Sie kam, sah und versagte (Teil 2/2)

Teil 2: Vom Verdacht zur Diagnose

Ich hatte mir angewöhnt morgens mit meiner Forumsbekanntschaft zu schreiben, die ich in einem Hundeforum kennengelernt hatte. Sie war eine herzliche, starke Frau und morgens noch früher in ihrem Büro, als ich in meinem sein konnte. So hatte ich morgens einerseits jemanden, mit dem ich mich Ablenken konnte und andererseits sprach sie mir immer wieder Mut zu, die Arbeit zu versuchen. Sie war allerdings niemand, der mich „abwertete“, wenn ich mich auf dem letzten Drücker doch für den Gang zum Arzt entschied, zumal sie wusste, dass ich zeitweise sowohl unter starker Migräne litt als auch unter Bauchschmerzen mit (Brech-)Durchfall, deren Ursache trotz div. Untersuchungen nie gefunden werden konnte, die aber auf Grund eben dieser Untersuchungen niemals von einem Arzt angezweifelt wurden, egal wie oft ich darüber klagte.

An einem Tag Ende November 2013 war es dann soweit, dass ich in mein Auto stieg, ermutigt von meiner Bekannten, um zum Dienst zu fahren. Sobald ich den Schlüssel drehen wollte um den Motor zu starten, begann ich zu zittern und zu heulen, sodass mir die Luft wegblieb. Mit Bauchkrämpfen ging ich zurück in meine Wohnung und wusste, dass ich es nicht schaffen würde zu arbeiten. Wieder einmal.
Ich schrieb meiner Bekannten, nicht ohne ein schlechtes Gewissen, dass ich Bauchschmerzen hätte und erwähnte auch meinen Heulkrampf.
Auch sie hatte nun einen Arbeitsauftrag für mich: „Du rufst jetzt bei deiner Ärztin an, machst einen Termin aus und dann erzählst du ihr nicht, dass du einfach Bauschmerzen hast, sondern dass du einfach nicht mehr kannst und dass es dir schlecht geht!“ So in etwa waren ihre Worte. Später fügte sie etwas sanfter hinzu, dass sie der Auffassung sei, dass es so nicht weitergehen könne und mir doch geholfen werden müsse. Schon damit ich den Job retten könne, denn ewig schaut sich das doch kein Arbeitgeber an.
Wie erschlagen saß ich in meinem Wohnzimmer. Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte: Ich wusste, sie hatte Recht.

So saß ich ein paar Stunden später bei meiner damaligen Ärztin, die schon zu spüren schien, dass es nicht mit einem Bauchabtasten und einer erneuten Krankschreibung getan war. Wieder begann ich zu weinen, was sie offensichtlich erschrak. Unter Tränen erklärte ich ihr meine Situation, ohne wirklich was sagen zu können. Mir ging es einfach schlecht, was ich in diesem Moment wenigstens auch einsah, aber ich wusste keinen Grund dafür. So erzählte ich ihr einfach, dass ich „nicht mehr könne“, nannte ein paar Details meinen Alltag betreffend, die nicht mehr funktionierten. Nachdenklich sah sie sich meine Akte an, schaute mich dann an und entschuldigte sich.
Ich verstand erst nicht, was sie meinte. Dann sagte sie, dass wenn sie sich meine Akte anschaue, sie einen enormen Anstieg meiner Krankheitstage sähe und das recht plötzlich. Von Schule zur Ausbildung wurden es mehr und von Ausbildung zur Arbeit noch einmal deutlich mehr. Neben den Infekten waren es fast ausschließlich Bauchschmerzen, Durchfall und Migräne.

Und dann kam die Frage: „Kann es sein, dass Sie Depressionen haben?“

Ein Faustschlag direkt auf die Nase. Heute muss ich über diese Frage manchmal lachen. Ein Arzt fragt seinen Patienten nach einer Diagnose?
Ich erinnerte mich, dass auch ein paar Menschen aus meinem Umfeld diesen Verdacht äußerten und ich sogar Tests im Internet machte, um zu beweisen, dass ich „so eine“ nicht war. Ich hatte absolut keine Ahnung von der Materie und nicht, dass ich andere Erkrankte abgewertet hätte, aber auf mich konnte das doch nicht zutreffen.
Die Tests fielen übrigens sehr unterschiedlich aus, was sicher auch an der unterschiedlichen Qualität lag.
Tests, die den Verdacht nahelegten, dass ich eine depressive Episode haben könnte, tat ich ab mit „Tests im Internet kann man ja eh nicht trauen“, während ich Tests mit einem für mich positiven Ergebnis stolz her zeigte „Da, schau, ich habe keine Depressionen.“ So kann man sich selbst ganz wunderbar verar… ihr wisst schon.

