Die Wunde (Teil 1/3)

CN PTBS, Trauma(folgen), Recovery, Dissoziationen, Essstörung, selbstverletzendes Verhalten, Tod

Generelle Anmerkung zu den Content Notes: Diese beziehen sich immer auf den gesamten Beitrag (jeden Teil), so nicht anders vermerkt

Anmerkungen zum Text im Vorwege:

  1. Ich „spreche“ hier im Blog gern meine LeserInnen an, meist im Plural. In diesem Text werde ich zum Teil den Singular wählen, weil mir dies leichter fällt. Der Text fällt mir unfassbar schwer, aber die Vorstellung, mit einer einzigen vertrauten Person im Gespräch zu sein, macht es etwas leichter. Ich hoffe, ihr verzeiht mir diesen Stilbruch.
  2. Ich zensiere potenziell triggernde Worte hier nicht zwangsläufig. Die Content Notes sollten hier als Warnung deutlich genug sein. Solltest du dich nicht wohl damit fühlen, lies den Text bitte nicht. Achte gut auf dich!
  3. Diesen Text zu schreiben hat mich deutlich mehr Zeit gekostet als vermutet. Ich schreibe hin und wieder ein Datum oder auch eine Uhrzeit. Der Text ist dann jeweils aus der Perspektive dieses Zeitpunktes zu verstehen. Es tut mir leid, dass ich es nicht geschafft habe, ihn zusammenhängend zu schreiben.So wurde daraus ein „Jahrestagbeitrag“.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Vorbereitung ist die halbe Miete

Teil 2: Is‘ okay

Teil 3: Loch

Teil 1: Vorbereitung ist die halbe Miete

In meinen letzten Beiträgen hier auf meinem Blog habe ich euch einen Faktor meiner PTBS offenbart. Ein Todesfall, der für mich derart traumatisch war, dass ich ihn bis heute nicht verarbeiten konnte.

Ein wenig mehr gebe ich euch heute preis.

Der Tod dieses Menschen liegt nun schon viele Jahre zurück.

Ich bin seit einigen Jahren wegen verschiedener Dinge in Therapie, u.a. um diesen Tod zu verarbeiten und habe dort in winzigen Schritten immer wieder daran gearbeitet. Aus meiner Perspektive stehen die Anstrengungen bzw. meine Erschöpfung durch diese nicht in Relation zu den erreichten Zielen, aber meine TherapeutInnen würden das eventuell anders beurteilen.

Es gibt sicher Gründe, warum der Vorfall für mich nicht zu verdauen war, als er geschah. Hier möchte ich aber gerade viel mehr darauf eingehen, warum es auch mit vielen Jahren Abstand nicht besser wurde, zumindest in einem Punkt.

Ich habe damals nicht an der Beisetzung teilnehmen können und hatte so keinen „klassischen Abschied“, wie man ihn sich eventuell wünschen würde. Leider habe ich als Konsequenz auch nicht gewusst wo genau die Grabstelle war. Lediglich den Friedhof wusste ich. Da der Platz an sich mir aber unbekannt war und ich auch niemanden fragen mochte, konnte ich somit auch für mich keine „Trauerfeier nachholen“ oder zu dem Ort hingehen, an dem ich wusste „Hier ist er.“.

Tatsächlich habe ich mir auch nie große Gedanken darum gemacht, denn schließlich kann man ja überall traurig oder verzweifelt sein. Da meine übrigen Versuche diesen speziellen Tod zu betrauern allerdings ins Leere liefen, und ich zum Teil wirklich „überall traurig oder verzweifelt“ war, kamen wir in der Therapie immer wieder auf das Thema.
In mir kämpften so viele Gefühle miteinander, dass ich sie gar nicht einzeln benennen kann. Ich suchte und fand diverse Ausreden (vor mir selbst, nicht vor meiner Therapeutin), warum das jetzt gerade nicht ginge, warum ein anderer (viel späterer) Zeitpunkt der viel klügere sei oder gar warum es überhaupt total unnötig sei.

