Sonnenblumen

CN Trauer, Tod, Geburtstage

Sonnenblumen. Mein Umfeld, real wie virtuell, verbindet sie mittlerweile größtenteils mit mir. Wann immer sie eine sehen, bekomme ich ein Foto oder sie erzählen mir davon.
Im Internet werde ich oftmals mit dem Sonnenblumen-Emoji verbunden.

Doch sie gehören nicht zu mir. Sie gehören zu dir. Wissen sie das nicht? Ich erzähle es hin und wieder. Oft erscheint es mir unpassend.

Blumen „gehören“ niemandem und warum sollte es jemanden interessieren, warum ich so an ihnen hänge? Viele kennen dich ja gar nicht. Sonst wüssten sie es eventuell auch besser. Darum will ich es hier erzählen.
Ich verbinde diese Pflanzen mit dir. Ich war immer nur der Maßstab dafür, wie groß deine eigenen schon waren. „Größer als ich“ oder eben „kleiner als ich“. Du warst der Gärtner, sie dein Werk. An mir wurden sie bloß gemessen. Oder war es umgekehrt? Hast du insgeheim mich an deinen Blumen gemessen? Gesehen, wie ich im Verhältnis zu den sonnengelben Gewächsen immer größer wurde?

Bei der Trauerfeier zu deinen Ehren nannte mich der Pastor deine „besondere Freundin“. Das habe ihm die Familie so gesagt. „Seine kleine besondere Freundin.“ Noch bevor er direkt im Anschluss meinen Namen aussprach, flossen bei mir die Tränen, die ich an diesem Tag bis dahin „tapfer“ zurückgehalten hatte. Es war mir so peinlich, die Blicke der anderen zu spüren. Blicke erfüllt von Trauer, manche auch von Mitgefühl.
Warum ich? Warum Freundin? War ich nicht bloß Familie? Was war denn an mir besonders? Ich mochte Mitleid nicht, nie. Auch hier nicht. Ich fand es so unangebracht, immerhin hatte eine Frau ihren Ehemann verloren und Kinder ihren Vater. Das war doch wohl wichtiger? Mitleid ist etwas, was ich bis heute kaum ertrage und dass „Leid“ sich nicht vergleichen lässt, ist eine Lektion, die ich erst viel später zu lernen begann.
Nach dem Gottesdienst ging ich wie in Trance mit den anderen heraus und bestattete deine Urne. Die Wartezeit, bis ich Erde in das Loch geben durfte fühlte sich unendlich an. Ich wollte auch das „besonders gut“ machen, aber der Moment war so schnell vorbei, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Was ich allerdings erinnere sind zwei Lieder, die ich mit dir, deiner Frau und deinem Tod verbinde und die wie eine Art Filmmusik in dieser Erinnerung abgespeichert sind: „Only Time“ von Enya und „Walzer für dich“ von Pur. Bei letzterem erinnere ich mich besonders an eure Perlenhochzeit und vor meinem inneren Auge tanzt ihr. Ein Foto von diesem Tag hängt hier an meiner Familienfotowand und ich bin sehr froh darüber.

Die Worte des Pastors gingen mir an dem Tag nicht aus dem Kopf und noch heute bewegen sie mich immer wieder. Was hat ihn zu dieser Wortwahl bewogen? Hatte wirklich jemand aus der Familie ihm diese Formulierung gesagt oder lediglich umschrieben? Wer hat mich ihm so beschrieben?

Was mich so „besonders“ für dich gemacht hat, weiß letztlich niemand. Es gibt Vermutungen, die in der Familie immer wieder erzählt werden. Wie gerne hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt. Hätte dich selbst nach deiner Perspektive gefragt, bei allem, was ich nur durch die Augen unserer Familie kenne und vermuten kann.

Alles was ich weiß ist, dass es zwei Versionen von dir gab. Eine vor unserem Zusammentreffen und eine danach. Keine war „besser“ oder „schlechter“. Du warst von Anfang an ein Mann mit Stärken und Schwächen, so wie wir alle. Die Verwandlung zieht deine Zugehörigen trotzdem noch heute, viele Jahre nach deinem Tod, in den Bann.

