„Echt, so eine bist du?“ Teil 3/5

Teil 3: Christ sein- eine Jugendsünde?

Nun möchte man meinen (in meinem Fall: hoffen), dass solche Vorfälle nach der Schulzeit aufhörten. Dem war leider nicht so.

Nach der Schule kam erst eine Maßnahme und dann die Ausbildung. Hier versteckte ich meinen Glauben schon mehr. Keine Bibeln, keine Kreuzketten. Nur ab und zu rutschte mir raus, dass ich den Gottesdienst am Sonntag sehr sch- „Was? Du warst in der Kirche? Freiwillig? Familienfest?“.

Je nach Abteilung musste auch die Kreuzkette Zuhause bleiben. Es könnte die Kollegen verschrecken, dieses „offene Bekenntnis“ zu sehen, Kundenverkehr gab es nicht. So trug ich sie bald nur noch in der Freizeit oder versteckt in der Hosentasche.

Das war und ist völlig okay. Ich hatte meine Gemeinde, ein paar wenige Freunde und Familienmitglieder (die meisten waren/sind auch hier atheistisch). Ein paar Mal hat es mich aber doch „angepiekst“.

Nach der Ausbildung bekam ich Gott sei Dank (haha) direkt eine Stelle. Ich saß mit etwa 15 anderen Menschen in einem Büro. Frühstücks- und Mittagspause wurde zumeist dort zusammen verbracht. Es dauerte keine Woche, bis ich wusste, dass wir exakt einen Christen unter uns hatten.

Das lag nicht etwa an seinen Psalm-und Jesusubildchen am Schreibtisch oder daran, dass er den Kollegen einen gesegneten Feierabend respektive ein gesegnetes Wochenende wünschte.
Es lag daran, wie man über ihn sprach, wenn er nicht im Raum war. Da wurde ganz offen gelästert über den „Dussel“ mit seiner Kirche und „seinem“ Jesus. (Ey, der gehört uns allen!)

Dass die Kollegen (auch hier wieder: nicht alle) das vor mir so offen taten, lag wohl zum einen daran, dass ich neu war und zum anderen daran, dass sie nicht ahnen konnten, dass ich ebenso Christin bin.

Wie in den Jahren zuvor sagte ich auch da zunächst lieber nichts. Die Kreuzkette blieb im Dienst Zuhause.

Nach einiger Zeit war mir das dann aber doch zu doof. Ich wünschte meinem Kollegen explizit auch ein „gesegnetes“ Wochenende, fragte ihn am Montag nach seinem Gottesdienst und erzählte von meinem.

Eine Kollegin war verduzt und fragte sofort „Du gehörst auch zu denen? Hätte ich nicht gedacht.“ in einem Tonfall bei „denen“, dass man meinen könnte, ich würde in meiner Freizeit Tiere mit Stromschlägen quälen.

Ich bilde mir nicht ein, dass die Kollegen in der folgenden Zeit weniger über ihn lästerten. Mir war und ist vollkommen bewusst, dass sie es nur weniger vor mir taten und wahrscheinlich auch über mich redeten, sobald ich den Raum verließ. Noch dazu las ich in der Frühstückspause in der nächsten Zeit in meiner Bibel, was sofort kommentiert wurde. „Sorry, aber besser als die BILD.“ war ein Gedanke, den ich mir dann aber verkniff laut zu äußern.

Da war meine Gemeinde, die ich immer noch sehr regelmäßig besuchte, ein guter Ausgleich. Auch wenn mich Bekannte nun öfter fragten „Ach, da gehst du immer noch hin? Du bist doch gar nicht mehr im Chor, oder? Dafür bist du jetzt zu alt, oder nicht? Und trotzdem gehst du immer noch zur Kirche?“.

Klar, so einen Gottesdienst verzeiht man einem Jugendlichen im Jugendchor natürlich eher, als einem Erwachsenen, der „einfach so“ zum Gottesdienst geht.

„Hey, was war eigentlich deine Jugendsünde?“ „Ich war beten. In einer Kirche.“

Dem Kinder- und Jugendchor war ich in der Tat inzwischen entwachsen. Die Proben besuchte ich hin und wieder aber weiterhin und half auch gerne bei Auftritten.

Das Angebot für Erwachsene kam aus mehreren Gründen für mich nicht in Frage.

Allgemein wurde es schon zur Schulzeit zur Gewohnheit, dass ich zumeist die erste Gottesdienstbesucherin war. So kam ich mit den Küstern dort ins Gespräch und durfte auch dort mithelfen.
Die Kirche war mein zweites Wohnzimmer geworden, ganz unspektakulär und schleichend. Irgendwann bezeichnete mich „mein“ Pastor dann spaßeshalber als „Kircheninventar“. Er hätte mir kaum etwas schöneres sagen können.

Was bis zuletzt aber auf meiner Arbeitsstelle blieb, war das Gefühl, nicht „dazu zu gehören“. Sicher spielten da auch andere Faktoren eine (wahrscheinlich sogar größere) Rolle, aber auch das war dort Realität.

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