Sensible Inhalte

Über Triggerwarnungen und Content Notes

Anmerkung:

Ich schreibe hier über meinen Entwicklungsverlauf mit dem Umgang sensibler Inhalte, insbesondere auf meinem Blog. Wer nur wissen will, wie mein derzeitiges „Endergebnis“ aussieht, kann einfach durchscrollen bis zur Linie. Darunter findet ihr das Fazit.

Wenn man im Internet surft und soziale Medien nutzt, insbesondere bei gewissen Themen, stolpert man zwangsläufig über Begriffe wie „sensible Inhalte“. Diese sollte „man“ doch bitte mit „Triggerwarnungen“ (TW) oder zumindest mit „Content Notes“ (CN, zu Deutsch „Inhaltsnotiz“) versehen, sodass man sich als lesende Person schützen kann, wenn bestimmte Themen einen belasten.

Als ich vor ein paar Jahren diesen Blog startete, war ich schon über das Thema „Triggerwarnungen“ im Bilde und wollte es, wie so oft, „richtig“ machen. Das will ich sowieso, gerade wenn ich Dinge neu beginne. Aber auch generell. Wenn ich etwas machen möchte, dann „richtig“ (um nicht zu sagen „perfekt“). Ja, mir ist bewusst, dass das ein hoher Anspruch ist.
Allerdings hatte ich speziell bei diesem Thema kurz zuvor gelernt, was „Trigger“ wirklich sind und wie heftig die Auswirkungen sein können. Das half mir sehr, mein Verhalten zu verstehen und zeigte mir, wie wichtig es ist, das Thema ernst zu nehmen.

Die Definition von „Trigger“ habe ich bereits in meinem Beitrag „Gründonnerstag“ gegeben. Ich zitiere sie an dieser Stelle einmal:


„Als „Trigger“ (englisch für „Auslöser“ oder den Abzug einer Waffe) werden verschiedene Dinge bezeichnet. In der physiologischen Medizin, der Anästhesiologie, der Psychologie/Psychiatrie und im allgemeinen Sprachgebrauch sind völlig unterschiedliche Dinge gemeint.
Ich beziehe mich hier, wie wahrscheinlich klar sein dürfte, auf die Definition der Psychiatrie und Psychologie. Hier bezeichnet der Trigger einen Reiz, der zu einem Flashback an ein traumatisches Erlebnis führen kann.“

Es geht also bei Triggern bzw. den Warnungen davor bei weitem nicht darum, dass sich der lesende Mensch an etwas kurz stören könnte. Es geht um Dinge, welche die psychische Verfassung derjenigen Person verschlechtern könnten. Flashbacks, Panikattacken, Dissoziationen können die Folge sein. Diese Dinge können zwar als Schutzschilde dienen, die die Person aus gutem Grund ausgebildet hat und haben in dieser Funktion einen berechtigten Sinn, kosten im Gegenzug aber enorm viel Energie. Triggernde Inhalte können also die psychische Stabilität gefährden und damit die Gesundheit eines Menschen.

Selbstverständlich wollte ich also meinen Blog diesbezüglich möglichst sicher gestalten, ohne mich in der Themen- oder Ausdruckswahl einzuschränken. Denn psychisch relevante Themen können nun mal potenziell sensibel sein und nehmen einen gewissen Raum hier ein. Also versuchte ich an möglichst alle Texte, die ich für „schwierig“ hielt, eine Triggerwarnung zu schreiben.

Die Frage, ob ich auf potenziell sensible Inhalte hinweisen will, stellte sich mir nie. Sie geben jedem Besucher meiner Seite die Möglichkeit – allerdings auch die Verantwortung! – mit sich selbst und meinen Texten so umzugehen, dass es ihm damit gut geht.

Leider stellte mich das Ganze nun aber vor ein Problem: Trigger können sehr unterschiedlich aussehen. Das bezieht sich sowohl auf den angesprochenen „Sinn“ (Gerüche, Bilder, …) bzw. die Art, als auch auf die Themen. Mich beispielsweise triggern geschriebene Texte eher selten. Meine Baustelle sind eher Gerüche oder Sprachmelodien. Natürlich gibt es auch einige Sätze und ja, die können mich auch in geschriebener Form triggern. Weniger sind es aber komplette Themen, sodass mir derartige Warnungen beispielsweise gar nichts bringen. Zwar bin ich bei manchen Themen an manchen Tagen etwas empfindlicher als an anderen Tagen, aber das ist mehr der Bereich „es piekst halt ein bisschen“, also deutlich weniger massiv als ein Trigger. Ich halte es für extrem wichtig, hier zu differenzieren. Natürlich wäre beides schön zu verhindern, aber Triggerwarnungen als solches zielen primär darauf ab, den Lesenden vor gröberem zu schützen als einem kleinen „Pieks“.

