Sie kam, sah und versagte (Teil 1/2)

CN Depressionen, Panikattacken, verwahrloste Wohnung, Mobbing

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Funktionsmodus

Teil 2: Vom Verdacht zur Diagnose

Teil 1: Funktionsmodus

Sie kam, sah und versagte“

Das, meine Damen und Herren, liebe Leserschaft, war mein Status bei Facebook Ende November 2013.
Ich hatte schon fast vergessen, dass ich ihn geschrieben habe, aber die Erinnerungsfunktion hat mir diesen Status zuverlässig wie jedes Jahr auch im Jahr 2020 wieder präsentiert.

Ich brauchte etwas Abstand davon, Abstand von der Erinnerung, Abstand von der Zeit, Abstand von dem Schmerz der Erinnerung, aber ich wusste schon im letzten November, dass ich darüber schreiben wollte.
Den gewünschten Abstand habe ich jetzt. Seit Neujahr spüre ich ein kleines „Hoch“, was für mich schon ungewöhnlich ist, denn die bemerke ich gern erst hinterher.
Nachdem ich dieses Hoch ein paar Tage ganz für mich und bei mir genossen habe, fühle ich mich jetzt „gewappnet“ dafür, diese Erinnerung wieder in mir aufkommen zu lassen, ohne dass sie mich in die Tiefe reißt.

Die Worte dieses Status kommen mir jetzt so fern vor, wie wahrscheinlich jedem „psychisch gesunden“ Menschen oder Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl.

Eine Anmerkung: Weite Teile dieses Textes richten sich an die Nicht-Betroffenen, an die Zugehörigen, an Menschen, die mit Menschen mit Depressionen zu tun haben, sei es privat oder beruflich. Er soll der Aufklärung dienen, eine Hilfestellung sein beim Erkennen von Depressionen und vom Umgang mit depressiven Menschen.

Ich spreche hier ausschließlich für mich und von meiner Situation, wie ich sie erlebt habe, rein subjektiv. Ich weiß aus meinen Gesprächen mit anderen Betroffenen, dass ich mit meinen Gedanken zumindest in Teilen nicht alleine bin.

An die Betroffenen: Es tut mir leid, wenn ich es anders erlebe, als du und du mir nicht zustimmst. Vielleicht magst du dann selbst davon erzählen? Und wenn du dich hier doch irgendwo ein Stück wieder findest, dann lass es mich auch gerne wissen. Ich lade euch herzlich ein, diesen Text mit euren Erfahrungen zu ergänzen, ohne mir meine abzusprechen.

An dieser Stelle sei euch gesagt: Meinen Status nicht in letzter Konsequenz nachvollziehen zu können macht euch bei weitem nicht „unempathisch“, sondern zeigt eventuell schlicht eure Gesundheit.

Was ich mit diesem Text zeigen möchte, sind mehrere Dinge:

  1. Eine Depression kann jeden treffen, egal wie „gut“ oder „schön“ sein Leben von außen aussehen mag. Die Frage „Warum gerade ich?“ kann einen Depressiven zusätzlich quälen und runterziehen. Bitte habt dafür Verständnis. Äußerungen wie „Warum denn? Dir geht es doch gut.“ sind nicht hilfreich, sondern im schlimmsten Fall verletzend. Es ist nicht zwingend so, dass wir die positiven Seiten nicht sehen, manchmal spüren wir sie nur nicht. (Manchmal sehen wir sie allerdings auch wirklich nicht.)
  1. Viele Depressive (wie auch andere psychisch kranke Menschen) sind wahre Künstler im Verbergen. Nicht nur vor euch als Umfeld, sondern auch vor uns selbst. Manchmal brauchen wir das, um uns ein Stück „heile Welt“ zu bewahren. So bedeutet es nicht, dass es uns gut geht, nur weil wir nach außen hin „funktionieren“ oder weil wir Witze reißen und scheinbar fröhlich lachen.
    Wir wollen euch auch nicht ausschließen oder anlügen, nur weil wir euch nicht erzählen, dass doch nicht alles so „perfekt“ ist, wie wir es gerne hätten. Entweder wir merken es selbst nicht oder wir möchten euch vielleicht auch schützen.
    Wenn ihr den Verdacht in eurem Umfeld habt und die Person darauf ansprechen möchtet, tut das bitte behutsam und erwartet nicht, dass derjenige eure Meinung teilt. Bietet Hilfe an, aber seid nicht böse, wenn sie nicht angenommen werden kann. Vielleicht kommt der Zeitpunkt später. Und bei allem: Passt auf euch selbst auf!

