Gründonnerstag

CN Trauma/Traumafolgen, Trigger, Jahrestage

Wie hier im Blog mehrmals erwähnt bin ich Christin. Als Christ hat man offiziell diverse Feiertage. Ich muss zugeben, viele davon sind mir nicht so wichtig, zumindest nicht was das Gemeindeleben angeht.

Andere wiederum sind für mich umso wichtiger. Buß- und Bettag zum Beispiel oder auch Gründonnerstag.

Der Gottesdienst am Gründonnerstag war für mich in den letzten Jahren fast wichtiger als Ostern selbst, auch wenn der Familiengottesdienst am Ostermontag in unserer Gemeinde irgendwie immer spaßig war. Dass Gründonnerstag wichtiger ist als Ostern, das ist eher ungewöhnlich unter „uns Christen“.

Für diejenigen, die sich darunter so gar nichts vorstellen können, eine kurze Erklärung: an diesem Abend, sagt man, saßen Jesus und seine Jünger zum „letzten Abendmahl“ zusammen und an jenem Abend wurde er auch verraten. Den Rest kennt man ja wahrscheinlich so grob. Jesus wird ans Kreuz genagelt und steht ein paar Tage später wieder auf. Beides sind sicher tendenziell emotionalere Anlässe als ein „simples Abendessen“.

Dass mir dieser Gottesdienst so viel bedeutet, liegt sicher nicht nur daran, wie liebevoll „meine“ Gemeinde ihn jedes Jahr gestaltet.
Da werden nämlich in der Kirche Tische zu langen „Tafeln“ zusammengestellt, mit Tischtüchern bedeckt und mit Kerzen und „Grünzeug“ geschmückt. Rundherum stehen Stühle für alle, wo keine Kirchenbank ist. Es gibt „gute“ Brote, als Spende der Bäckerei „von gegenüber“, die noch „richtig“ backen, leckeren Käse von der Theke, Weintrauben, Wein und Traubensaft.

Die Gemeinde versammelt sich an diesen Tafeln, statt wie gewöhnlich vereinzelt in den Bänken zu sitzen. Der Gottesdienst ist relativ beliebt und wirkt zumindest auf mich deutlich voller auch dadurch, dass man etwas konzentrierter beieinander sitzt.
Man segnet sich gegenseitig das Abendmahl, statt wie gewöhnlich vorne beim Pastor im Kreis zu stehen und zu warten, bis man dran ist. Nach dem Abendmahlgottesdienst
bleibt, wer mag, noch sitzen, kann nach Lust und Laune weiter essen und sich unterhalten. Für mich als sozial total untauglicher Mensch, introvertiert, sozialphobisch und viel Abstand und Ruhe benötigend klingt das jetzt erst einmal nicht wirklich toll, wenn mehr Menschen als gewöhnlich in der Kirche sind und noch dazu näher an mir dran sitzen. Zu allem Überfluss reden die mit einem und ich muss irgendwie auch was sagen. Für mich kommt da erschwerend hinzu, dass unter dem was ich sagen soll Worte sind, die für mein Gefühl von einem ausgebildeten Geistlichen gesprochen werden sollten. Aber das ist nur für mein persönliches Empfinden so.
Trotzdem war ich da und fand es toll. Ich „brauchte“ das, zumindest bis einschließlich 2019. Der Fokus des Abends liegt in meiner Gemeinde oft darauf, wie gesellig alles ist und das alles noch einmal auszukosten. Es ist noch nicht Karfreitag, Jesus hängt noch nicht am Kreuz. Noch lebt er.

Warum also saß ich (von 2020 mal abgesehen) die letzten Jahre jedes Jahr den Tränen nahe dort? Und vor anderen/fremden Menschen weinen geht einfach mal gar nicht.

Warum blieb ich nicht Zuhause, wenn es doch irgendwie schwierig für mich war mit den Menschen und den Gefühlen? Gefühle sind ja ohnehin ein heikles Thema für mich.
(Was als „Sensibelchen“ übrigens ganz anstrengend ist, wenn man mit Gefühlen nicht gut klar kommt.)