Zurück zu meinem Problem:

Ich habe keinen Überblick darüber, wer hier was liest und schon gar nicht wüsste ich, welcher Art die Trigger der einzelnen Personen sind.
Wenn ich selbst also nicht unbedingt betroffen bin, ich aber auch das „Gegenüber“ nicht einschätzen kann, wie soll ich dann entscheiden, welcher Text welche Triggerwarnung bekommt?

Hier kommt für mich der Begriff der sogenannten „Content Notes“ ins Spiel. „Content Note“ (oft auch „CN“) heißt wie oben erwähnt zu Deutsch so etwas wie „Inhaltsnotiz“. Es geht also dem Wort nach nicht unbedingt darum eine Warnung auszusprechen oder zu sagen „Hey, das triggert dich!“. Eine CN gibt stichwortartig die Themen(-komplexe) eines Textes wieder. Das mag sich weiter nicht von einer TW unterscheiden, macht es aber für mich neutraler. Zumal mich der teilweise inflationäre Gebrauch des Wortes „Trigger“ stört. Außerdem stelle ich bei mir fest, dass ich sofort angespannter bin, wenn ich von einer „Triggerwarnung“ lese über Texten, die ich selbst lese. Manchmal entspanne ich mich recht schnell, weil die Themen beispielsweise nicht problematisch sind. Andere wiederum sind durchaus Themen, die ich mit Vorsicht genieße. Dann gehe ich innerlich schon in eine Verteidigungshaltung. „Komm schon, Trigger, ich weiß, dass du da irgendwo bist.“

Kommt es dann beim Lesen zu keiner heiklen Situation für mich, bin ich hinterher zeitweise etwas verwirrt und immer noch angespannt. Ich will mich ja verteidigen und solange da nichts zum Verteidigen ist, muss ich also abwarten.

Mein Kopf funktioniert seltsam.

Eine Inhaltsangabe mittels CN liest sich für mich entspannter. Es ist mehr eine Art Vorschau und deutlich neutraler. Ich kann auch den Gedanken „Oh, das Thema interessiert mich (nicht).“ zulassen und dementsprechend handeln. Eine solche Notiz hat für mich also noch einen zusätzlichen Nutzen.
Deswegen bin ich dazu übergegangen, statt einer Triggerwarnung eine CN zu setzen.

Wenn ich beim Lesen der genannten Begriffe an sich schon merke, dass sich etwas in mir regt, kann ich daran entscheiden, wie ich weiter vorgehe. Ich gehe aber nicht schon bei „CN“ bzw. „Content Notes“ innerlich in einen Kampf-/Verteidigungsmodus.
Eine solche Erregung kann im Einzelfall bedeuten, dass ich den Text zu diesem Zeitpunkt nicht lese.
Das kann aber genauso gut heißen, dass ich den Text lese und mir der Konsequenzen bewusst bin. Auch das gehört zu der angesprochenen Verantwortung.
Mir gibt es das Gefühl von Vertrauen des Schreibenden an den Lesenden. „Hey, Lesender, ich sage dir, worum es in meinen Texten geht. Ich weiß nicht, was das mit dir macht und ob es für dich ratsam und interessant ist, diesen Text jetzt zu lesen. Das darfst gerne du entscheiden.“

Eine Einladung, der ich in aller Regel gerne folge und die mir ein Gefühl von Freiheit einerseits vermittelt und Sicherheit auf der anderen Seite. Ich fühle mich gesehen, ernst genommen und bestärkt eigene Entscheidungen zu treffen.
Die Gefahr eines durch Trigger ausgelösten Flashbacks und ähnliches wird nicht ignoriert, aber auch nicht forciert.
Generell kann ich die Verantwortung für mich, die Dinge, die mich triggern oder reizen nicht an den Schreibenden übergeben.
So wichtig ich persönlich Content Notes für mein Schreiben finde:
Ich kann als Lesender nicht verlangen, dass der Schreiber alle meine Baustellen kennt, dass er jeden Aspekt bedenkt, der meiner Meinung nach in eine CN gehört.

Natürlich kommt auch immer wieder das Argument, dass solche Hinweise, ganz gleich ob ich sie „Notiz“ oder „Warnung“ nenne, ja unnötig seien, weil Betroffene damit „umgehen können müssten“ oder weil Trigger in aller Regel „eh irgendwo auftauchen“, man sie also nicht „überall verhindern“ kann.