Ich möchte euch erzählen, in welcher Situation ich war, als diese Worte von mir in die Weiten des Internets geschrieben wurden und euch zeigen, was sich für mich dahinter verbirgt. Dabei kann ich einige Ereignisse zeitlich nicht mehr einordnen, sodass der Bericht nicht streng chronologisch geordnet ist.

Von außen betrachtet sah mein Leben zu dieser Zeit so aus:
Junge Frau, Anfang 20, steht nach abgeschlossener Ausbildung und dem Auszug aus dem behüteten Elternhaus selbstständig auf eigenen Beinen. Die Nähe zur Familie bleibt, aber eine eigene Altbauwohnung von einem sympathischen, motivierten Vermieter wird bezogen, draußen steht das erste eigene Auto in der dazugehörenden Garage.
Diese Frau geht einer angesehenen, sehr gut bezahlten Arbeit nach. Die Stelle hat sie nahtlos an ihre Ausbildung beginnen können und den Haushalt hat sie mit gelegentlicher Unterstützung der Mutter auch im Griff.
Neben Job, Haushalt und der wöchentlichen Physiotherapie bleibt außerdem noch die Zeit für ein paar Hobbys wie Reiten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Kirchgemeinde und regelmäßige Gottesdienstbesuche. Zum Arzt geht sie schon seit der Schulzeit eigentlich nur um Verordnungen für die Physio abzuholen und einmal im Quartal, um ihrer damaligen Hausärztin zu zeigen „Ich lebe noch, alles super“.

Kurz: Das Leben war schon ziemlich perfekt für diese privilegierte Frau. Hier und da sah sie noch Verbesserungspotenzial, aber mit nicht einmal 25 Jahren war dafür auch noch genügend Zeit.

Nichts davon ist unwahr und doch zeigt das nur einen Teil meines damaligen Lebens.

Weil ich mir der Privilegien und des Glückes, das ich hatte (und noch habe), mehr als bewusst bin (und dankbar dafür), beginne ich die andere Seite folglich nicht mit „aber“ oder „in Wahrheit“. Denn das wäre genauso wenig wahr oder unwahr wie der äußere Schein. Also einmal ganz deutlich: Auch, wenn es schon durch die Textmenge so scheinen mag, dass der obere Teil nicht wahr ist oder die positiven Aspekte, die zum Teil auch im nächsten Teil des Textes durchaus zur Sprache kommen, nicht „zählen“, stimmt das nicht. Mein Leben war schön in weiten Teilen und ich bin dankbar für alles, was ich Gutes in meinem Leben hatte oder habe.

Neben all diesen durch und durch wunderbaren Dingen ist außerdem wahr:

Der Haushalt, der anfangs leicht von der Hand ging, wuchs mir über den Kopf.
Im Anschluss an meinen Auszug hatte ich noch Urlaub, putzte quasi täglich das Bad und die Küche, saugte alle zwei Tage, wusch Geschirr und Flächen nach Benutzung sofort ab und räumte alles sorgfältig an seinen Platz, wusch einmal die Woche auch die Wäsche, so meine Mutter das nicht für mich übernahm, ging jeden Samstag um Punkt 8 Uhr für 5-18 Minuten einkaufen und brachte im Anschluss meiner Mutter ihren Teil des Wocheneinkaufs. Das war, sofern ich mich richtig erinnere, Teil eines Deals: Ich kaufte für sie ein, sie half mir bei anderen Dingen wie dem Wäsche waschen, denn das strengt mich körperlich extrem an.
Eine saubere, ordentliche Umgebung war und ist mir neben den Routinen unglaublich wichtig.

Der neue Job, den ich direkt nach der Ausbildung und dem Urlaub mit drei weiteren Berufsstartern antrat, war anspruchsvoller, als ich gedacht hatte und der Konkurrenzdruck unter den Kollegen (Neulinge genauso wie „alten Hasen“) setzte mir zu.
Die einweisende Vorgesetzte verglich unsere Leistungen nicht nur untereinander, was in meiner Position schwierig genug gewesen wäre, sondern auch mit ihren eigenen Erwartungshaltungen, die keiner von uns vieren erfüllen konnte.

