Die Sache mit der Lust (kein FSK 18)

Keine Angst, es folgt hier kein Bericht über mein Liebesleben!

Auch wenn diese Form der Lust sicher eine wichtige und schöne Rolle im Leben vieler Menschen spielt, ist „Lust“ für mich ein viel weiter gefächerter Begriff.

Dass ich Depressionen habe, dürfte dem aufmerksamen Leser mittlerweile bekannt sein.

„Ich habe Depressionen“, das klingt wie „Ich habe Kaninchen“. Niedlich irgendwie.

Dass Depressionen nicht „niedlich“ sind, davon erzählen Gott sei Dank immer mehr Menschen und auch ich möchte dies gerne immer mal wieder anmerken.

Aber nicht heute.

Heute möchte ich nur auf ein ganz spezielles Symptom zu sprechen kommen, welches mich ganz persönlich betrifft. Denn auch das ist Depression: persönlich – individuell.

Ein Leben, in dem die „Lust“ abhanden gekommen ist, ist recht trostlos.

Wie wichtig es ist, auf Dinge im Leben Lust zu haben, weiß ich erst seit der Depression. Also, seit ich von dieser weiß und mich bewusst mit ihr auseinandersetze.


Manchmal sitze ich da und denke an Dinge, auf die ich früher Lust hatte. Und dann denke ich daran, dass ich gerne wieder Lust hätte, aber nicht habe.


Ich will Lust haben.


An meinen guten Tagen. An den mittleren will ich Lust haben wollen. An den eher schlechten Tagen will ich gar nichts. Die schlechten Tage lasse ich hier einmal außen vor. Mit etwas Phantasie, könnt ihr euch vorstellen, wie meine schlechten Tage sind und eventuell gehe ich in einem anderen Beitrag darauf gesondert ein – dann vermutlich mit Triggerwarnung.


Egal ob eine Aktivität, bestimmte Musik/-interpreten, Filme/Serien, die Gesellschaft von anderen Menschen im Allgemeinen oder Speziellen, ein Nahrungsmittel, ein Kleidungsstück, die Liste der Dinge, auf die ich mal Lust hatte, ist lang.
Aus meiner Erfahrung heraus (was nicht viel bedeuten mag, sie ist aber meine sicherste Quelle), können die Tage ohne Lust sehr lang werden.

Ist euch eigentlich bewusst, auf wie viele Dinge ihr am Tag im Grunde genommen Lust habt? Vielleicht nur sekundär, aber manchmal reicht das.

Wer hier hat zum Beispiel Lust auf Fenster putzen? Oder die Zähne? Wer denkt sich schon bei der Arbeit „Später einmal komplett durchsaugen, da habe ich richtig Lust drauf nach Feierabend!“. Solche Menschen mag es geben, viele sind es aber wohl nicht.
Ich gehöre definitiv nicht dazu, so viel sei verraten.

Ich sage euch jetzt, dass ihr (na ja einige von euch) zumindest sekundär darauf wahrscheinlich Lust habt. Zumindest auf die Konsequenz: eine saubere Wohnung, streifenfreie Fenster, gepflegte und gesunde Zähne.

Das sind nur wenige Beispiele zu Dingen, die bei mir keine „Lust“ auslösen, aber in gewissen Rahmen einfach notwendig sind.

Die Folge daraus: Ich muss! Müssen hat nichts mit Lust zu tun, sondern mit Zwang.

Ich zwinge mich, denn unterm Strich ist es doch egal, ob die Dinge erledigt sind, weil ich sie aus Lust heraus erledigt habe, oder mich dazu gezwungen habe, oder?

Die Antwort ist: Jain.

Deinen Zähnen ist es in der Tat egal, ob du voller Glücksgefühle vorm Spiegel stehst, lächelst, tanzt und dich über ein gepflegtes Gefühl im Mund freust oder ob du mit leerem Blick erst einmal für quälende Minuten die Zahnbürste anstarrst.

Für deine Zähne ist nur wichtig, dass sie regelmäßig mehr oder minder gründlich gereinigt werden, wie ist egal.

