblingsessen. Das war super. Selbstgebackener, ausgesuchter Kuchen, Schokoküsse und diverse andere Süßigkeiten standen zur Auswahl. Ein Paradies für mich kleine Naschkatze.
Meine Familie gab sich wirklich alle Mühe, jedes Jahr wieder eine wunderschöne Feier zu organisieren für mich.

Ihr seht: Die Erinnerungen an dieses sich jährlich wiederholende Ereignis ist durchaus auch positiv, obwohl meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Das ist ein Lernprozess, den wir alle irgendwann durchleben werden und ich habe wohl die sanfte Lehrmethode erwischt.

Geburtstage waren für mich dadurch schon sehr früh eine ambivalente Angelegenheit. Die Sache mit der Ambivalenz war für mich als Kind bzw. Jugendliche allerdings schwer zu begreifen und zu ertragen. Ein „gut oder schlecht“ wäre viel leichter gewesen und so überwog auch an manchen Tagen die eine oder die andere Seite. (Meistens die gute!)

Diese Ambivalenz verstärkte sich nach einem ebensolchen Geburtstagsfest. Nicht direkt im Anschluss, sondern ein paar Wochen später.

Der Geburtstag an sich war wirklich toll gewesen. Ich war schon „etwas älter“, meine Erwartungen waren realistischer und neben den „üblichen Erwachsenen“ (so wie ich eben „erwachsen“ definierte), hatte ich zwei Schulfreundinnen eingeladen, mit denen ich einen wirklich schönen Tag hatte. Die Freundschaft zu den beiden genoss ich sehr. Es war eine relativ neue Erfahrung für mich, mit Mädchen befreundet zu sein, die keinen Nutzen aus der Verbindung ziehen wollten. Zumindest keinen anderen als „eine nette Zeit verbringen“. Außerdem waren sie auch was meine Interessen und meine Bildung/Intelligenz angingen mir sehr ähnlich. Mit einer der beiden darf ich noch heute befreundet sein und bin dafür sehr dankbar.
Das war wohl daher eine der Feiern, die ich somit eher positiv verknüpft hätte. Eine der Feiern, nach denen ich am wenigsten unzufrieden mit dem „Ergebnis“ war.

Wer meinen Blog schon länger liest und ein besseres Gedächtnis hat als ich, mag die Verbindung schon gezogen haben. Ich selbst bin nur beim Nachlesen drüber gestolpert.
„Und täglich grüßt das Murmeltier“ habe ich nämlich schon im Beitrag „Gründonnerstag“ erwähnt, im selben Zusammenhang, in den ich dieses Gefühl auch hier bringen möchte:

Einige Wochen nach meinem Geburtstag erfuhr ich vom Tod eines der Gäste.

Im besagten Beitrag ging es darum, dass der Tod dieses mir sehr nahestehenden Menschen über Ostern passiert war. Mein Geburtstag war der letzte Tag, an dem ich diesen wundervollen Menschen sehen durfte.

Ich erwähnte bereits, dass die „Gästeliste“ zu meinem Geburtstag immer relativ ähnlich aussah. Das war insbesondere bei den Zugehörigen so. Die Freunde wechselten manchmal wie erwähnt, aber andere waren so fester Bestandteil meines Geburtstages, dass sie nicht einmal mehr Einladungen bekamen. Es war schlichtweg jedem klar, dass sie kommen würden. Es wurde höchstens gefragt, falls der Geburtstag in der Woche lag, ob am Geburtstag direkt oder am Wochenende danach gefeiert wurde oder nach einer genaueren Uhrzeit.

Ich mochte diese Konstanten sehr und dieser Gast war eine davon.

Habe ich in meinem Gründonnerstagsbeitrag noch gesagt, dass ich dieses Thema hier ausklammern möchte, auch weil ich mich dem Thema nicht gewappnet genug sah, kann ich heute sagen, dass ich etwas „weiter“ bin.

Dieses Thema wird hier öfter vorkommen. In mindestens einem weiteren Beitrag, den ich für Mai plane.

Warum?

  • Weil es elementar ist für meine psychische Gesundheit und für meinen Lebenslauf.
  • Weil ich weiter gekommen bin in der Therapie und bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema.
  • Weil die Reaktionen auf meine ersten Andeutungen meine Ängste nicht bestätigt haben, was ich nach wie vor erstaunlich finde.
  • Weil schreiben für mich ein hilfreiches Werkzeug sowohl in Sachen Verarbeitung als auch in Sachen Reflexion geworden ist.
  • Weil ich hier immer offen sein wollte in gewissem Rahmen, eventuell sogar „aufklären“ obwohl es immer nur um mich geht und allgemeine Rückschlüsse auf andere Personen(-kreise) schlichtweg nicht möglich sind.
  • Weil das Thema unfassbar viel Platz in meinem Leben einnimmt, sodass es sich falsch anfühlen würde, es vom Ort, wo es um meine Gesundheit geht, künstlich herauszuhalten.
  • Weil mein Kopf schon längst verstanden hat, dass es nichts ist, weswegen ich mich schämen müsste, nur weil ich es nicht verstehe und ich seit Jahren festhänge.
  • Weil ich rein rational verstanden habe, dass es nicht meine Schuld ist. Weder das Ereignis an sich noch meine daraus resultierenden Gefühle habe ich verschuldet oder freiwillig gewählt.
  • Weil ich weiß, wie gut es mir tut, von anderen Betroffenen zu lesen und ich dankbar bin für deren Offenheit.
  • Weil ich sie mir als Vorbild nehmen will und Ehrlichkeit eines meiner Grundprinzipien ist.
  • Weil auch meine Zugehörigen hier teilweise mitlesen und sich mitunter seit Jahren sorgen um mich und sich fragen, was „genau“ eigentlich los ist. Sie haben eine Antwort verdient.

Was nicht heißt, dass dieses eine Ereignis „alle Antworten“ liefert, aber eine.

Geht es mir jetzt in diesem Moment gut damit?
Nein. Ich zittere, ich weine und ich bin kurz davor das gesamte Dokument zu löschen, obwohl es jetzt noch nicht veröffentlicht ist.

Habe ich Angst, was dieser Beitrag auslösen könnte? Dass ich das „Wissen“ in meinem Umfeld nicht wieder auslöschen kann?

Ja, verdammt große. Denn Wissen kann nicht rückgängig gemacht werden. Was du gesehen hast, kannst du nie wieder ungesehen machen. Sobald dieser Text „in der Welt“ ist, kann man ihn nicht löschen. Aus dem Internet schon nur schwerlich, aus den Köpfen derjenigen Menschen, die ihn gelesen haben, erst recht nicht.
Die Ängste gehen von dem üblichen „Was denken „die“ dann über mich? Bin ich dann wieder die Dramaqueen?“ (ganz gleich, ob real bekannter Mensch oder ein „fremder Leser aus dem Internet“) über „Interessiert das hier überhaupt jemanden?“ zu einem bloßen „Was werden die Konsequenzen sein? Was richte ich ggf. auch beim Lesenden an?“

Auf beide „Gruppen“ von Ängsten möchte ich hier noch einmal kurz eingehen.