Die Regelarbeitszeit überschritt ich daher von Anfang an nahezu täglich. Dass ich durch meine physiotherapeutischen Termine an einem Tag früher in den Feierabend gehen musste, machte meinem Stundenkonto nichts aus, anders als meinen Kollegen und meiner Anleiterin, die nicht müde wurden, mir zu sagen, wie glücklich ich mich schätzen konnte, dass sie mir diese Freiheit erlaubten. Trotz des Umstands, dass ich an diesem Tag ein Minus von schätzungsweise ein bis zwei Stunden hatte, machte ich wöchentlich mindestens drei Überstunden. Oft waren es um die zehn, wobei ein Teil davon nicht erfasst wurde. Zum einen weil ich den Tag früher begann, als die Zeiten erfasst wurden und zum anderen, weil es eher selten vorkam, dass ich die Pausen voll nehmen konnte. Von dem Arbeitszeitkonto wurden die Pausenzeiten trotzdem abgerechnet. Das erwartete Arbeitspensum erfüllte ich trotz alledem nicht, was für zusätzlichen Druck sorgte. Dass ich regelmäßig angehalten wurde, mein Überstundenkonto auszugleichen machte die Situation für mich ebenso wenig leichter, wie der Umstand, dass ich in meinen Urlauben immer öfter krank wurde. In der Ausbildung hatte ich dies bislang ignoriert, bis ein damaliger Kollege mich darauf hinwies, dass der Urlaub zum Erholen da sei, nicht zum Auskurieren und ich nicht nur das Recht hätte mich im Urlaub krankschreiben zu lassen, damit mein Urlaub nicht verfiele, sondern in seinen Augen sogar die Pflicht, damit ich erholt aus dem Urlaub kommen und produktiv arbeiten konnte.
So summierten sich Überstunden und Urlaubstage genauso wie die Aktenstapel auf meinem Schreibtisch.

Neben der Pendelei, der Physiotherapie, den Verpflichtungen in der Kirche, die ich mir ja selbst aufgebürdet hatte, den Einkäufen und den Reitstunden blieb für den Haushalt und meine in der Ausbildung begonnene Ernährungsumstellung nahezu keine Kraft mehr.

Die Einkäufe erledigte ich nur noch zitternd, schweißgebadet und wie in Trance. Heute weiß ich, dass ich Panikattacken hatte und Dissoziationen. Damals kannte ich davon noch nichts und dachte, es ginge allen so
„Ich kauf halt nicht so gern ein und viel geschwitzt habe ich schon immer.“
Dinge wie Abwaschen, Müll herausbringen (überhaupt Dinge wie abgelaufene Lebensmittel entsorgen), Staubsaugen, Aufräumen fielen mir immer schwerer. Selbst das Schlafen wollte mir nicht mehr so recht gelingen. Selbst am Wochenende schlief ich kaum einmal bis um drei/vier Uhr.
Zwar war und bin ich Frühaufsteher, aber das war zu früh. Insbesondere, weil ich selten vor 22 Uhr ins Bett ging und mich ewig hin und her wälzte.
Brauchte ich anfangs etwa 30 Minuten, um mich morgens fertig zu machen (12 Minuten fürs Bad und zum Anziehen, 10-15 Minuten um das Essen vorzubereiten und Sachen zu packen), brauchte ich schnell eine Stunde, dann 1,5 Stunden, am Ende waren es drei. Es war, als würde etwas in mir die Handbremse anziehen und ich kam nur schleifend voran. Wenn der Wecker klingelte brauchte ich schon bald 30 Minuten bis zum Badezimmer. Duschen und Zähneputzen fühlten sich an, als wäre es Hanteltraining mit zu schweren Hanteln, die an meinen Händen festgewachsen waren. Hinterher hätte ich nicht einmal sagen können, ob ich Shampoo benutzt habe oder Zahncreme. Ich plante immer mehr Zeit ein, um mich mental auf die Arbeit vorzubereiten und im Kopf jedes denkbare Szenario durchzuspielen.

