Sumpf

Vor etwa 5 Wochen schrieb ich auf Twitter, dass ich fror. Ich hatte es zu dem Zeitpunkt schon ein paar Tage zuvor bemerkt und mir gefiel das ganz und gar nicht.
Frieren heißt entweder (körperlich) krank sein und dass Fieber und Schüttelfrost sich ankündigen oder dass meine Depression mich etwas tiefer reißt als ohnehin schon.

Sofort versuchte ich Ursachen, Gründe zu finden für eine depressive Phase, die ich in der Art nicht mehr erlebt hatte, seit ich meine Antidepressiva abgesetzt hatte.
Selbst nach Rücksprache mit meiner Therapeutin fand ich nichts. Es gab durchaus 1-2 Stressoren. Allerdings war ich mir deren bewusst und die allein würden nicht ein derartiges Loch erklären. Mein Bauchgefühl sagte „nein“.

Das sagte es zwar auch zu einer körperlichen Ursache und trotzdem vereinbarte ich einen Termin bei meinem Hausarzt. Auch dort fand man keine Ursache.

Andere Symptome meiner Depressionen ging ich im Kopf natürlich auch durch, teilweise gemeinsam mit meiner Therapeutin. Erst dachte ich, da wäre nichts, aber nach und nach musste ich zugeben: Doch.
Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass auch andere Faktoren für eine Depression sprachen.

Meine Filter für Außenreize waren immer schneller überflutet. Dass ich ein ruhebedürftiger Mensch bin, ist nicht neu. Dass es mich stresst, wenn am Samstag Vormittag Kinder vorm Haus lachend spielen, schon.

So profane Dinge wie Körperhygiene fielen immer schwerer und klappten seltener so, wie ich es mir vorstelle.

Dass generell der Antrieb schwerer fiel, was ich vor allem daran merkte, dass selbst Termine wie die Physio, die ich gerne wahrnahm, ein Kampf wurden. Dieses allgemeine Gefühl von „alles ist schwer“ und ein „Kampf“ wurde immer größer. Ich hatte immer öfter das Gefühl, ich bräuchte jetzt „dringend ganz viel Erholung“, obwohl von außen betrachtet ja gar nichts passierte, was dieses Bedürfnis rechtfertigen würde. Wovon sollte ich mich erholen? Vom Duschen? Meinen Therapieterminen, die ich brauche und mich eigentlich immer darauf „freue“? Von ein paar Minuten Spazieren gehen? Wie soll das denn noch gehen?

Meine Gedanken wurden immer dunkler. Mit ihnen wurden unbemerkt auch die Stimmen in meinem Kopf immer lauter, die mir mit einer unbändigen Freude präsentierten, was ich falsch machte und mich daran erinnerten, wie falsch ich in dieser Welt war – nie gut genug.

An dem Punkt muss ich ehrlich sein: Ich denke eigentlich selten anders über mich. „Nie“ wäre bestimmt auch gelogen, aber bewusst erinnere ich mich nicht daran, einmal nicht so zu empfinden. Den Unterschied macht nur die Intensität, die „Lautstärke“, die Anzahl der Wiederholungen, wenn man so will. Wie viele Stimmen im Kanon überlagern sich?

Wie empfindlich bin ich denn gerade?
Momentan geht es so weit, dass ich Anerkennung, Lob, Komplimente, alles was wirklich ernsthaft positiv mir gegenüber geäußert wird, als Kritik oder Vorwurf verstehe, ad hoc um Entschuldigung bitte oder anfange, mich zu rechtfertigen.

Beispiele gefällig?
Meine Therapeutin nannte meinen Einkaufsversuch (eine Sache, die ich endlich mal wieder angehen wollte) „mutig“. Da war kein Unterton und auch wenn ich durchaus verstanden hätte, dass ich mit diesem „Kompliment“ nicht gut umgehen kann – selbst ich kann mir nicht erklären, warum ich darin einen Vorwurf hörte.
Aber ich hörte ihn und ging sofort in die Rechtfertigung. (Was übrigens die Therapeutin auch kurz irritierte. Die kennt ihre Pappenheimer zwar schon, aber nun ja. Man muss schon sehr verquer denken, um daraus einen Vorwurf zu drehen.)