  1. Die Angst, dass ich als „übertrieben“, „theatralisch“ und mein Inhalt als „uninteressant“ wahrgenommen wird.
    Diese Angst ist sehr alt und eine sehr laute Stimme in meinem Kopf. Auch wenn ich rational weiß, dass man Leid nicht vergleichen kann und ein Todesfall durchaus längerfristige Folgen haben kann bei Zugehörigen, gestehe ich mir diese ungerne zu, fange an mich zu vergleichen. „Ich habe ja nichts Schlimmes erlebt, es war ja nur…“. Da bildet auch dieser Fall keine Ausnahme. Das ist nichts, was mein aktuelles Umfeld verursacht hätte, insbesondere nicht bewusst.
    Daneben steht die Angst, Menschen „auf die Füße“ zu treten, die (in meinen Augen) „wirklich“ schlimmes erlebt haben. Wer bin da ich, dass ich mich im Rampenlicht sonne und behaupte, mir ginge es nicht gut, wenn doch sie wirklich mehr durchhaben (egal, wie sie dann damit umgehen).
  2. Die Angst vor negativen Konsequenzen, vor Veränderungen im Umgang mit mir.
    Das ist etwas, was ja völlig „natürlich“ passiert. Beziehungen zwischen Menschen, ihr Verhalten miteinander verändern sich laufend und selbstverständlich führt jede neue Information bewusst oder unbewusst zu einer „Anpassung“ unseres Verhaltens. Ich möchte das nur sehr gerne verhindern, denn ich bin ja kein anderer Mensch, unsere Beziehung ist keine andere, als sie es war, bevor du diesen Text gelesen hast. Andererseits besteht mit jedem Text die Gefahr, dass ich Menschen verletze, egal ob sie in Kontakt mit mir stehen oder hier nur zufällig jemandes Blog lesen möchten. Das täte mir unglaublich leid und gerade bei „mir bekannten“ (egal ob virtuell oder real) Menschen fühlt sich bei manchen Texten die Gefahr deutlich größer an, so auch bei diesem hier.

(Anmerkung an meine Zugehörigen: Wenn du diesen Beitrag gelesen hast, lass es mich bitte wissen. Wir müssen nicht darüber sprechen, wenn dir das unangenehm ist, aber ich möchte wissen, dass du das von mir weißt. Dieser Beitrag fällt mir sehr schwer und ich zeige einer meiner verletzlichsten Seiten hier.)

Aber vorerst zurück zu dem Geburtstag und der Todesnachricht.

Dieser Gast war wie gesagt eine der Konstanten was meinen Geburtstag anging, aber nicht nur da. Ich zählte ihn zu meiner Familie, obwohl er nicht mit mir verwandt war. Ich definiere „Familie“ anders.
Er begleitete mich quasi mein gesamtes Leben lang. Weite Teile davon hatten wir nahezu täglich Kontakt. Diese Person war einer der besten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte.
Später verlor sich der Kontakt etwas, als ich aufs Gymnasium kam und die schulischen Ansprüche an mich dementsprechend stiegen. Es war weniger Zeit und Raum für ein Aufeinandertreffen als vorher, noch dazu war auf der neuen Schule erst einmal alles neu und fremd. Auch das zog Ressourcen. Ich musste neue Routinen aufbauen, denn die brauchte ich nach wie vor.
Je weniger wir unseren Alltag miteinander teilen konnten, desto wichtiger wurden diese festen Termine, Geburtstage, Feiertage und dergleichen. Auch, weil anders als in meiner Vorstellung auf der „neuen Schule“ nicht plötzlich mich alle in der Klasse toll fanden und ich Teil einer eigenen Clique war, denn das kam erst deutlich später.
Die Gewohnheiten zu solchen Anlässen und die Sicherheit, dass „meine Menschen“ ganz selbstverständlich da sein würden, dass dieser Teil nicht „vorbei“ war, wurde mir immer wichtiger, ohne dass ich es merkte. Ein Stück weit war diese „heile Welt“ nach diesem Geburtstag vorbei.

Die Verbindung der Feier als letztes Treffen mit seinem Tod einige Wochen später und die Erfahrung von Geburtstagen ohne ihn als Bestätigung dessen, dass sich etwas grundlegend verändert hat, hat seinen Tod unwiederbringlich an meinen Geburtstag gebunden.

Definition „Trauma“:

Ein Trauma ist ein absoluter Ausnahmezustand als Folge eines lebensbedrohlichen Ereignisses. Ein solches, traumatisches Ereignis kann sehr unterschiedlich aussehen. Von Krieg über schwere Körperverletzungen und Misshandlungen bis zu Unfällen kann rein theoretisch alles ein Trauma auslösen. Der springende Punkt ist die existenzielle Gefahr.*

(*frei von mir formuliert)

Am 20.04.2005 erhielt ich die Todesnachricht und mit ihr die erschreckende Gewissheit, diese Situation nicht überleben zu können. Syntax Error. Ein Fehler im System.

Die Bilder unserer Vergangenheit bis zum letzten gemeinsamen Geburtstag. Das Gefühl gleichzeitig zu fallen, zu ertrinken und zu ersticken. Zurückreisen zu müssen in der Zeit um das Gesagte ungesagt, das Geschehene ungeschehen zu machen.
Die Erkenntnis, dass das nicht geht. Menschen sterben. Das war vorher so und das war danach so. Dieser Mensch starb. Ich überlebte, rein formal.

Ein Trauma ist eine Reaktion auf etwas, das das eigene Leben bedroht. Mein Leben war nicht „bedroht“. Ich lebte weiter, weswegen ich mit meiner eigenen Reaktion völlig überfordert war.

Ich überlebte, aber mein Leben endete am 20. April 2005.
Ich überlebte, aber ein großer Teil von mir tat es nicht.

Viel von dem, was in der folgenden Zeit passierte war ein Versuch mit dem Unmöglichen klarzukommen, auch wenn die Wege, die ich wählte nicht immer gesund und vernünftig waren.

Trauma definiert sich nicht zwangsläufig an einer realen, objektiv feststellbaren Gefahr und offen gesagt wäre selbst diese Definition nicht völlig abwegig gewesen. Wenn es ein Leben mit einem „Umstand X“ gar nicht „geben kann“, du dem aber ausgeliefert bist, dann tust du unter Umständen nicht viel für dieses sogenannte „Leben“. Vielleicht versuchst du sogar mehr zu tun.

Mit jedem Geburtstag kommt die Erinnerung daran wieder hoch, oft schon Wochen vorher.
Jedes Jahr wieder frage ich mich, was mich eigentlich so stresst. Ich verdränge so lange ich kann diesen Gefühlsstrudel. Zu gefährlich, zu nah fühlt sich das alles immer noch an.
Das ging so weit, dass es Jahre gab, in denen ich meinen Geburtstag gar nicht oder nur minimal feierte.
Meine Familie versuchte weiterhin mir einen schönen Geburtstag zu ermöglichen. Ihnen zuliebe und mit ihrer Hilfe durchstand ich diese Tage, aber in manchen Jahren konnte ich selbst das nicht ertragen.
Seit einigen Jahren versuche ich mir, wenn meine Kräfte es zulassen, für meinen Geburtstag etwas „besonders schönes“ vorzunehmen. Besonders groß, besonders klein, besondere Gäste- oder Essensauswahl, besonderes Motto, besonderes Irgendetwas.
Ein wenig wie in meiner Kindheit bis 2005. Eine neue, eine schönere Verknüpfung schaffen, die mir hilft, die Verknüpfung mit dem Tod in den Hintergrund treten zu lassen.

Bislang bleibt aber nur diese latente Unzufriedenheit, die ich von meinen Kindergeburtstagen kenne und wie sehr wünsche ich mir diese trotzdem zurück.

Die Geburtstage ohne den Tod.

Sensible Inhalte

Über Triggerwarnungen und Content Notes

Anmerkung:

Ich schreibe hier über meinen Entwicklungsverlauf mit dem Umgang sensibler Inhalte, insbesondere auf meinem Blog. Wer nur wissen will, wie mein derzeitiges „Endergebnis“ aussieht, kann einfach durchscrollen bis zur Linie. Darunter findet ihr das Fazit.

Wenn man im Internet surft und soziale Medien nutzt, insbesondere bei gewissen Themen, stolpert man zwangsläufig über Begriffe wie „sensible Inhalte“. Diese sollte „man“ doch bitte mit „Triggerwarnungen“ (TW) oder zumindest mit „Content Notes“ (CN, zu Deutsch „Inhaltsnotiz“) versehen, sodass man sich als lesende Person schützen kann, wenn bestimmte Themen einen belasten.