Aber für mich ist es nicht egal. Natürlich kann ich nicht alles mit „Lust“ machen. Nicht alles im Leben macht Spaß. Genauso bin ich weit weg davon, dass mir „nichts“ Freude bereitet. Die Zeiten habe ich zwar, aber das sind kürzere Phasen.

Für mich persönlich habe ich allerdings festgestellt, dass es einen großen Unterschied macht, ob ich etwas tun „muss“ oder „möchte“.

Die Zähne sind hier ein von mir sehr bewusst gewähltes Beispiel, wer mir auch auf Instagram folgt, der wird es ahnen, denn auch dort gab es schon einen Zahn-Beitrag.

Meine Zähne gehör(t)en zu den wenigen Bereichen meines Körpers, die mir gefallen haben. So fiel mir das Putzen auch immer leicht, denn es war ein „unproblematischer“ Bereich. Zähne putzen geht irgendwie immer. Der Zahnarzt freute sich jedes Mal und lobte durchaus auch meine Mundhygiene regelmäßig.

Auch so gab es mal Komplimente, von Fremden wie von Bekannten. Komplimente sind für mich ein zwiespältiger Bereich, aber wenn du deinen Selbstwert nur durch positives Feedback von außen aufwerten lässt, sind sie wichtig, vielleicht sogar lebesnotwendig.

Zurück zum Thema:

Die Abwesenheit von „Lust“/Interesse ist ein bekanntes Symptom der Depression.

Das Wissen darüber hilft jetzt wie? „Oh, ich habe keine Lust auf XY (hier beliebiges einfügen, worauf man zuvor Lust verspürte). Das ist ja auch logisch, denn ich habe Depressionen. Das sollte ich schnell ändern und wieder Lust darauf haben.“

Und zack – zumindest ein Symptom beseitigt, ein Schritt näher zum nicht-depressiven Zustand.

Ja, schön wär’s.

Ganz so einfach ist es nicht, aber für mich ist es wichtig, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Im Groben habe ich dafür drei verschiedene Ansatzpunkte.

  1. Ich überlege mir, warum ich kein Interesse an XY habe. Das ist der für mich einfachste Weg, aber auch der gefährlichste. Den „Haken“ zu finden, darin ist mein Kopf ganz klasse. „Schwarz sehen“ nennen es manche.

    An guten Tagen jedoch kann ich daraus erkennen, dass viele der „Gründe“ schlichtweg nicht zutreffen. Dass zum Beispiel Ängste dahinter stehen zu Horror-Szenarien in meinem Kopf, die definitiv realitätsfern sind.

    An weniger guten Tagen befeuere ich mich damit nur selber und rutsche tiefer. Wie gesagt ist mein Kopf sehr gut darin, Dinge zu konstruieren, die mich abschrecken etwas zu tun.

  2. Ich überlege mir, warum ich Interesse haben könnte oder mal hatte. Das ist etwas schwieriger, aber zumindest für den gesunden Teil meines Hirns durchaus machbar. „Man“ (eigentlich sollte da ein „ich“ stehen) hat Lust, sich mit Menschen zu treffen, weil „man“ da in der Vergangenheit Spaß hatte und es sich als eine gute Entscheidung herausgestellt hat.

    Bei mir ist diese Variante sehr rational, wodurch es dann für mich schwer wird, da emotional einen Zugang zu finden. Aber da oft ich ein rationaler Mensch bin, fällt es mir verhältnismäßig leicht und manchmal komme ich auch darüber ins Handeln. Zugegeben, die Lust kommt dann oft erst später.

  3. Der absolut schwierigste Weg für mich ist das Fühlen.
    Ich versuche nicht rational mich zu erinnern oder rationale Gründe für wasauchimmer zu finden, sondern erinnere mich an eine Situation in der Vergangenheit und versuche mich emotional da wieder rein zu versetzen.

    Mit Glück komme ich an dieses Gefühl gut genug ran, dass ich es „wieder haben will“ und den Mut finde, die Situation anzugehen.

    „Mut“ klingt jetzt erstmal sehr theatralisch, gerade wenn man zurück an das Beispiel des Zähneputzens denkt oder daran sich mit einer Freundin zu treffen. „Bist du mutig genug die Zahnbürste in die Hand zu nehmen?“ klingt albern, oder?