In einem anderen Fall bekam ich ein anerkennendes „Wow“ als Reaktion auf meinen Kommentar bei Twitter, dass mein Traumberuf etwas mit Jura wäre, z.B. Rechtsanwalt. Ein Job, der aus meiner Perspektive nichts besonderes war. Das „Wow“ verwirrte mich so stark, dass ich sofort überlegte den Kommentar zu löschen und um Entschuldigung bat.

Natürlich sind das Situationen, die meist direkt geklärt werden können, aber was stimmt denn bitte nicht mit mir?

Außerdem bemerkte ich, dass Dinge, die ich sonst gern tat, „plötzlich“ (oder vielleicht auch nicht?) von mir als stressig empfunden wurden und folglich gemieden.

Trotzdem kramte ich in meinem imaginären „Skill- und Self-Care-Koffer“.
Viele meiner Bedürfnisse verstehe ich auch nach Jahren Therapie noch nicht, aber was kümmert es die Bedürfnisse? Wenn ein Gefühl da ist, muss ich wohl oder übel damit klarkommen.
Mit Mühe wurden also die Duftkerzen und Beauty-Masken wieder herausgezerrt, die Taschenuhr, die so schön beruhigend laut tickt in Greifweite gelegt und die Skillbälle entstaubt.

Manches davon war leichter als anderes. Wenn dein Bedürfnis nach Spaß und Routine dir sagt, du solltest abends mit deiner Gilde World of Warcraft spielen, während dein Bedürfnis nach Ruhe dir jetzt schon den Vogel zeigt, weil der Voicechat im TeamSpeak definitiv zu viel Reizüberflutung bereit hält – ja, was macht man denn dann?

Setzt man sich doch endlich mal wieder in Ruhe zum Lesen hin und bekommt man am nächsten Tag mit, was man verpasst hat? Dass man wieder nicht „dabei“ war und nicht Teil der Gruppe, man sich wieder aktiv abgesondert hat und sich dann auch gar nicht wirklich fragen muss, warum man das Gefühl hat „außen vor zu sein“? Ich bin doch selber Schuld!

Oder geht man ins TeamSpeak, loggt sich ins Spiel ein und hofft, dass die Freude dort sich auf einen übertragen kann. Dass jemand eine tolle Idee hat, was man gemeinsam machen könnte, denn an solchen Tagen habe ich sie nie. Dass mich jemand „dabei haben“ will oder wage ich sogar zu glauben, ich könnte irgendwo von Nutzen und hilfreich sein?

Die Gilde spielt nicht nach „wie hilfreich ist jemand“ und ich liebe sie auch dafür. Ich weiß nicht, wie oft die Interaktion dort mir meinen Tag gerettet hat. Dafür bin ich ihr immer dankbar. Trotzdem mag ich dieses seltene Gefühl helfen zu können.

Mit dieser Variante bleibt das Risiko, dass ich zähneknirschend am PC sitze, mich wahlweise daneben benehme und Leute anpatze, die ich nett behandeln will, weil ich überreizt bin oder überhaupt gar nicht traue mich irgendwas zu sagen aus Angst genau davor. Was können sie denn für meine schlechte Laune? Sicher gäbe es manchmal – lange nicht immer – Dinge, die es mir leichter machen würden. Aber wer bin ich, diese zu äußern? Ich bin doch diejenige, die es stört. Die Einzige.

Wie oft habe ich an solchen Tagen entweder sehr lange handlungsunfähig vorm PC gesessen, habe mich berieseln lassen vom Voicechat ohne etwas mitzubekommen, nicht fähig mich zu verabschieden oder habe selbigen überstürzt verlassen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Dann enden die Abende wieder mit Wut auf mich, weil ich es mir anders vorgestellt habe. Weil ich nicht so funktioniert habe, wie ich es wollte.

Ich schäme mich jedes Mal sehr und möchte wieder um Entschuldigung bitten bei der Gilde. Einzig meine Angst, mich dann wieder noch mehr in den Fokus zu drängen, hält mich davon ab.