Als ich vor ein paar Jahren diesen Blog startete, war ich schon über das Thema „Triggerwarnungen“ im Bilde und wollte es, wie so oft, „richtig“ machen. Das will ich sowieso, gerade wenn ich Dinge neu beginne. Aber auch generell. Wenn ich etwas machen möchte, dann „richtig“ (um nicht zu sagen „perfekt“). Ja, mir ist bewusst, dass das ein hoher Anspruch ist.
Allerdings hatte ich speziell bei diesem Thema kurz zuvor gelernt, was „Trigger“ wirklich sind und wie heftig die Auswirkungen sein können. Das half mir sehr, mein Verhalten zu verstehen und zeigte mir, wie wichtig es ist, das Thema ernst zu nehmen.

Die Definition von „Trigger“ habe ich bereits in meinem Beitrag „Gründonnerstag“ gegeben. Ich zitiere sie an dieser Stelle einmal:


„Als „Trigger“ (englisch für „Auslöser“ oder den Abzug einer Waffe) werden verschiedene Dinge bezeichnet. In der physiologischen Medizin, der Anästhesiologie, der Psychologie/Psychiatrie und im allgemeinen Sprachgebrauch sind völlig unterschiedliche Dinge gemeint.
Ich beziehe mich hier, wie wahrscheinlich klar sein dürfte, auf die Definition der Psychiatrie und Psychologie. Hier bezeichnet der Trigger einen Reiz, der zu einem Flashback an ein traumatisches Erlebnis führen kann.“

Es geht also bei Triggern bzw. den Warnungen davor bei weitem nicht darum, dass sich der lesende Mensch an etwas kurz stören könnte. Es geht um Dinge, welche die psychische Verfassung derjenigen Person verschlechtern könnten. Flashbacks, Panikattacken, Dissoziationen können die Folge sein. Diese Dinge können zwar als Schutzschilde dienen, die die Person aus gutem Grund ausgebildet hat und haben in dieser Funktion einen berechtigten Sinn, kosten im Gegenzug aber enorm viel Energie. Triggernde Inhalte können also die psychische Stabilität gefährden und damit die Gesundheit eines Menschen.

Selbstverständlich wollte ich also meinen Blog diesbezüglich möglichst sicher gestalten, ohne mich in der Themen- oder Ausdruckswahl einzuschränken. Denn psychisch relevante Themen können nun mal potenziell sensibel sein und nehmen einen gewissen Raum hier ein. Also versuchte ich an möglichst alle Texte, die ich für „schwierig“ hielt, eine Triggerwarnung zu schreiben.

Die Frage, ob ich auf potenziell sensible Inhalte hinweisen will, stellte sich mir nie. Sie geben jedem Besucher meiner Seite die Möglichkeit – allerdings auch die Verantwortung! – mit sich selbst und meinen Texten so umzugehen, dass es ihm damit gut geht.

Leider stellte mich das Ganze nun aber vor ein Problem: Trigger können sehr unterschiedlich aussehen. Das bezieht sich sowohl auf den angesprochenen „Sinn“ (Gerüche, Bilder, …) bzw. die Art, als auch auf die Themen. Mich beispielsweise triggern geschriebene Texte eher selten. Meine Baustelle sind eher Gerüche oder Sprachmelodien. Natürlich gibt es auch einige Sätze und ja, die können mich auch in geschriebener Form triggern. Weniger sind es aber komplette Themen, sodass mir derartige Warnungen beispielsweise gar nichts bringen. Zwar bin ich bei manchen Themen an manchen Tagen etwas empfindlicher als an anderen Tagen, aber das ist mehr der Bereich „es piekst halt ein bisschen“, also deutlich weniger massiv als ein Trigger. Ich halte es für extrem wichtig, hier zu differenzieren. Natürlich wäre beides schön zu verhindern, aber Triggerwarnungen als solches zielen primär darauf ab, den Lesenden vor gröberem zu schützen als einem kleinen „Pieks“.

Zurück zu meinem Problem:

Ich habe keinen Überblick darüber, wer hier was liest und schon gar nicht wüsste ich, welcher Art die Trigger der einzelnen Personen sind.
Wenn ich selbst also nicht unbedingt betroffen bin, ich aber auch das „Gegenüber“ nicht einschätzen kann, wie soll ich dann entscheiden, welcher Text welche Triggerwarnung bekommt?

Hier kommt für mich der Begriff der sogenannten „Content Notes“ ins Spiel. „Content Note“ (oft auch „CN“) heißt wie oben erwähnt zu Deutsch so etwas wie „Inhaltsnotiz“. Es geht also dem Wort nach nicht unbedingt darum eine Warnung auszusprechen oder zu sagen „Hey, das triggert dich!“. Eine CN gibt stichwortartig die Themen(-komplexe) eines Textes wieder. Das mag sich weiter nicht von einer TW unterscheiden, macht es aber für mich neutraler. Zumal mich der teilweise inflationäre Gebrauch des Wortes „Trigger“ stört. Außerdem stelle ich bei mir fest, dass ich sofort angespannter bin, wenn ich von einer „Triggerwarnung“ lese über Texten, die ich selbst lese. Manchmal entspanne ich mich recht schnell, weil die Themen beispielsweise nicht problematisch sind. Andere wiederum sind durchaus Themen, die ich mit Vorsicht genieße. Dann gehe ich innerlich schon in eine Verteidigungshaltung. „Komm schon, Trigger, ich weiß, dass du da irgendwo bist.“

Kommt es dann beim Lesen zu keiner heiklen Situation für mich, bin ich hinterher zeitweise etwas verwirrt und immer noch angespannt. Ich will mich ja verteidigen und solange da nichts zum Verteidigen ist, muss ich also abwarten.

Mein Kopf funktioniert seltsam.

Eine Inhaltsangabe mittels CN liest sich für mich entspannter. Es ist mehr eine Art Vorschau und deutlich neutraler. Ich kann auch den Gedanken „Oh, das Thema interessiert mich (nicht).“ zulassen und dementsprechend handeln. Eine solche Notiz hat für mich also noch einen zusätzlichen Nutzen.
Deswegen bin ich dazu übergegangen, statt einer Triggerwarnung eine CN zu setzen.

Wenn ich beim Lesen der genannten Begriffe an sich schon merke, dass sich etwas in mir regt, kann ich daran entscheiden, wie ich weiter vorgehe. Ich gehe aber nicht schon bei „CN“ bzw. „Content Notes“ innerlich in einen Kampf-/Verteidigungsmodus.
Eine solche Erregung kann im Einzelfall bedeuten, dass ich den Text zu diesem Zeitpunkt nicht lese.
Das kann aber genauso gut heißen, dass ich den Text lese und mir der Konsequenzen bewusst bin. Auch das gehört zu der angesprochenen Verantwortung.
Mir gibt es das Gefühl von Vertrauen des Schreibenden an den Lesenden. „Hey, Lesender, ich sage dir, worum es in meinen Texten geht. Ich weiß nicht, was das mit dir macht und ob es für dich ratsam und interessant ist, diesen Text jetzt zu lesen. Das darfst gerne du entscheiden.“

Eine Einladung, der ich in aller Regel gerne folge und die mir ein Gefühl von Freiheit einerseits vermittelt und Sicherheit auf der anderen Seite. Ich fühle mich gesehen, ernst genommen und bestärkt eigene Entscheidungen zu treffen.
Die Gefahr eines durch Trigger ausgelösten Flashbacks und ähnliches wird nicht ignoriert, aber auch nicht forciert.
Generell kann ich die Verantwortung für mich, die Dinge, die mich triggern oder reizen nicht an den Schreibenden übergeben.
So wichtig ich persönlich Content Notes für mein Schreiben finde:
Ich kann als Lesender nicht verlangen, dass der Schreiber alle meine Baustellen kennt, dass er jeden Aspekt bedenkt, der meiner Meinung nach in eine CN gehört.

