Die Wunde (Teil 3/3)

Teil 3: Loch

„Ich bin ein Loch.“

Wenn du mich fragen würdest, wie es mir jetzt, am Freitag den 14. Mai um 14.30 Uhr, geht, wäre das meine Antwort.

Säßest du mir ein paar Stunden später gegenüber, du würdest einen angespannten Menschen sehen. Jemand, der immer wieder mit den Fingern an irgendetwas rumspielt, auf seiner Lippe kaut, der ab und zu zittert und dessen Blick von Zeit zu Zeit unruhig im Raum hin und her geht. Nicht, weil ich deinem ausweichen wollte, sondern weil ich nicht anders kann. Vielleicht knirsche ich sogar etwas mit den Zähnen.

Wenn du mich darauf ansprichst, dann werde ich das alles zugeben. Keine deiner Beobachtungen wäre mir neu. Ich spüre, wie die Muskeln in meinen Beinen krampfen, wie ich größtenteils sehr flach atme und auch die Kälte in meinen Fingern. Überhaupt ist mir kalt, innerlich wie äußerlich, auch nach mehreren Tassen heißem Tee. Kälte ist sehr ungewöhnlich für mich und mir ein sehr unangenehmes Gefühl.

Rein rational weiß ich, was du dann auch glauben würdest: Ich bin bis zum Bersten angespannt.

Aber ehrlich gesagt, bin ich das nicht. Ich bin ein Loch, aber das ist okay. Ich bin nicht sonderlich angespannt oder wüsste zumindest dutzende Situationen, in denen ich deutlich angespannter war. Wahrscheinlich würden diese Äußerlichkeiten sogar bei deren Erwähnung prompt zurück gehen, wenngleich nur kurz. Nicht, weil ich dir meine Anspannung vorenthalten will oder weil diese Dinge gespielt wären. Sie kommen und gehen in Wellen.

Es ist der 22.12.2021, 18.05 Uhr. Seit Monaten sehe ich immer wieder auf diesen Text, den ich doch eigentlich „zeitnah“ hochladen wollte. Es klemmt genau an dieser Stelle. Daran, dass ich euch so gerne das „Lochgefühl“ begreifbar machen möchte und doch keine Worte dafür finde. Die einzige „Erklärung“, die ich gefunden habe für meine Wortlosigkeit, ist der Verdacht, dass dieses Gefühl aus einer Zeit stammt, in der ich keine Worte hatte. Eine Zeit, in der ich noch so jung war, dass es keine Worte gab, nur Gefühle. Dazu würden meine intuitiven Lösungsstrategien (Wärme, Nähe, Essen) passen. Das bringt mich aber bei der Erklärung des Loches nicht weiter.

Bei näherer Betrachtung merke ich aber, dass es zwei Zustände gibt, die ich als „Loch“ bezeichne:

Das eine ist ein dunkles Loch, in das ich falle oder mich verkrieche, wenn es mir nicht gut geht. Es fällt schwer, mich wieder ein Stück näher an die Oberfläche zu kämpfen. Mal ist es dort ungemütlich und kalt, mal vertraut und warm. Dieses Loch ist nicht per se etwas schlechtes, schon durch seine Zuverlässigkeit. Es ist vor allem „äußerlich“. Ich würde immer die Formulierung wählen „Ich stecke in einem Loch“ o.ä.

Das zweite Loch ist anders, es ist ein „Nichts“, das in mir den Drang auslöst, es zu stopfen und auszufüllen. Aber alles, was ich versuche, löst sich auf und wird zum Zustand dieses Loches, als das ich mich dann vollständig identifiziere. Daher meine Ausdrucksweise „Ich bin ein Loch.“.

Was ich euch hier allerdings noch in Kürze berichten kann, ist, dass mir dieser Besuch auf dem Friedhof noch lange „nachhing“ und es auch weitere Aufenthalte da gab.

Da ich fürchte, ich werde nichts besseres mehr zustande bringen, schließe ich den Beitrag an dieser Stelle. Sollte mir noch mehr zu dem Loch einfallen oder sollten euch „Friedhofs-Updates“ interessieren, werde ich das in einem gesonderten Beitrag behandeln.

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