Die Verbindung konnte nicht hergestellt werden

Heute möchte ich euch von etwas berichten, das mir vor etwa zwei Wochen passiert ist.

Zum Hintergrund sei gesagt:

Ich war in diesem Sommer für einige Wochen in einer psychiatrischen Tagesklinik. Dort gab es ein „Fach“ (ja, manchmal kam man sich vor wie in der Schule) namens „Kreatives Schreiben“.

Hier gab es jede Woche eine kleine Schreibaufgabe, zu der jeder Patient schreiben konnte, was er wollte.

Diese Aufgaben waren sehr unterschiedlich, mal gab es ein einzelnes Wort, zu dem wir etwas assoziieren sollten, mal gab es eine kleine Geschichte, die wir weiter spinnen sollten, mal bekamen wir ein Bild,… Am Ende wurden reihum die Texte vorgelesen und sich dazu ausgetauscht.

Man durfte aber auch nichts schreiben, wenn es nicht gelang. Nur versuchen sollte man es nach Möglichkeit.

„Hier können Sie nichts richtig machen, aber auch nichts falsch.“ war die Erklärung der Therapeutin.

Ein wenig frustrierend für meinen inneren Kritiker, der ja alles richtig machen will.

Einziger Trost war mein Wissen, dass ich gerne Texte schreibe (sonst gäbe es diesen Blog wohl kaum). So wurde es tatsächlich zu einem meiner Lieblingsfächer und ich merkte wieder einmal, dass das Schreiben mir einfach gut tut und ich nahm mir vor, nach der Tagesklinik weiter regelmäßig mindestens einmal in der Woche zu schreiben.

Kennt ihr das Ding mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr? So ging es mir mit diesem Vorsatz. Pläne sind ja ohnehin nicht sehr zuverlässig bei mir, wie der aufmerksame Leser inzwischen weiß. (Den anderen empfehle ich meinen Beitrag „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst“)

So vergingen die ersten Wochen, ohne dass ich auch nur ein einziges Wort zu Papier brachte, weder handschriftlich, noch getippt.

Das erwähnte ich vor knapp zwei Wochen einer sehr guten Freundin gegenüber. Sie fragte mich, woran es denn scheiterte. Zunächst wusste ich selbst keine Antwort. Dann fiel mir auf, dass ich nicht wusste, worüber ich schreiben sollte. Mir gab niemand mehr einen „Auftrag“ und somit fehlte mir die Idee.

Sie bot mir an, mir zu helfen, indem sie mir regelmäßig ein Thema vorschlug, über das ich etwas schreiben könne. Ideen dafür hätte sie genug. Erwähnte ich, dass sie wirklich eine gute Freundin ist?

Wir einigten uns grob auf eine Woche für jede Aufgabe respektive jedes Thema.

Einmal in der Woche müsste ich es hinbekommen können für mich und mein Hobby Zeit zu erübrigen. Ich brauchte für mich einen zeitlichen Rahmen, damit ich mich auch wirklich hinsetze und es nicht ewig weiter aufschiebe. Andererseits wusste und weiß ich auch, dass meine Freundin keinen wirklichen Zeitdruck aufbauen würde und ich jederzeit auch das Thema tauschen könnte. Wenn da nicht ein gewisser Ehrgeiz wäre…

So lautete das erste Thema „Urlaub“.

Na, woran denkt ihr dabei als erstes?

  • Sonne, Strand und Meer?
  • Wandern in den Bergen?
  • Spannende Städtereisen, fremde Kultur, Museen, Theater?
  • Exotisches Essen?
  • Eure Familie oder Freunde als Reisebegleiter?
  • Ans Koffer packen, Flughäfen und Bahnhöfe?
  • Ruhe, Entspannung, Ausgleich zum Alltag?
  • Ein gutes Buch zu lesen bei einem Glas Wein?
  • Oder doch Spannung und Abenteuer und sportliche Aktivität?

Schreibt mir gern eure eigenen Assoziationen in die Kommentare, ich bin sehr gespannt!

Ganz offensichtlich ist mein Kopf durchaus in der Lage, solche Verbindungen zu knüpfen.

Anfangs war mein Kopf aber komplett leer.

„Urlaub, oh cool!“ Stille. Nichts, aber auch gar nichts kam an Ideen oder auch nur Stichworten und Bildern. Die Verbindung konnte nicht hergestellt werden.

So ging es mir einige Tage. Meine Freundin fragte schon, ob sie ein anderes Thema wählen sollte. Aber nein, ich wollte es schaffen.