Natürlich kommt auch immer wieder das Argument, dass solche Hinweise, ganz gleich ob ich sie „Notiz“ oder „Warnung“ nenne, ja unnötig seien, weil Betroffene damit „umgehen können müssten“ oder weil Trigger in aller Regel „eh irgendwo auftauchen“, man sie also nicht „überall verhindern“ kann.

Dem stimme ich zu einem Teil, wie man aus meinem Statement zur Verantwortung schließen kann, zu. Eine Weile bin ich dieser Argumentation gefolgt und habe sämtliche TW/CN unterlassen, auch weil ich zeitweise das Gefühl hatte, außer meinen Korrekturlesern, die keine CN brauchen, würde meinen Blog ja eh kaum jemand bis gar niemand lesen. Ich bin ja nur eine „kleine Nummer“.
(Das meine ich gar nicht wertend, sondern ganz objektiv.)

Ich war also von „bloß überall Warnungen dran klatschen“ zu „Keine Hinweise nötig“ gereist. Langfristig war ich mit der Entwicklung aber nicht glücklich.

Aus der Verantwortung der Lesenden und der Unmöglichkeit allumfassender Triggerhinweise zu schließen, man könne ganz auf derlei Hilfestellungen verzichten, halte ich heutzutage für fast schon gefährlich.

Meine Einstellung, dass ich mit meinem Verhalten, also auch meinem Schreibverhalten ein sogenannter „Safe Space“, ein Ort sein möchte, an dem man sich sicher und geborgen fühlt, ist im Prinzip geblieben.
Ich bin mir bewusst, dass ich das nicht für alle sein kann. Diesen Anspruch muss ich leider aufgeben. Aber ich möchte mein Möglichstes tun, um euch den Kontakt mit mir und das Lesen meines Blogs so angenehm wie möglich zu gestalten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wenig dieser Plätze einer traumatisierten und verletzten Seele geboten werden, was sie unendlich viel kostbarer und wichtiger macht. Ich wünschte, es könnte mehr Räume geben, die „wir alle“ als friedvoll und sicher erleben könnten. Aber dieser Wunsch ist kindlich, naiv, utopisch. Ich kann nur versuchen, so gut es mir möglich ist, meinen Teil dazu beizutragen. Hier einen winzigen Raum bieten. „Hier Raum bieten“ meint den Kontakt zu mir. Sei er real, sei er über das Lesen hier, auf Twitter und überall, wo ihr mich hören, lesen und erleben könnt. Überall, wo wir auch gerne in den Dialog gehen können. Auch über dieses Thema!

Gleichzeitig bin ich aber nicht gewillt hier irgendetwas an Themen einzugrenzen, nur weil sie sensibel sein könnten. Des Weiteren gebe ich keine Garantie dafür, dass ich an jeder Stelle an jede Inhaltsnotiz denke.

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Fazit:

Auch wenn jeder Eintrag hier potenziell sensibles beinhalten kann, beantworte ich die Frage, „ob“ Hinweise gesetzt werden, hier wieder mit „Ja, aber eingeschränkt.“. Ehrlich gesagt werde ich das nach Bauchgefühl entscheiden und beispielsweise bei den kreativen Texten nicht unbedingt jedes angedeutete Thema per CN angeben. Dazu gibt es gerade dort auch zu viel Interpretationsspielraum.

Eher möchte ich allgemein nochmals betonen: Hier geht es zu einem großen Teil um mentale Gesundheit bzw. Probleme, um meine körperliche Behinderung und die verbundenen Einschränkungen und somit tendenziell um Inhalte, die triggern können. Auch mein Gewicht und mein Essverhalten werden eventuell immer wieder thematisiert werden.

Sollte ich aber bei irgendetwas einen Hinweis „vergessen“/“übersehen“ haben, bin ich dafür ansprechbar, würde es entsprechend abändern oder zumindest erklären, warum ich es nicht tu, so gut ich kann. Ja, notfalls auch mit „Bauchgefühl“.

Dann wäre da die Frage der Form:

Hier wird es zukünftig statt „Triggerwarnungen“ sog. „Content Notes“ geben, abgekürzt mit CN über dem jeweiligen Beitrag, nicht schon im Beitragslink wie bislang mit den Triggerwarnungen geschehen. Diese habe ich inzwischen nachträglich entfernt.

Es gibt Schreibende, die die Worte in derlei Angaben schon zensieren. Das wird hier nicht geschehen. Ich wünsche mir, dass ich bei einer neutralen Aussage „Hier geht es um xy“ eben auch „xy“ ausschreiben kann. Sollte es dich als lesende Person schon triggern, bestimmte Begriffe zu lesen, schütze dich bitte gut und lies es zu diesem Zeitpunkt nicht.

Ich hoffe, mit dieser Lösung sind „alle“ zufrieden. Vor allem fühlt sie sich für mich derzeit stimmig an. Sollte sich das ändern, kann ich es später immer noch anpassen.

Viel Spaß beim Lesen meiner Texte und passt gut auf euch auf!

Tannenbäume

Jahreswechsel sind klischeehalber ein Zeitpunkt zum Resümieren. Ein Bilanzziehen, ein Sich-erinnern, manchmal auch ein „Danke“ sagen an gewisse Menschen und eine gehörige Portion Sentimentalität.
Dieser Beitrag enthält daher Teile davon, wenngleich nicht bezogen auf nur das vergangene Jahr und nicht bewusst zu diesem Zeitpunkt respektive nicht zu diesem Zweck geschrieben. Er entsteht in dieser Form rein zufällig so.

Meine erste psychiatrisch relevante Diagnose bekam ich im November 2013, falls ich mich da richtig erinnere: Mittelgradige rezidivierende Depressionen mit Panikattacken. Der Verdacht einer Angststörung wurde parallel geäußert, aber erst später als Diagnose gesichert.

In dieser Zeit merkte ich, dass ich über diese Krankheit(en) so gar nichts wusste und verstand nicht, warum ich die hatte.

Die ärztliche und therapeutische Begleitung sah anfangs zu einem großen Teil so aus, mir das „Gebilde Depression“ zu erklären. Im Nachhinein betrachtet glich es somit einer Art Unterricht. Ich lernte so unter anderem, welche Gefühle, welche Handlungsweisen und welche Denkstrukturen der Depression zugeordnet werden können. Ich erkannte relativ schnell, dass ich auch nicht „plötzlich“ diese Symptome hatte, aus denen man die Diagnose schließen konnte, sondern bekam ein Gefühl dafür, wie lange ich schon erkrankt war. Nur weil auf dem Blatt Papier „Diagnose X gesichert seit 2013“ steht, heißt das noch lange nicht, dass man erst da erkrankt ist.

Dadurch, dass ich verschiedene Therapeuten/Ärzte und von Anfang an auch zu unterschiedlichen anderen Betroffenen Kontakt hatte, die mich in dieser ersten Zeit ambulant wie (teil-)stationär begleiteten, hatte ich zudem unterschiedliche Erklärungsweisen. Einige erklärten sehr nüchtern.

Als Beispiele:

„Hormon X hat die Aufgabe Y, bei einer Depression kann das aber nicht umgesetzt werden, weil…“.