Randnotiz: Meinen Schlafrhythmus so weit umzuschieben, dass ich etwa von 22 bis 6 Uhr wirklich schlafen konnte, hat mich Jahre gekostet und noch heute ist es in stressigen Zeiten so, dass zwischen 3 und 4 Uhr morgens aufwache und nicht mehr zur Ruhe komme, egal, wann ich am Vorabend ins Bett gegangen bin.

Dass ich mir schon am Freitag kurz vor Feierabend Gedanken machte, dass „bald wieder Montag“ sei, fiel mir selbst erst viel später auf.

Parallel wurde ich aber nicht müde, zu betonen, wie gut es mir ginge. Egal, ob mein Gegenüber meine Familie war, meine Ärztin, die ich schleichend immer öfter aufsuchte oder mein eigentlicher Vorgesetzter, der durchaus eine Veränderung in meinem Verhalten während der Arbeit bemerkte. Er erzählte mir, dass er mich nicht mehr lachen sähe und fragte besorgt, ob etwas passiert sei privat oder auch mit den Kollegen. Als er betonte, dass ich mit solchen Problemen immer sofort zu ihm kommen solle, setzte ich ein breites Lächeln auf, dankte ihm und widersprach seiner Sorge, noch bevor ich darüber nachdenken konnte. Es war wie ein Reflex, den ich nicht steuern konnte.

Konnte ich die Sorgen meiner Mitmenschen einmal nicht überzeugend „weglächeln“, redete ich mit Phrasen wie „Ist gerade eine stressige Phase, aber wer hat die denn nicht mal? Alles halb so wild!“ oder „Ach, gestern zu lange ferngesehen, ich hab wohl zu wenig Schlaf bekommen.“ oder ähnlichem raus.
Ich weiß heute nicht mehr, wer mich alles auf mein Verhalten ansprach, wer mir ehrlich mein Lächeln oder die Ausflüchte glaubte oder mich zwar durchschaute, aber nicht aufdringlich sein wollte. Einige wenige erinnere ich natürlich.

Auch meine Anleiterin bemerkte eine Veränderung bei mir, allerdings nicht wie unser gemeinsamer Chef darin, dass ich weniger fröhlich wirkte. Nachdem ein Mitglied aus unserer Gruppe von vier „Neulingen“ die Stelle wieder verließ, war plötzlich ich auf dem letzten Platz des Leistungshorizontes. Ambitionen auf Platz 1 zu stehen gab ich nach wenigen Tagen auf, denn zwei der vier waren unglaublich leistungsstark. Ich wollte nur nicht auf dem letzten Platz sein, was schwer genug gewesen war, als wir noch zu viert waren. Einzig, dass man mir anmerkte, dass ich motiviert war mich zu verbessern, brachte mir den dritten Platz in dem fiktiven Wettkampf in meinem Kopf ein. Leistungstechnisch bewegten „Platz vier“ und ich uns auf ähnlichem Niveau.

Die Zeit in der Kirche war anfangs ein Gegengewicht gewesen zu der Arbeit. Eine Zeit nur für mich ganz alleine zum Ruhe und Kraft tanken. Je regelmäßiger ich den Gottesdienst besuchte, wo ich schon auf Grund meines Alters auffiel, desto mehr kam ich in Kontakt mit anderen aktiven Gemeindemitgliedern und fand für mich mehrere Ehrenämter. So half ich in dem Kinder- und Jugendchor, in dem ich selbst einige Jahre gesungen hatte, bei Auftritten, den Küstern und Pastoren bei der Gottesdienstvor- und Nachbereitung und übernahm die Aufsicht in der Kirche zu den Öffnungszeiten. Was als zufällige Handlungen und Ausnahmen begann, wurde zur Routine für mich. Wir erinnern uns: Ich mag und ich brauche Routinen. Doch wurden meine Routinen Erwartungen, sowohl meinerseits als auch seitens der Gemeinde. Damit stieg auch der Qualitätsanspruch an mich. Bald war ich auch hier im „Funktionsmodus“, genauso wie auf der Arbeit und ebenso wie dort, lächelte ich auch hier reflexartig freundlich jeden an. (Na ja, fast jeden…)

Anfang 2013 wurde in meinem Alltag abrupt auf die „Pause“-Taste gedrückt, als ich mich einem chirurgischen Eingriff unterzog. Meine Behinderung beinhaltet auch eine Fußfehlstellung, einen sogenannten Klumpfuß. (Googlet es besser nicht, wenn ihr empfindlich seid.)
Diese Fehlstellung wurde erstmals im Kindesalter korrigiert. Eine weitere Korrektur war schon damals für das Erwachsenenalter geplant, wenn die Knochen ausgewachsen und ausgehärtet wären.