Ich fing an mich zu fragen, warum mir der Zugang so schwer fiel. Ich bemerkte einen Knoten im Bauch, aus Anspannung und Angst. Angst, sowohl was mein bisheriges Versagen betraf, innerhalb einer Woche (diese war nun schon verstrichen) einen Text zum vorgegebenen Thema zu schreiben, allerdings auch Angst und Anspannung das Thema selbst betreffend.

Als ich das verstand und versuchte völlig wertungsfrei anzunehmen, kamen erste Schlagworte in meinem Kopf und ich begann eine Mindmap zu erstellen:

  • Stress
  • Organisation
  • Unvorhergesehene Ereignisse
  • Ungewohnte Umgebung
  • Routinen evtl. eingeschränkt
  • Angst
  • Flexibilität/Spontanität (und zwar die erzwungene Form. Ich verweise hier nochmals auf meinen Text „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst“)

Puh… da saß ich in meiner Ergotherapie vor dieser Mindmap und sah, dass da alles eher negativ, bestenfalls neutral war. Da war nichts positives verknüpft.

Frustriert wandte ich mich an eine Mitpatientin und erzählte ihr von dem Dilemma, dass ich einen Text über „Urlaub“ schreiben „soll“/will, mir aber nichts Positives einfallen will.

Sie sah mich verständnisvoll an und half mir mit ein paar ihrer spontanen Assoziationen. Über sie und über den Gedanken „Was könnten andere Menschen mit diesem Begriff verbinden?“ kam ich weiter.

Ich erinnerte mich an meine eigenen Urlaube.

Zeiten, die ich als „Ferien“ oder „Urlaub“ bezeichnen würde, lagen schon weit zurück und waren fast wie aus einem anderen Leben.

Aber die Erinnerungen waren noch da, nur etwas verschüttet. Es brauchte diesen kleinen Schubs von außen, um sie wieder frei zu legen.

Meine Mindmap wuchs und war nun zum großen Teil sogar positiv, ohne, dass ich meine ersten eigenen Ideen ausradieren musste. Das tat gut. Das Negative durfte stehen bleiben, verlor bei all den anderen, ich nenne sie mal sonnigen Begriffen, aber seine Schwere.

Durch diese Begebenheit fällt mir wieder einmal auf, wie unterschiedlich „wir Menschen“ sind. Wie verschieden wir Dinge auffassen, bewerten und verbinden. Und selbst ein einzelner Mensch verändert den Bezug zu manchen Sachen einfach durch das, was er erlebt hat mit allen seinen Facetten.

Hätte man mein 8-jähriges Ich nach „Ferien“ gefragt, wären da sicher ganz andere Antworten gekommen.

Von Ferien bei Oma und Opa hätte ich erzählt, von Tieren, vom Strand und der Ostsee mit Mama, meinem Bruder und Freunden, von Reisen ins Ausland mit meinem Vater, von viel Spaß, tollen Geschenken, weniger Regeln, keine Schule, von Sorgenfreiheit (wobei: Nimmt eine 8-Jährige das bewusst wahr und kann es benennen?).

Während ich den letzten Absatz geschrieben habe, habe ich angefangen zu weinen.

Ja, die Erinnerungen sind noch da. Ja, das alles ist mir passiert und ja, ich hätte es in früheren Jahren anders erlebt.

Aber das alles fühlt sich nicht mehr so an. Es fühlt sich nicht mehr an wie „meins“. Nicht mehr, als wäre es ein Teil von mir. Meistens jedenfalls nicht mehr.

Auch das beeinflusst Assoziationen. Was gehört eigentlich noch mir? Ist es noch „meins“, wenn es einen Schubs von außen braucht? Ein „schreib doch davon, wie du am Strand warst“ (nein, der Satz fiel nicht).

Ganz ehrlich, ich beneide mein Kind-Ich absolut nicht, ich würde niemals mit ihr tauschen wollen und gönne ihr ihre guten Erfahrungen von Herzen. Dafür hat sie viel schweres ertragen müssen, mit dem ich nicht mehr konfrontiert sein wollte.

Aber manchmal werde ich neidisch. Neidisch auf mich als Kind, neidisch auf andere Menschen.

Auf jeden, der beim Gedanken an den nächsten Weihnachtsmarkt nicht an Gedrängel und Reizüberflutung denkt, sondern an heißen Punsch und gebrannte Mandeln. Auf jeden, der vor einem Theaterbesuch nicht betet, der Platz vor einem möge frei bleiben, damit man noch was sehen kann, sondern der sich wenn überhaupt Sorgen macht, dass das Stück vielleicht doch nicht so gut sei, wie Freunde berichtet hatten.

