Das ist doch behindernd! Teil 3/3

Zurück zu meinem konkreten Fall:

Wie erwähnt erfülle ich schon durch die Punkte „ständige Nutzung von Hilfsmitteln“ und „Schmerzen als Ausdruck der großen Anstrengung“ die Voraussetzungen für das „aG“ mehr als zu Genüge.

Dass die Voraussetzung durch den GdB gegeben ist, war nie fraglich.

Aber es gibt einen weiteren Punkt und hier möchte ich nochmals sowohl die Mediziner als auch die Verwaltungsangestellten und -beamten sensibilisieren:

Eine meiner gesicherten und von der Behörde anerkannten Diagnosen ist: „unvollständige Querschnittslähmung“.

Das bedeutet, dass zwar eine Rückenmarksschädigung vorliegt, diese aber nicht so gravierend ist, dass der Betroffene dauerhaft derart starke Lähmungen hat, dass er ständig auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. Ich spreche hier als medizinischer Laie (mehr noch als im juristischen Bereich). Diese Darstellung ist daher stark vereinfacht, andere Symptome der Querschnittslähmung ignoriere ich einfach mal völlig, da es für das hier genannte Beispiel nicht von Bedeutung ist.

Im Grunde genommen sagt es aus: Ich kann laufen, was in den allermeisten Situationen ein großes Glück ist. „Unvollständig“ sagt nichts darüber aus, wie weit ich laufen kann, wie leicht es mir fällt, wie schnell ich mich bewege oder ob ich Schmerzen habe.

In meinem Fall bedeutet diese Lähmung auch: Teile meiner Beine, meines Bauchs und Rückens sind komplett oder teilweise taub.

Wenn du mir also auf den Fuß treten und mich damit ärgern willst: Nimm den Rechten. Sieht lustig aus, wenn ich das nicht merke und dann beim Versuch einen Schritt zu machen auf die Schnauze falle. (Für euch getestet, danke Jule!)

Willst du mir aber wehtun: Nimm den Linken.

Durch die Taubheit sind meine Muskeln und somit meine Bewegungsmöglichkeiten teilweise eingeschränkt. Das ist auch etwas unterschiedlich von Tag zu Tag, aber die Tendenz bleibt und das ist nicht reversibel. Das hat unter anderem Konsequenzen für nahezu jede Bewegung, die ich mache. Der Kraft- und Konzentrationsaufwand ist vermutlich ein anderer, als bei einem Menschen ohne diese Einschränkung.

Warum „vermutlich“? Weil ich es nicht beurteilen kann. Ich war nie „nicht teilweise querschnittsgelähmt“. Aber rein logisch betrachtet ergibt diese Vermutung für mich Sinn.

Neben der inkompletten Lähmung habe ich natürlich noch andere Diagnosen. Warum ich diese aufführe, hat folgenden Grund:

Es steht in keiner Vorschrift (zumindest habe ich keine gefunden), dass der anzuerkennende Personenkreis eine vollständige Querschnittslähmung vorweisen muss, es ist lediglich die Rede von einer „Querschnittslähmung“.

Ich gestehe, dass ich laut lachen musste, zu lesen, dass man mir die Lähmung „abkauft“ um mir dann ein paar Sätze später zu begründen, ich sei ja nicht „querschnittsgelähmt“. Doch, meine Damen und Herren, ich bin querschnittsgelähmt und somit gehöre ich dem Personenkreis an!

Dass dies nicht der einzige Grund ist, aus dem einem das anerkannt wird und auf mich mehrere Gründe zutreffen, macht den jahrelangen Streit darum nur trauriger.

Falls Sie aus einer gesunden Skepsis heraus dies nicht glauben können, behelfen Sie sich doch bitte mit einem anderen Ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeug, der versorgungsärztlichen Untersuchung, als einfach abzulehnen.

In meinem Fall kann ich es sogar verstehen: Ich war schon über 20, als ich den ersten Antrag stellte und ich wollte aus Ihrer Sicht wahrscheinlich gleich „das volle Programm“. Ja, das kann einem am Schreibtisch sitzend „spanisch“ vorkommen. Zurecht!