Warum musste ich ausgerechnet in diesem Augenblick weinen, kurz bevor mein Name fiel und damit auch das „Rampenlicht“ auf mich? Hatte ich nicht trotz des guten Zuspruches unserer engsten Familie, ich dürfte ruhig weinen, versucht, weiter fröhlich oder zumindest unauffällig zu sein? Den Raum für Tränen und Verzweiflung anderen zu geben und sie zu trösten? Das Gute zu sehen? Es ging hier schließlich um dich!

Ja, ich weinte. Es war „normal“ und ich war so traurig dich verloren zu haben. Ganz egoistisch. Dein Tod war der letzte, den ich wohl „gesund“ verarbeiten konnte. Wie groß dieses Geschenk ist, war mir da noch nicht bewusst.

Seit deinem Abschied habe ich oft geträumt, dass du noch da bist. Dass ich zu Besuch bin in den Ferien. Du bist in meinen Träumen genauso wenig gealtert, wie ich.
Das Gute sehen… Ich war und bin bis heute, wie wohl auch andere in der Familie, dankbar dafür, dass du gestorben bist.
Wir sahen das durchaus positiv, auch ich.

Das zu schreiben tut nach fast 20 Jahren immer noch weh. Wer wünscht jemand anderem den Tod? Warst du ein so schlechter Mensch?
Nein, auf gar keinen Fall! Ich sagte es bereits: Du hattest Stärken und Schwächen. Was mich angeht überwogen die Stärken deutlich.

Du bist per Hausgeburt geboren worden, wie es „früher“ üblich war. Das Haus, in dem du geboren wurdest, hast du mit ausgebaut und vergrößert. Wenn ich es richtig erinnere zusammen mit deinem Vater und deinem Bruder.
In diesem Haus treffen wir uns in meinen Träumen. Es ist, als würdest du hin und wieder zu Besuch kommen. Dieses Haus wirst du bis zu deinem Tod dein Zuhause nennen können. Dort hast du mit deiner Frau später die drei Kinder großziehen können. Du hast immer körperlich hart gearbeitet, warst ehrlich und warst ein sehr strenger Vater, sowohl für dein leibliches Kind, als auch für die zwei, die deine Frau mit in die Ehe brachte. Dabei warst du teilweise aufbrausend, aber du warst immer da, wenn man dich brauchte.

Das war etwas, was konstant blieb und was deine Kinder und Enkelkinder dir bis heute danken. Es gab kein „habe ich dir doch gleich gesagt“, wenn etwas schief ging, nicht einmal, wenn man sich über ein Verbot hinwegsetzte. Du hast geholfen. Das nehmen wir alle mit. Auch ich hörte diesen Satz nie von meinen Eltern und sage ihn, wenn überhaupt, nur scherzhaft. (Okay, ich habe auch keine Kinder.)

Deine Regeln hatten im Gegenzug hingenommen zu werden. Auch du warst ein Kind deiner Zeit. Das würde niemand beschönigen.
Deine Frau war dir immer treu zur Seite, dein Gegenpol und wusste dich zu nehmen. Sie konnte bei Bedarf dir den Rücken stärken oder sich schützend vor ihre Kinder und Enkel stellen und für ihre eigenen Bedürfnisse einstehen, wenn sie es für richtig erachtete. Sie hält deine Familie bis heute zusammen und passt gut auf sie auf.

Viele Jahre später kam ich zur Welt – überraschenderweise für alle schwerbehindert. Damit mussten alle erst einmal „klarkommen“ und sich darauf einstellen. Jeder tat dies auf seine ganz eigene Art und Weise.
Du, der du immer körperlich gearbeitet hattest, rau warst und kräftig, hattest plötzlich Berührungsängste. Wie konntest du mir nahe sein, ohne mir zu schaden? Dazu kommt noch – das kann ich nur mutmaßen – dein Bild von „Behinderung“, ein Schreckgespenst alter Zeiten. So ging es eine Weile, aber so sollte es nicht bleiben.
Deine Frau und deine Tochter hatten eine Idee, die letztlich auch funktionieren sollte.

Nach dem, was da genau geschah, hätte ich dich so gerne gefragt, denn außer dir kann es mir keiner beantworten. Wir waren allein.
Meine Mutter hatte mich versorgt und zum Schlafen gelegt. Ich war kein kompliziertes Baby, sondern ein ruhiges, fröhliches. Mein Lachen war wohl schon früh sehr einnehmend. Zumindest wenn ich der Familie glauben darf. Meine Mutter ging mit deiner Frau, meiner Oma. Nicht weit weg, aber zumindest so weit, dass du dich kümmern musstest, wenn etwas sein sollte.