Da ich nach der Schule fast nahtlos in die Ausbildung und nach dieser direkt auf meine neue Stelle ging, war das bislang liegen geblieben. Mit der scheinbar sicheren Stellung im Rücken und wachsenden Beschwerden im Fuß, begab ich mich im Januar 2013 in die Hand eines Fußchirurgen um diese zweite Korrektur vorzunehmen. Die Genesungszeiten sind bei solchen Eingriffen oft schwer einzuschätzen und trotzdem wurde ich auf der Arbeit gebeten, eine Schätzung abzugeben, wie lange ich fehlen würde. Inzwischen war ich die einzige, die die Einarbeitungsphase noch nicht erfolgreich abgeschlossen hatte, da ich in der jüngsten Vergangenheit immer öfter krank war und mich immer schlechter konzentrieren konnte.

Sowohl Qualität als auch Quantität meiner Leistung waren nicht zufriedenstellend. Weder für mich, noch für die Kollegin, noch für meine „Chefin“.

Erste vorsichtige Schätzungen meines Arztes gingen von 10-12 Wochen aus, bis ich stundenweise wieder leichte Bürotätigkeiten am PC verrichten dürfte. Ich hoffte zu diesem Zeitpunkt inständig auf zehn statt zwölf Wochen, um den Anschluss nicht zu sehr zu verlieren. Gleichzeitig merkte ich, wie meine Anspannung wuchs, je näher ich an diese zehn-Wochen-Grenze kam.

Der Eingriff selbst verlief reibungslos und auch der Genesungsprozess stellte meinen Arzt zufrieden. Die Wunde verheilte zwar recht langsam, aber davon abgesehen gab es keine Komplikationen. Ich weiß heute nicht mehr ganz genau, wann die Wunde so weit verheilt war, dass ich theoretisch wieder hätte arbeiten können.
Irgendwann (nicht nach zehn Wochen) kamen wir an den Punkt, dass mein Arzt es mir erlaubte und mich fragte, wie ich die Wiedereingliederung gestalten wollte. Ich beschrieb ihm die Möglichkeiten, die ich zuvor mit meinem Arbeitgeber auch abgesprochen hatte und merkte, dass er stockte.
Worüber er bei seiner Schätzung nicht nachgedacht hatte, war, dass ich nicht von Zuhause aus arbeitete und ich auch nicht wie in einer Science-Fiction Serie zur Arbeit „beamen“ konnte, sondern selbstständig mit dem Auto hinfahren musste. ÖPNV war keine Alternative und hätte auch die Belastung nicht minimiert.
Diese Belastung wollte er meinem Fuß noch nicht zumuten und verlängerte die Zeit Zuhause für mich um einige weitere Wochen.
Ich war gleichzeitig beängstigt und erleichtert.
Ich hatte Angst davor, die Situation meinem Arbeitgeber erklären zu müssen und davor, zu viel von dem noch neu Erlernten zu vergessen, war aber auch froh, noch einige Zeit zu haben, um Kraft zu sammeln und nicht dem Druck ausgesetzt zu sein.

Unterm Strich blieb ich der Arbeit etwa fünf Monate lang fern. Meine Eingliederung war recht kurz, da ich zum einen guten Willen zeigen wollte, auch als Entschuldigung dafür, dass ich viel länger als geplant gefehlt hatte, aber auch, weil ich es nicht einsah länger im Auto zu sitzen als am Schreibtisch an meinem Arbeitsplatz.
Körperlich unterstützten mich meine Kollegen sehr, da ich mich noch nicht viel bewegen konnte und durfte. So wurden mir Arbeitsmaterialien gebracht und wieder weggeräumt, wenn ich sie nicht mehr brauchte und ich bekam die Möglichkeit meinen Fuß hoch zu lagern, der immer noch schmerzte, wenn er zu lange auf dem Boden stand.