Ich kann für mich sagen: Ich wollte zum einen nicht wahrhaben, wie immobil ich bin und zum anderen wie eingangs beschrieben, habe ich gewisse Hemmungen, angebotene Hilfen und zustehende Rechte „auszunutzen“.

Das können Sie von Ihrem Schreibtisch nicht sehen und ich erwarte hier ganz ausdrücklich kein Verständnis. An der Situation bin ich „selber Schuld“.

Also was macht man, wenn ein Antrag abgelehnt wurde, die Gründe dafür aber selbst für einen nahezu Laien fast schon amüsant sind?

Richtig, wieder Widerspruch einlegen. Wieder zu Untersuchungen, den Ärzten erklären, dass einem schon klar ist, dass man schon einmal da war und ihnen zustimmen, dass es eher unverständlich ist, dass der Antrag abgelehnt wurde.

(An dieser Stelle: Danke für das Verständnis meiner Ärzte. Ich weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist.)

Nebenbei versuchte ich meine innere Stimme zu knebeln, die mir wieder und wieder zuflüsterte, dass ich der Behörde schon vertrauen müsse, dass ich ja eventuell doch kein Recht darauf habe. Dass ich die Hilfe nicht verdiene und überhaupt geht es anderen ja viel schlechter. „Stell dich nicht so an und reiß dich mal zusammen!“

Das alles kostet Kraft. Kraft, die ich zeitweise einfach woanders hätte gebrauchen können.

Aber mit all der Hilfe, von Ärzten, Betreuern, Therapeuten, Freunden und Familie, unterdrückte ich den Drang es einfach „gut sein zu lassen“.

Wenn Sie, verehrter Behördenmitarbeiter, jedoch auf einen abgelehnten Antrag einen Widerspruch erhalten, könnten Sie doch auf die Idee kommen, ein Gutachten eines „unabhängigen“ Arztes zu fordern, denn dafür sind sie schließlich da. Das Gesetz gibt Ihnen die Möglichkeit eine versorgunsärztliche Untersuchung zu fordern, so Sie denn Zweifel haben.

Vielleicht mögen Sie beim nächsten Fall einmal darüber nachdenken? Ich lade Sie herzlich dazu ein. Nicht alle von „uns Behinderten“ wollen irgendwelche Boni abgreifen.

An die Behinderten: Ja, so eine Untersuchung ist wieder zusätzlicher Aufwand, gerade wenn die Erreichbarkeit oder die Terminfindung problematisch ist. Bitte habt Verständnis, auch wenn ich weiß, dass es viel verlangt ist. Es ist eine weitere Chance für euch/uns.

Aber in meinem Fall wurde auch der Widerspruch abgelehnt. Die Begründung blieb in etwa die selbe.

Was folgte war dann ein weiterer Antrag. Ein weiteres Mal sehr genau kontrollieren, was die Ärzte schrieben, überlegen, welche Details noch wichtig sein könnten. Beobachten, was „gesunde“ Menschen können, ich aber nicht, obwohl es für mich einfach Normalität ist das nicht zu können.

Dies ist übrigens eine Schwierigkeit, die ich in vielen medizinischen Situationen schon festgestellt habe: Ein Arzt kann manchmal Dinge nicht feststellen, wenn er sie nicht konkret untersucht oder danach fragt. Er wird aber nicht danach fragen, wenn er nicht die Idee bekommt, dass es was zu fragen gibt. Der Patient setzt sich – in Ermangelung eines anderen Vergleichswertes – aber nur mit sich in Vergleich und empfindet nahezu alles, spätestens nach einer gewissen Weile, als nomal. So habe ich auch einige meiner Diagnosen eher durch Zufall bekommen.

Auch hier ist wieder Kommunikation das Werkzeug der Wahl.

Hinzu kommt das Hinterfragen, warum ich bestimmte Dinge nicht kann. Ist es nur mein Gewicht, denn das sah mal besser aus. Und falls ja: Wird es besser, wenn ich sagen wir mal 5 kg abnehme? Oder ist der Schaden jetzt einfach angerichtet? Auch hier spielt Scham eine große Rolle. Aber ich versuche zu lernen, dass das wichtig ist. Dass die Beurteilung meiner Gesundheit keine Beurteilung meines „Wertes“ ist, sondern mir helfen soll. Auch, wenn es sich oft anders anfühlt.