Auf jeden, der auf eine Geburtstagseinladung ehrlich mit „Ja, gerne“ antwortet, auch wenn dort unbekannte Menschen sind.

Und ein kleines bisschen auf jeden, der diese Gedanken absolut nicht verstehen kann, selbst wenn das in letzter Konsequenz heißt, dass er mich damit nicht ernst nehmen kann.

Mir wird immer wieder vor Augen geführt, wie stark mein Inneres mich schützt.

Das geht nicht nur soweit, dass ich offensichtlich negative Ereignisse, wie Hänseleien in der Schule, streitende Eltern oder schmerzhafte Torturen bei Ärzten verdränge. Oft fällt es mir dann schwer zu verstehen, warum das passiert. Warum habe ich diese Blackouts/Filmrisse?

Warum kommt mir beispielsweise beim Begriff „Urlaub“ nicht als erstes der Gedanke an Disneyland Paris mit meinem Vater, wo ich viel Spaß hatte?

Oder daran wie ich bei Oma und Opa in den Ferien war. Dort, wo Opa mit mir und seinem Hund gespielt hat und Oma mich mit meinen Lieblingsspeisen verwöhnte?

Ich gebe zu, ich habe hierzu keine Antwort, nur zwei Theorien.

  1. Wenn ich an die positiven Erlebnisse denke, denke ich meist automatisch auch weiter. Denn Ferien waren auch „Flucht“ vor der Schule und dem ganzen Stress dort.
    Bei meinen Großeltern war mein Opa als Choleriker oft sauer auf mich (ich konnte ganz schön frech sein!) und hat das völlig anders geäußert, als ich es von Zuhause gewohnt war.
    Bei meinem Vater in den Ferien gab es viel weniger Regeln und Rituale. Das habe ich auf der einen Seite sehr genossen. Auf der anderen Seite fehlten mir dadurch auch oft Sicherheiten. Was passiert wann und warum? Nichts war mehr klar strukturiert.
    Das sind alles Dinge, die mir bis heute wichtig sind und an die ich wie oben erwähnt auch mit als erstes denke, beim Begriff „Urlaub“.

    Damit diese negativen Verknüpfungen einfach gar nicht kommen, setz mein Kopf eventuell etwas vorschnell ein „Stopp-Schild“. Wo einfach nichts ist an Erinnerungen, sind auch keine bösen.

  2. Hier muss ich als erstes sehr ehrlich sein. Ich war mal ganz anders. Ich war mal ein sehr fröhliches Kind, das den meisten Dingen etwas positives abgewinnen konnte. Mein Fokus lag nicht auf der Frage nach der Gefahr, sondern darin, das Gute zu entdecken. Darin war ich ziemlich gut.
    Darin bin ich mittlerweile sehr schlecht. Mein Fokus hat sich komplett verändert mit der Krankheit.

    An dieser Stelle sei ganz klar gesagt: Beides ist (zumindest für einen erwachsenen Menschen) nicht gesund! Dieses „alles positiv sehen“ ist ein Faktor, der höchstwahrscheinlich zu meiner Erkrankung geführt hat. „Höchstwahrscheinlich“, weil sich heute nicht mehr genau klären lässt, wo welche psychische Einschränkung ihren Anfang nahm.
    Dieser Umstand ist ein Grund, warum „think positive“ oder alles was in diese Richtung geht, für mich ein enorm großer Trigger ist. Ein weiterer Grund ist, dass ich mich dann wie ein Versager fühle (mal wieder), weil ich das eben nicht mehr auf die Reihe bekomme „einfach mal positiv zu denken“.

    Aber „es ist ja, wie es ist“ wie man hier oben so schön sagt. Damals war ich so, eventuell war es auch da schon ein Selbstschutzmechanismus. Vielleicht war ich aber zumindest größtenteils auch einfach ein unbeschwertes, „normales“ Kind.

    Dieser negative Fokus könnte die Bewertung meiner Vergangenheit auch einfach verändert haben. Vielleicht habe ich die Ferien gar nicht als Flucht vor der Schule oder vor Arztterminen erlebt.

Ich weiß ganz ehrlich nicht, ob davon irgendetwas logisch klingt oder gar zutrifft. Nicht mal, ob das zwei sich ausschließende Theorien sind oder sie sich ergänzen. Wenn ich versuche darüber weiter nachzudenken, merke ich nur, wie meine Gedanken anfangen zu rasen, sodass ich keinen einzigen mehr gefasst bekomme.

Die Verbindung kann nicht hergestellt werden. Once again.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s