Warum konnte ich mich nicht einfach nur über den Moment freuen? Über das gesellige Beieinander in der Gemeinde, teilweise mit „meinen Menschen“ (sie werden wissen, wer/was gemeint ist) und über das Beieinander von Jesus mit seinen Jüngern?

Nun zu der ersten Frage, warum ich mir das trotz dessen, dass ich immer wieder den Tränen nahe bin, diese Gottesdienste ansehe, kann ich ehrlich gesagt nichts wirklich sagen. Vielleicht, weil es trotz meiner Ängste irgendwie „okay“ war und eine gemütliche und schöne Stimmung. Weil die Kirche über lange Zeit eine Art zweites Wohnzimmer war, eine Art Schutzraum, wie ich ihn teilweise nicht einmal in meiner eigenen Wohnung hatte und ich immer das Gefühl vermittelt bekommen habe, so sein zu dürfen, wie ich bin, auch wenn das nicht nur einmal „unfreundlich“ oder „abweisend“ war und irgendwie so gar nicht gesellig oder auch mal nur „beobachtend“. Manchmal gab es sogar wider Erwarten nette Situationen mit anderen Menschen. Außerdem achtete ich natürlich peinlich genau darauf einen Randplatz zu bekommen, falls ich doch in Panik flüchten müsste. Das hatte den netten Nebeneffekt, dass meist die Küsterin, die ebenfalls Sicherheit gab, entweder direkt neben mir oder zumindest noch in „Fühlweite“* saß.
Zu guter Letzt war es vielleicht auch das gute Essen? Wer mich kennt, der weiß, dass ich leckerem Essen nie abgeneigt bin.
(*“Fühlweite“ ist schwierig zu definieren, wahrscheinlich verstehen andere HSP was ich damit meine. Andere dürfen es gerne mit „Nähe“ übersetzen. Das trifft es für mich nicht ganz, kommt dem aber am Nächsten.)

Für mich spannender ist die zweite „Warum-Frage“.

Was hindert mich daran, so gesellig zu sein, so fröhlich, entspannt und ausgelassen? Ich spiegele meine Umgebung meist recht schnell und übernehme zumindest für den Moment diese Gefühle und mein Verstand „sah“ die Argumente. Sah, wie wichtig es ist, noch einen letzten schönen Abend zu verbringen und die Vorzüge um das Wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Man konnte also bewusst die Chance nutzen, die einem in anderen Situationen verwehrt bleibt. Dann, wenn man eben nicht weiß, dass etwas zum letzten Mal geschah.
Auch wusste ich ja, dass wir uns in die Zeit Jesu versetzten, der noch nicht ahnte, was folgen würde. Außerdem hatte ich ja das Wissen, dass es die Kreuzigung „brauchte“ und in Ostern und der Wiederauferstehung eine Art Happy End fand.

In mir baute sich aber eine Verzweiflung auf, die ich bis zu diesem Jahr nicht näher benennen konnte. Weder, was genau da in mir vorging, noch wo dieses Gefühl herkam. Hier mein Versuch das „Was“ zu beschreiben:
Mir war, als befände ich mich im freien endlosen Fall. Als würde nur ich eine herannahende Katastrophe sehen, während alle anderen Menschen um mich herum blind für diese Gefahr wären. Somit wäre ich die einzige, die das verhindern könnte. Vielleicht vergleichbar mit „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich habe diesen Tag der Katastrophe ja schon erlebt. Letztes Jahr, vorletztes Jahr, vorvorletztes…
Mit dem Wissen, dass ja aber alle um Karfreitag und die Kreuzigung Jesus wissen, konnte ich dieses Gefühl aber in keinen logischen Zusammenhang bringen.
Das war zu viel für mich und ich musste mich nicht nur einmal im Gottesdienst zusammenreißen meine Gefühle komplett zu verbergen. Die Alternative wäre mir sehr peinlich gewesen und auffallen mag ich in der Öffentlichkeit nicht, bzw. nicht mehr als ich es ohnehin tu. Meine Größe, die Behinderung und das Gewicht sind Faktoren, mit denen ich überall auffalle.

