Murmeltiertag

CN Trauer, Tod, Jahres-/Geburtstage

Jeder von euch kennt wahrscheinlich den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Selbst wenn ihr ihn nicht geguckt habt, wisst ihr wahrscheinlich, dass es darum geht, einen bestimmten Tag immer und immer wieder aufs Neue zu erleben, exakt gleich. Die Welt dreht sich nicht weiter. Man selbst ist hierbei die einzige Person, die sich dessen bewusst ist.

Manche von uns kennen das auch auf bestimmte Situationen bezogen, unabhängig davon, ob diese auch einen zeitlichen Bezug haben oder nicht. Tage, respektive Situationen, in denen man sich vorkommt, als sei man eine kaputte Schallplatte.

Der Kollege, dem man das vierte Mal erklärt, warum auch er Papier im Gemeinschaftsdrucker nachfüllen kann. Die Oma, die nach zwei Jahren immer noch nicht versteht, dass „Käsestulle“ wirklich nicht vegan ist und ja, man macht das jetzt wirklich so, auch wenn man als Kind anders gegessen hatte.
Dazu gehören für manche Menschen auch bestimmte Jahrestage. Tage, die einem ähnlichen Schema jedes Jahr folgen (sollen) oder die durch bestimmte andere Erinnerungen mit etwas stark verknüpft sind.
Die Tante, die am selben Tag ihr drittes Kind bekam, an dem du deinen Führerschein gemacht hast. Das Kind wird dich wahrscheinlich zukünftig an deinen „Lappen“ erinnern.

Mancher dieser Verbindungen sind wir uns stets bewusst. Das kann insbesondere bei negativen Verknüpfungen helfen, uns vorzubereiten
Besuch bei Oma? Es wird Käsestulle geben, einfach weil du sie als Kind geliebt hast und sie dir etwas Gutes tun möchte.
Geburtstagsessen bei der Tante? Sie wird wieder zum Besten halten, dass ihr Zögling sicher dein Führerscheinglücksbringer war, weil sie stolz ist auf ihr Kind und auf dich. Ob du es nun ähnlich sehen möchtest oder es dich und das Geburtstagskind einfach nur noch langweilt, spielt dafür keine Rolle. Aber du weißt es und du kannst dich mental darauf vorbereiten und dir im Voraus überlegen, wie du damit umgehen möchtest.

Was aber ist mit Mustern, die wir nicht erkennen und das jedes Mal wieder?

Ich gestehe, dass ich einige dieser Situationen und Tage habe. Auf manche bin ich vorbereitet und andere Schemata kenne ich in der Theorie, aber wenn es dazu kommt, überfallen sie mich jedes Mal wieder. Sobald ich dann dahinter steige, frage ich mich, wie ich das wieder vergessen konnte und das mit einer unglaublichen Konsequenz. (Ach ja, Verdrängung ist doch ein spannendes Thema.)

Dieser Text entsteht nach einem Gespräch mit einem sehr wertgeschätzten Menschen, das mich dazu bewogen hat, mir einen meiner Murmeltiertage nochmal näher anzuschauen um näher zu beleuchten, was eigentlich für Gefühle dahinter stecken und ob ich einen Grund finde, die Muster, die eigentlich mehr als deutlich sind, jedes Mal wieder nicht zu erkennen.

In dem Gespräch ging es um ihren Geburtstag, hier soll es um meinen gehen.

Geburtstage waren für mich, wie wohl für die meisten kleineren Kinder, absolute Jahreshighlights. Zudem war ich ein ziemlich extrovertiertes Kind. Ich wollte es immer „schöner, größer, toller“ haben. Eine Überraschungsparty geplant bekommen, von der ich nichts wusste, aber auf der alles genauso war, wie ich es wollte. Ich wollte große, überragende Geschenke, viele Freunde und natürlich meine Familie, das hübscheste Wesen auf der Feier sein, leckeres Essen und ganz viel Spaß. Einfach rundum glücklich sein.
Kurzum: Ich war ein Geburtstagsjunkie.

