Tannenbäume

Jahreswechsel sind klischeehalber ein Zeitpunkt zum Resümieren. Ein Bilanzziehen, ein Sich-erinnern, manchmal auch ein „Danke“ sagen an gewisse Menschen und eine gehörige Portion Sentimentalität.
Dieser Beitrag enthält daher Teile davon, wenngleich nicht bezogen auf nur das vergangene Jahr und nicht bewusst zu diesem Zeitpunkt respektive nicht zu diesem Zweck geschrieben. Er entsteht in dieser Form rein zufällig so.

Meine erste psychiatrisch relevante Diagnose bekam ich im November 2013, falls ich mich da richtig erinnere: Mittelgradige rezidivierende Depressionen mit Panikattacken. Der Verdacht einer Angststörung wurde parallel geäußert, aber erst später als Diagnose gesichert.

In dieser Zeit merkte ich, dass ich über diese Krankheit(en) so gar nichts wusste und verstand nicht, warum ich die hatte.

Die ärztliche und therapeutische Begleitung sah anfangs zu einem großen Teil so aus, mir das „Gebilde Depression“ zu erklären. Im Nachhinein betrachtet glich es somit einer Art Unterricht. Ich lernte so unter anderem, welche Gefühle, welche Handlungsweisen und welche Denkstrukturen der Depression zugeordnet werden können. Ich erkannte relativ schnell, dass ich auch nicht „plötzlich“ diese Symptome hatte, aus denen man die Diagnose schließen konnte, sondern bekam ein Gefühl dafür, wie lange ich schon erkrankt war. Nur weil auf dem Blatt Papier „Diagnose X gesichert seit 2013“ steht, heißt das noch lange nicht, dass man erst da erkrankt ist.

Dadurch, dass ich verschiedene Therapeuten/Ärzte und von Anfang an auch zu unterschiedlichen anderen Betroffenen Kontakt hatte, die mich in dieser ersten Zeit ambulant wie (teil-)stationär begleiteten, hatte ich zudem unterschiedliche Erklärungsweisen. Einige erklärten sehr nüchtern.

Als Beispiele:

„Hormon X hat die Aufgabe Y, bei einer Depression kann das aber nicht umgesetzt werden, weil…“.

Die Amygdala ist der Teil Ihres Gehirns, der für Angst zuständig ist. Das passiert im Normalfall, …. Bei Patienten wie Ihnen allerdings ist es so, dass…“

Meiner rationalen Ader gefiel diese Art der Erklärung sehr. So verstand ich immer mehr, dass ich nicht „Schuld“ war an dem wie ich fühlte. Ich konnte die Verantwortung für die Fehler, die ich als Konsequenz beging, übernehmen und durch das Wissen, welches ich erlangte, ganz nüchtern erklären, was da passierte. Außerdem konnte ich mich etwas davon distanzieren und fing bald an zwischen „mir“ und „meiner Depression/meinen Ängsten“ zu unterscheiden. Natürlich ist das nicht ideal und die Gefahr war groß, mich darauf auszuruhen und herauszureden. „Das war gar nicht ich, das ist meine Depression.“ Aber dafür bin ich gar nicht der Typ und ich bin froh über das Vertrauen meiner Behandler.

Eine andere Art zu erklären war da deutlich bildlicher und am Anfang für mich absolut nicht greifbar.

Beispieldialog (der so ähnlich tatsächlich geführt wurde):

Therapeut: „Stellen Sie sich eine Autobahn vor, die Sie jeden Tag fahren.“

Ich: „Okay, also zum Beispiel meinen Arbeitsweg.“

Therapeut: „Ja, zum Beispiel, und jetzt stellen Sie sich vor, Sie fahren da täglich exakt auf demselben Millimeter Straße. Da entstehen ja irgendwann dann Fahrrillen, so nach ein paar Jahren.“

Ich: „Das will ich nicht hoffen, denn das würde auf minderwertiges Material hinweisen. Mal ganz davon zu schweigen, dass die Vorstellung, ich würde jeden Tag auf den Millimeter exakt denselben Weg fahren, völlig unrealistisch ist. Ich verstehe ja, was Sie damit andeuten wollen.“

Diese Bilder kamen mir absolut absurd vor und albern. Ich bin eine gebildete und nicht dumme junge Frau, kein kleines Kind.