Was mir erst dieses Jahr irgendwie bewusst wurde ist, dass Gründonnerstag somit für mich einen Trigger darstellt und ich mich dem jahrelang gestellt habe.
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An dieser Stelle sei gesagt:
Als „Trigger“ (englisch für „Auslöser“ oder den Abzug einer Waffe) werden verschiedene Dinge bezeichnet. In der physiologischen Medizin, der Anästhesiologie, der Psychologie/Psychiatrie und im allgemeinen Sprachgebrauch sind völlig unterschiedliche Dinge gemeint.

Ich beziehe mich hier, wie wahrscheinlich klar sein dürfte, auf die Definition der Psychiatrie und Psychologie. Hier bezeichnet der Trigger einen Reiz, der zu einem Flashback an ein traumatisches Erlebnis führen kann.

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Dieses Jahr ist mir dann auch bewusst geworden, warum ich mich so fühle. Denn bei meinen Flashbacks ist es manchmal so, dass ich merke „Ah, das Gefühl kenne ich“ (und mag es nicht), aber ich kann es oft keiner Situation in meiner Vergangenheit zuordnen.

2020 fiel für mich Gründonnerstag einfach komplett aus. Präsenzgottesdienste waren vernünftigerweise wie auch in diesem Jahr ausgesetzt und auf Online-Gottesdienste war ich noch nicht so eingestellt.

Mittlerweile hat sich das geändert. Ich nehme regelmäßig an Online-Gottesdiensten und Andachten auf verschiedenen Plattformen von unterschiedlichen Gemeinden und Personen teil, je nachdem, wie es mir gerade passt. Sogar eine Art „Glaubenskurs“ habe ich auf diese Weise schon machen können.
So bin ich Donnerstag auf die Einladung der wunderbaren Ina (auf Instagram unter diesem Link zu finden: https://www.instagram.com/dingens.von.kirchen/ ) gestoßen, die einen Zoom-Gottesdienst abhalten wollte.

Kurz habe ich überlegt, ob mir das nicht zu spät sei, da die letzten Tage doch anstrengend für mich waren und Abendmahl passenderweise abends gefeiert werden sollte. Mit dem Gedanken daran, wie wichtig mir der Abend sonst immer war und dass eine andere Pfarrperson, als jene, die ich gewohnt bin, ja auch andere Schwerpunkte setzen kann, meldete ich mich für den Gottesdienst an.

Genau erinnere ich mich nicht mehr an ihre Worte, die mich sehr berührten, aber woran ich mich erinnere ist, dass ich plötzlich eine Verbindung hatte, zwischen dem Gefühl, dass ich Gründonnerstags „immer“ hatte (ja, leider auch in diesem Jahr) und dem Ursprung dieses Gefühls
Ich weiß jetzt, woher ich diese tiefe Verzweiflung kenne. Da ich dieses Thema hier im Blog eigentlich ausklammern wollte, werde ich im Folgenden nur sehr vage davon berichten. Es ist mir wichtig darüber zu schreiben, aber zum einen sehe ich mich noch nicht so weit, damit „völlig offen“ umzugehen und zum anderen habe ich auch Angst, was das Wissen um diesen Umstand mit denjenigen Lesern unter euch macht, die mich kennen.

An dieser Stelle für „meine“ Menschen zur Beruhigung: Mir geht es gut, trotz Trauma und trotz der Konfrontation mit dem Thema, auch wenn die folgenden Beschreibungen etwas anderes vermuten lassen könnten.
Dass ich eine PTBS habe und somit „irgendwas mit Trauma am Hut“ habe, dürfte sich ja herumgesprochen haben.

Die von der Art her selbe Verzweiflung, nur meist viel stärker, spüre ich auch in Bezug auf ein anderes, wie gesagt traumatisches, Ereignis. Ich habe ähnliche Worte und Bilder, wie ich eben nutzte um meine Gefühle zu beschreiben, etliche Male beispielsweise in der Therapie gebraucht. Deswegen finde ich es jetzt schon fast amüsant, dass ich nicht vorher darauf gekommen bin. Manchmal sehe ich doch das offensichtlichste nicht. Oder wie meine Oma sagen würde „Gut suchen und doch nichts finden.“. Wie Recht Omas manchmal haben.

