„Echt, so eine bist du?“ Teil 5/5

Teil 5: Corona und Christentum II

Jetzt mit den Lockerungen, die es in unterschiedlichen Ausprägungen, in Deutschland gibt, hat sich für mein Empfinden etwas verändert.

Gefühlt kann es im Moment sowieso jeder nur falsch machen, Christ oder nicht.


Man „genießt“ oder „nutzt“ die Lockerungen?

„Wie naiv du bist, glaubst du das Virus ist jetzt weg?“

Man ändert seine Verhaltensweisen nicht?

„Wie lang willst du das denn so mitmachen? Man muss doch auch mal wieder …“

Da seinen eigenen Weg zu finden, ist sicher für manche Menschen schwer. Über Sinn und Unsinn der Lockerungen im Allgemeinen wie im Speziellen möchte ich hier auch überhaupt nicht schreiben.

Ein Teil dieser Lockerungen ist es, dass Gottesdienste wieder stattfinden dürfen, zumindest in Teilen und unter gewissen Regeln. Wie die Regeln da im Detail in den einzelnen Landeskirchen sind, weiß ich nicht.

Ich kann nur von den Regeln sprechen, die es in meiner Gemeinde gibt. Hier möchte ich diese kurz erläutern:

  • Selbstverständlich werden Hygiene-, Abstands- und Maskenregeln befolgt, wie überall auch. Dadurch entfällt die herzliche Begrüßung mit Händedruck am Ein- und die Verabschiedung nach diesem Muster zum Ausgang.
  • Die Besucheranzahl ist drastisch reduziert. Heißt für unsere Kirche, dass 40 Personen anwesend sein dürfen. Abzüglich Personal sind das dann in etwa 35. (Ich meine etwas von einer Person pro 10qm gelesen zu haben.)
  • Alle Besucher müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen.
  • Es wird nicht gesungen.

Die Regelungen dafür sind sicher übersichtlich und vergleichbar mit denen in Restaurants, wenn man davon absieht, dass man in letzteren die Maske zum Speisen verzehren abnehmen darf, während die Maske trotz genügend Abstand im Gottesdienst aufzubleiben hat.

Es ist ein Angebot, kein Zwang. Man kann dort unter diesen Voraussetzungen beisammen sein, kann beten, Orgelmusikhören, ein Stück „Alltag“, vielleicht einen gerade dringend notwendigen „Halt“ wiedergewinnen.

Ein Risiko birgt diese Lockerung trotz aller Regeln selbstverständlich weiter. Keiner kann völlig risikofrei leben wage ich mal zu behaupten. Nur anders als beim Einkäufe erledigen, Kinder betreuen, arbeiten habe ich hier die Wahl.

Ich kann für mich abwägen: Was „gibt“ mir der Gottesdienst und zu welchem Preis? Bin ich bereit eine Infektion zu riskieren für das, was ich von diesem Besuch bekomme?

Diese Entscheidung muss jeder für sich treffen und darf es im Moment auch wieder.

Es ist nahezu das Selbe wie mit den Lieferdiensten oder mit Restaurantbesuchen. Anders als Einkäufe oder Arbeiten sind auch diese doch freiwillig.

(Das sind jeweils natürlich nur Beispiele!)

Jeder halbwegs vernünftige Mensch weiß, dass ein Restrisiko besteht.

Ist es einem das wert, dass man nicht kochen musste? Dass man ein Stück „Normalität“ wieder gewinnt?

„Rettet“ mich das Essen/der Gottesdienst beispielsweise vor einem emotionalen Tief, zum Beispiel weil doch ein großer Geburtstag geplant war und das geht nun nicht? Oder weil man so wenigstens mal wieder jemanden sieht und ein paar Worte wechseln darf? Ist es mir das wert? Oder ist der Preis zu hoch?

Ich habe für mich entschieden, ganz im „stillen Kämmerlein“, wenn man so will. Auch wenn alles in mir schreit nach Normalität und Gottesdienst. Nach Halt finden in der Gemeinde, die Pastoren, die Küster und die „alten Gesichter“ wieder zu sehen. Nach Flucht vor der Realität und ein Stückchen heile Welt und Zuversicht für eine knappe Stunde, ich werde nicht hingehen.

