Ein Tag – Zwei Perspektiven (Teil 2/2)

Teil 2: The other side – Die Lichtblicke

So lag ich dort in meinem Bett, ging den gesamten Tag noch einmal im Kopf durch und weinte.

Sicherlich nun auch, weil der Tag mich mehr Kraft gekostet hatte, als ich kalkuliert hatte. Denn wäre ich wenigstens darauf vorbereitet gewesen, dass heute ein anstrengender Tag werden würde, es hätte mich wohl nicht so sehr geschlaucht, wie es nun der Fall war.

Allerdings war der größte Teil der Tränen meiner Dankbarkeit geschuldet und wieder ging ich im Kopf all die Menschen durch, denen ich an diesem Tag begegnet war und die gut zu mir gewesen waren.


Da war die Dankbarkeit für Michaela, die immer so flexibel und hilfsbereit für mich da ist und inzwischen nicht nur meine Assistenzkraft, sondern eine gute Freundin ist. Die morgens umsonst früher aufgestanden ist und durch mich einen deutlich längeren Tag als erwartet hatte.

Diejenige, die mir an diesem Tag, wie schon viele andere Tage zuvor, viel emotionale und praktische Hilfe war und die mich, obwohl auch ihr Tag anstrengend war, mich so sehr unterstützt hatte. Die ohne zu jammern oder sich zu beschweren für mich einkaufte und mich auch in meiner Wohnung nicht spüren ließ, dass ich wohl keine große Hilfe war.

Für meine Psychiaterin, die sich nicht nur für ihre Notfälle immer genügend Zeit und Ruhe nahm, denn das wusste ich auch schon aus eigener Erfahrung, sondern auch mich zusätzlich noch in Kenntnis gesetzt hatte, warum sich der Termin so verzögerte und mich sogar fragte, ob das für mich in Ordnung sei.
Jetzt am Abend, hier in meinem Bett, konnte ich auch dankbar dafür sein, dass ich nicht der Notfall gewesen war an diesem Tag.
Auch die Dankbarkeit dafür, dass sie meine Gesundheit in einem Rundumblick behält und immer wieder auf andere Notwendigkeiten hinweist, wie an diesem Freitag den Besuch eines weiteren Arztes. Wohl wissend, dass ich von dieser Idee nicht begeistert wäre und es sicher der leichtere Weg für sie gewesen wäre, es zu „vergessen“ nachzufragen oder einfach zu akzeptieren, dass die Patientin „unwillig“ ist.

Dankbarkeit für meine Freundin Angela, die mir das Wasser gebracht hatte und eine tolle Stunde mit mir im Auto saß und nicht böse war, dass ich zu spät zu unserer Verabredung kam oder dass ich nicht wirklich eine aufmerksame Zuhörerin war.

Für Herrn M., der scheinbar immer gute Laune hat, mir zum wiederholten Male mit meinem Auto half und das so mühelos aussehen ließ.

Dankbarkeit für die Leitung der Tagesklinik, für den Tipp und die lieben Worte des Mifühlens.

Für meine Mutter, die sofort angeboten hatte, zur Hilfe zu kommen, obwohl sie bei der Arbeit war und es sie unnötig Zeit gekostet hätte und obwohl sie wusste, dass ich eben auch andere Menschen fragen konnte. Für das Verständnis, dass die Möglichkeit bestand, dass ich es an diesem Tag einfach nicht schaffen konnte und dafür, dass sie mir trotzdem Mut machte, dies zu tun.

(Und dafür, dass ich wusste, ich konnte sie spontan mit Michaela zusammen „überfallen“, um kurz auf die Toilette gehen zu können.)

Dankbarkeit für meine Autowerkstatt, die sofort eine Antwort für mich hatte, obwohl ich dort völlig ungeplant aufkreuzte und es so aussah, als hätten sie mehr als genug zu tun.

Für meinen Partner, der sich nach seinem langen Arbeitstag am Telefon erzählen ließ, wie schlimm mein Tag war, wo ich doch zu dem Zeitpunkt noch kein Licht sah.

Dankbarkeit für meine Nachbarn, die mir schnell geholfen hatten, obwohl es schon spät war und das Problem nun kein besonders wichtiges war. Die nicht einfach nur schnell den Fuß wieder in das dazugehörige Loch unter dem Sessel schoben, sondern sich Gedanken machten, wie das auch für eine Weile gut halten könnte und ein wenig Zeit für ein Pläuschchen hatten.

Ich lag also in meinem Bett und heulte vor Dankbarkeit. Plötzlich sah ich nicht nur das, was schwer gewesen war, sondern die hellen Momente, die Menschen, die mir halfen und da waren, die Lichtblicke.

Einen kurzen Moment lang, konnte ich mit geschlossenen Augen daliegen und einfach nur dankbar sein. Ende gut, alles gut?

Weit gefehlt, denn nach diesem Moment der Dankbarkeit „für Gott und die Welt“, kommen andere Gedanken, abermals dunklere.