Die „Klischeephrasen“ a la „Welches Tier/welche Farbe hat Ihr Gefühl gerade?“ lasse ich hier dabei sogar noch bewusst weg.

Ich beichte: Damit kann ich bis heute absolut gar nichts anfangen und bewundere jeden, der auf solche Fragen ernsthaft antworten kann. Diese Welt wird mir eventuell immer verschlossen bleiben. Danke an dieser Stelle an meine behandelnde Ärztin, die das sehr schnell verstand, es akzeptierte und andere Wege fand.

Trotzdem merkte ich, dass ich mit der Zeit immer mehr in Bildern dachte und fühlte. Ich verstand manche Bilder mit der Zeit besser und stellte fest, dass auch mein (nicht betroffenes) Umfeld mit derlei Erklärungen oft mehr anfangen konnte als mit Hormonen und Hirnteilen. Ich übernahm Bilder meines Umfeldes, meiner Behandler, anderer Betroffener, selbst aus der Musik. Daher ist auch sie immer noch ein wichtiger Skill für mich. Später entwickelte ich teilweise auch eigene Bilder zur Veranschaulichung.

Außenstehende haben manchmal Angst, die düsteren Musiktexte könnten mich tiefer ins „Loch“ namens Depression ziehen, aber oftmals ist das Gegenteil der Fall, zumindest kurzzeitig. Es ist und bleibt Ventil.

Wieder andere erschreckt es, wie negativ beispielsweise manche Texte sind und der Gedanke, dass ich mich davon angesprochen fühle, ist daher für viele nicht betroffene Menschen eher schwer auszuhalten. Es ist für mich gut und wichtig das zu wissen, damit ich weiß, wie weit ich bei dem Einzelnen „gehen“ kann in meinen Äußerungen. Denn es wäre absolut kontraproduktiv, wenn meine Formulierungen Leid verursachen, verängstigen und abschrecken. Es liegt auch in meiner Verantwortung mit der Heftigkeit mancher Gefühle so umzugehen, dass sie mein Umfeld nicht schädigen. Offene Kommunikation ist hier unglaublich wichtig und ich bin jedem dankbar, der hier rechtzeitig eine Grenze ziehen kann, auf die ich dann so gut es mir möglich ist, reagiere. Ich möchte mein Umfeld nach besten Kräften schützen.
Wenn du jemand bist, den das belastet oder dem bestimmte Themen zu nahe gehen, lass es mich bitte wissen. Wenn ich in der Folge dann vorsichtiger bin, mich zurückziehe oder bestimmte Themen ausklammere in unseren Gesprächen, dann ist dies nicht vorwurfsvoll zu verstehen. Es dient wie erwähnt dem Schutz. Deinem und meinem Schutz und dem unserer Verbindung.

Zurück zu den einzelnen Erklärarten:

Zu hören, dass Angst durch bestimmte Ereignisse ausgelöst wird und ein Teil meines Hirns dann auf „Alarm“ schaltet, scheint da für viele Menschen ohne Angststörung weniger eindringlich zu sein, als ein Bericht darüber, dass sich ein großer Elefant auf meine Brust setzt, sobald ich Angst bekomme und ich deswegen keine Luft mehr bekomme und selbst das flache Atmen mir wehtut. Dass meine Extremitäten taub werden, scheinbar erkalten und jede Bewegung schmerzhaft ist.

Niemand von uns hatte je einen Elefanten auf seiner Brust sitzen und schon gar nicht stand man dabei mitten beim Einkauf, aber die Vorstellung löst offenbar ein Verständnis aus, das weiter gehen konnte.