Die Amygdala ist der Teil Ihres Gehirns, der für Angst zuständig ist. Das passiert im Normalfall, …. Bei Patienten wie Ihnen allerdings ist es so, dass…“

Meiner rationalen Ader gefiel diese Art der Erklärung sehr. So verstand ich immer mehr, dass ich nicht „Schuld“ war an dem wie ich fühlte. Ich konnte die Verantwortung für die Fehler, die ich als Konsequenz beging, übernehmen und durch das Wissen, welches ich erlangte, ganz nüchtern erklären, was da passierte. Außerdem konnte ich mich etwas davon distanzieren und fing bald an zwischen „mir“ und „meiner Depression/meinen Ängsten“ zu unterscheiden. Natürlich ist das nicht ideal und die Gefahr war groß, mich darauf auszuruhen und herauszureden. „Das war gar nicht ich, das ist meine Depression.“ Aber dafür bin ich gar nicht der Typ und ich bin froh über das Vertrauen meiner Behandler.

Eine andere Art zu erklären war da deutlich bildlicher und am Anfang für mich absolut nicht greifbar.

Beispieldialog (der so ähnlich tatsächlich geführt wurde):

Therapeut: „Stellen Sie sich eine Autobahn vor, die Sie jeden Tag fahren.“

Ich: „Okay, also zum Beispiel meinen Arbeitsweg.“

Therapeut: „Ja, zum Beispiel, und jetzt stellen Sie sich vor, Sie fahren da täglich exakt auf demselben Millimeter Straße. Da entstehen ja irgendwann dann Fahrrillen, so nach ein paar Jahren.“

Ich: „Das will ich nicht hoffen, denn das würde auf minderwertiges Material hinweisen. Mal ganz davon zu schweigen, dass die Vorstellung, ich würde jeden Tag auf den Millimeter exakt denselben Weg fahren, völlig unrealistisch ist. Ich verstehe ja, was Sie damit andeuten wollen.“

Diese Bilder kamen mir absolut absurd vor und albern. Ich bin eine gebildete und nicht dumme junge Frau, kein kleines Kind.


Die „Klischeephrasen“ a la „Welches Tier/welche Farbe hat Ihr Gefühl gerade?“ lasse ich hier dabei sogar noch bewusst weg.

Ich beichte: Damit kann ich bis heute absolut gar nichts anfangen und bewundere jeden, der auf solche Fragen ernsthaft antworten kann. Diese Welt wird mir eventuell immer verschlossen bleiben. Danke an dieser Stelle an meine behandelnde Ärztin, die das sehr schnell verstand, es akzeptierte und andere Wege fand.

Trotzdem merkte ich, dass ich mit der Zeit immer mehr in Bildern dachte und fühlte. Ich verstand manche Bilder mit der Zeit besser und stellte fest, dass auch mein (nicht betroffenes) Umfeld mit derlei Erklärungen oft mehr anfangen konnte als mit Hormonen und Hirnteilen. Ich übernahm Bilder meines Umfeldes, meiner Behandler, anderer Betroffener, selbst aus der Musik. Daher ist auch sie immer noch ein wichtiger Skill für mich. Später entwickelte ich teilweise auch eigene Bilder zur Veranschaulichung.

Außenstehende haben manchmal Angst, die düsteren Musiktexte könnten mich tiefer ins „Loch“ namens Depression ziehen, aber oftmals ist das Gegenteil der Fall, zumindest kurzzeitig. Es ist und bleibt Ventil.

Wieder andere erschreckt es, wie negativ beispielsweise manche Texte sind und der Gedanke, dass ich mich davon angesprochen fühle, ist daher für viele nicht betroffene Menschen eher schwer auszuhalten. Es ist für mich gut und wichtig das zu wissen, damit ich weiß, wie weit ich bei dem Einzelnen „gehen“ kann in meinen Äußerungen. Denn es wäre absolut kontraproduktiv, wenn meine Formulierungen Leid verursachen, verängstigen und abschrecken. Es liegt auch in meiner Verantwortung mit der Heftigkeit mancher Gefühle so umzugehen, dass sie mein Umfeld nicht schädigen. Offene Kommunikation ist hier unglaublich wichtig und ich bin jedem dankbar, der hier rechtzeitig eine Grenze ziehen kann, auf die ich dann so gut es mir möglich ist, reagiere. Ich möchte mein Umfeld nach besten Kräften schützen.
Wenn du jemand bist, den das belastet oder dem bestimmte Themen zu nahe gehen, lass es mich bitte wissen. Wenn ich in der Folge dann vorsichtiger bin, mich zurückziehe oder bestimmte Themen ausklammere in unseren Gesprächen, dann ist dies nicht vorwurfsvoll zu verstehen. Es dient wie erwähnt dem Schutz. Deinem und meinem Schutz und dem unserer Verbindung.

Zurück zu den einzelnen Erklärarten:

Zu hören, dass Angst durch bestimmte Ereignisse ausgelöst wird und ein Teil meines Hirns dann auf „Alarm“ schaltet, scheint da für viele Menschen ohne Angststörung weniger eindringlich zu sein, als ein Bericht darüber, dass sich ein großer Elefant auf meine Brust setzt, sobald ich Angst bekomme und ich deswegen keine Luft mehr bekomme und selbst das flache Atmen mir wehtut. Dass meine Extremitäten taub werden, scheinbar erkalten und jede Bewegung schmerzhaft ist.

Niemand von uns hatte je einen Elefanten auf seiner Brust sitzen und schon gar nicht stand man dabei mitten beim Einkauf, aber die Vorstellung löst offenbar ein Verständnis aus, das weiter gehen konnte.

Okay, den Elefanten auf der Brust, den will man halt verhindern und zu wissen, dass da ein Elefant irgendwo lauert, der einem auf die Brust springen will, ist keine nette Aussicht, sondern beängstigend. Dass man dieser Situation/diesem Elefanten dann lieber aus dem Weg geht, ist verständlich und ein „da muss man eben mal durch die Angst durch“ sagt sich auch nur noch halb so leicht daher.

Was den Ansatz in diesem Satz nicht falsch macht! Expositionstraining („Ängste aushalten“) ist essenziell für die Behandlung von Ängsten, auch bei einer Angststörung.

Ende 2013 ist jetzt ziemlich genau 8 Jahre her.

Hatte ich geglaubt, dass ich nach so langer Zeit in unterschiedlichsten Therapien alles erklären könnte, was mir so passiert innerlich? Ja, zugegeben, das hatte ich. Habe ich mich damit geirrt? Aber sowas von!

Wie angedeutet profitiere von diesen Erklärungsversuchen in Bilderform nicht nur ich sondern durchaus auch mein (interessiertes) Umfeld.

Ich bin so dankbar für die Menschen, die nach Jahren immer noch versuchen mich zu verstehen und zu unterstützen, obwohl es für sie noch mehr als für mich böhmische Dörfer sein müssen.

So kam es vor einer Weile zu einer Situation mit einer nichtbetroffenen Person (A) in meinem Umfeld.

A erzählte mir von einer anderen Person (B), deren Verhalten sie nicht nachvollziehen könne, denn B sei intelligent genug zu erkennen, dass ihr Verhalten ganz unlogisch sei.

Ich hatte sofort einen Bezug zu mir im Kopf. Ein Bild davon, wie oft sich Menschen fragen werden, wieso ich so „unlogisch“ handeln und fühlen konnte. Ja, ich selbst stellte mir doch diese Frage allzu oft. Die Anzahl derer, die mich das offen fragten, war sicher weit aus niedriger, als diejenigen, die sich selbst diese Frage ohne mein Wissen stellten.

Selbstverständlich hatte und habe ich keine Ahnung, ob ähnliche Gründe für B in Betracht kamen, wie ich sie im Kopf hatte. Aber dadurch, dass ich das Gespräch auf meine eigene Situation lenkte, hatte ich das Interesse von Person A geweckt, die mir gegenüber offenkundig wohlwollend eingestellt war.