Laut Familienanekdote warst du seit diesem Tag ein anderer Mensch und wir zwei ein Herz und eine Seele.
Ich war – wie beschrieben – bei dir, als du deine Sonnenblumen bewundert hast.
Das Pfeifen hast du versucht mir beizubringen, leider ohne Erfolg. Niemand konnte es wie du und es kommt mir albern vor, wie traurig ich darüber bin, dass ich es nicht von dir lernen konnte. Selbst, wenn ich es heute lernen könnte als solches, es wäre nicht dein Pfeifen. Daher bleibt es dabei: deine Enkelin kann nicht pfeifen.

Du hast mir gezeigt, wie ich mit deinem Hund umgehen konnte, hast mich ins (Rettungshunde-) Training eingespannt. Der DSH-Rüde sollte eigentlich nicht dein Partner werden, aber er wurde es. Ich lernte die Körpersprache von Hunden besser zu lesen, was mir gegen meine Ängste half. Du warst immer dabei, hast immer einen sicheren Rahmen geschaffen und meine Grenzen immer respektiert. Ein so stürmischer und später ja auch großer Rüde machte mir zum Teil große Angst. Du wusstest aber immer, was du ihm und mir zutrauen konntest, zeigtest mir, nach welchen Regeln dein Hund spielte. Denn auch ihn erzogst du klar und zu einem guten Gehorsam. (Hundemenschen werden mich für diese Formulierungen wahrscheinlich steinigen, aber es sind lediglich Kindheitserinnerungen – seht es mir nach. Mein Opa war nicht gewalttätig.)

Deine Begeisterung für Technik hast du mir auch nahelegen wollen, hast mich dir beim Funken zuhören lassen und bei dir durfte ich sogar mal an den Computer und in diesem ominösen Internet Hühner erschießen – wenn du dabei warst, nie allein. Klare Regeln. Keine Überraschungen dabei. Du warst nicht „unberechenbar“ dabei, höchstens manchmal in der Ausprägung deines Unmutes, wenn ich kleiner Sturkopf doch mal wieder schummeln wollte.

Außerdem hast du dir als Rentner noch deinen Traum von einem eigenen Motorrad erfüllen können. Auch da kollidierte dein Wunsch mich einzubeziehen mit meinen Ängsten, mehr noch als beim Hund, bei dem du es immer geschafft hast, mir einen sicheren Raum zu ermöglichen. Das Motorrad hat mich fasziniert, weil du so viel Freude daran hattest. Ich hatte sehr wohl die Vorstellung davon, wie wir zu zweit darauf fuhren. Manchmal, wenn ich richtig mutig träumte, sogar mit „richtig in die Kurve legen“, auch wenn du das wohl vernünftigerweise nie getan hättest.
So gern wolltest du mich auch mal daraufsetzen, aber diese Hürde war zu groß für mich.

Wo ich mich allerdings irgendwann sitzen fand, war auf dem Fahrersitz deines Autos. Nicht auf der Straße, sondern in der Garage. Ich hatte das Steuer in der Hand und die Pedale unter den Füßen. Ich weiß nicht mehr warum, aber der Motor lief und du erklärtest mir gerade, was ich tun sollte, was ich aber irgendwie nicht richtig umsetzte. Theoretisch hatte ich, glaube ich, nur mal den Motor aufheulen lassen sollen, aus Spaß. Wer von uns hat sich wohl mehr erschreckt, als dein Auto sich ein paar Zentimeter weiter ins Innere der Garage bewegte? Ein Glück, dass das Auto noch nicht ganz vorne dran stand und ich vor Schreck meine Füße von den Pedalen zog und damit den Wagen abwürgte.

Ich schämte mich und hatte Angst. Ich glaube, du auch. Ungläubig fragtest du mich, warum ich nicht auf die Bremse getreten war. Nachdem unser beider Schrecken verflogen war, lachtest du, nahmst mich in den Arm und ich wusste: Du bist nicht böse mit mir. Konsequenzen hatte es trotzdem, es war meine letzte „Fahrt“ mit deinem Auto.
Ich verstand später nicht, warum sowohl meine Oma als auch deine Töchter so ungläubig reagierten, als ich ihnen davon erzählte, wie spannend es war, Opas Auto „gefahren“ zu haben. Mit dem Wissen, dass ich heute über dich habe, kann ich es besser einordnen. Es war Teil deiner Veränderung.