Ich bin sehr dankbar, dass meine Therapeutin sich davon nicht abschrecken ließ, spürte, dass es mir irgendwie doch wichtig war diesen Schritt zu gehen und immer wieder mit Engelsgeduld das Thema mit mir durchsprach. Natürlich gab es nie eine Garantie, dass den Ort zu kennen und zu besuchen helfen würde und schon gar nicht erwartete ich eine Art „Wunderheilung“, aber es war eine logische Idee, dass mir dieser Schritt helfen könnte.

Etwa Anfang Mai 2021 erwähnte ich das Thema einer engen Freundin gegenüber und halbherzig in einem Nebensatz, dass ich überlegte, dort irgendwann einmal hinzufahren um zu gucken, ob ich die Stelle fände. Sie war begeistert von der Idee und bot sofort ihre Begleitung an. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich über Begleitung noch gar nicht nachgedacht. Ich wollte sowieso nicht viel darüber nachdenken, das tat ja weh. Ganz spontan erleichterte mich aber der Gedanke, mich dem nicht ganz alleine stellen zu müssen, auch weil ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren würde. Die Bandbreite ist in Stresssituationen nämlich wirklich weit gefächert. Wie weit gefächert, das zeigt dieser Beitrag nur zu einem kleinen Teil.

Also sagte ich ihr zu, was ich keine 10 Sekunden später bereute:

„Prima, dann also nächsten Freitag?“

Mist, die verlor keine Zeit. Von „vielleicht irgendwann“ bzw. „ja, wäre schon gut, das noch in diesem Jahr zu schaffen, eventuell. Halt eventuell vor dem nächsten Jahrestag, vielleicht?“ zu „nächsten Freitag“. Das ging einerseits jetzt echt schnell.

Auf der anderen Seite: Warum eigentlich nicht? Ein Teil meines Hirns suchte verzweifelt nach Gründen, warum genau an diesem speziellen Freitag das ja mal überhaupt gar nicht ginge. Vergeblich. Sicherlich auch, weil ein anderer Teil meines Hirns nicht sehr hilfreich bei der Suche war. Zum einen, weil ich die Chance wirklich nutzen wollte, nicht alleine zum Friedhof zu müssen und zum anderen weil ich es endlich hinter mir haben wollte. Außerdem war mir natürlich bewusst, dass es nicht besser werden würde, wenn ich diesen Gang aufschob. Mal ganz zu schweigen davon, dass ich schlichtweg Zeit hatte und somit auch kein Termin vorgeschoben werden konnte, weil es dann zu stressig werden würde.

Mittwoch Abend und vor allem am Donnerstag vor besagtem Tag war ich mir dann aber ziemlich sicher, dass die Pläne am Freitag nicht in die Tat umzusetzen wären. Ich habe ja an manch anderer Stelle schon erwähnt, dass ich auf Stress teilweise psychosomatisch reagiere. Kreislaufprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen sind dieses Mal an der Reihe gewesen, um nur mal die appetitlicheren zu nennen. Von Migräne blieb ich dieses Mal wenigstens verschont. Dafür hatte ich aber immer wieder Panikattacken und Angstzustände.

Mit Schwindel und ähnlichem Auto zu fahren ist natürlich nicht sicher, denn ich wollte andere Menschen nicht durch solch grob fahrlässiges Verhalten in Gefahr bringen.
Gott sei Dank hatte ich am Freitag Morgen dann morgens noch mein Therapiegespräch. Dort konnte ich offen über meine Pläne und meine Ängste sprechen, diese nicht durchführen zu können. Gemeinsam konnten wir mich dann so weit stabilisieren, dass ich mich fit genug fühlte.

Zur Einordnung: Die Therapie fand am Morgen des 14. Mais 2021 statt.

Aufgrund der derzeitigen Lage findet die Therapie bei mir momentan per Videochat statt. Das ist für Traumatherapie, was die „Therapieart“ ist, die ich in diesem Bereich brauche, nicht ideal, lässt sich aber eben nicht ändern und kommt dem Gespräch von Angesicht zu Angesicht am nächsten.

Die Anfänge dieser Gespräche sind tatsächlich etwas, was mir immer noch mit am schwersten fällt. Egal wie viele Gedanken ich mir vorher darüber gemacht habe, was genau ich an dem jeweiligen Tag bearbeiten möchte und wie ich das ganze einleiten möchte, es kommt irgendwie immer anders und oft ein wenig stockend für mein Empfinden.