Allerdings war mein Chef versetzt worden, sodass meine Anleiterin vorübergehend wirklich meine „Chefin“ wurde. Was mir vorher nicht so bewusst war, wurde jetzt deutlich: Mein Chef hatte ein wenig als Puffer gewirkt zwischen uns beiden.
Noch während meiner Eingliederung bekam ich starke Rückenprobleme. Probleme, wie ich sie trotz meiner Behinderung vorher nicht gekannt habe. Mir tat absolut alles weh. Ich konnte mich kaum bewegen, sitzen ging absolut gar nicht, liegen nur in einer bestimmten Position. Positionen halten (egal ob im Stehen, Sitzen oder im Liegen) war jedoch die Hölle. Erst dachte ich, ich hätte mich einfach massiv verlegen, ließ mich von meiner Hausärztin einen Tag lang krank schreiben (inzwischen brauchte ich für jeden Tag, den ich fehlte einen „gelben Schein“) und fragte am selben Tag meinen Physiotherapeuten um Rat. Fix hatte er eine Vermutung, wo das Problem lag, konnte aber wenig Abhilfe schaffen und riet mir zum Arzt zu gehen.
Nachdem ich also für den folgenden Tag wieder einen Termin bei meiner Ärztin gemacht habe, wurde ich von ihr an einen anderen Arzt überwiesen. Aufgrund meiner Behinderung und der Umstände war aus ihrer Sicht auch eine Wirbelsäulen- oder Rückenmarksverletzung nicht auszuschließen. Davon hatte mein Physio nicht gesprochen, aber er betont auch immer, dass er keine Diagnosen stellen kann und darf und dass das auch gut so ist. Außerdem konnte er mich so gut wie nicht anfassen, da mir jede Berührung weh tat.
Der Arzt, zu dem ich noch am selben Tag gehen konnte, schickte mich also als erstes zum Röntgen, wunderte sich aber über die Dringlichkeit, die meine Hausärztin deutlich gemacht hatte. Denn ja, ich habe eine Vorerkrankung, aber die lächelnde junge Frau, die ihm gegenüber saß wirkte doch relativ fit, wenn man die Spina Bifida bedenkt und trotz massiver Adipositas. Aber er schien wohl darauf zu vertrauen, dass meine Ärztin mich besser kannte als er und vielleicht auch auf meine Aussage, dass ich ähnliche Rückenschmerzen höchstens „post-OP“ (also direkt im Anschluss an einen operativen Eingriff) kannte.
Nach außen hin war ich freundlich, gelassen und lächelte, aber innerlich hatte ich Panik. Nicht davor, verletzt zu sein, sondern davor wieder im Dienst auszufallen. Was eine solche Verletzung für mich an Konsequenzen gehabt hätte, war mir nicht bewusst, aber es kümmerte mich auch herzlich wenig.
Ich hatte mit meiner langen Abwesenheit durch die Fußoperation und durch meinen Krankheitsstatus vor der OP schon genug Ärger auf der Arbeit gehabt.
Das Röntgenbild war glücklicherweise ohne Befund und so ging die Untersuchung weiter. Die von ihm gestellte Diagnose war absolut nicht schlimm, was es für mich weitaus peinlicher machte: ISG-Blockaden* beidseitig. Das bestätigte den Verdacht meines KG (Krankengymnasten) und ich war erleichert

(*ISG steht für „Iliosakralgelenk“ Wer wissen möchte, was eine ISG-Blockade genau ist, wie es dazu kommt etc. bitte ich an dieser Stelle einfach es selbst zu recherchieren. Ich könnte es nicht gut erklären.)

Aus meiner Sicht also „bloß verspannt“. Ernüchternd einerseits, weil ich nun schon zwei Tage deswegen wieder gefehlt hatte, aber es klang andererseits nicht nach einer längeren Krankheitszeit.

