„Echt, so eine bist du?“ Teil 2/5

Teil 2: Gott ohne Glitzer

Mit 14 erlebte ich etwas, das meine Welt, meine naive Kinderwelt voll „der liebe Gott hilft“, „der liebe Gott passt auf alle auf“ ins Wanken brachte. Etwas, bei dem ich heute verstehen könnte, wenn ich gedacht hätte „Wenn sowas passieren kann, kann es keinen Gott geben!“.

Aber das habe ich nicht. Ich habe geweint, gefleht, geschrien, angeklagt und gebetet. Teilweise stundenlang kniete ich ab diesem Zeitpunkt Abend für Abend vor meinem Bett und betete. Dies tat ich noch jahrelang.
Nie hatte ich einen Zweifel an der Existenz „meines“ Gottes. Der Glitzer war ab diesem Zeitpunkt nur irgendwie nicht mehr da. Den Konfirmationsunterricht habe ich in der Folge dann auch abgelehnt.

Mit 16 überredete mich eine damalige Schulfreundin, sie doch nach der Schule zu den Chorproben des Kirchenchors zu begleiten, in dem sie seit der Grundschule sang.

Da ich sehr gerne gesungen habe, der Schulchor aber nichts für mich war, begleitete ich sie.

Große Erwartungen hatte ich nicht, denn immernoch war ich kein kirchlicher Mensch, auch wenn ich weiterhin jeden Abend auf Knien vor meinem Bett betete.

Außerdem würden da andere Kinder sein und nicht zuletzt die Schulzeit hatte mich gelehrt, dass die mich zumeist nicht mögen.

Versprochen ist aber versprochen und bis heute bin ich dieser Freundin dankbar, dass sie mich dahin schleppte.
Hier lernte ich nicht nur u.a. neue Freunde kennen, sondern auch erstmalig, dass es noch andere Kinder und Jugendliche gab, die meinen Glauben teilten. Ich lernte neue schöne Lieder kennen, konnte Zeit mit Freunden verbringen und zur Ruhe kommen.

Außerdem war ich – von Taufen und Trauerfeiern abgesehen – das erste Mal wirklich in Gottesdiensten, denn der Kinderchor sang natürlich auch dort manchmal. Anfangs fühlte sich das noch sehr ungewohnt an, aber ich bekam ein Gefühl dafür, was die Menschen meinten, wenn sie davon sprachen, dass sie eine Gemeinde „bräuchten“.

Nicht, dass ich ihnen zugestimmt hätte, aber es war ein angenehmes Gefühl unter Gleichgesinnten zu sein.

Neben den Kindergottesdiensten, in denen der Chor zumeist sang und die fast immer vom selben Pastor geleitet wurden, begann ich auch andere Gottesdienste zu besuchen. Erst nur von diesem einen Pastor, später dann auch von anderen.
So ging ich über mehrere Jahre hinweg jeden Sonntag nach Möglichkeit in den Gottesdienst.
Dort fiel ich schon durch mein Alter auf. Die meisten dort waren entweder angehende Konfirmanden oder Menschen im Rentenalter, die sonst wahrscheinlich nur wenig Gelegenheit hatten ihre Wohnung oder das Heim, in dem sie lebten, zu verlassen. Dass diese Gemeinde dafür sogar einen Fahrdienst organisierte, fand ich damals schon großartig.

Etwa zur selben Zeit bekam ich meine erste „richtige“ Bibel geschenkt, eine Elberfelder. Ich wollte mehr über das Christentum erfahren, das ich doch meinen Glauben nannte. Der Glaube, der mir in der Kindheit so viel Kraft gegeben hatte und dann doch etwas von seinem Glitzer verloren hatte.

Ich war sehr stolz auf diese Bibel, die meine Patentante mir zu Weihnachten schenkte und neugierig darauf, wie viel ich wohl wiedererkennen würde und wie viel mir neu sein würde.

Daher nahm ich sie, ohne groß darüber nachzudenken mit in die Schule, um sie in den Pausen lesen zu können. Dass andere Schüler mich dafür komisch beäugten, auslachten, dumme Sprüche machten – geschenkt.

War ich gewohnt, seit Jahren schon, zu allen möglichen Themen.

Ich lernte nun also, dass Christen alle dumm und zurückgeblieben seien, das sei ja wohl klar. Dass man sich das bei mir ja auch gleich hätte denken können. Dass man gerade im ethischen Bereich meine Meinung nun auch getrost nicht mehr ernst zu nehmen brauche. Denn ich war ja „nur Christin“.

Dazu kamen dann die Diskussionen, die mir aufgezwungen wurden, zu Themen, zu denen ich keine Stellung beziehen konnte, da ich die nötigen Grundlagen nicht besaß.