Okay, den Elefanten auf der Brust, den will man halt verhindern und zu wissen, dass da ein Elefant irgendwo lauert, der einem auf die Brust springen will, ist keine nette Aussicht, sondern beängstigend. Dass man dieser Situation/diesem Elefanten dann lieber aus dem Weg geht, ist verständlich und ein „da muss man eben mal durch die Angst durch“ sagt sich auch nur noch halb so leicht daher.

Was den Ansatz in diesem Satz nicht falsch macht! Expositionstraining („Ängste aushalten“) ist essenziell für die Behandlung von Ängsten, auch bei einer Angststörung.

Ende 2013 ist jetzt ziemlich genau 8 Jahre her.

Hatte ich geglaubt, dass ich nach so langer Zeit in unterschiedlichsten Therapien alles erklären könnte, was mir so passiert innerlich? Ja, zugegeben, das hatte ich. Habe ich mich damit geirrt? Aber sowas von!

Wie angedeutet profitiere von diesen Erklärungsversuchen in Bilderform nicht nur ich sondern durchaus auch mein (interessiertes) Umfeld.

Ich bin so dankbar für die Menschen, die nach Jahren immer noch versuchen mich zu verstehen und zu unterstützen, obwohl es für sie noch mehr als für mich böhmische Dörfer sein müssen.

So kam es vor einer Weile zu einer Situation mit einer nichtbetroffenen Person (A) in meinem Umfeld.

A erzählte mir von einer anderen Person (B), deren Verhalten sie nicht nachvollziehen könne, denn B sei intelligent genug zu erkennen, dass ihr Verhalten ganz unlogisch sei.

Ich hatte sofort einen Bezug zu mir im Kopf. Ein Bild davon, wie oft sich Menschen fragen werden, wieso ich so „unlogisch“ handeln und fühlen konnte. Ja, ich selbst stellte mir doch diese Frage allzu oft. Die Anzahl derer, die mich das offen fragten, war sicher weit aus niedriger, als diejenigen, die sich selbst diese Frage ohne mein Wissen stellten.

Selbstverständlich hatte und habe ich keine Ahnung, ob ähnliche Gründe für B in Betracht kamen, wie ich sie im Kopf hatte. Aber dadurch, dass ich das Gespräch auf meine eigene Situation lenkte, hatte ich das Interesse von Person A geweckt, die mir gegenüber offenkundig wohlwollend eingestellt war.

Meine Erklärung war: Wenn ich in einer bestimmten Situation bin, sei es eine Angstsituation oder ein depressives Loch, dann kann ich gar nicht anders, als eine gewisse Sache zu fühlen, sie entsprechend zu glauben und ggf. in letzter Konsequenz dementsprechend zu handeln, obwohl mir rein rational in einem Teil meines Hirns bewusst ist, dass es theoretisch „unlogisch“ sein könnte. Meine Wahrnehmung, ja ich möchte sagen, meine Überzeugung ist in diesem Augenblick eine andere.

Die Gegenfrage lautete trotzdem völlig berechtigt: Aber glaubst du das dann wirklich?

(An dieser Stelle: Großen Respekt an A (und andere nicht betroffene Personen), die das wohl nicht in letzter Konsequenz „verstehen“, aber zumindest akzeptieren und „stehen lassen“ können.)

Gemessen an meiner „Bildung“ in diesem Bereich und meiner Intelligenz, wäre die einzige sinnvolle Antwort „Nein.“ gewesen. Spannenderweise war die Antwort aber „Ja.“
Übrigens fühlt es sich für mich immer wieder falsch an, vermeintliche „Stärken“ wie Bildung oder Intelligenz zu „betonen“, als sei ich stolz drauf und ein arrogantes Wesen, das sich einbildet, etwas besseres zu sein. Das bin ich nicht, aber an dieser Stelle halte ich es für wichtig darauf hinzuweisen, dass ich eventuell andere (nicht „mehr“/“bessere“!) Ressourcen habe, als andere Betroffene.
Deswegen sind solche Situationen und Bilder auch so sehr individuell und die Kommunikation mit der speziellen Person so unglaublich wichtig.