Mein Problem?
Nicht nur, dass diese Vorstellung einer Geburtstagsfeier ohnehin völlig überzogen war. Ich war zudem noch dick, sehr unbeliebt in der Schule und konnte mich auch nie für irgendetwas entscheiden. Außerdem kam nie jemand dazu, eine „Überraschungsparty“ zu schmeißen, denn ich hatte ja vorher schon ganz genau überlegt, wie alles ablaufen musste und wer eingeladen wurde. Davon ganz zu schweigen, dass eine Wunschliste nun mal eine Wunschliste ist und keine Bestellung. Ich bekam also nicht jedes erdenkliche Geschenk auf diesem Zettel, der meistens lang war und dazu noch ganz viele tolle Überraschungen, die ich mir im Traum nicht hatte ausmalen können.
Die hübschesten Outfits gab es außerdem ja für die dünnen Mädchen, von der ich eine (blond, beliebt, intelligent, sehr hübsch) lange Zeit als enge Freundin ansah.
Aus dieser Perspektive konnte mein Geburtstag also nur eine geplante Katastrophe werden.

Da wundert es auch kaum, dass eine gewisse Unzufriedenheit jedes Jahr blieb, auch wenn es noch die andere Seite gab:
Gewisse Gewohnheiten – und ich liebe Gewohnheiten – blieben aus unterschiedlichen Gründen. Die Gästeliste blieb übersichtlich. Neben Familie und Freunden der Familie, sprich den „Erwachsenen“, kam besagte blonde Freundin, manchmal noch eine oder zwei Kinder aus der Klasse oder der Nachbarschaft. Später andere Schulfreunde, denn auf der weiterführenden Schule verlor sich der Kontakt zu meiner Kindergartenfreundin sehr schnell. Die Anzahl blieb aber ähnlich bei einer bis etwa vier Kontakten neben den Zugehörigen.
Wenn du nicht beliebt bist, reißt sich keiner um deine Geburtstagsfeier. Wenn du dazu noch kein Mega-Event schmeißt, wovon ich schon damals kein Freund war, kommen aber auch wenigstens nur diejenigen, die wirklich wegen dir kommen und nicht, weil die Feier so toll ist.
Das Essen blieb auch relativ gleich, aber es war eben auch Lieblingsessen. Das war super. Selbstgebackener, ausgesuchter Kuchen, Schokoküsse und diverse andere Süßigkeiten standen zur Auswahl. Ein Paradies für mich kleine Naschkatze.
Meine Familie gab sich wirklich alle Mühe, jedes Jahr wieder eine wunderschöne Feier zu organisieren für mich.

Ihr seht: Die Erinnerungen an dieses sich jährlich wiederholende Ereignis ist durchaus auch positiv, obwohl meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Das ist ein Lernprozess, den wir alle irgendwann durchleben werden und ich habe wohl die sanfte Lehrmethode erwischt.

Geburtstage waren für mich dadurch schon sehr früh eine ambivalente Angelegenheit. Die Sache mit der Ambivalenz war für mich als Kind bzw. Jugendliche allerdings schwer zu begreifen und zu ertragen. Ein „gut oder schlecht“ wäre viel leichter gewesen und so überwog auch an manchen Tagen die eine oder die andere Seite. (Meistens die gute!)

Diese Ambivalenz verstärkte sich nach einem ebensolchen Geburtstagsfest. Nicht direkt im Anschluss, sondern ein paar Wochen später.

Der Geburtstag an sich war wirklich toll gewesen. Ich war schon „etwas älter“, meine Erwartungen waren realistischer und neben den „üblichen Erwachsenen“ (so wie ich eben „erwachsen“ definierte), hatte ich zwei Schulfreundinnen eingeladen, mit denen ich einen wirklich schönen Tag hatte. Die Freundschaft zu den beiden genoss ich sehr. Es war eine relativ neue Erfahrung für mich, mit Mädchen befreundet zu sein, die keinen Nutzen aus der Verbindung ziehen wollten. Zumindest keinen anderen als „eine nette Zeit verbringen“. Außerdem waren sie auch was meine Interessen und meine Bildung/Intelligenz angingen mir sehr ähnlich. Mit einer der beiden darf ich noch heute befreundet sein und bin dafür sehr dankbar.
Das war wohl daher eine der Feiern, die ich somit eher positiv verknüpft hätte. Eine der Feiern, nach denen ich am wenigsten unzufrieden mit dem „Ergebnis“ war.