Vorwürfe, ich würde damit einen „Verein“ unterstützen, der Kreuzzüge, Plündereien, Ausbeutung, Sklaverei, pädosexuelle Verbrechen, Homophobie, Inzucht etc. gutheißt, wurden laut.

„Was sagst du denn dazu? Kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren?“

Fragen, wie ich denn diese oder jene völlig aus dem zusammengerissene Bibelstelle sehen würde. Die meisten davon hatte ich selbst noch nicht gelesen, da die Bibel ja neu war. Natürlich erwartete man auch nicht wirklich eine Antwort.

Anfangs entgegnete ich noch überrascht, dass ich ja „schon immer“ Christin war, sogar jeden Sonntag seit längerem in die Kirche ginge und täglich betete. Was hatte sich denn durch das Mitführen dieses Buches geändert?

„Ach, echt? So eine bist du? Na dann ist ja alles klar.“

Mir war nichts mehr klar. Ich war extremst verunsichert. Was hatte ich falsch gemacht? War „das Christentum“ wirklich so böse? War man „kein Christ“, wenn man Homosexualität okay fand und die Kreuzzüge nicht?

Aus heutiger Sicht für mich der „Höhepunkt“ war allerdings, dass dies alles nicht nur von Schülern kam. Auch Lehrer waren beteiligt. Entweder, weil sie nicht eingriffen, obwohl sie es ganz offensichtlich mitbekamen oder sogar selbst Aussagen wie die obigen tätigten und mich teilweise sogar in der Benotung benachteiligten.

Hieraus half mir meine Chorleiterin zusammen mit ihrem Mann, einem Pastor der Gemeinde (im folgenden „mein“ Pastor).

Daraus folgte mein „erstes Mal Seelsorge“.

Ich schrieb „meinem“ Pastor, dass es mir nicht so gut ginge. Auf der Gemeindehomepage stand etwas darüber, dass die Pastoren in so einem Fall für einen ansprechbar wären um „Seelsorge“ zu leisten.
Ich hatte unglaubliche Angst. Angst vor meiner Courage die Nachricht geschrieben zu haben und Angst vor der Antwort, vor Ablehnung, vorm „nicht ernst genommen werden“.

Seine Antwort war sehr freundlich und einfühlsam, sodass wir einen Termin vereinbarten. Aus einem wurden diverse, über einen längeren Zeitraum verteilt, auch über die Schulzeit hinaus und ich bin diesem Pastor bis heute sehr dankbar. Diese Seelsorgegespräche legten den Grundstein dafür, dass ich mich einige Jahre nach der Schulzeit in eine Therapie begab.

In meinem Abschlussjahr bekam ich in einem Kurs, bei dem die Konsequenzen meines Glaubens besonders spürbar waren einen Lehrer, der neu auf unsere Schule gewechselt war. Der Kurs wurde geteilt und ich bemühte mich zu dem neuen Lehrer zu kommen, denn in dem alten Kurs fühlte ich mich aus den genannten Gründen sehr unwohl.

In der ersten Stunde fragte er den Kurs, was wir uns von ihm wünschen würden. Was solle er beachten: Was wollen wir und was wollen wir auf keinen Fall?

Ich traute mich nicht, mich zu melden, aber er bemerkte, dass ich etwas auf dem Herzen hatte. Kleinlaut gab ich an, dass ich nicht schlechter behandelt werden wolle, als die anderen im Kurs, weil ich Christin bin.
Er fragte lachend, wie ich denn auf die Idee käme, deswegen schlechter behandelt/benotet zu werden, ob das im vorangegangen Kurs geschehen sei. Einige andere Schüler fielen in sein Lachen mit ein.

Sein Lachen war kein „böses“ auslachen, er war verwundert.

Das Lachen der übrigen Schüler, die vorher allesamt mit mir im alten Kurs saßen, war anders. Nein, es lachten nicht alle, aber genügend.

Ich brauchte nicht antworten, das taten meine „netten“ Mitschüler für mich schon: Nein, soetwas war nie vorgekommen. Das bilde ich mir alles ein.

Es dauerte keine vier Wochen, bis er sich für seine Reaktion entschuldigte und versprach, besser aufzupassen. Nun hatte er im Unterricht erlebt, was ich meinte. Sein Unterricht war für mich ab diesem Zeitpunkt ein Aufatmen können, ein nahezu sicherer Raum.

Dass er selbst Christ war, erfuhr ich erst nach meinem Abschluss, als ich ihn zufällig bei einem Gottedienst in „meiner“ Gemeinde traf.

Die Bibel ließ ich übrigens sehr schnell Zuhause. Bis heute habe ich kaum weitergelesen.

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