Mir ist derzeit das Risiko zu hoch. Nicht, weil ich selbst Risikopatient bin (ja, bin ich), das wäre mir relativ egal.
Aber auch ich bin kein Einsiedler und komme ohne Kontakte zu anderen Menschen nicht aus. Dabei denke ich an Pflege- und Assistenzkräfte und den Physiotherapeuten genauso wie an Freunde und Familie, die ich seit Anfang März nur zum Austauschen von Einkäufen treffe und auch an die anderen Kunden in Läden, denen ich begegne.
Dort, wo Abstand vielleicht einfach mal nicht machbar war oder ich mir aus Gewohnheit ins Gesicht und dann ins Regal gefasst habe.
Ich stecke weiterhin niemanden in meiner Gemeinde an, weil ich es ja durch meine anderen Kontakte längst haben könnte und wie erwähnt sind viele Gottesdienstbesucher unserer Gemeinde schon auf Grund ihres Alters risikobehaftet.

Ich gehe weiterhin nicht in die Kirche, aus Angst, ich könnte irgendwen irgendwo anstecken. Auch wenn’s schwer fällt. Das mag vielen paranoid erscheinen, aber es ist meine Lösung.

Allerdings werde ich niemanden verurteilen, der hingeht. Im Gegenteil. Ich sitze Zuhause und bete. Bete, dass der Gottesdienst und alle Anwesenden gesegnet sein mögen. Dass dort alle gesund blieben und kein neuer Ansteckungsherd entsteht.

Und falls es doch passiert, wie es woanders passiert ist, im Gottesdienst, dann bete ich, dass diese Menschen nicht durch die Medien, durch Journalismus und Kommentare auf Facebook und Twitter, dafür gesteinigt werden. Dafür ausgelacht oder angefeindet werden, dass sie sich getroffen haben trotz des bestehenden Risikos.

Denn was ich gerade zum Teil lesen muss über diese Menschen, verletzt mich sehr. Es verletzt mich, obwohl ich kein Teil dieser Gemeinde bin. Es verletzt mich, obwohl ich mich anders entschieden habe.

Ein Grund dafür liegt wohl in meiner Vergangenheit. Darin, dass es mich eben doch immer noch „piekst“, zu „denen“ zu gehören. An Erinnerungen, womit ich konfrontiert wurde.

Ein anderer Grund liegt aber ehrlich gesagt auch im Umgang mit der Problematik.

Da wird wahlweise ausgelacht à la „Ha, da hat das Beten wohl nicht geholfen, mh?“. Teilweise wird unterstellt, dass man das als „vernünftiger“ Mensch ja hätte kommen sehen, aber nicht als Christ. Denn als Christ kann man kein vernünftig denkender Mensch sein, so scheint es.

Es wird gehetzt, gesteinigt, mit Mistgabeln gejagt. Sensationslust. Wenn den Menschen gerade so viel genommen wird, dann hängt man sich noch mehr daran auf.

Ich mag das nicht.

Allerdings muss ich mich hier schuldig bekennen. Auch mir ist das passiert. Ich schreibe nicht für Zeitungen und ich habe schätzungsweise auch im Internet nicht in dieser Art kommentiert. Aber „mir meinen Teil gedacht“, das habe ich.

Nicht was die Gottesdienstbesucher angeht, denn ihre Gründe meine ich so sehr nachempfinden zu können. Ich mag damit völlig falsch liegen, aber ihnen fühle ich mich sehr verbunden. Ich weiß, was meine Beweggründe wären und diese projeziere ich auf sie.

Aber an anderer Stelle: Warum muss man sich denn unbedingt Ostern in weiterer Familienrunde treffen? (Anm.: Hier war dies gestattet.)

Ist es wirklich notwenig Essen im Restaurant zu holen oder mir immer neue Waren nach Hause senden zu lassen?

Aus meiner Perspektive wäre ein Besuch der Kirche am Sonntag viel wichtiger.

Da fiel es mir leicht mit dem Finger zu zeigen, mit den Augen zu rollen, zu verurteilen. Zum Glück bin ich darüber dann gestolpert in unterschiedlichen Situationen. Teilweise, weil ich es im direkten Bekanntenkreis mitbekommen habe und nach den Gründen fragen konnte, teilweise, weil ich diese beispielsweise auf Twitter nachlesen konnte. (Kommunikation ist manchmal sehr hilfreich!)

Was bleibt ist: Ich bin Christin.

Dieser Satz wird mir eventuell nie mehr leicht über die Lippen gehen.

Warum das so ist, habe ich versucht hier dazulegen.

Warum ich das in dieser Situation einmal in den Raum stellen musste, ist vielleicht klar geworden, vielleicht auch nicht. Es musste irgendwie „gesagt“ werden, die Worte wollten raus.

Und jetzt verteile ich Steine und Mistgabeln an jeden, der sie jetzt noch braucht. Viel Spaß damit.

An die Anderen: Danke, dass ihr da seid!

Danke, dass ihr diesen langen Text gelesen habt!

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