Spekulationen wie die obige können nicht wirklich helfen, dass A mit B kein Problem mehr hat und ich nähme mir niemals heraus zu sagen „B denkt/fühlt so“. Ich versuche nur durch meine Perspektive A einen zusätzlichen Blickwinkel zu geben und somit die Möglichkeit in einen möglicherweise wertschätzenderen Kontakt zu B zu gehen um die Situation aufzulösen.

In der Folge zu diesem Gespräch machte ich mir vermehrt Gedanken darüber, warum ich bestimmte Schlüsse zog oder nicht zog, obwohl ich es eigentlich „besser“ wissen müsste.

Ich hatte in der Schule gelernt, aus verschiedenen Aussagen logische Schlüsse zu ziehen und diese nicht in Frage zu stellen.

Ein Beispiel:

  1. Bäume haben pflanzliche Zellen.
  2. Tannen sind Bäume
    ==>
  3. Tannen haben pflanzliche Zellen.

Das Prinzip ist einfach, auch wenn das obige Beispiel genauso absurd erscheinen mag. Ich habe dieses Prinzip verinnerlicht und veranschaulichen wollen. Das ach so simple Prinzip umzusetzen wird aber schwierig an anderen Stellen für mich.

  1. Alle Menschen sind wertvoll.
  2. Ich bin ein Mensch.
    ==>

Ich weiß, was da hinter der (3) stehen müsste. Aber es auch nur zu denken, bringt mich je nach Stimmungslage zu einem verächtlichen Lachen oder zum Weinen. Es zu sagen, ist mir zumeist unmöglich. Es aufzuschreiben ginge, aber alles in mir schreit „LÜGE!“

Es ist das Gefühl, dass das eine Falle ist. Ich „darf“ diese Schlussfolgerung nicht ziehen.

Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finde: Zu wissen, was da hinkommt und dass ein kranker Teil meines Hirns es nicht „erlaubt“ oder das Gefühl, dass mir mein (wie ich ja weiß) gesünderer Teil meines Verstandes sagt, was da die dritte Aussage sein müsste und es trotzdem nicht „gebacken“ zu bekommen, obwohl das ja nun wirklich keine große Sache ist, oder?

(Ja, offenbar doch?)

Wenn mich das Ganze schon überfordert, wie kann ich dann von anderen Menschen „verlangen“ das zu verstehen und da mitzuhalten?

Überraschung: Ich tu es nicht. Ich verlange es nicht und nehme es niemanden übel, der das nicht schafft.

Denn was die letzten Jahre mir auch gezeigt haben: Es ist anstrengend mit diesen Diagnosen, zu denen sich ja in den letzten Jahren einige neue gesellt haben. Unter anderem wurde der Verdacht der Angststörung in Form einer generalisierten Angststörung 2019 bestätigt. Ich kann dem ja nun nicht wirklich entfliehen, aber ich gestehe jedem zu, das zu tun.

So habe ich es selbst schon getan. So wie ich die Verantwortung für mich und meine Kräfte trage und dafür, wie ich mit ihnen umgehe, sodass es zum „Überleben“ noch reicht für mich, so trägt jeder für sich dieselbe Verantwortung.

Danke an alle, die es schaffen, mich mit meinen Einschränkungen zu ertragen und zu stützen. Danke, dass ihr mehr seht als das.

Danke aber auch allen, die bei sich bleiben konnten und ehrlich sehen konnten, wenn es sie überfordert hat und die „im Guten“ dann den Kontakt beenden oder einschränken konnten. Ihr seid toll, lasst euch bitte nichts anderes erzählen.

Danke an alle Betroffenen, die ich lese oder mit denen ich direkter im Kontakt bin. Danke für eure Erklärungen und Bilder. Danke dafür, dass ihr mir so oft so sehr aus der Seele sprecht! Danke auch an alle Interpreten, die mit ihrer Musik manchmal Schleusen öffnen, die Druck nehmen und Ventile geben für mich und andere Betroffene!

Danke an alle Behandler, die so geduldig an meiner Seite stehen.

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Eine Antwort zu “Tannenbäume

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