Gedanken daran, was alles hätte schief gehen können, wären bestimmte Personen nicht so hilfreich und auch verfügbar gewesen. Oder wenn Dinge nicht geklappt hätten, selbst wenn man sie versucht hätte. Gedanken daran, welche Konsequenzen es gehabt hätte, hätte ich beispielsweise mein Auto nicht starten können oder das Auto neben mir beim Ausparken beschädigt.

Dieses „Gedankenkarussell der Katastrophen, die mir hätten passieren können, aber nicht passiert sind“ kenne ich schon. Ich schaue keine Horrorfilme, aber so ein Karussel stelle ich mir doch mit der richtigen Beleuchtung und einer schaurigen Hintergrundmusik durchaus gruselig vor.

Relativ schnell schaffe ich es, die Gedankenschleife darum zu verlassen, denn darin habe ich inzwischen Übung. Allerdings in diesem Fall nur, um in die nächste Falle zu tappen.

Dankbarkeit alleine, die sich freut über welche Umstände auch immer, ist etwas, was mir mittlerweile fremd und nicht möglich geworden ist. Sie ist ein zweischneidiges Schwert.

Die Freude ist die eine Seite, die andere ist ein Gefühl von „Schuld“, eine Art schlechtes Gewissen.

Wie viele Menschen hatte ich an diesem Freitag „gebraucht“, die eigentlich andere Pläne hatten? Die besseres vor hatten und keinerlei Schuld an meiner Situation trugen und trotzdem dadurch Unannehmlichkeiten ertragen mussten? Es waren viele gewesen, zu viele.

Wie konnte ich das denn je wieder gut machen? Wie meine Dankbarkeit zeigen, denn das war mir sicher über den Tag hinweg nicht gut genug gelungen, wie meine Schuld begleichen?

So geht es mir nahezu jedes Mal, wenn jemand gut zu mir ist oder etwas für mich tut.

Ich ging die einzelnen Personen durch, die mich an diesem Tag unterstützt hatten und versuchte Ideen zu entwickeln, wie ich zumindest einen Teil meiner Schuld tilgen und meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen konnte.

Eingeschlafen bin ich dann mit dem Gedanken, dass ich wahrscheinlich keine Lösung für mein Problem fände und es nicht schaffen würde, meine Schuld zurück zu zahlen.

Das ist die zweite Seite der Dankbarkeit. Die Seite, die sich auch nicht gehört zu zeigen, denn sie ist vielen Menschen wohl vollkommen unverständlich. Was wären also dann die Folgen für mich und die Beziehungen zu den Menschen um mich herum? Würde man sich von mir abwenden? Würde man meine Gefühle belächeln? Mich für verrückt erklären? Hatten das nicht eh alle schon längst getan?
Würde man vehement jede Anstrengung vermeiden, aus Angst, ich könnte ein schlechtes Gewissen haben? Das hatte ich doch aber ohnehin, ohne dass irgendwer irgendetwas dagegen tun könnte. Diese dominantere Seite der Dankbarkeit endet zwangsläufig in Selbstvorwürfen. Warum konnte ich nicht „einfach“ dankbar sein und mich freuen, so wie andere Menschen es auch taten. Warum war ich nicht einmal normal?


Diese Seite der Dankbarkeit fühlt sich nicht gut, freundlich, warm und harmonisch an. Sie macht mir Angst, sie hemmt mich und hindert mich oft, um Hilfe zu fragen. Sie setzt mich unter Druck, stellt mich unter Zugzwang, ist kalt und einschüchternd.
In meinem Kopf entsteht dann eine Art „T-Konto“, indem ich alles gegeneinander aufwiege, was andere Menschen für mich getan haben, im Gegensatz zu dem, was ich getan habe. Die Bewertung sieht am Ende der Abrechnung allerdings für mich nie wirklich gut aus.
Es mündet in einer Art inneren „Konkurrenzkampf“, den ich scheinbar gegen die Helfer führe, ohne eine Chance zu gewinnen. Dieser Kampf ist einseitig geführt. Das bedeutet, dass ich andere Hilfeleistungen nicht in dem Sinne als „Konkurrenz“ wahrnehme, dass ich denke, diese werden nur aus Berechnung erbracht und es ist bei weitem nicht so, dass ich Dinge aus Berechnung tue.

Dieser Teil meiner Gefühle ist unglaublich schwer für mich in Worte zu fassen und ich hoffe, man kann irgendwie verstehen, was ich meine.

Vielleicht hilft ein Beispiel:

Du und ich, wir sind Freunde und verabredet. Wir haben die selbe Lieblingssüßigkeit, sagen wir einen Schokoriegel.

Ich bin einkaufen und sehe diesen Schokoriegel im Regal. Weil wir verabredet sind, denke ich dabei an dich und nehme ihn dir als Geschenk mit, eventuell kaufe ich sogar zwei, für jeden von uns einen. Du freust dich sichtbar und bedankst dich. Eventuell angebotenes Geld für den Riegel lehne ich selbstverständlich ab, er ist ein Geschenk.

