„Wenn du Gott zum Lachen bringen willst…“

„…dann erzähle ihm von deinen Plänen“ (Blaise Pascal (1623-1662; Mathematiker, Physiker, Philosoph)

Ich glaube, Gott lacht im Moment oft über mich. In meiner Vorstellung tut er das wenigstens nicht boshaft, mehr verständnisvoll.

Pläne schmieden ist ein schwieriges Thema für mich, seit ich lerne mir meine psychische Lage einzugestehen. Also jetzt schon mehrere Jahre.

Pläne bauen bei mir meistens einen Leistungsdruck auf. Nicht von Außenstehenden, sondern ganz tief in mir drinnen.

Deswegen ist es für mich ein Zeichen eines „Hochs“, wenn ich merke, dass ich Pläne mache. Ganz egal, ob ich sie dann auch ausführe. Allein der Gedanke daran ist ein positives Zeichen.

Zugegeben: Das zu sehen fällt mir unglaublich schwer. Wenn ich Pläne schmiede und diese dann aber nicht schaffe auszuführen, dann ist das sehr schlimm für mich. Ich bin übrigens furchtbar gut darin Pläne zu schmieden, die ich dann nicht schaffe. Ich will dann einfach offensichtlich zu viel. Und das auf der Stelle und für immer ohne Ausnahme.

Einige Beispiele für die Pläne, die ich mir in den letzten Monaten so gemacht habe:

  • Durchgehend (ganz wichtig!) gesund ernähren (ich verweise hier gerne noch einmal auf das Buch „Fettlogik überwinden“)
  • Dadurch dann hoffentlich abnehmen – bitte mindestens 1 kg pro Woche
  • Bloggen
  • Bewegen, so gut es eben geht
  • Haushalt/Frühjahrsputz
  • Haushaltsbuch führen, ggf. Geld sparen
  • Fahrtenbuch führen
  • Regelmäßig mit Freunden und Familie treffen
  • Wöchentlich zum Pferd fahren
  • Dinge aussortieren
  • aussortierte Dinge verkaufen oder spenden
  • In der Therapie voran kommen (d.h. Unter anderem:)
    • Vergangenheit aufarbeiten
    • Essstörung bekämpfen
    • Lernen achtsamer und gnädiger mit mir umzugehen

DRUCK!

Zu viel des Guten (?) und ich mach komplett dicht. Trotzdem oder gerade deswegen ist es super, wenn ich beginne in meinem Kopf Pläne zu machen. Es ist Zeichen dafür, dass der Tiefpunkt meiner depressiven Episode durchschritten ist. Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehr depressiv bin in meinen Hochphasen, aber es zeigt, dass es Hoffnung auf Besserung gibt.

Jetzt könnte ich ja bei der Planung das schon mit einbeziehen und Pläne machen, die ich auf jeden Fall einhalte oder eine Mischung aus „kann ich definitiv abhaken“ und „könnte herausfordernd sein“.

Ja, toller Plan. Klappt nicht. Aus Prinzip, weil Murphy dagegen ist. Oder Karma. Oder Gott einfach mal lachen will, bei dem, was wir Menschen so alles vermurksen auf der Erde.
(An dieser Stelle sei kurz gesagt: Ja, ich bin Christ. Nein, ich diskutiere nicht gern darüber und ich habe nicht den Drang andere zu bekehren, genauso wenig wie ich bekehrt werden mag zu etwas Anderem.)

Selbst wenn mein Plan nur wäre „Zähne putzen“ (wer mir auf Instagram folgt wird es wissen), kann das durchaus scheitern. Die Tagesplanungen werden dadurch auch nicht kürzer, dass ich diesen ganzen „Kleinkram“ dazu nehme. Dann kommt nämlich mein Ehrgeiz. Da kann ja nicht nur „Zähne putzen, duschen“ etc. Drauf stehen. Das ist doch keine Leistung, das ist doch eine Selbstverständlichkeit!

STOP!

Hier muss ich mich dann oft ganz bewusst zurücknehmen. Mag ja sein, dass vieles davon eine Selbstverständlichkeit sein sollte, vieles davon ist es eben aber nicht für mich. Sonst würde ich es ja wahrscheinlich auch nicht unbedingt auf meinen Plan schreiben. Das so offen zu schreiben löst übrigens ein großes Schamgefühl bei mir aus. Ich finde es aber wichtig, darüber offen zu sprechen, daher lasse ich es auch genau so stehen.

Okay, also tief durchatmen und einen kürzeren Plan schreiben (wieder nur ein Beispiel):

  • Zähne putzen

    – Ende-

Jetzt können verschiedene Dinge passieren.

Szenario 1:

Ich putze meine Zähne nicht. Der Druck und der Trigger dahinter sind zu groß, der Antrieb kaum vorhanden. Plan gescheitert. Frust, das Gefühl, ein totaler Versager zu sein, etc. pp. Das volle Programm.

Szenario 2:

Ich putze meine Zähne. Zufrieden? Auf keinen Fall, wieso auch? Weil ich diese „tolle Leistung“ des Zähneputzens vollbracht habe? Großartig – Applaus für den Star, sie bekommt einen Preis verliehen. Sarkasmus Ende.

Daraus resultieren wieder Frust, das Gefühl, ein totaler Versager zu sein, etc. pp. Abermals das volle Programm eben.

Szenario 3:

Ich putze meine Zähne und bin mit mir zufrieden, weil ich den (gesamten) Plan eingehalten habe und eben weil ich Zähne geputzt habe und ich mir ja zugestehe, dass es heute durchaus eine Leistung war. Eventuell mach ich danach sogar noch etwas anderes und geh nicht direkt wieder ins Bett. Quasi mehr als überhaupt auf der Liste stand.

