Das ist doch behindernd! Teil 2/3

Zurück zu meinem Antrag:

In einem Antrag gibt man an, welche gesundheitlichen Probleme man hat und bei welchen Ärzten man in Behandlung ist.

Diese werden dann gebeten, dazu Stellung zu beziehen. Manche Ärzte entscheiden dann nach Aktenlage, wenn sie ihren Patienten und die dafür relevante Problematik sehr gut kennen. Andere werden eventuell euch noch einmal untersuchen wollen, weil es auf Details ankommt, die während eurer üblichen Behandlung nicht relevant sind. Ich verstehe, dass das für den einen oder anderen eine Belastung ist, die sich „unnötig“ oder „unangenehm“ anfühlt. Wer lässt schon gerne Untersuchungen über sich ergehen? Arztbesuche sind für die wenigsten ein Hobby.

Aber: nutzt diese Chance! Erklärt ganz genau, warum ihr welches Ziel erreichen wollt und bestenfalls auch, was dazu nötig ist.

Bei Ärzten, die euch nicht zu einer Untersuchung bestellen, fragt trotzdem nach: Ist das Schreiben der Behörde angekommen? Ist es schon beantwortet? Gibt es Fragen, die noch geklärt werden müssen?

Es ist anstrengend, ich weiß, aber werdet aktiv!

Eine Bitte an die Ärzte (liest hier überhaupt ein Arzt mit?): einige von euch haben eventuell wenig Erfahrung mit der jeweiligen Behinderung oder dem Umgang mit Behörden. Auch euch sei ans Herz gelegt: Fragt nach, was wichtig ist.

Ich habe anfangs gedacht, es sei nicht „rechtens“, wenn ich als Patientin sage, was ich in der Stellungnahme genannt haben möchte. Es fühlte sich an, als würde ich meine Ärzte beeinflussen und mir dadurch die Hilfen letztlich nur erschleichen.

Falls du diese Gedanken von dir kennst: Beruhige dich. Ärzte und Behörden kommunizieren unterschiedlich und keiner ist so sehr Experte für deine Situation wie du!

Du zwingst die Ärzte zu nichts, wenn du ihnen beispielsweise sagst „Ich kann nur eine Strecke von x Metern gehen, könnten Sie das erwähnen?“

Es ist eine Nachfrage, mehr nicht. Die Entscheidung trifft dann letztlich der Arzt. Vielleicht hat dieser sich auch gedacht, es würde reichen „minimale Strecken“ zu schreiben. (Nein, liebe Ärzte, reicht nicht.) Vielleicht hat er überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass das wichtig sein könnte, wie weit du gehen kannst oder er ist sich nicht bewusst gewesen, wie die Strecken aussehen, die du bewältigen kannst. Er sieht dich nur in seiner Praxis laufen.

Auch Verweise auf Schmerzen können hilfreich sein. Dir ist sicher klar, dass du Schmerzen hast, aber den Ärzten in dem Moment eventuell nicht.

Das Stichwort hier ist: Kommunikation! Weder müssen sich Ärzte dafür „schämen“, nach Details zu fragen, noch ihre Patienten dafür, erfahren zu wollen, wie Dinge aufgeschrieben werden.

Wird euer Antrag abgelehnt, lohnt es sich daher auch manchmal bei der Behörde nachzufragen. Die in der Ablehnung gelieferte Begründung ist meiner Erfahrung nach oft recht oberflächlich, teilweise widerspricht sie sich sogar inhaltlich. (Was dann besonders amüsant ist, wenn man Juristen im Bekanntenkreis hat und diesen das dann erzählen kann.)

Manchmal stellt sich dann heraus, dass lediglich die Formulierung eines der Ärzte so gewählt war, dass es Spielraum ließ („kurze Strecken“). Daran ist dann wirklich kein Beteiligter „Schuld“. Auch wenn es ärgerlich ist, es ist lediglich unglücklich gelaufen. Neuer Versuch!

In der Ablehnung des Antrages werden zunächst alle gesicherten und von der Behörde anerkannten Diagnosen aufgezählt.

Diese sollte man auch immer einmal durchlesen, ob eventuell aus welchen Gründen auch immer eine Diagnose unter den Tisch gefallen ist. Wenn einem auffällt, dass eine fehlt, man sich aber nicht sicher ist, inwiefern diese „relevant“ ist für den Entscheidungsprozess, lohnt es sich, bei dem entsprechenden Sachbearbeiter nachzufragen. In aller Regel ist dies keine Absicht!

Auch wenn es manchmal im Umgang mit den Behörden so scheint: Man will uns/euch nicht ärgern.

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Kleiner Exkurs

(wen die Details zum Erhalt des Merkzeichens „aG“ nicht interessieren, kann hier direkt zu Teil 3 springen)

Wem steht das Merkzeichen „aG“ denn überhaupt zu?

Hierzu gibt es, wie für fast alles in Deutschland, gesetzliche Regelungen. Diese sind mal mehr, mal minder konkret.

In diesem Fall hilft ein Blick ins Neunte Sozialgesetzbuch (nachfolgend „SGB IX“).

Aber vorher möchte ich betonen: Auch wenn ich in meiner Ausbildung den Umgang mit Gesetzestexten gelernt habe, bin ich keine Juristin und alles was hier oder an anderer Stelle in meinem Blog steht, stellt keine Rechtsberatung dar! Ich stelle hier nur meine Gedanken vor.