Ich zuckte mit den Schultern, da ich die Antwort wirklich nicht kannte. Sie äußerte den Verdacht, dass meine Symptome der letzten Jahre psychosomatischen Ursprungs sind und entschuldigte sich, dass sie trotz der unglaublichen Häufung daran nicht gedacht habe. Bewundernd stellte sie dann fest, dass ich ja auch immer sehr freundlich und fröhlich gewirkt habe und dass mich diese Fassade bestimmt viel Energie gekostet habe. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, also tat ich, was ich sonst auch tat: Ich lächelte und sagte artig „Danke“.
Da sie selbst keine Expertin auf dem Gebiet war, verwies sie mich an eine psychiatrische Institutsambulanz mit einer entsprechenden Verdachtsdiagnose mit der Bitte um Bestätigung und ggf. Behandlung.
Im selben Zug mit der Überweisung erhielt ich für weitere zwei Wochen eine Krankschreibung, da sie davon ausging, dass ich nicht umgehend einen Termin dort bekäme, womit sie Recht hatte.

Ich rief bei dem Träger an, der in meinem Kreis mehrere Standorte hatte. Der Anruf fiel mir sehr schwer, da auch Telefonate mittlerweile generell Panikattacken auslösten und zudem mir der Grund des Anrufes extrem peinlich war. Die Wartezeit, die man mir dort nannte war aus meiner heutigen Perspektive sicher keine lange, aber aus meiner damaligen Sicht absolut nicht tragbar, im Hinblick auf meinen Arbeitsplatz. Ich sagte dem Termin, der weit nach zwei Wochen hätte stattfinden sollen, zu und klärte mit meiner Hausärztin, dass ich auch für die Zeit krankgeschrieben werden würde. Unzufrieden mit der Wartezeit und der Gesamtsituation forschte ich im Internet nach einer Möglichkeit, schneller eine Diagnose zu bekommen und fand in meiner Nähe eine Beratungsstelle und das sogar mit E-Mailadresse, wie ich erleichtert feststellte.

Der Mann bei der Beratungsstelle war sehr einfühlsam und super freundlich. Er erklärte mir, dass die Wartezeiten durchaus normal seien, da es deutlich mehr Bedarf als Anlaufplätze gab. Meine Notlage sah er jedoch auch, denn meine Vorgesetzte hatte in letzter Zeit immer deutlicher gemacht, dass ein Ende für mich an diesem Standort immer absehbarer würde. Die privaten Probleme blendete ich wiedermal aus. Es ging mir nur um die Arbeit. Was der Verlust eines Arbeitsplatzes während einer Depression noch insbesondere für eine schwerbehinderte Person mit dann entsprechend schlechtem Arbeitszeugnis bedeutete, war dem Herrn wohl klar. Kurzerhand rief er eine Ärztin aus der Ambulanz an, bei der ich bereits den Termin hatte. Er schilderte kurz meine Lage und versuchte zu erfahren, ob ich schneller eine Diagnose bekommen könnte. Einen Therapieplatz oder dergleichen habe ich ja gar nicht gesucht. Aus meiner damaligen Sicht fand ich, dass der Mann hemmungslos übertrieb, aus heutiger Sicht weiß ich, er hat mehr erkannt, als ich ihm hatte zeigen wollen.

Er erreichte, dass ich zwar noch einige Wochen warten musste, aber weitaus weniger als vorher.

So saß ich einige Zeit später der Ärztin gegenüber, die für mich auf Grund meiner Situation eine Ausnahme gemacht und mich vorgezogen hatte. An das Gespräch erinnere ich mich im Detail nicht, nur daran, dass sie mich zunächst bat, meine Sicht der Dinge darzulegen. Als dies nicht richtig funktionieren wollte, begann sie mir Fragen zu stellen, die ich versuchte möglichst genau und wahrheitsgemäß zu beantworten. Ihre Diagnose: Rezidivierende Depression mit gegenwärtiger mittelgradiger Episode und Panikattacken. Die Panikattacken konnte sie noch nicht richtig einordnen, aber ich war erstaunt, wie sie diese Diagnose nach einem kurzen Gespräch stellen konnte.