So traurig ich heute darüber bin, dass ich den Mut nie gefasst habe, mich auch mal aufs Motorrad zu trauen und dir dadurch deinen Wunsch nicht erfüllen konnte, so dankbar bin ich dir, dass du mich hast „sein lassen“. Du hast es mir nicht krummgenommen und mich nie gedrängt, nur liebevoll ermutigt. Meine Entscheidung hast du immer akzeptiert.

Ich hatte mehr von dir, als es viele Enkel von ihren Großeltern sagen könnten und von deinen Enkeln war ich sicher diejenige, die am meisten Zeit mit dir verbringen durfte. Sicher standen wir uns auch deswegen so nahe.

Trotzdem sind da noch so viele Fragen, die ich jetzt als erwachsene Person so gerne von dir beantwortet bekommen hätte.
Was ist passiert an diesem einen Tag, als deine Frau und deine älteste Tochter uns allein ließen?
War ich aufgewacht und habe geweint? Hatte ich Hunger oder brauchte ich Nähe? Hast du mich dann auf den Arm genommen und getröstet?
Oder habe ich gelacht und dich damit angesteckt?
Ganz zu schweigen von Dingen, die deine Vergangenheit betrafen. Dinge aus deiner Kindheit beispielsweise. Warum warst du so, wie du warst?

Was auch immer an diesem einen Tag passiert ist, es schien für dich einschneidend. Deine Veränderung blieb nicht famillienintern.
Du warst ein Mann, der sein Leben lang auf dem Bau gearbeitet hatte, Zuhause gewohnt war, dass alles nach seinen Regeln spielte. Du hattest eine klare Vorstellung, einen Plan, wie Dinge zu laufen hatten und so lief es auch, wenn Kinder oder Ehefrau dir nicht „Kontra“ gaben.
Ein behindertes Familienmitglied wäre sicher keiner der Pläne gewesen. Du hättest es wem auch immer sicher am liebsten verboten, dass ich das erdulden muss. Aber Familie stand sowieso zusammen. Auf Familie kann man sich immer verlassen, egal was vorher war. Für Familie ist man immer da. Da warst du kompromisslos.
Der Kontakt mit mir schien dich irgendwie – in Ermangelung passenderer Worte – weicher zu machen und zu inspirieren. Du fingst an für eine Hilfsorganisation zu arbeiten, für die du die Behinderten befördert hast.
So sehr ich die Veränderung in deinem Verhalten mir gegenüber und innerhalb der Familie respektiere und schon ohne die Version von dir vor meiner Geburt zu kennen, erstaunlich finde, das war doch kaum vergleichbar, oder?

Ein Mensch, der seine eigene Enkelin anfangs nicht einmal auf dem Arm halten mochte, die aber immerhin Familie war, fuhr völlig fremde Menschen mit Behinderung zu ihrer Werkstatt und wieder nach Hause? Das ist doch fast undenkbar, zumal du von mir abgesehen gar keine „Erfahrungen“ mit behinderten Menschen hattest.
Diese neue Offenheit, bei der wohl Oma auf dich abgefärbt hat, gepaart mit der fehlenden Erfahrung brachte dir ein paar weitere Anekdoten ein, die in der Familie immer noch gerne geteilt werden.

Hier jedoch würden sie meiner Meinung nach aber zu weit führen. Einiges bleibt doch besser privat, nicht wahr.

Das alles warst du, Opa – für mich lange selbstverständlich. Für deine Frau und deine Kinder oft eine Verwandlung und neu. Vieles davon erfuhr ich erst nach deinem Tod.

Deine teilweise cholerische Seite verlorst du jedoch nie und aus heutiger Sicht weiß ich, dass auch hier Oma das abgeschwächt hat, indem sie mich unauffällig aus Situationen herauszog.
Reibungen gab es zwischen uns nüchtern betrachtet erstaunlich selten, wenn man bedenkt, wie stur wir beide sein konnten. Opa, wir sind nicht blutsverwandt, aber ich weiß genau, den Sturkopf – den habe ich von dir!