Wer meinen Blog schon länger liest und ein besseres Gedächtnis hat als ich, mag die Verbindung schon gezogen haben. Ich selbst bin nur beim Nachlesen drüber gestolpert.
„Und täglich grüßt das Murmeltier“ habe ich nämlich schon im Beitrag „Gründonnerstag“ erwähnt, im selben Zusammenhang, in den ich dieses Gefühl auch hier bringen möchte:

Einige Wochen nach meinem Geburtstag erfuhr ich vom Tod eines der Gäste.

Im besagten Beitrag ging es darum, dass der Tod dieses mir sehr nahestehenden Menschen über Ostern passiert war. Mein Geburtstag war der letzte Tag, an dem ich diesen wundervollen Menschen sehen durfte.

Ich erwähnte bereits, dass die „Gästeliste“ zu meinem Geburtstag immer relativ ähnlich aussah. Das war insbesondere bei den Zugehörigen so. Die Freunde wechselten manchmal wie erwähnt, aber andere waren so fester Bestandteil meines Geburtstages, dass sie nicht einmal mehr Einladungen bekamen. Es war schlichtweg jedem klar, dass sie kommen würden. Es wurde höchstens gefragt, falls der Geburtstag in der Woche lag, ob am Geburtstag direkt oder am Wochenende danach gefeiert wurde oder nach einer genaueren Uhrzeit.

Ich mochte diese Konstanten sehr und dieser Gast war eine davon.

Habe ich in meinem Gründonnerstagsbeitrag noch gesagt, dass ich dieses Thema hier ausklammern möchte, auch weil ich mich dem Thema nicht gewappnet genug sah, kann ich heute sagen, dass ich etwas „weiter“ bin.

Dieses Thema wird hier öfter vorkommen. In mindestens einem weiteren Beitrag, den ich für Mai plane.

Warum?

  • Weil es elementar ist für meine psychische Gesundheit und für meinen Lebenslauf.
  • Weil ich weiter gekommen bin in der Therapie und bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema.
  • Weil die Reaktionen auf meine ersten Andeutungen meine Ängste nicht bestätigt haben, was ich nach wie vor erstaunlich finde.
  • Weil schreiben für mich ein hilfreiches Werkzeug sowohl in Sachen Verarbeitung als auch in Sachen Reflexion geworden ist.
  • Weil ich hier immer offen sein wollte in gewissem Rahmen, eventuell sogar „aufklären“ obwohl es immer nur um mich geht und allgemeine Rückschlüsse auf andere Personen(-kreise) schlichtweg nicht möglich sind.
  • Weil das Thema unfassbar viel Platz in meinem Leben einnimmt, sodass es sich falsch anfühlen würde, es vom Ort, wo es um meine Gesundheit geht, künstlich herauszuhalten.
  • Weil mein Kopf schon längst verstanden hat, dass es nichts ist, weswegen ich mich schämen müsste, nur weil ich es nicht verstehe und ich seit Jahren festhänge.
  • Weil ich rein rational verstanden habe, dass es nicht meine Schuld ist. Weder das Ereignis an sich noch meine daraus resultierenden Gefühle habe ich verschuldet oder freiwillig gewählt.
  • Weil ich weiß, wie gut es mir tut, von anderen Betroffenen zu lesen und ich dankbar bin für deren Offenheit.
  • Weil ich sie mir als Vorbild nehmen will und Ehrlichkeit eines meiner Grundprinzipien ist.
  • Weil auch meine Zugehörigen hier teilweise mitlesen und sich mitunter seit Jahren sorgen um mich und sich fragen, was „genau“ eigentlich los ist. Sie haben eine Antwort verdient.

Was nicht heißt, dass dieses eine Ereignis „alle Antworten“ liefert, aber eine.

Geht es mir jetzt in diesem Moment gut damit?
Nein. Ich zittere, ich weine und ich bin kurz davor das gesamte Dokument zu löschen, obwohl es jetzt noch nicht veröffentlicht ist.

Habe ich Angst, was dieser Beitrag auslösen könnte? Dass ich das „Wissen“ in meinem Umfeld nicht wieder auslöschen kann?