Dieses Mal stellte ich mir vorher die Frage, ob ich meiner Therapeutin ehrlich darlegen wollte, dass meine Freundin mit ihrer Idee auf mich zugekommen ist, ich ihr sagen wollte, dass die Idee auf „meinem Mist“ gewachsen ist oder es irgendwie neutral ausdrücken könnte, dass sie dächte, ich hätte die Initiative ergriffen, ich aber nicht lügen müsste. Ich sollte hier eventuell betonen, dass ich nicht gerne lüge.

Ich hatte mich lediglich darüber mit meiner Freundin nicht ganz ernsthaft unterhalten, nachdem sie mir das Angebot gemacht hatte, mich zu begleiten.

Scherzhaft sagte ich ihr, dass ja rein therapeutisch gesehen, die Initiative wohl von mir hätte ausgegangen sein müssen und nicht von meiner Freundin. Wir „spulten“ also spaßeshalber nochmal zurück und ich setzte neu an und fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, mich zu begleiten. Technisch gesehen habe ich sie also wirklich gefragt, wenngleich zu einem Zeitpunkt, als ich mir ihrer Zustimmung sicher sein konnte. Allerdings fiel mir das trotzdem noch so schwer, dass es mich ehrlich überraschte und der scherzhaft geäußerte Gedanke, dass es „therapeutisch sinnvoll“ gewesen wäre, ich hätte gefragt, mir ganz ernsthaft schien. Offenbar macht es doch etwas mit mir, ob ich nach Hilfe frage oder ob sie mir angeboten wird. Rein allgemein weiß ich, dass es mir schwer fällt um Hilfe zu bitten, aber in diesem Punkt noch mit dem Wissen diese Hilfe zu bekommen, war es doch eine Überraschung.

Die Option meine Therapeutin komplett anzulügen gefiel mir nicht und offen gestanden habe ich das nie ernsthaft in Betracht gezogen. Sympathischer war mir der Gedanke, es unauffällig neutral zu formulieren, aber obwohl ich die Frage ja zumindest im Nachhinein formuliert hatte, fühlte sich das immer mehr wie lügen an. Auf der anderen Seite war ich unsicher, ob ich den Mut fände ehrlich zu sein und stellte mir die Frage, was das für das Gespräch für einen Unterschied machen würde. Zumindest nahm ich mir das trotzdem vor, weil ich mich mit den Alternativen nicht wohlfühlte.

Das allerdings waren Gedanken, bevor meine körperlichen Symptome so stark waren, dass ich daran zweifelte, Freitag zum Friedhof zu fahren und so kam es in der Therapie dann ganz anders. Ich erinnere mich nicht einmal, ob wir darüber sprachen, wie es zu diesem Plan kam.

Wir starteten nämlich nicht damit ins Gespräch, sondern damit, dass ich benannte, dass es mir nicht gut ginge und benannte auch meine Symptome und den Verdacht, dass diese psychosomatischer Natur seien und mit den Plänen zusammenhingen, den Friedhof aufzusuchen.

Wir gingen im Detail durch, welche Gefühle hinter diesen Symptomen standen und wie wir Symptome und Gefühle so weit „lindern“ konnten, dass ich mich sicher ins Auto setzen und zum Friedhof fahren konnte.

An Gefühlen war neben lähmender Angst auch eine größere Portion Wut.

Wut ist ein sehr schweres Gefühl für mich, das ich mir trotz Fortschritten in der Therapie kaum erlaube. Die einzigen Bereiche, in denen ich mir Wut in Maßen erlaube, sind das Auto (potenzielle Beifahrer sollten jetzt gewarnt sein, ich fluche wie ein Rohrspatz) und gegen mich selbst gerichtete Wut und Vorwürfe, was in selbstverletzendem Verhalten (im Folgenden „SVV“) enden kann.

Nur höchst selten erwächst aus ihr etwas Produktives bei mir, weswegen auch dieses Gefühl mir wiederum Angst macht. Zu lange hatte ich das SVV unter Kontrolle gehabt, von gelegentlichem Frustfressen abgesehen, aber die Essstörung ist eben auch wieder ein sehr spezieller Bereich, den ich an dieser Stelle einmal ausklammern möchte.