Der Arzt verschrieb mir spezielle Krankengymnastik und spritzte mir ein starkes Schmerzmittel mit einem Muskelrelaxans. Die Spritze sollte dazu führen, dass ich meine Muskeln wieder entspannen konnten und das Gelenk wieder in seine natürliche Position kam und sich dort frei bewegen konnte. Drei Tage sollte die Wirkung halten, danach sollte sich, bei ausreichender Schonung während dieser Tage, das Problem erledigt haben.
Mit weiteren drei Tagen konnte ich leben, zumal ein Teil davon am Wochenende lag. Sollte nach drei Tagen keine deutliche Besserung zu spüren sein, sollte ich wiederkommen. Ja, auch am Wochenende.
Ich sollte während der drei Tage die Übungen machen, die mir mein Physio schon gesagt hatte, falls sich sein Verdacht bestätigte, es aber nicht „übertreiben“, denn auch wenn ich ein Schmerzmittel erhalten hatte, waren die Probleme noch vorhanden, die sie ausgelöst hatten. Der Schmerz war lediglich betäubt.
An diese Anweisung hielt ich mich strikt, denn ich wollte keine weitere Krankschreibung riskieren.
Drei Tage hatte der Mediziner gesagt, aber die schmerzlindernde Wirkung hielt kaum drei Stunden an. Ich hoffte, dass, wenn ich mich an alle Anweisungen diszipliniert hielt, trotzdem die Muskeln so weit entspannen konnten, dass sich alles wieder an Ort und Stelle schob. Vergebens. Nach drei Tagen war nichts besser geworden. Ging ich zum Arzt? Nein, es war Wochenende und ich hoffte auf ein Wunder bis Montag.
Es geschah keins. Am Montag saß ich dem verwunderten Arzt wieder gegenüber, der wohl glaubte, ich wolle nur nicht wieder zur Arbeit und mich daher wieder untersuchte, dieses Mal etwas unsensibler. Meine Reaktion darauf hätte nicht gespielt sein können. Und so kam es, dass er beschloss, mich länger krank zu schreiben und mir riet, mir nach Möglichkeit mehr Physio-Termine in der Woche zu holen. Er bereitete mich darauf vor, dass in meinem Fall die Therapie Wochen in Anspruch nehmen würde, bis ich wieder arbeitsfähig wäre.
Ich erinnere mich heute nicht mehr, wie lange ich brauchte, aber seit dieser Zeit sind meine Iliosakralgelenke eine Art „Sollbruchstelle“.

Warum mir das passiert ist, kann keiner sagen. Meine persönliche Theorie ist, dass meine Psyche keinen anderen Weg fand. Mit psychosomatischen Erkrankungen habe ich schon seit meiner Kindheit zu tun, wenngleich seltener. Im Laufe der Jahre gesellten sich neue Symptome und Krankheiten hinzu, die in stressigen Zeiten besonders oft auftreten.
Es begann vermutlich in der Grundschule mit Migräne, die erst spät als solche erkannt wurde, da man damals noch davon ausging, dass Kinder keine Migräne bekämen. Dass sie trotzdem erkannt wurde, ist meiner Mutter zu verdanken, die ebenfalls darunter leidet.
Dazu kamen dann verschiedene Entzündungen des Halses, der Ohren, des Unterhautfettgewebes, Bauchschmerzen (Reizdarm) und dergleichen. Auch ganz normale Infekte, die ich als Kind höchstens ein- oder zweimal im Jahr hatte, bekam ich immer öfter. Davon abgesehen wurden auch Panikattacken mein ständiger Begleiter, die ich damals nicht als solche erkannte und ich dissoziierte immer öfter und heftiger, ohne zu wissen, was das war.

So kam es, dass ich auch nachdem meine ISG wieder ihren Dienst aufnahmen, immer öfter krankgeschrieben war. Der Druck, der daraus entstand, stresste mich so sehr, dass ich immer öfter krank wurde. Ein Teufelskreis aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab. Neben immer weniger Schlaf, einer völlig unordentlichen und dreckigen Wohnung, in die ich bald niemanden mehr hineinließ, einem völlig überfüllten Briefkasten, den ich nur öffnete, wenn der Postbote mir mitteilte, dass er anders nicht mehr zustellen könnte, dessen Inhalt ich aber aus eigenem Antrieb nicht öffnen konnte, war also meine körperliche Verfassung immer schlechter, was zu mehr Stress auf der Arbeit führte.

Die einzigen Personen, die ich zumindest ansatzweise an mich ran ließ waren zu dem Zeitpunkt mein Physiotherapeut, meine Mutter, eine Bekannte aus einem Forum und meine beste Freundin Sarah. Letztere ließ ich sogar in meine Wohnung, wo sie mir unter die Arme griff, um das Chaos zumindest etwas zu beseitigen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden sie das mit einer Engelsgeduld getan hat, nebenbei mit mir freundlich redete, mich verstand und dafür sorgte, dass ich etwas ordentliches aß und vor allen Dingen auch trank.