Die Verzweiflung, das Gefühl des Fallens kenne ich von verschiedenen Tagen, die ich mit diesem Trauma verbinde. Es handelt sich hierbei um einen Todesfall. Es mag sein, dass auch diese spezielle Parallele zu Jesus es verschlimmert.
Die Tage, die ich mit dem Gefühl verbringe, etwas schreckliches verhindern zu müssen, das kein anderer sieht außer mir (was wiederum andere Ängste in mir auslöst**) sind sowohl der Tag, an dem ich die verstorbene Person das letzte Mal gesehen habe, als auch der Tag, an dem ich von dem Tod des Menschen erfahren habe. Seit ich zusätzlich noch weiß, dass dieser Mensch über Ostern verstarb (genaueres weiß ich nicht), dürfte es noch weniger überraschend sein, warum mir einerseits dieses Fest in Gänze (Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern als solches) so wichtig ist und ich andererseits besonders stark diese negativen Gefühle habe und zu Flashbacks und Blackouts neige.
(**Ängste, wieder irgendwie „die Andere/Komische“ zu sein, „Gespenster“ zu sehen auf der einen Seite, auf der anderen Seite „nicht gesehen/ernst genommen zu werden“ nicht „wichtig genug“ zu sein und auf der dritten als „Dramaqueen“ dazustehen, die den anderen den „Spaß verderben“ will. Wenn mein Hirn etwas wirklich gut kann, dann Ängste produzieren.)

Zusätzlich zu diesen Ängsten, der Verzweiflung, dem Gefühl zu fallen und in einer Art Endlosspirale zu stecken kommt die Angst, die Ereignisse, die Flut an Gefühlen und deren Heftigkeit nicht zu überleben. Und wenn ich das schreibe, dann meine ich das so.

Rein rational weiß ich: Ich bin keine theatralische Person, nur weil ich dramatische Worte nutze. Mein Gefühl zu diesem Ereignis, an das ich leider an mehreren Tagen im Jahr „fest“ erinnert werde und zu dem es zusätzlich natürlich noch alle möglichen nicht vorauszusehende Trigger gibt, denn sonst wäre das ja zu langweilig, ist, dass ich das nicht überleben kann. Dass ich unter der Last zusammenbrechen und sterben werde. Dass der Schmerz in meinem Inneren mich wie unter Folter umbringen wird.
Ich bin sehr froh, dass ich ein so rationaler Mensch bin, dass ich diesen Gefühlen nie die Oberhand gebe. Dass ich weiß, dass ich verstehe, dass diese Gefühle vorübergehen und dass ich mich nicht „wirklich“ in Lebensgefahr befinde.

Das und ähnliches meinen Betroffene, wenn sie von einem „Trigger“ sprechen, nicht etwa, dass einen etwas „kurz“ geärgert hat, auch wenn es „sehr doll“ war. Ja, ein Trigger kann durchaus etwas „Kleines“ sein und die Reaktion sicher auch mal etwas schwächer ausfallen, aber prinzipiell geht es vielen Betroffenen so oder ähnlich.

Ein Grund, warum ich mich zunehmend damit beschäftige, wie ich meine Sprache einsetze. Aber das soll Thema eines anderen Beitrags sein. Leser „der ersten Stunde“ haben ihn sich schon 2018 gewünscht und der Entwurf ist immer noch weit entfernt davon fertig zu sein.

An dieser Stelle sollte es nur um meine Beziehung zu Gründonnerstag gehen und mit dem Bericht bin ich jetzt fertig.

Mein Dank geht an dieser Stelle sowohl an meine Gemeinde, die mir trotz der Konfrontation mit diesen Emotionen immer wieder einen geschützten Raum bietet, als auch an Ina und alle anderen Beteiligten an dem diesjährigen Gründonnerstagsgottesdienst für die liebevolle Gestaltung in digitaler Form und dafür, dass ich ein Stück weiter gekommen bin beim Verstehen meiner Gefühle.

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2 Antworten zu “Gründonnerstag

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