Dem stimme ich zu einem Teil, wie man aus meinem Statement zur Verantwortung schließen kann, zu. Eine Weile bin ich dieser Argumentation gefolgt und habe sämtliche TW/CN unterlassen, auch weil ich zeitweise das Gefühl hatte, außer meinen Korrekturlesern, die keine CN brauchen, würde meinen Blog ja eh kaum jemand bis gar niemand lesen. Ich bin ja nur eine „kleine Nummer“.
(Das meine ich gar nicht wertend, sondern ganz objektiv.)

Ich war also von „bloß überall Warnungen dran klatschen“ zu „Keine Hinweise nötig“ gereist. Langfristig war ich mit der Entwicklung aber nicht glücklich.

Aus der Verantwortung der Lesenden und der Unmöglichkeit allumfassender Triggerhinweise zu schließen, man könne ganz auf derlei Hilfestellungen verzichten, halte ich heutzutage für fast schon gefährlich.

Meine Einstellung, dass ich mit meinem Verhalten, also auch meinem Schreibverhalten ein sogenannter „Safe Space“, ein Ort sein möchte, an dem man sich sicher und geborgen fühlt, ist im Prinzip geblieben.
Ich bin mir bewusst, dass ich das nicht für alle sein kann. Diesen Anspruch muss ich leider aufgeben. Aber ich möchte mein Möglichstes tun, um euch den Kontakt mit mir und das Lesen meines Blogs so angenehm wie möglich zu gestalten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wenig dieser Plätze einer traumatisierten und verletzten Seele geboten werden, was sie unendlich viel kostbarer und wichtiger macht. Ich wünschte, es könnte mehr Räume geben, die „wir alle“ als friedvoll und sicher erleben könnten. Aber dieser Wunsch ist kindlich, naiv, utopisch. Ich kann nur versuchen, so gut es mir möglich ist, meinen Teil dazu beizutragen. Hier einen winzigen Raum bieten. „Hier Raum bieten“ meint den Kontakt zu mir. Sei er real, sei er über das Lesen hier, auf Twitter und überall, wo ihr mich hören, lesen und erleben könnt. Überall, wo wir auch gerne in den Dialog gehen können. Auch über dieses Thema!

Gleichzeitig bin ich aber nicht gewillt hier irgendetwas an Themen einzugrenzen, nur weil sie sensibel sein könnten. Des Weiteren gebe ich keine Garantie dafür, dass ich an jeder Stelle an jede Inhaltsnotiz denke.

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Fazit:

Auch wenn jeder Eintrag hier potenziell sensibles beinhalten kann, beantworte ich die Frage, „ob“ Hinweise gesetzt werden, hier wieder mit „Ja, aber eingeschränkt.“. Ehrlich gesagt werde ich das nach Bauchgefühl entscheiden und beispielsweise bei den kreativen Texten nicht unbedingt jedes angedeutete Thema per CN angeben. Dazu gibt es gerade dort auch zu viel Interpretationsspielraum.

Eher möchte ich allgemein nochmals betonen: Hier geht es zu einem großen Teil um mentale Gesundheit bzw. Probleme, um meine körperliche Behinderung und die verbundenen Einschränkungen und somit tendenziell um Inhalte, die triggern können. Auch mein Gewicht und mein Essverhalten werden eventuell immer wieder thematisiert werden.

Sollte ich aber bei irgendetwas einen Hinweis „vergessen“/“übersehen“ haben, bin ich dafür ansprechbar, würde es entsprechend abändern oder zumindest erklären, warum ich es nicht tu, so gut ich kann. Ja, notfalls auch mit „Bauchgefühl“.

Dann wäre da die Frage der Form:

Hier wird es zukünftig statt „Triggerwarnungen“ sog. „Content Notes“ geben, abgekürzt mit CN über dem jeweiligen Beitrag, nicht schon im Beitragslink wie bislang mit den Triggerwarnungen geschehen. Diese habe ich inzwischen nachträglich entfernt.

Es gibt Schreibende, die die Worte in derlei Angaben schon zensieren. Das wird hier nicht geschehen. Ich wünsche mir, dass ich bei einer neutralen Aussage „Hier geht es um xy“ eben auch „xy“ ausschreiben kann. Sollte es dich als lesende Person schon triggern, bestimmte Begriffe zu lesen, schütze dich bitte gut und lies es zu diesem Zeitpunkt nicht.

Ich hoffe, mit dieser Lösung sind „alle“ zufrieden. Vor allem fühlt sie sich für mich derzeit stimmig an. Sollte sich das ändern, kann ich es später immer noch anpassen.

Viel Spaß beim Lesen meiner Texte und passt gut auf euch auf!

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