Dass es zwischen uns so harmonisch lief, lag sicher nicht nur daran, dass Oma da war als Vermittlerin. Es war ja nicht so, dass du ein unkontrollierbarer Tyrann warst. Du warst mir gegenüber zum allergrößten Teil liebevoll. Du hast Grenzen und Regeln immer klar kommuniziert und Überraschung: Damit kann ich bis heute gut umgehen.
Nicht nur, dass ich Regeln liebe und klare Kommunikation mir als sozial phobischem Menschen, der andere Menschen oft nicht versteht, hilft. Deine Regeln hatten immer „Hand und Fuß“, wurden nicht nach Tagesform verändert und was meine heutige, erwachsene Ansicht angeht, waren es auch keine großen Sachen. Es gab Dinge, die dir wichtig waren. Muss man nicht verstehen, nur befolgen. Auch darin sind wir uns verdammt ähnlich, Opa, und vieles, worauf du wert legtest, ist mir heute auch wichtig. Warum du damit eventuell mal woanders angeeckt bist, ist ein anderes Thema.

Ich weiß auch durch dich, dass es mal knallen kann, laut wird und dass man sich trotzdem liebt. Dass danach wieder „alles gut“ wird, das hast du mich gelehrt. So sehr du schimpfen konntest, du konntest danach auch anerkennen, dass Dinge geklärt waren und verzeihen. Du hast nie mit deiner Zuneigung zu mir hinter dem Berg gehalten und damit mir viel wertvolles geschenkt.
Ich bin so harmoniebedürftig und konfliktscheu, dass ich für diese Lektion unglaublich dankbar bin. Für beide Seiten – den Streit und die Versöhnung, die oft sehr unspektakulär ablief.

Warum ist man denn dann dankbar für den Tod eines so nahestehenden, liebevollen, prägenden Menschen?

Die Antwort ist einfach: Dir ging es am Ende nicht mehr gut. „Krebs ist ein Arschloch“ sagt man bei Twitter häufiger und Opa, dir hätte es gefallen, wie das Internet sich entwickelt hat. So viele technische Spielzeuge, so viele Kommunikationswege!

Ja, der Krebs hat auch dich erwischt und da liegt es nahe, den Tod als Erlösung zu sehen. Noch mehr hätte ich für dich um Heilung gebetet, wenn da nicht ein anderes Detail gewesen wäre: Dein Haus. Das Haus, in dem deine Mutter dir das Leben geschenkt hat. Das Haus, in dem du deine Kinder groß gezogen hast, deine Enkel eingeladen hast. Das Haus, das du nie verlassen solltest. Das Haus, in dem wir uns in meinen Träumen immer wieder sehen. Das Haus, dessen Geruch ich noch in mir trage, den Blick aus dem Küchenfenster, den ich abgespeichert habe, genauso wie ich die raue Mauer zur Straße hin noch unter meinen Fingern spüre.
Du wusstest, dass es nicht mehr lange so hätte sein können und ich bin auch deswegen dankbar, dass du diesen Schritt nie tun musstest. Das zusätzlich zum Kampf gegen den Krebs?

Ich weiß nicht, ob ich einfach unglaublich kitschig bin und deinen Tod romantisiere, schon weil der nächste Trauerfall in meinem Leben für mich bis heute großer Horror ist. Ob ich meine Angst vor Veränderungen auf dich projiziere, aber das Wissen, dass du im Haus deiner Geburt auch sterben durftest, weder im Krankenhaus, noch in einer neuen Wohnumgebung, tröstet mich. Ich danke Gott dafür.

Jetzt sitze ich hier, am Herbstanfang, deinem Geburtstag und einem der wenigen, die ich mir schon als Kind merken konnte und schwelge in Erinnerungen.
Ich denke an Sonnenblumen, Motorräder, Oma und dich. Denke an dein Haus, an deinen Rüden, daran wie viel Spaß wir auf dem Hundeplatz und im Garten hatten. Ich stelle mir vor, wie du oben im Himmel bist, so wie es mein Glaube ist, auf deiner Wolke uns beobachtest und immer wieder in meine Träume funkst.
Im Hintergrund läuft Pur und anderes melancholisches Zeug und ich merke, wie mein Blick verschwimmt, dabei will ich nur eines sagen:

Alles Liebe zum Geburtstag und danke, Opa.

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu “Sonnenblumen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s