    Da ich viel mit Ängsten verschiedener Natur zu kämpfen habe, was sich auch in anderen Diagnosen zeigt, ist es aber der Begriff, der mir sofort „auf der Zunge“ liegt, weswegen ich ihn hier auch weiter stehen lasse, auch wenn es schwer fällt. Natürlich kämpfe aber auch ich mit Antriebsschwächen, die nichts mit Ekel oder Angst zu tun haben.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass der letzte beschriebene Weg derjenige ist, den ich am seltensten gehe. Zugang zu meinen eigenen Gefühlen zu bekommen, die nur was mit mir zu tun haben, fällt mir die meiste Zeit einfach schwer.

Schwierig wird es dann für mich auch, nicht parallel in die Selbstabwertung zu gehen. Auch so ein Talent von mir.

Wir kennen das wahrscheinlich alle manchmal von uns „Wie dumm bin ich eigentlich?“ meist mit einem Lachen und einem Mitlachenden, aber wohlwollenden Gegenüber. So ein Ungeschick, dass einfach mal passiert und man amüsiert sich gemeinsam darüber. Das ist nicht, was ich mit „Selbstabwertung“ meine.

Übrigens komme ich an diesen Punkt, egal, ob ich es schaffe ehrliche Lust aufzubauen, oder nicht. Wie gesagt, ich habe da ein echtes Talent und zwar keines, auf das ich stolz wäre.

Der Punkt „Akzeptanz“ ist ein ganz wichtiger, das merke ich immer wieder. Darf mir etwas schwer fallen? Darf ich Symptome haben? Darf ich denen sogar nachgeben? Darf ich Dinge nicht schaffen? Keinen Weg aus der Lustlosigkeit finden?

Und wenn ich den Weg doch gefunden habe, darf es trotzdem okay sein, dass er schwer war?

Und dann muss ich bei weiter fehlendem Interesse ja auch noch unterscheiden, wann ich Dinge dann einfach nicht mache, und wann es eben doch „muss“.

Da gibt es Dinge, bei denen die Unterscheidung leicht fällt. Keine Lust auf ein Lied oder Musik im Allgemeinen? Gut, muss ich jetzt nicht hören. Radio, CD, Streaming Plattformen bleiben aus.

Keine Lust auf Zähneputzen? Das muss wohl trotzdem klappen, denn wie oben erwähnt, ist meinen Zähnen meine Lust piepsegal.

Aber es gibt auch die Bereiche, die weniger leicht sind.

  • Termine bei Ärzten, Betreuern, Therapeuten
  • Treffen mit Freunden, Familie
  • Gefallen tun, die man zugesichert hat, als es einem gerade besser ging
  • Handgriffe, von denen man weiß, dass sie auch jemand anders tun könnte (mit mehr oder minder hohem Aufwand), es aber die eigene Aufgabe wäre
    Da spielt auch das Thema „Hilfe annehmen“ eine Rolle

Wann ist es okay einen Arzttermin abzusagen oder zu verschieben? Wenn der Stress eine Migräne auslöst, oder „darf“ ich das schon bei Bauchschmerzen? Wenn ich aber schon bei einem Arzt einen Termin mache, bin ich überhaupt „krank genug“, Anspruch darauf zu haben, wenn ich nicht alles daran setze, hin zu gehen?

Darf ich meiner besten Freundin absagen, obwohl ich das schon zwei Mal diesen Monat getan habe und es ja „nur“ der Kopf ist, der nicht mitspielen mag? Alle guten Dinge sind vielleicht drei und das vierte Mal darf ich nicht mehr absagen?

Wenn ich jemandem versprochen habe, einen Gefallen zu tun, eventuell sogar zu einer bestimmten Zeit, muss ich das dann?

Unterm Strich bleibt die Frage: Was ist (gesunde) Selbstfürsorge und wo bestärke ich mit einer Absage, einem Rückzug, nur meine Depression oder nutze sie eventuell sogar als Fluchtmöglichkeit (um das Wort „Ausrede“ hier zu vermeiden, weil ich das wirklich wertungsfrei meine).

Die Antworten auf diese Frage habe ich bislang noch nicht gefunden und ehrlich gesagt, ich habe jetzt auch gerade gar keine Lust darüber nachzudenken.

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