Aber selbst wenn meine Bemühungen nach „Self-Care“ gut liefen, war das nicht mehr als ein „Löcher stopfen“. Ich fühlte mich mit Glück für den Moment „im Kopf“ gut, weil ich etwas getan hatte, was ich als vernünftig erachtete.

Ich habe mich beobachtet, habe festgestellt, es geht mir schlechter, habe danach gehandelt, was mein Notfallplan hergibt.

An dieser Stelle an meine Mit-Kämpfer: Macht Notfallpläne. Macht sie bestenfalls dann, wenn es euch eigentlich gar nicht so schlecht geht und ihr euch auch eigentlich nicht damit beschäftigen möchtet, dass sich das wieder ändern könnte. Aber letztlich egal wann: Macht sie. Im besten Fall braucht ihr sie nie. Aber wenn ihr sie nicht macht und ihr braucht sie, ist es verdammt hart sie mitten im Tief zu erstellen und kostet dann unnötig wertvolle Ressourcen.

Ich habe einen Plan, ich habe mich dran gehalten. Das System sah vor, dass es mir nun besser ging.

Also wieder ein Blick in den Abgrund. War ich schon höher geklettert? War der Boden jetzt weiter entfernt als vorher? Ist es überhaupt ein Abgrund? Ist es nicht eher ein tiefschwarzer, stinkender Sumpf in den ich immer tiefer einsinke?
Ich war nicht sicher, wertete aber das eine oder andere als positives Signal.

Vermeidung ist ein anderes großes Thema aktuell und so freute es mich spontan, dass ich ein paar Baustellen langsam ins Auge nahm, die ich zu lange aufgeschoben hatte oder die ich im Alltag zu gerne aufschieben würde und ausnahmsweise nicht aufschob.

Dazu gehörte neben dem Versuch wieder alleine einzukaufen auch der erwähnte Hausarzttermin. Normalerweise hätte ich das Frieren gleich wieder klein geredet, 1000 Gründe gefunden, warum das gerade ganz unnötig ist und noch dazu war mein Bauchgefühl ja eh, dass es keine körperliche Ursache für mein Frieren gab.

Damit sollte ich zwar Recht behalten, aber ich sah ein, dass es trotzdem vernünftig war, einen Termin zu vereinbaren.
Der Termin war purer Stress für mich, so nett das gesamte Praxisteam ist und so gut aufgehoben ich mich bei meinem Arzt fühle.
Ich war länger nicht dort gewesen und neben der neuen Baustelle gab es einige ältere, die ich eben erfolgreich aufgeschoben hatte. Trotzdem hatte ich extrem starke Ängste, dass ich deren Zeit „wegen nichts“ verschwendete oder dass man mir einfach sagen würde, dass mein Gewicht die Ursache ist und mir das ja auch klar sein müsse. Das ist es definitiv, aber so war es dann nicht.

Eine meiner „Altbaustellen“ brachte mir gleich eine Überweisung zum Facharzt ein und ich bin noch nicht sicher, wie ich meinen Eifer jetzt finden soll. Natürlich freue ich mich, dass mein Arzt mich nicht angesehen hat und sich dachte „Adipöse Person, da kommt das schon mal vor“ und damit die Suche beendete. Auch dass er dieselben Probleme sah, wie ich, bestätigte im Prinzip, dass es gut war dort zu sein.

Bei der Nachbesprechung zu dem Termin fragte er auch gleich, ob ich schon einen Facharzttermin bekommen hatte. Erwischt!
Das wäre der nächste Punkt, den man gut aufschieben konnte. Schließlich tat ich es speziell in dem Fall schon ein paar Jahre, warum nicht länger.
Was soll schon schief gehen? (Berühmte letzte Worte…)

Dass er explizit nachfragte und noch einmal erklärte, warum der Termin wichtig sei, auch wenn wahrscheinlich nichts „schlimmes“ raus käme, erhöhte den Druck auf mich, genauso wie sein beiläufiger Satz am Ende des Telefonats, dass ich doch bis zum nächsten Termin bei ihm nicht wieder so lange warten möge. Ich sagte ihm artig zu, das nächste Mal „früher“ zu kommen, wenn es sich einrichten ließe.