Bei unserer nächsten Verabredung hast du ebenfalls für uns je einen Riegel gekauft. Genauso wie ich vor einiger Zeit lehnst du jetzt ab, von mir Geld zu bekommen.

Mein inneres Konto könnte jetzt wohl ausgeglichen sein. Wäre dieses Bild in meinem Inneren mit einer gesunden Psyche verknüpft, wäre es das wohl. Zumindest stelle ich es mir so vor „gesund“ zu sein.

In meinem Kopf ist die Waage aber nicht ausgeglichen. Die „Schuld“ liegt bei mir und das sogar mehrfach:

  1. Die Ursprungsaktion – mein Kauf der Riegel – kommt in meiner Kontoführung gar nicht vor.

  2. Du hast mir den Riegel mitgebracht und in meinem Kopf hattest du dadurch „Umstände“, egal ob du wie ich ohnehin einkaufen warst, oder ob du wirklich extra dafür losgegangen wärst.

  3. Du hättest dich eventuell durch mein gut gemeintes Geschenk dazu gedrängt fühlen können, die Aktion auszugleichen. Ich hätte also die Schuld daran, dich dazu genötigt zu haben.

  4. a.) Dadurch, dass du mein Geld nicht annehmen wolltest, schulde ich dir auch rein finanziell etwas.
    b.) Fallvariante: Du nimmst das Geld nun doch an, nachdem ich es dir vielleicht zwei oder dreimal angeboten habe. Auch hier trage ich die Schuld, dass du dich genötigt gefühlt haben könntest, das Geld anzunehmen, weil ich unfähig war, das Geschenk einfach anzunehmen und das obwohl ich ehrlich dankbar war.


Das Konto steht also mindestens 4:0 zu meinen Lasten und das schon bei einem Beispiel, bei dem es auf den ersten Blick ausgeglichen aussieht.

Wäre der Fall andersherum geschehen, sprich wärst du der erste gewesen, der den Riegel zu einer Verabredung mitgebracht hätte, hätte es wie folgt ausgesehen:

  1. Du hättest den ersten Pluspunkt bekommen, für die Idee. Indes hätte ich einen Minuspunkt gesammelt („Was bin ich für eine schlechte Freundin, dass ich darauf nicht gekommen bin?“ << Ein Punkt, den ich dir niemals ankreiden würde!)

  2. Ein zweiter Pluspunkt besteht in der Umsetzung und dem Aufwand, den du dafür betrieben hast.

  3. Dann habe ich natürlich die finanziellen Schulden bei dir. Diese wäre durch einen späteren Kauf meinerseits nicht ausgeglichen in meinem Kopf, denn wie in dem ersten Beispiel, erscheint es nicht in meiner Rechnung.

  4. Meine Revanche mit dem Riegel könnte auf dich wirken, als wenn ich dich „nachmachen“ wollte oder zumindest, als würde ich mich gedrängt fühlen, auch wenn das nicht der Fall ist. Aber selbst für diesen Eindruck gebe ich mir die Schuld, auch wenn ich dir/uns die Schokolade gerne gekauft habe.

Die Sache mit dem Geld kürze ich hier mal ab. Ich hoffe, das Prinzip ist klar geworden? Und jetzt stellen wir uns mal vor, diese „Gleichung“ wäre nicht so ausgeglichen auf den ersten Blick, denn das ist sie oft nicht.

Der Arzt behandelt seinen Patienten – und der Patient? Was kann der für den Arzt tun? Nur um mal ein Beispiel zu nennen.

Natürlich ist mir irgendwo klar, dass ich da nicht ganz „richtig im Kopf“ bin, aber das ändert nichts daran, dass genau das meine ehrlichen Gefühle und Gedanken bei dem Thema sind.

So bleibt mein Fazit zu besagtem Freitag: Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mir, aber vor allem vielen netten Menschen einiges erspart, wäre ich morgens einfach gleich wieder ins Bett gegangen.

Auch dann hätte ich zwar Schuld auf mich geladen, nämlich die, Verabredungen nicht eingehalten zu haben, aber im Vergleich wäre das eventuell ein kleinerer Preis gewesen.

Und auch wenn der zweite Teil meines Textes wahrscheinlich auf viele sehr negativ wirkt, er ist definitiv der positive Blickwinkel auf diesen Tag und ich bin wirklich und ehrlich dankbar, für all die guten Begegnungen und Begebenheiten, die an diesem Tag gut gegangen sind. Ich bin so dankbar und freue mich darüber so sehr, dass ich es nicht in Worte fassen kann.

Also bleibe ich bei: Vielen herzlichen Dank!

Danke Michaela!

Danke Angela!

Danke Frau Doktor!

Danke Herr M.!

Danke Mama!

Danke an meinen Partner!

Danke an meine KfZ-Werkstatt!

Danke an meine Nachbarn!

Und vielen Dank, an alle Leser, die ich jetzt nicht verschreckt habe. Ihr seid alle toll, vergesst das bitte nicht!

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