„Echt, so eine bist du?“ Teil 4/5

Teil 4: Corona und Christentum I

Ich arbeite dort nicht mehr und habe seitdem aus psychischen Gründen auch keinen anderen Job angenommen.

Meine Gemeinde habe ich seit der Arbeitslosigkeit aus vielen Gründen immer unregelmäßiger besucht. Phasenweise bin ich weiterhin wöchentlich dabei, dann wieder monatelang gar nicht. Ich bin der Gemeinde sehr dankbar, dass ich trotzdem noch „willkommen“ bin und für einige dort wohl auch immer noch „Kircheninventar“, auch wenn mein „Wohnzimmer-Gefühl“ mittlerweile abhanden gekommen ist.

Neben den Gottesdiensten habe ich dort auch zwei Glaubenskurse besuchen können, wovon einer leider abrupt durch die Pandemie beendet wurde, und habe mit „meinem“ Pastoren angefangen meinen Konfirmationsunterricht nachzuholen. Auch für diese Möglichkeit bin ich ihm sehr dankbar und auch hier grätschte „Corona“ dazwischen.

Davon ab sitze ich Zuhause, versuche meine Gesundheit sowohl psychisch als auch körperlich auf Vordermann zu bekommen und bin daher weitesgehend von neuen Kontakten „verschont“ und kann mir meine Kontakte zu einem großen Teil aussuchen.

Vereinzelt kommt es noch zu diesen „Ach, du bist Christ? Hätte ich nicht gedacht“-Situationen, aber größtenteils dann, wenn ich Bekannte von Bekannten kennenlerne, aus Bekannten Freunde werden könnten oder in Gruppentherapien, auch wenn ich das Thema seltenst dort von mir aus anspreche. Infolgedessen kommt es dann auch zu Fragen, mehr oder minder witzigen Sprüchen oder Diskussionen. Vieles davon versuche ich im Keim zu ersticken. Nicht, weil es objektiv schlimm wäre. Aber es drückt Knöpfe, es piekst mich hin und wieder doch „so eine“ zu sein.

Umso angenehmer sind dann die Begegnungen, wo mein nicht-christliches „Gegenüber“ irgendwann entspannt und mir dann sagt, dass ich „trotzdem“ noch irgendwie ganz locker und „cool“ bin. Oder die Freude zu sehen, dass ich durchaus auch mal n Witz abkann über „uns Christen“, Jesus und dergleichen.

„Die Christen, die ich sonst kenne, sind anders drauf.“ Mir fällt dann oft nur „Das tut mir leid.“ als Antwort ein und das tut es auch. Und wenn dich sojemand dann noch ins Vertrauen zieht und dich um ein Gebet bittet für ihn, dann hast du spontan was im Auge und natürlich betest du!

Nach wie vor ist ein großer Teil meines „engeren Kreises“ kein Christ, auch mein jetziger Partner nicht. Aber ich darf es sein. Bei dem einen mehr und offener, bei dem anderen weniger. Das ist für alle Beteiligten okay, hoffe ich. Ich bin niemand, der das ständig erzählen muss.

Allerdings bringt die Situation auch mit sich, dass man viel Zeit hat um sich mit den sogenannten sozialen Medien zu beschäftigen.

Das dominierende Thema derzeit ist verständlicherweise die „Corona-Pandemie“. Die Diskussionen diesbezüglich haben mich eigentlich nie wirklich berührt.
Manche waren amüsant, andere interessant, bei wieder anderen konnte ich nur den Kopf schütteln.

Aber hey, das ist das Internet. Und hat mit dem Christentum doch auch nichts zu tun, oder?

Also, wenn wir mal davon absehen, dass die Gottesdienste und ähnliche Aktivitäten ausfallen mussten. Darüber musste man großartig kein Wort verlieren, weil ja „alles“ ausfiel.

Es geht so.
Ich komme mit vielen „neuen Regeln“ relativ gut klar. Ich war nie jemand, der größere Menschenansammlungen mochte, der sich ständig mit anderen Menschen treffen musste, dem man erklären musste, wie man sich die Hände wäscht oder ähnliches. Für mich persönlich ist völlig klar, dass man Abstand halten muss, eine Maske trägt und sich nicht mit mehreren Menschen trifft, erst recht nicht in geschlossenen Räumen.

Und auch wenn die Gemeinde ein wichtiger Teil meines Lebens wurde, bin ich immer noch keine Christin, die ohne diese ihren Glauben nicht „ausleben“ kann.

Dieser Gemeinde bin ich mal ganz am Rande erwähnt, sehr dankbar, für die dort angebotene Alternative: wöchentlich wurden sowohl im Schaukasten vor der Kirche als auch auf der Homepage die Texte des Gottesdienstes geschrieben, den es gegeben hätte, hätte man sich treffen dürfen. Mir hat das emotional mehrmals den Allerwertesten gerettet.

Wie beschrieben bin ich seit einer ganzen Weile ohnehin phasenweise nicht in der Kirche anzutreffen. Dass ich gerade in letzter Zeit öfter dort war, ist ein unglücklicher Zufall.

An dieser Stelle spreche ich nur von mir, ganz allein und egoistisch. Aber denke ich an diejenigen, die mit mir im Gottesdienst saßen, werde ich nachdenklich. Wie viele davon kommen jetzt vielleicht gar nicht mehr heraus? Wem allen fehlt der Gottesdienstbesuch als Routine, eventuell sogar „Highlight“ der Woche? Wem fehlt der „Schnack“ mit dem Pastor oder dem Küster, weil sonst niemand zu Besuch kommt?

Ich weiß, wie schlimm es schon für mich war, als ich noch regelmäßig sonntags zur Kirche ging, wenn ich einmal nicht konnte, aus welchen Gründen auch immer. Es fehlte eben etwas. Wie viel schlimmer muss das für Menschen sein, deren Leben man durchaus als noch eintöniger bezeichnen kann, als meines. Noch dazu machen die Umstände sicher auch gerade vielen älteren Angst oder sie verstehen die Lage nicht.

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