Zwischenfrage: Welches Szenario haltet ihr für am wahrscheinlichsten bei mir?

Kleiner Tipp: Die Drei ist es nicht.

Die Versuchung nach Szenario 1 oder 2 ist groß, das Planen zu lassen. Pläne nützen eh nichts, lösen Frust aus und Aggressionen gegen mich selbst. Da kann ich es auch gleich bleiben lassen.

Vorteil: Man wird notgedrungen spontaner. Mir geht es heute schlecht? Kein Problem, steht ja eh nichts auf dem Plan

Nachteil: Ich bin kein spontaner Mensch, da ich den Kontrollverlust fürchte. Wenn man nie sagen kann, wie es einem am kommenden Tag, kommende Woche, kommenden Monat, geht, macht man eben keine Pläne und wenn man alles kontrollieren will, ist Spontantität der Todfeind.

Zurück zu meiner aktuellen Situation und mein Plan, wie das mit dem Planen weiter gehen soll.

Am Anfang des Jahres habe ich meine Medikamente gegen die Depressionen und Panikattacken nach und nach abgesetzt.

Das hat mich komplett aus den Fugen gehauen, auch wenn es ärztlich begleitet und nur in kleinen Schritten der Fall war.

Es hat mich auch nicht großartig gewundert, dass meine Depressionen und die Ängste in voller Wucht zurück kamen. Ich hatte nur verdrängt, wie stark sie vor den Medikamenten waren.

Konkret heißt das:

Mein Antrieb ist für längere Zeit komplett im Keller gewesen („Abwaschen? Warum?“ „Trinken? Hab ich heute schon… glaube ich.“). Für meine Assistenzkraft glaube ich keine schöne Zeit und arbeitsreich.

Essen ging – leider! Viel zu gut. Anders als das typische Symptom der Appetitlosigkeit, fange ich dann an alles in mich rein zu stopfen, am liebsten das, was ich auf Grund meiner Ernährungsumstellung gar nicht mehr essen will. Hunger? Nein? Appetit.. na ja viel durchaus ja. Aber darüber hinaus ging es bis zur totalen Übelkeit. („Halte ich ja eh nicht durch! Ich werd fett und hässlich sterben. Hoffentlich bald.“)

Ich war reizbar wie sonstwas und allgemein extrem emotional. (Ich habe schon bei billigen Werbespots geweint vor Rührung und dergleichen.)

Hallo, liebe Panikattacken. Nicht, dass ich euch vermisst hätte, aber fühlt euch ganz wie Zuhause. Ach Mist, das tut ihr eh, habe ich ganz vergessen.

Nähe ertragen war nahezu unmöglich. Emotional wie physisch einfach nicht angenehm. Ich wurde innerlich unruhig, alles kribbelte in mir und ich wollte mich einfach nur verkriechen.

Absolut alles war anstrengend und dass ich auch mehr an meinen Tod gedacht und ihn herbei gesehnt habe, habe ich oben ja schon angedeutet.

So lief es bis etwa Mitte März.

Dann keimten die ersten Pläne in mir auf, da zum Beispiel mein Gewicht in den ersten zwei Monaten extrem gestiegen war. Wen wundert das auch? Von den ehemals 26 abgenommenen Kilos haben 10 wieder den Weg zurück zu mir gefunden.

Okay, Fokus auf die Ernährung legen. Lief super! Eine Woche lang… die nächsten 1-2 Wochen wieder gar nicht.

Also Neustart. Klasse, läuft! Ungefähr drei Tage. Dann wieder minmal eine Woche sehr schlecht. „Schlecht“ heißt, dass ich die Kalorien doppelt und dreifach wieder drauf hatte, die ich in meinen „guten“ Tagen eingespart habe.

So in der Art läuft es also seit März. Mein Gewicht ist minimal runter gegangen, aber lange nicht so sehr, wie es sollte. Mittlerweile stehe ich zumindest wieder bei 22 Kilo Abnahme

Therapie läuft seit ein paar Wochen nun wöchentlich statt 14-tägig, das passt mir super und ich habe auch das Gefühl, dass sich in mir was bewegt.

Eine Weile war mir der wöchentliche Tonus zu viel, später ging es dann nicht mehr anders. Bedingt durch meine schlechte Episode ab Januar, hat meine Ärztin (Psychiaterin und gleichzeitig meine Therapeutin) wöchentliche Termine möglich machen können. Anfangs war ich noch sehr skeptisch, mittlerweile bin ich sehr dankbar dafür.

Der Antrieb hat ein wenig zugenommen, zumindest was meine Ordnung und das Haushaltsbuch angeht. Auch bin ich wieder mehr draußen, trotz meiner Ängste. Aber hier immer noch nur in Begleitung. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren bin ich soetwas ähnliches wie braun, zumindest an den Unterarmen.

Die Ängste sind nach wie vor größer als mit dem Medikament. Ich würde gern sagen, dass das schon „okay“ ist oder dass ich lerne damit umzugehen. Bislang ist das aber noch nicht der Fall.

So sitze ich wieder hier und mache Pläne und übe etwas neues, nämlich den „Mittelweg“:

  • Regelmäßiger bloggen
  • Genug trinken
  • Ernährungsapp führen und Kalorienbudget einhalten
  • Täglich Zähneputzen, Gesichtspflege, duschen
  • Mich über Bullet Journals informieren

Und ich schaue zum Himmel herauf und muss schmunzeln.

„Na, Gott? Darf es zur Abwechslung mal nach meinem Plan funktionieren? Welchen Plan hast du gerade für mich? Magst du nicht mal über die missglückten Pläne anderer Menschen lachen?“

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