Meine Erklärung war: Wenn ich in einer bestimmten Situation bin, sei es eine Angstsituation oder ein depressives Loch, dann kann ich gar nicht anders, als eine gewisse Sache zu fühlen, sie entsprechend zu glauben und ggf. in letzter Konsequenz dementsprechend zu handeln, obwohl mir rein rational in einem Teil meines Hirns bewusst ist, dass es theoretisch „unlogisch“ sein könnte. Meine Wahrnehmung, ja ich möchte sagen, meine Überzeugung ist in diesem Augenblick eine andere.

Die Gegenfrage lautete trotzdem völlig berechtigt: Aber glaubst du das dann wirklich?

(An dieser Stelle: Großen Respekt an A (und andere nicht betroffene Personen), die das wohl nicht in letzter Konsequenz „verstehen“, aber zumindest akzeptieren und „stehen lassen“ können.)

Gemessen an meiner „Bildung“ in diesem Bereich und meiner Intelligenz, wäre die einzige sinnvolle Antwort „Nein.“ gewesen. Spannenderweise war die Antwort aber „Ja.“
Übrigens fühlt es sich für mich immer wieder falsch an, vermeintliche „Stärken“ wie Bildung oder Intelligenz zu „betonen“, als sei ich stolz drauf und ein arrogantes Wesen, das sich einbildet, etwas besseres zu sein. Das bin ich nicht, aber an dieser Stelle halte ich es für wichtig darauf hinzuweisen, dass ich eventuell andere (nicht „mehr“/“bessere“!) Ressourcen habe, als andere Betroffene.
Deswegen sind solche Situationen und Bilder auch so sehr individuell und die Kommunikation mit der speziellen Person so unglaublich wichtig.

Spekulationen wie die obige können nicht wirklich helfen, dass A mit B kein Problem mehr hat und ich nähme mir niemals heraus zu sagen „B denkt/fühlt so“. Ich versuche nur durch meine Perspektive A einen zusätzlichen Blickwinkel zu geben und somit die Möglichkeit in einen möglicherweise wertschätzenderen Kontakt zu B zu gehen um die Situation aufzulösen.

In der Folge zu diesem Gespräch machte ich mir vermehrt Gedanken darüber, warum ich bestimmte Schlüsse zog oder nicht zog, obwohl ich es eigentlich „besser“ wissen müsste.

Ich hatte in der Schule gelernt, aus verschiedenen Aussagen logische Schlüsse zu ziehen und diese nicht in Frage zu stellen.

Ein Beispiel:

  1. Bäume haben pflanzliche Zellen.
  2. Tannen sind Bäume
    ==>
  3. Tannen haben pflanzliche Zellen.

Das Prinzip ist einfach, auch wenn das obige Beispiel genauso absurd erscheinen mag. Ich habe dieses Prinzip verinnerlicht und veranschaulichen wollen. Das ach so simple Prinzip umzusetzen wird aber schwierig an anderen Stellen für mich.

  1. Alle Menschen sind wertvoll.
  2. Ich bin ein Mensch.
    ==>

Ich weiß, was da hinter der (3) stehen müsste. Aber es auch nur zu denken, bringt mich je nach Stimmungslage zu einem verächtlichen Lachen oder zum Weinen. Es zu sagen, ist mir zumeist unmöglich. Es aufzuschreiben ginge, aber alles in mir schreit „LÜGE!“

Es ist das Gefühl, dass das eine Falle ist. Ich „darf“ diese Schlussfolgerung nicht ziehen.

Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finde: Zu wissen, was da hinkommt und dass ein kranker Teil meines Hirns es nicht „erlaubt“ oder das Gefühl, dass mir mein (wie ich ja weiß) gesünderer Teil meines Verstandes sagt, was da die dritte Aussage sein müsste und es trotzdem nicht „gebacken“ zu bekommen, obwohl das ja nun wirklich keine große Sache ist, oder?

(Ja, offenbar doch?)

Wenn mich das Ganze schon überfordert, wie kann ich dann von anderen Menschen „verlangen“ das zu verstehen und da mitzuhalten?

Überraschung: Ich tu es nicht. Ich verlange es nicht und nehme es niemanden übel, der das nicht schafft.

Denn was die letzten Jahre mir auch gezeigt haben: Es ist anstrengend mit diesen Diagnosen, zu denen sich ja in den letzten Jahren einige neue gesellt haben. Unter anderem wurde der Verdacht der Angststörung in Form einer generalisierten Angststörung 2019 bestätigt. Ich kann dem ja nun nicht wirklich entfliehen, aber ich gestehe jedem zu, das zu tun.

So habe ich es selbst schon getan. So wie ich die Verantwortung für mich und meine Kräfte trage und dafür, wie ich mit ihnen umgehe, sodass es zum „Überleben“ noch reicht für mich, so trägt jeder für sich dieselbe Verantwortung.

Danke an alle, die es schaffen, mich mit meinen Einschränkungen zu ertragen und zu stützen. Danke, dass ihr mehr seht als das.

Danke aber auch allen, die bei sich bleiben konnten und ehrlich sehen konnten, wenn es sie überfordert hat und die „im Guten“ dann den Kontakt beenden oder einschränken konnten. Ihr seid toll, lasst euch bitte nichts anderes erzählen.

Danke an alle Betroffenen, die ich lese oder mit denen ich direkter im Kontakt bin. Danke für eure Erklärungen und Bilder. Danke dafür, dass ihr mir so oft so sehr aus der Seele sprecht! Danke auch an alle Interpreten, die mit ihrer Musik manchmal Schleusen öffnen, die Druck nehmen und Ventile geben für mich und andere Betroffene!

Danke an alle Behandler, die so geduldig an meiner Seite stehen.

Lying in chains

Da sind zwei Menschen. Deine Menschen.
Deine Menschen sind gute Menschen, loyal, ehrlich, vertrauenswürdig.
Diese Worte wählst du nicht leichtfertig, zu viele bewiesen, dass sie sie nicht wert sind.

Da ist dieser Mensch, die Stärke, die du bewunderst. Der Schutz, den du suchst.
Da ist dieser Mensch, das Licht, das dir leuchtet. Das Vorbild, dem du nacheiferst.
Beide einen dieselben Grundsätze. Beide eint die Liebe, auch zu dir.

Du fühlst dich schwach und suchst die Stärke. Sie erzählt dir eine Geschichte vom Licht, das zum Dunkel wird, von der Stärke, die nachgibt.
Du beginnst dich dunkel zu fühlen und suchst das Licht. Es erzählt dir eine Geschichte von der Stärke, die wankt, von dem leuchtenden Licht, das flackert.

Es will dieselbe Geschichte sein, und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein.

Wo bist du?
Sitzt du zwischen den Stühlen, Schutz und Vorbild nachjagend?
Nein, du liegst schwach und dunkel an Ketten am Grunde deiner selbst.
Suchst nicht einmal mehr Stärke, siehst kein Licht.

Spürst nur den Boden unter dir, wie er sich auflöst. Fühlst die Ketten an deinem Körper, die dich schwer nach unten ziehen, in das Loch, das das, was du für dein Fundament hieltest, nun freigibt.
Du fällst, gezogen von den Ketten deines Vertrauens, deiner Grundwerte, deiner Prinzipien und allem, was du für wahr, richtig und gut erachtet hast.

Dein Leben lang.

Du fällst, an deine Ketten gebunden.

Gründonnerstag

CN Trauma/Traumafolgen, Trigger, Jahrestage

Wie hier im Blog mehrmals erwähnt bin ich Christin. Als Christ hat man offiziell diverse Feiertage. Ich muss zugeben, viele davon sind mir nicht so wichtig, zumindest nicht was das Gemeindeleben angeht.

Andere wiederum sind für mich umso wichtiger. Buß- und Bettag zum Beispiel oder auch Gründonnerstag.