SVV war für mich insbesondere in Verbindung mit diesem Erlebnis lange ein Thema und wahrscheinlich werde ich nicht mehr an den Punkt kommen, dass ich garantieren kann, keinen Rückfall zu erleiden. Auch ist der Drang trotz der langen Zeit „Abstinenz“ oft noch sehr hoch. Aber ich habe viel gelernt in den vergangenen Jahren und dadurch kann ich in der Regel gut reagieren und den Druck senken.

Der Gefahr bleibe ich mir aber bewusst, was ein Grund dafür ist, dass ich Wut sehr stark zurückhalte.

Angst hingegen, sie klang schon im Wut-Absatz an, ist quasi ein „ständiger Begleiter“. (Warum ich jetzt wohl „Hello Darkness, my old friend“ im Ohr habe?)

Das wundert bei der Diagnose „generalisierte Angststörung“ jetzt wahrscheinlich auch niemanden. Problematisch bei eben dieser Angststörung ist, dass ich oft nicht zuordnen kann, was mir Angst macht. Sie ist eine Art immer anwesendes „Hintergrundrauschen“ in unterschiedlicher Lautstärke.

Eine Art emotionaler Tinnitus. Das heißt nicht, dass zusätzlich nicht noch erklärbare bzw. auffindbare Ängste dazu kommen können.

In diesem Fall zum Beispiel die Angst, dass meine Krankheitssymptome die Abfahrt gänzlich verhinderten oder die Angst, den Platz gar nicht zu finden. Diesen Friedhof habe ich bewusst nie betreten und hatte keine Vorstellung davon, wie groß er wäre.

Nun gibt es zur Regulierung von bestimmten Gefühlen und auch zur Unterbrechung von zu starken Dissoziationen gewisse „Werkzeuge“, die man in Therapien lernen kann, sogenannte „Skills“. Viele Patienten haben irgendwann einen bunten „Werkzeugkoffer“, um bei dem Bild zu bleiben, abhängig von verschiedenen Faktoren. Ich habe diverse Skills und werde hier definitiv nicht alle benennen können, denn diese Skills können ganz unterschiedlich sein und viele habe ich in der Situation, die ich hier schildere, gar nicht gebraucht.

Ganz allgemein lässt sich sagen: Manche Skills brauchen ein physisches Hilfsmittel, andere sind nur bestimmte Gedankenübungen. Wenn ich hier oder auch woanders von meinen Skills erzähle, dann gelten alle Angaben nur für mich. Wer für sich eine Anregung finden will, darf dies gern tun. Allerdings ersetzen meine Schilderungen keine Therapie oder die eigene Suche nach passenden Skills. Viele Skills muss man auch regelmäßig trainieren, insbesondere wenn man sie nicht so oft braucht. Wer darüber hinaus Anregungen wünscht, sollte sich bestenfalls an seine/n Therapeuten/-in wenden. Eine Warnung: Was für den einen ein Skill ist, ist für den nächsten unter Umständen ein Trigger!

Die Skills, die in dieser Stunde zur Sprache kamen, waren:

  • Brausebonbons zur Unterbrechung von Panik oder Dissoziationen
  • Musik
  • „Geistige“ Begleitung neben natürlich meiner Freundin als „echter“ Begleitung (das heißt glaube ich anders, aber mir fällt keine passendere Bezeichnung für dieses Gedankenspiel ein)
  • gute Vorbereitung

Zum Letzten ist zu sagen, dass es wahrscheinlich nicht wirklich in eine „Skillliste“ gehört, aber mich beruhigt es, zu wissen, dass ich gut vorbereitet bin und Pläne habe. Je genauer die Pläne und je mehr Ausweichpläne ich habe, desto besser. Ja, dabei verrenne ich mich gerne in scheinbar unwichtigen Details.

So besprach ich beispielsweise genau, welche Kleidung ich tragen würde, dass ich meine Kreuzkette anlegen würde, was ich in meine Taschen packen müsste, auch wenn ich einiges davon eventuell nicht bräuchte und dass ich im Vorwege eine Blume kaufen würde.

Letzteres hatte ich schon mit meiner Freundin gemeinsam geplant und der Gedanke, nicht mit leeren Hände auf dem Friedhof aufzutauchen, gefiel mir.

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