Die Wunde (Teil 2/3)

Teil 2: Is‘ okay
So fuhr ich im Anschluss mit den genannten Dingen und einem Vorrat Taschentüchern im Gepäck wie geplant mit meiner Freundin zum Friedhof mit einem Abstecher zum Blumenladen vorweg.

Noch im Laden kämpfte ich mit den Tränen, aber ich wusste sehr genau, was ich wollte, fand das Ersehnte und wurde sehr freundlich bedient. Eventuell kam mir auch zu Gute, dass ich komplett schwarz gekleidet war und möglicherweise auch von der Therapie leicht verheult aussah. Aber das sind Spekulationen, denn vielleicht ist die Verkäuferin einfach nur ein sehr freundlicher Mensch.

Als meine Freundin und ich die Straße zum Friedhof hin überquerten, merkte ich allerdings schon kurz eine Veränderung in meinem Fühlen, das ich aber beiseite schob. Kurz flammte in mir auch der Gedanke „Ja, ich glaube, so machen das Erwachsene“ auf. Solche Art Gedanken kenne ich von mir aus anderen Situationen schon. Trotzdem erkannte ich erst im Nachhinein, dass ich hier schon dissoziierte.
Zu diesem Gedanken gesellte sich ein gewisses Unverständnis dafür, dass ich hier überhaupt war und warum mir das schwer fallen sollte. Auch das ist für mich ein deutlicher Hinweis dafür, dass ich nicht ganz bei mir war, sondern spätestens jetzt schon in einem dissoziativen Zustand. Das stellte ich allerdings erst fest, als ich anfing diesen Blogbeitrag zu schreiben.

Wir fanden die Stelle nicht sofort und da es regnete und meine Kondition nicht gut ist, setzte ich mich kurz auf eine überdachte Bank, während meine Freundin versuchte Klarheit zu schaffen, indem sie erst weiter den Friedhof „durchsuchte“ und dann sogar versuchte die Friedhofsverwaltung telefonisch zu erreichen. Während ich da saß und wartete, wurde der Fluchtreflex wieder sehr laut. Der Drang zu Fliehen oder mich tot zu stellen ist bei mir mittlerweile sehr ausgeprägt, was es mir oft schwierig macht mich meinen Ängsten zu stellen.

In mir kamen Gedanken wie „Ohje, jetzt ruft die da an, wie peinlich.“ „Ach, so wichtig ist das ja gar nicht, lass uns mal lieber schnell verschwinden.“ und „Jetzt hat sie sich extra Zeit genommen und jetzt regnet das auch noch. Besser, wir verschieben das und gehen jetzt.“

Meine Freunde kennen mich aber gut genug um das zu wissen, selbst wenn ich nichts sagte. Das Einzige, was mir raus rutschte war „Du willst da jetzt ernsthaft anrufen?“ in einem „Ich geh mich mal kurz vergraben – am richtigen Ort dafür bin ich ja schon mal.“-Tonfall. Dass „wir“ niemanden erreichten, erleichterte mich offen gestanden. Trotzdem wurden wir fündig und ich konnte meine Blume abstellen. Auch machte ich bei der Gelegenheit wenige Fotos. Meine Freundin ließ mir Raum für mich und so setzte ich mich im Regen auf meinen Rollator und wartete. Wartete darauf, dass irgendetwas passierte, sich irgendwas in mir regte. Sei es eine Erleichterung oder ein Zusammenbruch, denn selbst für den wäre ich ja jetzt gewappnet. Ich war sicher, irgendetwas müsste doch jetzt passieren.

Nichts.

Ein inneres Schulterzucken, ein Haken an den Punkt „Grab besuchen“ auf der inneren To-Do-Liste, aber keine Gefühle. Ich machte ein letztes Foto und suchte meine Freundin. Ihren fragenden Blick beantwortete ich lapidar mit „Is‘ okay.“ und hatte spontan den Song „It’s okay“ von Atomic Kitten im Ohr, obwohl der wirklich nicht zu der Situation passte.

Sie nickte verstehend und merkte an, dass wir ja beide wüssten, was das sei.

Jap, (Gefühle) verdrängen kann ich. Dissoziieren ist unglaublich anstrengend, kann aber schön sein. (An dieser Stelle noch eine kurze Anmerkung: Nein, Verdrängung und Dissoziationen sind nicht gleichzusetzen, haben bei mir aber Überschneidungen, sodass ich das eine oft nicht gut vom anderen unterscheiden kann.)

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