Der Gottesdienst am Gründonnerstag war für mich in den letzten Jahren fast wichtiger als Ostern selbst, auch wenn der Familiengottesdienst am Ostermontag in unserer Gemeinde irgendwie immer spaßig war. Dass Gründonnerstag wichtiger ist als Ostern, das ist eher ungewöhnlich unter „uns Christen“.

Für diejenigen, die sich darunter so gar nichts vorstellen können, eine kurze Erklärung: an diesem Abend, sagt man, saßen Jesus und seine Jünger zum „letzten Abendmahl“ zusammen und an jenem Abend wurde er auch verraten. Den Rest kennt man ja wahrscheinlich so grob. Jesus wird ans Kreuz genagelt und steht ein paar Tage später wieder auf. Beides sind sicher tendenziell emotionalere Anlässe als ein „simples Abendessen“.

Dass mir dieser Gottesdienst so viel bedeutet, liegt sicher nicht nur daran, wie liebevoll „meine“ Gemeinde ihn jedes Jahr gestaltet.
Da werden nämlich in der Kirche Tische zu langen „Tafeln“ zusammengestellt, mit Tischtüchern bedeckt und mit Kerzen und „Grünzeug“ geschmückt. Rundherum stehen Stühle für alle, wo keine Kirchenbank ist. Es gibt „gute“ Brote, als Spende der Bäckerei „von gegenüber“, die noch „richtig“ backen, leckeren Käse von der Theke, Weintrauben, Wein und Traubensaft.

Die Gemeinde versammelt sich an diesen Tafeln, statt wie gewöhnlich vereinzelt in den Bänken zu sitzen. Der Gottesdienst ist relativ beliebt und wirkt zumindest auf mich deutlich voller auch dadurch, dass man etwas konzentrierter beieinander sitzt.
Man segnet sich gegenseitig das Abendmahl, statt wie gewöhnlich vorne beim Pastor im Kreis zu stehen und zu warten, bis man dran ist. Nach dem Abendmahlgottesdienst
bleibt, wer mag, noch sitzen, kann nach Lust und Laune weiter essen und sich unterhalten. Für mich als sozial total untauglicher Mensch, introvertiert, sozialphobisch und viel Abstand und Ruhe benötigend klingt das jetzt erst einmal nicht wirklich toll, wenn mehr Menschen als gewöhnlich in der Kirche sind und noch dazu näher an mir dran sitzen. Zu allem Überfluss reden die mit einem und ich muss irgendwie auch was sagen. Für mich kommt da erschwerend hinzu, dass unter dem was ich sagen soll Worte sind, die für mein Gefühl von einem ausgebildeten Geistlichen gesprochen werden sollten. Aber das ist nur für mein persönliches Empfinden so.
Trotzdem war ich da und fand es toll. Ich „brauchte“ das, zumindest bis einschließlich 2019. Der Fokus des Abends liegt in meiner Gemeinde oft darauf, wie gesellig alles ist und das alles noch einmal auszukosten. Es ist noch nicht Karfreitag, Jesus hängt noch nicht am Kreuz. Noch lebt er.

Warum also saß ich (von 2020 mal abgesehen) die letzten Jahre jedes Jahr den Tränen nahe dort? Und vor anderen/fremden Menschen weinen geht einfach mal gar nicht.

Warum blieb ich nicht Zuhause, wenn es doch irgendwie schwierig für mich war mit den Menschen und den Gefühlen? Gefühle sind ja ohnehin ein heikles Thema für mich.
(Was als „Sensibelchen“ übrigens ganz anstrengend ist, wenn man mit Gefühlen nicht gut klar kommt.)

Warum konnte ich mich nicht einfach nur über den Moment freuen? Über das gesellige Beieinander in der Gemeinde, teilweise mit „meinen Menschen“ (sie werden wissen, wer/was gemeint ist) und über das Beieinander von Jesus mit seinen Jüngern?

Nun zu der ersten Frage, warum ich mir das trotz dessen, dass ich immer wieder den Tränen nahe bin, diese Gottesdienste ansehe, kann ich ehrlich gesagt nichts wirklich sagen. Vielleicht, weil es trotz meiner Ängste irgendwie „okay“ war und eine gemütliche und schöne Stimmung. Weil die Kirche über lange Zeit eine Art zweites Wohnzimmer war, eine Art Schutzraum, wie ich ihn teilweise nicht einmal in meiner eigenen Wohnung hatte und ich immer das Gefühl vermittelt bekommen habe, so sein zu dürfen, wie ich bin, auch wenn das nicht nur einmal „unfreundlich“ oder „abweisend“ war und irgendwie so gar nicht gesellig oder auch mal nur „beobachtend“. Manchmal gab es sogar wider Erwarten nette Situationen mit anderen Menschen. Außerdem achtete ich natürlich peinlich genau darauf einen Randplatz zu bekommen, falls ich doch in Panik flüchten müsste. Das hatte den netten Nebeneffekt, dass meist die Küsterin, die ebenfalls Sicherheit gab, entweder direkt neben mir oder zumindest noch in „Fühlweite“* saß.
Zu guter Letzt war es vielleicht auch das gute Essen? Wer mich kennt, der weiß, dass ich leckerem Essen nie abgeneigt bin.
(*“Fühlweite“ ist schwierig zu definieren, wahrscheinlich verstehen andere HSP was ich damit meine. Andere dürfen es gerne mit „Nähe“ übersetzen. Das trifft es für mich nicht ganz, kommt dem aber am Nächsten.)

Für mich spannender ist die zweite „Warum-Frage“.

Was hindert mich daran, so gesellig zu sein, so fröhlich, entspannt und ausgelassen? Ich spiegele meine Umgebung meist recht schnell und übernehme zumindest für den Moment diese Gefühle und mein Verstand „sah“ die Argumente. Sah, wie wichtig es ist, noch einen letzten schönen Abend zu verbringen und die Vorzüge um das Wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Man konnte also bewusst die Chance nutzen, die einem in anderen Situationen verwehrt bleibt. Dann, wenn man eben nicht weiß, dass etwas zum letzten Mal geschah.
Auch wusste ich ja, dass wir uns in die Zeit Jesu versetzten, der noch nicht ahnte, was folgen würde. Außerdem hatte ich ja das Wissen, dass es die Kreuzigung „brauchte“ und in Ostern und der Wiederauferstehung eine Art Happy End fand.

In mir baute sich aber eine Verzweiflung auf, die ich bis zu diesem Jahr nicht näher benennen konnte. Weder, was genau da in mir vorging, noch wo dieses Gefühl herkam. Hier mein Versuch das „Was“ zu beschreiben:
Mir war, als befände ich mich im freien endlosen Fall. Als würde nur ich eine herannahende Katastrophe sehen, während alle anderen Menschen um mich herum blind für diese Gefahr wären. Somit wäre ich die einzige, die das verhindern könnte. Vielleicht vergleichbar mit „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich habe diesen Tag der Katastrophe ja schon erlebt. Letztes Jahr, vorletztes Jahr, vorvorletztes…
Mit dem Wissen, dass ja aber alle um Karfreitag und die Kreuzigung Jesus wissen, konnte ich dieses Gefühl aber in keinen logischen Zusammenhang bringen.
Das war zu viel für mich und ich musste mich nicht nur einmal im Gottesdienst zusammenreißen meine Gefühle komplett zu verbergen. Die Alternative wäre mir sehr peinlich gewesen und auffallen mag ich in der Öffentlichkeit nicht, bzw. nicht mehr als ich es ohnehin tu. Meine Größe, die Behinderung und das Gewicht sind Faktoren, mit denen ich überall auffalle.

Was mir erst dieses Jahr irgendwie bewusst wurde ist, dass Gründonnerstag somit für mich einen Trigger darstellt und ich mich dem jahrelang gestellt habe.
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An dieser Stelle sei gesagt:
Als „Trigger“ (englisch für „Auslöser“ oder den Abzug einer Waffe) werden verschiedene Dinge bezeichnet. In der physiologischen Medizin, der Anästhesiologie, der Psychologie/Psychiatrie und im allgemeinen Sprachgebrauch sind völlig unterschiedliche Dinge gemeint.