Bei diesem Antrag war mir klar: geht dieser Antrag ins Leere, wird es wieder einen Widerspruch geben und dieser dann bestimmt abgelehnt.


Dann bliebe nur noch die Klage. Ein weiteres neues Verfahren anzustrengen, würde keinen Sinn machen.

Dass die hiesigen Gerichte vollkommen überlastet sind und die Eröffnung des Verfahrens Jahre dauern würde, war mir schmerzlich bewusst.

Dies war die Phase, in der ich anfing zu resignieren.

Auch, wenn meine innere Stimme sich nur bestätigt fühlte, dass ich doch kein Recht auf dieses Merkzeichen und somit auf eine Chance hatte, Behindertenparkplätze legal nutzen zu dürfen, wusste mein Kopf irgendwo in einem versteckten Teil, der noch logisch denken konnte, dass das falsch war.

Aktiv machen konnte ich ohnehin nichts mehr, es hieß abwarten.

Soweit zum Weg, jetzt wieder ein Sprung in die Gegenwart:

Ich schrieb anfangs „Heute hatte ich viel Post im Briefkasten“. Inzwischen war dies „gestern“.

Gestern öffnete ich den Brief meines Betreuers, der einen Behindertenausweis enthielt, der auf meinen Namen ausgestellt war.

Ich war zunächst verwundert, war mein alter Ausweis doch unbefristet und ich hatte ihn auch nicht verloren.

Erst auf den zweiten Blick, fiel mir das „aG“ neben dem „G“ auf und ich musste mich erstmal setzen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so da saß und auf den Brief meines Betreuers und die Rückseite des Ausweises starrte. Ich hatte einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen.

(Korrigiere: Ich „habe“ einen Kloß im Hals.)

Nach etwa vier Jahren (genauer könnte mein Betreuer es sagen) ist diese Schlacht geschlagen, dieser Kampf gewonnen.

Noch darf ich nicht auf Behindertenparkplätzen parken. Dazu braucht es einen speziellen Parkausweis, nämlich den blauen. Diesen kann ich jetzt aber durch das „aG“ beantragen. Wenn dieser Antrag dann (hoffentlich schneller) genehmigt ist, dann fällt ein Teil meiner Behinderung weg.

Denn diese Kommunikation mit Behören und die fehlende Möglichkeit solche Parkplätze zu nutzen, das sind Dinge, an die „wir Behinderten“ manchmal denken, wenn wir sagen: Nicht die Behinderung „behindert“ uns, sondern die Politik und die Gesellschaft!

Ich möchte an dieser Stelle alle Behinderten ermuntern: Gebt nicht auf, kämpft für eure Rechte!

Ich weiß, wie schwer es sein kann, ich weiß von euren Zweifeln und dass eure Energie woanders gebraucht wird. Aber ihr müsst es auch nicht alleine durchstehen. Holt euch Hilfe, es lohnt sich! Auch wenn es schwer fällt und hoffnungslos scheint, auch wenn eventuell eure direktes oder indirektes Umfeld mit Unverständnis reagiert: Habt Mut!

Natürlich ist es völlig okay, wenn ihr euch angesichts dieser oder eurer eigener Erfahrungen dagegen entscheidet. Dies hier ist nichts weiter als eine gut gemeinte Einladung, keine Aufforderung.

Es ist mir selbst immer noch unangenehm, dass ich diese Rechte einfordere für mich.

Ich höre immer noch die Kritiker, die „Hater“, wie man sie heutzutage nennt, aber ich habe mir Hilfe gesucht und tolle Menschen gefunden, ohne die ich das niemals erreicht hätte.

Zu guter Letzt möchte ich allen Beteiligten danken:

Danke für die Geduld, fürs Mut zusprechen, für wieder und wieder ausgestellte Bescheinigungen, für offene Worte, für ständige Wiederholungen, für Umarmungen, für tatkräftige Hilfe, für einfach alles, was dazu geführt hat, dass ich jetzt den nächsten Schritt gehen kann – mit euch! Zu einem weiteren Teil Unabhängigkeit.

Ihr seid großartig und ohne jeden einzelnen von euch wäre der Weg ein ungleich schwierigerer gewesen.

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