Im SGB IX, § 229 Absatz 3 steht:

„(3) Schwerbehinderte Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung sind Personen mit einer erheblichen mobilitätsbezogenen Teilhabebeeinträchtigung, die einem Grad der Behinderung von mindestens 80 entspricht. Eine erhebliche mobilitätsbezogene Teilhabebeeinträchtigung liegt vor, wenn sich die schwerbehinderten Menschen wegen der Schwere ihrer Beeinträchtigung dauernd nur mit fremder Hilfe oder mit großer Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahrzeuges bewegen können. Hierzu zählen insbesondere schwerbehinderte Menschen, die auf Grund der Beeinträchtigung der Gehfähigkeit und Fortbewegung – dauerhaft auch für sehr kurze Entfernungen – aus medizinischer Notwendigkeit auf die Verwendung eines Rollstuhls angewiesen sind. Verschiedenste Gesundheitsstörungen (insbesondere Störungen bewegungsbezogener, neuromuskulärer oder mentaler Funktionen, Störungen des kardiovaskulären oder Atmungssystems) können die Gehfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Diese sind als außergewöhnliche Gehbehinderung anzusehen, wenn nach versorgungsärztlicher Feststellung die Auswirkung der Gesundheitsstörungen sowie deren Kombination auf die Gehfähigkeit dauerhaft so schwer ist, dass sie der unter Satz 1 genannten Beeinträchtigung gleich kommt. „

Was für ein Text – puh!

Aber was steht da konkret drin? Ich habe versucht die für mich wichtigen Stellen fett darzustellen.

Voraussetzungen für ein „aG“ sind nach diesem Gesetz:

  • GdB von mindestens 80
  • „nur mit fremder Hilfe“ (hierzu zählen auch Hilfsmittel wie Rollator) „oder unter großer Anstrengung“ bei der Bewegung außerhalb des Autos

Nun ist dieses „große Anstrengung“ ein doch sehr schwammiger Begriff.

Ich habe gelernt, dass „Schmerzen haben“ offensichtlich als „große Anstrengung“ gilt.

Danke an dieser Stelle für die Menschen, die mir das „beigebracht“ haben.

Auf diese Idee wäre ich von selbst tatsächlich nicht gekommen. Insofern kann ich für mich hier sowohl bei „nur mit fremder Hilfe“ einen „Haken“ setzen, denn alles was außerhalb meiner Wohnung ist, gehe ich nur mit Gehhilfen, als auch bei der „großen Anstrengung“, denn ein Schritt ohne Schmerzen ist nahezu utopisch. Und wehe ich muss hier mal mehrmals durch meine Wohnung „rennen“. Hui, da erzählt mir mein Körper was! Zur Erinnerung: In der Rechtsvorschrift steht „oder“!

Ein Tipp an andere Betroffene: viele können sich unter „es tut weh“ nichts konkretes vorstellen. Das hat sicher auch mit individuellen Empfindungen zu tun. Ich empfehle hier das Nutzen einer „Schmerzskala“ von 1 (schmerzfrei) bis 10 (der schlimmste Schmerz, den du dir vorstellen kannst). Das kann deinem Gegenüber helfen, deine Schmerzen einzuordnen.

Natürlich hat sich aber auch der Gesetzesgeber Gedanken gemacht, welchen Personenkreis er mit dem oben stehenden Gesetzestext beschreibt.

Einer steht ganz deutlich direkt in dem zitierten Paragraphen: „dauerhaft (…) auf die Verwendung eines Rollstuhls angewiesen sind“. Damit sind Menschen gemeint, bei denen eine dauerhafte vollständige Querschnittslähmung vorliegt.

Daneben gibt es in der Rechtsprechung und in den Verwaltungsvorschriften eine gewisse Absprache, welche Personen man diesen Personen „gleichsetzt“ und ihnen somit das „aG“ zugesteht.

Denn: Wer die Herausforderung des §229 SGB IX erfüllt, dem steht nach §3 Abs. 1 Nr. 1 SchwbAwV (Schwerbehindertenausweisverordnung) das Merkzeichen „aG“ zwingend zu. Die Behörde hat hier keinerlei Spielraum!

Welche Personen werden also denjenigen gleichgestellt, die eine vollständige Querschnittslähmung haben?

„Dazu zählen u.a. folgende Personen:

  • die kein Kunstbein oder nur eine Beckenkorbprothese tragen können:
  • Querschnittgelähmte
  • Doppeloberschenkelamputierte
  • Doppelunterschenkelamputierte
  • Hüftexartikulierte
  • einseitig Oberschenkelamputierte
  • mit Herzschäden mit schweren Dekompensationserscheinungen oder Ruheinsuffizienz
  • mit Erkrankungen der Atmungsorgane mit schwerer Einschränkung der Lungenfunktion“

(Quelle: https://www.schwerbehindertenausweis.de/behinderung/ausweis/die-merkzeichen#ag-%e2%80%94-aussergewoehnliche-gehbehinderung)

Die Querschnittsgelähmten habe ich hier in der Aufzählung stehen lassen, da man u.a. in „komplett querschnittsgelähmt“ und „inkomplett querschnittsgelähmt“ unterteilt, der Personenkreis also größer wird.

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