Ja, verdammt große. Denn Wissen kann nicht rückgängig gemacht werden. Was du gesehen hast, kannst du nie wieder ungesehen machen. Sobald dieser Text „in der Welt“ ist, kann man ihn nicht löschen. Aus dem Internet schon nur schwerlich, aus den Köpfen derjenigen Menschen, die ihn gelesen haben, erst recht nicht.
Die Ängste gehen von dem üblichen „Was denken „die“ dann über mich? Bin ich dann wieder die Dramaqueen?“ (ganz gleich, ob real bekannter Mensch oder ein „fremder Leser aus dem Internet“) über „Interessiert das hier überhaupt jemanden?“ zu einem bloßen „Was werden die Konsequenzen sein? Was richte ich ggf. auch beim Lesenden an?“

Auf beide „Gruppen“ von Ängsten möchte ich hier noch einmal kurz eingehen.

  1. Die Angst, dass ich als „übertrieben“, „theatralisch“ und mein Inhalt als „uninteressant“ wahrgenommen wird.
    Diese Angst ist sehr alt und eine sehr laute Stimme in meinem Kopf. Auch wenn ich rational weiß, dass man Leid nicht vergleichen kann und ein Todesfall durchaus längerfristige Folgen haben kann bei Zugehörigen, gestehe ich mir diese ungerne zu, fange an mich zu vergleichen. „Ich habe ja nichts Schlimmes erlebt, es war ja nur…“. Da bildet auch dieser Fall keine Ausnahme. Das ist nichts, was mein aktuelles Umfeld verursacht hätte, insbesondere nicht bewusst.
    Daneben steht die Angst, Menschen „auf die Füße“ zu treten, die (in meinen Augen) „wirklich“ schlimmes erlebt haben. Wer bin da ich, dass ich mich im Rampenlicht sonne und behaupte, mir ginge es nicht gut, wenn doch sie wirklich mehr durchhaben (egal, wie sie dann damit umgehen).
  2. Die Angst vor negativen Konsequenzen, vor Veränderungen im Umgang mit mir.
    Das ist etwas, was ja völlig „natürlich“ passiert. Beziehungen zwischen Menschen, ihr Verhalten miteinander verändern sich laufend und selbstverständlich führt jede neue Information bewusst oder unbewusst zu einer „Anpassung“ unseres Verhaltens. Ich möchte das nur sehr gerne verhindern, denn ich bin ja kein anderer Mensch, unsere Beziehung ist keine andere, als sie es war, bevor du diesen Text gelesen hast. Andererseits besteht mit jedem Text die Gefahr, dass ich Menschen verletze, egal ob sie in Kontakt mit mir stehen oder hier nur zufällig jemandes Blog lesen möchten. Das täte mir unglaublich leid und gerade bei „mir bekannten“ (egal ob virtuell oder real) Menschen fühlt sich bei manchen Texten die Gefahr deutlich größer an, so auch bei diesem hier.

(Anmerkung an meine Zugehörigen: Wenn du diesen Beitrag gelesen hast, lass es mich bitte wissen. Wir müssen nicht darüber sprechen, wenn dir das unangenehm ist, aber ich möchte wissen, dass du das von mir weißt. Dieser Beitrag fällt mir sehr schwer und ich zeige einer meiner verletzlichsten Seiten hier.)

Aber vorerst zurück zu dem Geburtstag und der Todesnachricht.

Dieser Gast war wie gesagt eine der Konstanten was meinen Geburtstag anging, aber nicht nur da. Ich zählte ihn zu meiner Familie, obwohl er nicht mit mir verwandt war. Ich definiere „Familie“ anders.
Er begleitete mich quasi mein gesamtes Leben lang. Weite Teile davon hatten wir nahezu täglich Kontakt. Diese Person war einer der besten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte.
Später verlor sich der Kontakt etwas, als ich aufs Gymnasium kam und die schulischen Ansprüche an mich dementsprechend stiegen. Es war weniger Zeit und Raum für ein Aufeinandertreffen als vorher, noch dazu war auf der neuen Schule erst einmal alles neu und fremd. Auch das zog Ressourcen. Ich musste neue Routinen aufbauen, denn die brauchte ich nach wie vor.
Je weniger wir unseren Alltag miteinander teilen konnten, desto wichtiger wurden diese festen Termine, Geburtstage, Feiertage und dergleichen. Auch, weil anders als in meiner Vorstellung auf der „neuen Schule“ nicht plötzlich mich alle in der Klasse toll fanden und ich Teil einer eigenen Clique war, denn das kam erst deutlich später.
Die Gewohnheiten zu solchen Anlässen und die Sicherheit, dass „meine Menschen“ ganz selbstverständlich da sein würden, dass dieser Teil nicht „vorbei“ war, wurde mir immer wichtiger, ohne dass ich es merkte. Ein Stück weit war diese „heile Welt“ nach diesem Geburtstag vorbei.