Ich beziehe mich hier, wie wahrscheinlich klar sein dürfte, auf die Definition der Psychiatrie und Psychologie. Hier bezeichnet der Trigger einen Reiz, der zu einem Flashback an ein traumatisches Erlebnis führen kann.

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Dieses Jahr ist mir dann auch bewusst geworden, warum ich mich so fühle. Denn bei meinen Flashbacks ist es manchmal so, dass ich merke „Ah, das Gefühl kenne ich“ (und mag es nicht), aber ich kann es oft keiner Situation in meiner Vergangenheit zuordnen.

2020 fiel für mich Gründonnerstag einfach komplett aus. Präsenzgottesdienste waren vernünftigerweise wie auch in diesem Jahr ausgesetzt und auf Online-Gottesdienste war ich noch nicht so eingestellt.

Mittlerweile hat sich das geändert. Ich nehme regelmäßig an Online-Gottesdiensten und Andachten auf verschiedenen Plattformen von unterschiedlichen Gemeinden und Personen teil, je nachdem, wie es mir gerade passt. Sogar eine Art „Glaubenskurs“ habe ich auf diese Weise schon machen können.
So bin ich Donnerstag auf die Einladung der wunderbaren Ina (auf Instagram unter diesem Link zu finden: https://www.instagram.com/dingens.von.kirchen/ ) gestoßen, die einen Zoom-Gottesdienst abhalten wollte.

Kurz habe ich überlegt, ob mir das nicht zu spät sei, da die letzten Tage doch anstrengend für mich waren und Abendmahl passenderweise abends gefeiert werden sollte. Mit dem Gedanken daran, wie wichtig mir der Abend sonst immer war und dass eine andere Pfarrperson, als jene, die ich gewohnt bin, ja auch andere Schwerpunkte setzen kann, meldete ich mich für den Gottesdienst an.

Genau erinnere ich mich nicht mehr an ihre Worte, die mich sehr berührten, aber woran ich mich erinnere ist, dass ich plötzlich eine Verbindung hatte, zwischen dem Gefühl, dass ich Gründonnerstags „immer“ hatte (ja, leider auch in diesem Jahr) und dem Ursprung dieses Gefühls
Ich weiß jetzt, woher ich diese tiefe Verzweiflung kenne. Da ich dieses Thema hier im Blog eigentlich ausklammern wollte, werde ich im Folgenden nur sehr vage davon berichten. Es ist mir wichtig darüber zu schreiben, aber zum einen sehe ich mich noch nicht so weit, damit „völlig offen“ umzugehen und zum anderen habe ich auch Angst, was das Wissen um diesen Umstand mit denjenigen Lesern unter euch macht, die mich kennen.

An dieser Stelle für „meine“ Menschen zur Beruhigung: Mir geht es gut, trotz Trauma und trotz der Konfrontation mit dem Thema, auch wenn die folgenden Beschreibungen etwas anderes vermuten lassen könnten.
Dass ich eine PTBS habe und somit „irgendwas mit Trauma am Hut“ habe, dürfte sich ja herumgesprochen haben.

Die von der Art her selbe Verzweiflung, nur meist viel stärker, spüre ich auch in Bezug auf ein anderes, wie gesagt traumatisches, Ereignis. Ich habe ähnliche Worte und Bilder, wie ich eben nutzte um meine Gefühle zu beschreiben, etliche Male beispielsweise in der Therapie gebraucht. Deswegen finde ich es jetzt schon fast amüsant, dass ich nicht vorher darauf gekommen bin. Manchmal sehe ich doch das offensichtlichste nicht. Oder wie meine Oma sagen würde „Gut suchen und doch nichts finden.“. Wie Recht Omas manchmal haben.

Die Verzweiflung, das Gefühl des Fallens kenne ich von verschiedenen Tagen, die ich mit diesem Trauma verbinde. Es handelt sich hierbei um einen Todesfall. Es mag sein, dass auch diese spezielle Parallele zu Jesus es verschlimmert.
Die Tage, die ich mit dem Gefühl verbringe, etwas schreckliches verhindern zu müssen, das kein anderer sieht außer mir (was wiederum andere Ängste in mir auslöst**) sind sowohl der Tag, an dem ich die verstorbene Person das letzte Mal gesehen habe, als auch der Tag, an dem ich von dem Tod des Menschen erfahren habe. Seit ich zusätzlich noch weiß, dass dieser Mensch über Ostern verstarb (genaueres weiß ich nicht), dürfte es noch weniger überraschend sein, warum mir einerseits dieses Fest in Gänze (Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern als solches) so wichtig ist und ich andererseits besonders stark diese negativen Gefühle habe und zu Flashbacks und Blackouts neige.
(**Ängste, wieder irgendwie „die Andere/Komische“ zu sein, „Gespenster“ zu sehen auf der einen Seite, auf der anderen Seite „nicht gesehen/ernst genommen zu werden“ nicht „wichtig genug“ zu sein und auf der dritten als „Dramaqueen“ dazustehen, die den anderen den „Spaß verderben“ will. Wenn mein Hirn etwas wirklich gut kann, dann Ängste produzieren.)

Zusätzlich zu diesen Ängsten, der Verzweiflung, dem Gefühl zu fallen und in einer Art Endlosspirale zu stecken kommt die Angst, die Ereignisse, die Flut an Gefühlen und deren Heftigkeit nicht zu überleben. Und wenn ich das schreibe, dann meine ich das so.

Rein rational weiß ich: Ich bin keine theatralische Person, nur weil ich dramatische Worte nutze. Mein Gefühl zu diesem Ereignis, an das ich leider an mehreren Tagen im Jahr „fest“ erinnert werde und zu dem es zusätzlich natürlich noch alle möglichen nicht vorauszusehende Trigger gibt, denn sonst wäre das ja zu langweilig, ist, dass ich das nicht überleben kann. Dass ich unter der Last zusammenbrechen und sterben werde. Dass der Schmerz in meinem Inneren mich wie unter Folter umbringen wird.
Ich bin sehr froh, dass ich ein so rationaler Mensch bin, dass ich diesen Gefühlen nie die Oberhand gebe. Dass ich weiß, dass ich verstehe, dass diese Gefühle vorübergehen und dass ich mich nicht „wirklich“ in Lebensgefahr befinde.

Das und ähnliches meinen Betroffene, wenn sie von einem „Trigger“ sprechen, nicht etwa, dass einen etwas „kurz“ geärgert hat, auch wenn es „sehr doll“ war. Ja, ein Trigger kann durchaus etwas „Kleines“ sein und die Reaktion sicher auch mal etwas schwächer ausfallen, aber prinzipiell geht es vielen Betroffenen so oder ähnlich.

Ein Grund, warum ich mich zunehmend damit beschäftige, wie ich meine Sprache einsetze. Aber das soll Thema eines anderen Beitrags sein. Leser „der ersten Stunde“ haben ihn sich schon 2018 gewünscht und der Entwurf ist immer noch weit entfernt davon fertig zu sein.

An dieser Stelle sollte es nur um meine Beziehung zu Gründonnerstag gehen und mit dem Bericht bin ich jetzt fertig.

Mein Dank geht an dieser Stelle sowohl an meine Gemeinde, die mir trotz der Konfrontation mit diesen Emotionen immer wieder einen geschützten Raum bietet, als auch an Ina und alle anderen Beteiligten an dem diesjährigen Gründonnerstagsgottesdienst für die liebevolle Gestaltung in digitaler Form und dafür, dass ich ein Stück weiter gekommen bin beim Verstehen meiner Gefühle.