Wahrscheinlich ist es ihm nicht bewusst, aber mich beruhigte es total, dass er mich „öfter sehen“ wollte.

Ich weiß nicht, was er denkt, was mir so große Angst macht, dass ich möglichst selten zu ihm gehe. Natürlich weiß ich, dass ich manchmal Dinge nicht ärztlich behandeln lasse, die vernünftigerweise besser ein Arzt wenigstens mal beurteilt hätte.
Vielleicht denkt er, ich habe Angst vor einer schlimmen Diagnose, aber das habe ich nicht. Mir macht der Gedanke Angst, dort keinen Parkplatz zu finden oder an der Anmeldung jemand fremdes sitzen zu sehen, sodass ich eventuell kein Wort heraus bekomme und nuschle. Mir macht der Gedanke Angst, etwas falsch zu machen. Beides würde den Betrieb aufhalten.

Ich habe Angst eine Last zu sein, zu stören, jemandem den Platz wegzunehmen. Gleichzeitig ängstigt mich der Gedanke, ich würde mir meine Beschwerden nur einbild und selbst wenn nicht, was wenn der Arzt wirklich nur sagt „Du bist fett, mehr nicht. Nimm halt ab!“ und gar nicht nach einem weiteren Faktor sucht?

Mein Hausarzt hat mich nie schlecht behandelt, aber diese Gedanken bekomme ich trotzdem nicht aus meinem Kopf.

Der Termin beim Facharzt ist die nächste extrem große Baustelle. Ich wusste, ich musste diesen Termin machen, merkte aber sehr schnell, dass mich schon der Anruf in der mir fremden Praxis total überforderte. Dann noch der Gedanke dort hin zu müssen, den Weg nicht genau zu kennen, auch hier wieder die Problematik mit dem Parken und fremden Menschen…

Ich sprach mit einer vertrauten Person darüber und sie bot an mich zu begleiten, sie müsse nur wissen, wann. Ich trug das noch 1-2 Tage mit mir rum, nahm mir immer wieder vor „jetzt, jetzt rufst du an.“ Es ging nicht und weil ich nicht wollte, dass deswegen die Sache wieder Monate aufgeschoben wurde, bat ich oben genannte Person erneut um Hilfe.

Ich weiß, dass mich das in einem Teil zurück wirft. Ich wurde nicht selbst tätig. Ich habe mich dieser Angst nicht gestellt, sie überwunden und war hinterher stolz auf diese Leistung. Nicht, dass ich sonst wirklich dazu neigen würde, „stolz“ auf so eine „Leistung“ zu sein.

Ich sehe das durchaus, aber letztlich ist es meinem Körper leider egal, ob es mir psychisch gut geht oder nicht. Der Termin ist notwendig und wer ihn vereinbart, spielt eine nachgeordnete Rolle. Ich sorge dafür, das muss ich. Ich funktioniere nach Plan und Vernunft.

Genau hier steckt ein anderes Problem: Ich kann hoch funktional agieren, habe das jahrelang getan. Habe maskiert, Löcher gestopft, bin von Baustelle zu Baustelle gehetzt mit einem Lächeln im Gesicht. Das Erledigen von Aufgaben ist nicht immer ein Zeichen für Fortschritt. Nicht bei mir und nicht bei einigen anderen Menschen, bei denen man diesen Fehlschluss ziehen könnte.

Aktuell zurück bleibt also die Frage, ob ich noch knietief im Sumpf stecke oder nicht. Waren meine einzelnen „Erfolge“ ein positives Zeichen, sodass nur noch die Füße im Morast feststeckten oder holt mich mein altes Muster wieder ein und ich stecke schon bis zur Hüfte fest?

Der Umstand, dass mir allein beim Aufschreiben des letztens Absatzes schlecht wurde, mag die Antwort sein.

Ich darf nicht weiter darüber nachdenken, denn ich bin spät dran. Jetzt ist nicht die Zeit weiter im Morast zu versinken.

Immer weiter.

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