Die Verbindung der Feier als letztes Treffen mit seinem Tod einige Wochen später und die Erfahrung von Geburtstagen ohne ihn als Bestätigung dessen, dass sich etwas grundlegend verändert hat, hat seinen Tod unwiederbringlich an meinen Geburtstag gebunden.

Definition „Trauma“:

Ein Trauma ist ein absoluter Ausnahmezustand als Folge eines lebensbedrohlichen Ereignisses. Ein solches, traumatisches Ereignis kann sehr unterschiedlich aussehen. Von Krieg über schwere Körperverletzungen und Misshandlungen bis zu Unfällen kann rein theoretisch alles ein Trauma auslösen. Der springende Punkt ist die existenzielle Gefahr.*

(*frei von mir formuliert)

Am 20.04.2005 erhielt ich die Todesnachricht und mit ihr die erschreckende Gewissheit, diese Situation nicht überleben zu können. Syntax Error. Ein Fehler im System.

Die Bilder unserer Vergangenheit bis zum letzten gemeinsamen Geburtstag. Das Gefühl gleichzeitig zu fallen, zu ertrinken und zu ersticken. Zurückreisen zu müssen in der Zeit um das Gesagte ungesagt, das Geschehene ungeschehen zu machen.
Die Erkenntnis, dass das nicht geht. Menschen sterben. Das war vorher so und das war danach so. Dieser Mensch starb. Ich überlebte, rein formal.

Ein Trauma ist eine Reaktion auf etwas, das das eigene Leben bedroht. Mein Leben war nicht „bedroht“. Ich lebte weiter, weswegen ich mit meiner eigenen Reaktion völlig überfordert war.

Ich überlebte, aber mein Leben endete am 20. April 2005.
Ich überlebte, aber ein großer Teil von mir tat es nicht.

Viel von dem, was in der folgenden Zeit passierte war ein Versuch mit dem Unmöglichen klarzukommen, auch wenn die Wege, die ich wählte nicht immer gesund und vernünftig waren.

Trauma definiert sich nicht zwangsläufig an einer realen, objektiv feststellbaren Gefahr und offen gesagt wäre selbst diese Definition nicht völlig abwegig gewesen. Wenn es ein Leben mit einem „Umstand X“ gar nicht „geben kann“, du dem aber ausgeliefert bist, dann tust du unter Umständen nicht viel für dieses sogenannte „Leben“. Vielleicht versuchst du sogar mehr zu tun.

Mit jedem Geburtstag kommt die Erinnerung daran wieder hoch, oft schon Wochen vorher.
Jedes Jahr wieder frage ich mich, was mich eigentlich so stresst. Ich verdränge so lange ich kann diesen Gefühlsstrudel. Zu gefährlich, zu nah fühlt sich das alles immer noch an.
Das ging so weit, dass es Jahre gab, in denen ich meinen Geburtstag gar nicht oder nur minimal feierte.
Meine Familie versuchte weiterhin mir einen schönen Geburtstag zu ermöglichen. Ihnen zuliebe und mit ihrer Hilfe durchstand ich diese Tage, aber in manchen Jahren konnte ich selbst das nicht ertragen.
Seit einigen Jahren versuche ich mir, wenn meine Kräfte es zulassen, für meinen Geburtstag etwas „besonders schönes“ vorzunehmen. Besonders groß, besonders klein, besondere Gäste- oder Essensauswahl, besonderes Motto, besonderes Irgendetwas.
Ein wenig wie in meiner Kindheit bis 2005. Eine neue, eine schönere Verknüpfung schaffen, die mir hilft, die Verknüpfung mit dem Tod in den Hintergrund treten zu lassen.

Bislang bleibt aber nur diese latente Unzufriedenheit, die ich von meinen Kindergeburtstagen kenne und wie sehr wünsche ich mir diese trotzdem zurück.

Die Geburtstage ohne den Tod.

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