Das war zu der Zeit nämlich ein weiteres Problem: Ich spürte zwar Hunger und Durst, aber fand keine Überwindung Nahrung zu mir zu nehmen. Manchmal fand ich so viel Kraft, mir eine Flasche mit Leitungswasser, das ich durchaus gerne trinke, hinzustellen, aber trotz Durst konnte ich einfach nicht trinken. Sarah ließ das aber nicht durchgehen. Da wurden ein Glas und eine Flasche hingestellt und eine Frist gesetzt. Okay, ein Auftrag also, damit konnte ich arbeiten. Ich trank und aß für sie, weil es von ihr erwartet wurde und weil sie diese „Regel“ aufstellte. An Regeln halten kann ich mich gut, schon immer. Um mich selbst kümmern ist schwieriger.
Lieber als zu trinken hätte ich ihr geholfen, meinen Saustall wieder in Ordnung zu bringen, denn mir war die Situation sehr peinlich, auch wenn ich sie selbst herbeigeführt hatte. Ich bereute zum Teil, sie um Hilfe gebeten zu haben. Nicht, weil sie blöd zu mir war, sondern weil ich mich schämte, dass ich es so weit hatte kommen lassen und dass ich es aus eigener Kraft auch nicht hatte verhindern können. Dass ich ganz offenbar nicht in der Lage war, einen einfachen Haushalt zu führen, während meine Freundin nicht nur ihren führte und selbst arbeitete, sondern sich nun auch meinen Haushalt zur Brust nahm. Wie viele Stunden wir so zubrachten, kann ich heute nicht mehr sagen.

Der Stress auf der Arbeit, die Angst davor die Stelle wieder zu verlieren und die Unfähigkeit trotz Krankheit arbeiten zu gehen, führten dazu, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, was schlimmer war: Krank melden oder arbeiten. In diesem Dilemma gefangen, schaffte ich es tatsächlich nicht, mich bis zum Dienstbeginn für eine der beiden Optionen „zu entscheiden“. Meine Chefin rief daraufhin verständlicherweise erbost an und ich traute mich nicht, ihr zu sagen, dass ich nicht arbeitsfähig war. Ich flüchtete mich in Ausreden, warum ich nicht angerufen hatte, dass ich später kommen würde. Ab jetzt war „krank melden“ keine Option mehr. Zumal ich wieder einmal „einfach nur Bauchweh“ hatte. Ich verstand mich ja selber nicht.
Mit Hilfe meiner Mutter, denn ich war so vernünftig sie um Hilfe zu bitten, kam ich dann deutlich zu spät bei der Arbeit an, wo mir meine Chefin deutlich machte, was sie von der Situation hielt. Von meinen Kollegen hörte ich im Anschluss, dass sie auch bei ihnen für schlechte Stimmung gesorgt hatte, durch ihre Wut auf mich. Wie das konkret aussah, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass ich diesen Tag nur überstand, weil er ohnehin kürzer war, auch weil meine Mutter mich relativ früh abholen musste und meine Kollegen an dem Tag sehr sehr nett zu mir waren und mir viel halfen. Trotzdem ging ich in den Feierabend mit beginnender Migräne inklusive Aura.
Konkrete Erinnerungen habe ich übrigens nicht an den Tag. Weder von der Standpauke meiner Chefin, noch von dem Tag an sich oder davon, dass meine Mutter mich abgeholt hat.

Nicht einmal kann ich sagen, wann dieser Tag überhaupt war. Ich weiß, dass es kalt war und ich meine mich zu erinnern, dass Schnee lag. Es war also ganz sicher nicht im Sommer nach meiner Fuß-OP. Daraus schließe ich, dass es vor der OP gewesen sein muss.

Nach der Eingliederung wurde es aber nicht besser bei mir. Wie bereits oben beschrieben wurde es schleichend immer schlimmer, ganz allgemein. Irgendwie schaffte ich es in den November 2013. Davon, was im November passierte, erfahrt ihr etwas im zweiten Teil.

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