Zu den Panikattacken sagte sie mir, dass sie in der Kürze der Zeit, denn sie hatte mich ja nur zwischen geschoben, nicht feststellen konnte, ob sie ein Begleitsymptom zu den Depressionen waren oder Teil einer Angststörung, bot mir aber an, dass wir uns später damit befassen würden.

Nachdem die Diagnose gestellt war, erklärte sie mir meine Behandlungsoptionen, von stationär über teilstationär (Tagesklinik) bis hin zur ambulanten Behandlung. Die stationären Alternativen standen für mich nicht zur Debatte, wollte ich doch schnell wieder zur Arbeit. Aber noch sagte ich nichts, da ich ihre Meinung als Expertin hören wollte.

Daraufhin erklärte sie mir kurz, dass Depressionen und Ängste sich gegenseitig befeuern würden, was die Behandlung erschwerte. Ich müsse mich entscheiden, was ich „zuerst“ behandeln wollte, da die Ansätze komplett unterschiedlich wären. Wären für mich die Ängste schlimmer, wäre es am besten, sich direkt wieder „gesund schreiben“ zu lassen und am nächsten Tag zur Arbeit zu fahren. Daher wäre dies nur ambulant effektiv zu behandeln. Was die Depression anging, ging sie von einer Überforderungssituation aus, was egal bei welchem der drei Wege, für eine längere Auszeit vom Dienst sprach.

Welchen Weg ich wählen wollte, sei meine Entscheidung.

Ich war ihr gegenüber so offen, zuzugeben, dass ich die ambulante Therapie vorzöge, aber nicht sicher sei, ob ich das schaffte, denn an mangelnder Motivation lag es ja nicht, dass ich den Weg zur Arbeit seltenst antreten konnte.

Sie sprach mit mir über Medikamente. Ich bin kein Mensch, der gut im Tabletten (oder sonstige Medikamente) schlucken war, weswegen ich diese Möglichkeit nur ungern ins Auge fasste. Allerdings war meine Not so groß, dass ich dem einen Versuch geben wollte.
Die Ärztin erklärte mir, dass die Wirkung eine Weile bräuchte und die Dosis auch sukzessive erhöht werden würde. Solange würde ich noch Zuhause bleiben müssen, falls Nebenwirkungen aufträten.
Ich war ohnehin noch einige Tage krankgeschrieben, da ich ja meinen Termin viel später erwartet hatte. So einigte ich mich mit ihr, dass ich solange warten würde, bis ich bei der vereinbarten Enddosis sei und keine Nebenwirkungen aufträten.

Als es so weit war, dass ich wieder arbeiten gehen sollte, schaffte ich es allerdings nicht und das Gefühl, dass ich schon seit der Verdachtsdiagnose hatte, verstärkte sich um ein Vielfaches:

Sie kam, sah und versagte“

Ich tippte diesen Status bei Facebook wie so viele vorher. Nicht, weil ich Mitleid wollte oder Aufmerksamkeit, sondern weil ich wie ein Kessel, der zu viel Hitze bekam, unter gewaltigem Druck stand, der irgendwo ein Ventil brauchte.

Die Vorwürfe, die ich mir machte und teilweise noch heute mache, kann ich kaum in Worte fassen. Wie konnte (kann) ich es wagen, in meiner Situation, Depressionen zu bekommen? Damit nicht genug, ich hatte nicht nur „einfach Depressionen“, ich war sogar krankgeschrieben und im Begriff meinen Traumjob zu verlieren. Das klingt sicher blöd, aber mit einer hochfunktionalen Depression hätte ich wahrscheinlich leichter leben können. (An dieser Stelle möchte ich mich bei allen mit dieser Diagnose für diese Vermutung entschuldigen. Sie entspricht nur meinem Buchgefühl.)

Die Gründe hierfür konnte ich ehrlich nicht sehen. Heute, viele Jahre später, kann ein Teil von mir sie ansatzweise erfassen. Ein großer Teil in mir aber hadert weiter mit der Diagnose.

Der Zeitraum, den ich in diesem Text beschrieben habe, dauerte übrigens (die Ausbildung mitgerechnet, da dort die ersten hier beschriebenen Probleme begangen) etwa 4 Jahre.

Falls euch interessiert, wie es in der folgenden Zeit für mich weiterging, lasst es mich gerne wissen! Dabei ist es egal, ob ihr in den Kommentaren oder per privater Nachricht schreibt.

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